Politische Korrektheit

Ich hasse sie, die „political correctness“, denn sie ist ein Wolf im Schafspelz. Was uns als korrekt verkauft wird ist eben nur politisch korrekt. Wie leider allzu oft die echten Politiker, will sie nichts ausdrücken, sondern nur nirgends anecken. Der Indianer wird zum „native American“, worunter nur der größte Idealist den „wahren“ Amerikaner versteht, die dramatische Mehrheit hingegen eine Randgruppe. Dem Kind, das heute nicht mehr sitzenbleibt, dafür „in der Klasse verweilt“, ist mit der Begriffsänderung wenig geholfen. Ob jetzt auf dem Schulhof „Du Sitzenbleiber“ oder „Du Verweiler“ Rufe erklingen, den Schmerz des angesprochenen Schülers wird es nicht mindern. Auch unsere „ausländischen Mitbürgern“ sind eben keine echten Mitbürger, sondern Ausländer. Zumeist verwandelt die schöne Idee bestenfalls Ausgrenzung in salonfähige Ausgrenzung. Dann doch lieber ehrlich mit Methusalix: „Ich habe nichts gegen Fremde, aber diese Fremden sind ja noch nicht einmal von hier!“

Aber selbst hier in den USA, dem selbsternannten Heimatland der politischen Korrektheit, kann in seltenen Fällen etwas Schönes aus ihr entspringen. Das Schicksal führte mich an diesem Wochenende zur Teilnahme am alljährlichen Zaman-Run, dem Spendenlauf einer arabischen Hilfsorganisation. Nichts Ungewöhnliches, denn ein großer Teil der Bewohner von Dearborn besitzt arabische Wurzeln.

Zwischen den mehrspurigen Highways ist nur ein einziger Pfad übrig geblieben der sich als Laufstrecke anbietet, eine alte Bahntrasse durch die Sumpfgebiete des Rouge-Rivers. Auf dem treffen sich dann alle Jogger, und an diesem Samstag eben auch die Teilnehmer des Laufs der Zamangesellschaft. An der Anmeldestelle kann ich quasi nicht vorbei, das Zelt steht mitten in meinem Weg. Die Volontäre sind überaus freundlich auch dass ich kein Geld bei mir trage ist kein Problem, kann ich ja später vorbeibringen, nur jetzt soll ich schnell das offizielle T-Shirt überstreifen, samt Startnummer mit aufgedrucktem Chip für die Zeitmessung, denn in drei Minuten fällt der Startschuss. Besser als alleine laufen, denke ich, und füge mich in mein Los. Mit dreihundert anderen Läufern aller Gewichts- und Geschwindigkeitsklassen sind die fünfzehn Kilometer schnell bewältigt, obwohl ich ein durchaus gemütliches Tempo anschlage.

Am Ende gibt es Zielverpflegung:  enthusiastischen Beifall, das Lob so dick wie der Kaffee dünn und Komplimente mit einer noch dickeren Zuckerschicht als auf den Donuts. Alle sind großartig und die schnellsten Großartigsten erhalten obendrein noch Preise. Zunächst in der offenen Wertung, artiger Applaus für die besten drei Frauen und Männer. Dann kommen die Gewinner im „Meisterrennen“ und ich traue meinen Ohren kaum als der Organisator bei der Verkündigung des zweiten Platzes meinen Namen ausruft. Völlig falsche Aussprache, aber dennoch unverkennbar. Ich werde auf die Bühne geschoben, Medaille um den Hals, kein Küsschen von den kopftuchtragenden Damen, dafür aber ein dicker Umschlag. Echtes Preisgeld, immerhin mehr als die Startgebühr, die ich immer noch schuldig bin und obendrein zwei werthaltige Gutscheine.

Erst als ich wieder vor der Bühne in der Menge stehe wird mir klar was gerade geschehen ist. Das „Meisterrennen“ ist ein Ausdruck aus dem Arsenal der „political correctness“. Zuhause in Deutschland nennen wir das „Alte Herren“. Hier hingegen bin ich über fünfzig und nicht etwa alt, sondern ein Meister. Geht doch!

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Amerikanisches Tagebuch – Teil 2

77 Grad Fahrenheit sind die optimale Temperatur. Im Physikbuch das Gleiche wie 25 Grad Celsius, aber eben nur dort, nicht im wirklichen Leben. Erklären kann ich das nicht, aber fühlen. In Deutschland ist eine Lufttemperatur von 25 Grad Celsius weder zu kalt noch zu warm und der Inbegriff eines schönen Tages. In Michigan sorgen 77 Grad Fahrenheit dagegen für den perfekten Tag. Warmes Spätsommerlicht, die ersten Blätter an den Ahornbäumen beginnen ihr rotes Glühen und die allgegenwärtigen Eichhörnchen sammeln alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist.

Ein Samstagnachmittag für große Taten, oder zumindest einer, um mit einem Buch auf der Terrasse Perfektion einzuatmen. Allein, mein Hotelzimmer besitzt keine Terrasse und auch die meisten Cafés bieten nur Sofalandschaften in fensterlosen Räumen auf Kühlschranktemperatur. Das Problem ist schnell gelöst, denn die Sommersaison geht dem Ende entgegen, ergo Schlussverkauf in der Campingabteilung. Mit 77 Prozent Rabatt erwerbe ich einen BigBoy Klappstuhl aus der Linie Superkomfort und das eiskalte Bierchen gleich dazu. Damit vor die kleine Hütte im Garten des Hotels gesetzt – ein Nachbau der Heimstatt von Edgar Allen Poe – die Füße hochgelegt und die Entspannung kann beginnen.

Womit ich nicht gerechnet habe: Der Sitzplatz bietet auch ein außergewöhnliches Unterhaltungsprogramm. Ein wunderschöner Hotelgarten und gleichzeitig das einzige nicht asphaltierte Fleckchen in der näheren Umgebung. Dazu ein vorzüglicher Service und ein rühriger Eventmanager, ergeben den idealen Platz für jede Trauung. Im Stundentakt rollen die Hochzeitsgesellschaften aller denkbaren Konfessionen an mir vorbei. Jüdisch, Römisch-Katholisch, Orthodox und ohne Gott. Vereint sind sie einzig durch weißgekleidete Bräute und ein „Ja, ich will“ irgendwo in den, ansonsten sehr verschiedenen, Zeremonien. Immer gefolgt von einer Art Kuss, der auch sehr unterschiedlich ausfällt. Ich mittendrin, mit dem Big Boy, einer Bierdose und barfuß.

Die russisch-orthodoxen Brauteltern – in der amerikanischen Inkarnation – kommen aufgeregt schnatternd auf mich zu. Sofort biete ich den Rückzug an für den Fall, dass sie sich von mir gestört fühlen sollten. Weit gefehlt, ich bin sogar herzlich willkommen, woher ich denn wohl kommen möge? Aus Europa, ganz gar großartig, solch ein Flair und solche Ungezwungenheit könne es ja nur in Italien geben. Gut, dann gebe ich hier eben den Italiener, groß, blond, blauäugig: Die Rolle ist mir auf den Leib geschrieben. Die Brautmama klaubt eine Kamera aus den Falten ihres Gewandes und fragt nach einem Schnappschuss: „Solch ein originelles Bild, da bekomme ich ja ganz Europa und muss nicht den ganzen Weg dorthin reisen!“ Da hätten wir noch den Kölner Dom, die Alhambra, den Louvre, …., denke ich mir und schweige weise und lächelnd.

Wie in jeder guten Choreographie steigert sich die Handlung zum Höhepunkt in der letzten Hochzeit des Tages, ein konservativ evangelikaler Mann will eine griechisch-orthodoxe Frau ehelichen. Und der Mann ist nicht umsonst zuerst genannt. Offensichtlich sind sich die beiden Familien vorher noch nicht begegnet. Die Kulturen prallen gleich vor meiner Nase jungfräulich aufeinander. Ouzo trifft auf Erleuchtung und Sirtaki auf Selbstverzicht als sich – genau vor meiner Nase – die Eltern von Braut und Bräutigam begegnen.

„Welch wunderbarer Tag eine Hochzeit zu feiern“, so eröffnet die griechische Seite. „Wir müssen jede Möglichkeit nutzen am Haus unseres ewigen Gottes zu bauen“ lautet die Antwort. Passt wie Arsch auf Eimer. Instinktiv schaue ich mich nach einer weißen Fahne um, kann aber außer dem Brautkleid nichts entdecken. Das Hotel ist offensichtlich nicht nur wegen seiner Schönheit, sondern auch wegen seiner Neutralität ausgewählt. Auf jeden Fall eine spannende Ausgangslage für mich als Zuschauer.

Alle setzen sich auf ihre Plätze und lauschen der Zeremonie. Liturgie und Prediger stammen aus dem Lager des Bräutigams, eine ungewohnte Mischung aus erzkonservativ und abgehoben. Dabei dominiert das alte Testament, die Frau sei dem Manne untertan, gebärfreudig und nur um Himmels Willen nicht aufmüpfig.

Nun sind Liturgien naturgemäß nicht dem Zeitgeist verpflichtet, was die ein oder andere Merkwürdigkeit verzeiht. Der verkniffene Prediger räumt aber bereits mit seinen ersten Worten alle Interpretationszweifel beiseite: Heutzutage komme es ja durchaus vor, dass auch die Frauen einem Beruf nachgehen. Das klingt aus seinem Mund wie eine ansteckende Krankheit. Im Fall der heutigen Hochzeit sei es sogar so, dass die Frau beruflich erfolgreicher ist als der Herr des Hauses. Solches Dilemma wird durch die Abkehr der Gesellschaft vom rechten Pfad des Herrn erzeugt. Unvermeidbar in dieser Welt, aber doch wolle er besonders die Braut ermahnen, das verdiente Geld doch in aller Ordnung dem Mann zu bringen und nicht etwa der Versuchung anheim zu fallen und eigene Entscheidungen zu treffen.

Zum Glück trage ich keine Schuhe, denn so kann ich meinen Fußnägeln zuschauen wie sich langsam hochrollen. Wie lange, frage ich mich, macht die junge Frau noch gute Miene zum bösen Spiel?  Aber sie bleibt erstaunlich gelassen. Der griechische Block wird allmählich etwas unruhig, ob das allerdings am Inhalt der Predigt oder an ihrer Länge liegt kann ich nicht beurteilen. Wieder mein Erwarten geht die Melange aus Ermahnungen und Erbaulichkeit ohne dramatische Störungen über die Bühne oder genauer gesagt den Rasen. Gesang, Ringe, Küsse, fertig!

Zu guter Letzt erhebt sich dann doch die Braut und richtet das Wort direkt an ihren frischgebackenen Ehemann. Alles lauscht gebannt auf ihre klare Stimme:

„Lieber John, Ich brauche Dich nicht“.

Eine dramatische Pause, in der selbst die Eichhörnchen ihr Geraschel einstellen.

„Ich werde dich auch niemals im Leben brauchen“.

Jetzt halten selbst die kleinen weißen Wölkchen am Himmel inne, in Erwartung eines gewaltigen Gewitters von unten.

„Denn ich habe Jesus gefunden“

Das nenne ich jemanden mit den eigenen Waffen schlagen.

„Aber ich nehme Dich trotzdem gerne.“

Spontanes Lachen und Applaus auf der griechischen Seite und leichtes Stirnrunzeln auf der Evangelikalen. Die Wolken ziehen weiter, die Eichhörnchen rascheln wieder und ich wünsche den beiden alles Gute, mit einem Glas Ouzo aus der leicht zitternden Hand des Brautvaters. Ich an seiner Stelle bräuchte etwas Stärkeres.

Amerikanisches Tagebuch Teil 1

Amerika, ausgerechnet jetzt. Dabei wollte ich gemütlich zuhause bleiben und mich lautstark über die siebzehnte Wiederwahl von Angi ärgern. Oder auch unbewusst darüber freuen, wer wählt schon ohne schlechtes Gewissen seine Mutti ab. Nun bekomme ich unverhofft Trump statt Merkel und American Football statt Bundesliga. Dabei braucht mein FC gerade jetzt jede Hilfe und dem Trump ist nicht mehr zu helfen. So gesehen macht meine Reise in die USA keinen Sinn.

Das denken sich wohl auch die Grenzbeamten in Frankfurt und lassen den Sprengstofftest an meinem Handgepäck positiv ausfallen. Der zuständige Bildschirm blinkt in grellem Rot und schlagartig verbreitet sich ein Mangel an Geschmeidigkeit im Raum. Die anderen Passagiere werden von mir und ich von meinem Rucksack getrennt. Um mich herum nur noch Uniformierte mit ernstem Gesicht, ich soll meine Hände nicht bewegen. Als sie auch nach peinlichster Untersuchung keine Fernbedienung an meinem Körper finden, entspannen sich ihre Minen ein wenig.

Der Obersicherheitswächter betritt die Bühne und stellt sich mit Namen vor, Guido Gestrich. Mir schwant: Das kann länger dauern. Guido versucht es mit dem kumpelhaften Ansatz:

„Wenn das Gerät Alarm schlägt, dann kann das viele Gründe haben. In den meisten Fällen stellt sich aber heraus, es handelt sich um Sprengstoff“.

Der sollte dringend ein Training „De-Eskalation“ besuchen. Eine zweite, größere Maschine wird befragt und auch deren Bildschirm verkündet in blinkendem Rot: „Positiv“. Zwei Polizisten mit Schutzwesten und Integralhelmen untersuchen den Inhalt meines Rucksacks; daneben stehen nur der oberste Sicherheitsguido und ich, beide ohne Schutzkleidung. Der Eine ist wohl nach langen Berufsjahren gegen Explosionen immun und um mich schert sich keiner. Immerhin darf ich den beiden Gepanzerten helfen, ihre dicken Handschuhe kommen nicht in alle Ecken. So spuckt der Rucksack seinen widersprüchlichen Inhalt auf die Antisprengstofftheke: Kindle und Bücher, Laptop und Tagebuch, frische Socken und alte Quittungen, alles frei von Sprengstoff, sagt die Maschine.

Der Sicherheitschef wagt einen Blick in meine blauen, sprengstoffschwangeren Augen:

„Wo ist das Zeug, können Sie uns helfen?“, fragt er mit Nachdruck.

Ich antworte spontan:

„Der einzige Sprengstoff den ich besitze steckt in meinem Stift!“

Zugegeben, die Antwort ist weder schlau noch situationsgerecht. Aber manche Sätze sitzen seit Jahren im Kopf und warten auf Ihre Chance. Nach mir die Sintflut, der musste einfach raus. Guido stürzt sich auf meine Schreibwerkzeuge und zerlegt sie in alle Einzelteile. Wir sind hier in der Stadt Goethes, da sollte doch auch ein Beamter eine Metapher erkennen.

Die Maschine versteht es als Einzige, untersucht die Einzelteile der Stifte, die ihr gefüttert werden und bleibt stoisch bei Ihrem Urteil: Schuld ist der Rucksack.

Jetzt steckt Guido in einem Dilemma, denn einerseits ist der Sprengstoff im Rucksack und andererseits ist der Rucksack leer. Er ergreift die Flucht nach vorne:

„Wenn sie uns den Rucksack übereignen, dann könnten wir das Terminal wieder freigeben“.

Schlagartig wird mir klar, dass mein Rucksack und ich nicht zweihundert Passagiere eines vollen Flugzeuges aufhalten, sondern zweihundert volle Flugzeuge. Ich stimme also seinem Vorschlag zu, auch wenn mir durchaus noch ein paar Fragen offen erscheinen.

Zwei Plastiktüten aus dem Duty-free-Shop nehmen meine Habseligkeiten auf und Guido überreicht mir gegen Unterschrift eine Quittung. „Wir werden den Hersteller kontaktieren, das ist ja immerhin ein Markenprodukt“, ruft er noch als ich bereits zum Flugzeug laufe. Dann folgt ein Spießrutenlauf durch die Reihen des Fliegers, explosive Blicke der Wartenden schieben mich auf meinen Sitzplatz.

Schade um den Rucksack, ich mochte ihn. Ich denke rückwärts an die Orte zu denen er mich begleitet hat, bis zu dem Ort an dem ich ihn vor einigen Jahren gekauft habe:  ein dunkles Lädchen in der Altstadt von Kathmandu.  „Ein echter Deuter Rucksack, „Nepali Deuter“, hatte mir der Verkäufer mit breitem Lächeln bescheinigt. Hergestellt in irgendeinem Hinterhof in Taiwan oder Indien. Wenn Guido damit im altehrwürdigen Firmensitz von Deuter in Augsburg auftaucht wäre ich gerne wieder dabei.

Nach der Landung führt der erste Weg zum Outdoorladen, ein neuer Rucksack muss her. Der Verkäufer fragt warum ich denn einen brauche? Ich verstehe schon, dass er wissen möchte für welche Anwendung ich das Teil benötige. Das hätte er aber etwas genauer formulieren sollen, denn so serviere ich ihm brühwarm meine Grenzgeschichte, ob er sie nun hören will oder nicht. Als Antwort bekomme ich seine aufrichtigen Mitleidsbekundungen und dreißig Prozent Rabatt. Willkommen in Amerika.

Die Geschichte eines Moralisten: Teil 1 der Eifeltrilogie

»Gestatten, Eduard Pommerich, Oberlehrer im Ruhestand«

Das Schicksal hat mir einen Campervan, ein freies Wochenende und laues Frühlingswetter untergeschoben. Besser könnte ich auch bei der sprichwörtlichen Fee mit den drei Wünschen nicht wegkommen. Die Eifel ruft, und zwar nach einem Stellplatz fernab von jedem Campingplatz, ohne aufblasbaren Jägerzaun darf ich dort nicht nächtigen. An unrechtmäßigen einsamen Plätzen besteht jedoch kein Mangel, schon bald entdecke ich meinen Favoriten. Einzig der Hochsitz auf der anderen Seite des Tales stimmt mich anfangs skeptisch, stehe ich nicht genau in der Schusslinie? Andererseits passt ein Campervan nicht in das Beuteschema des deutschen Waidmanns, Großwildjagd ist was für Afrika. Und das sollte selbst in der Hocheifel bekannt sein.

Also bleibe ich, sitze ich in der Abendsonne vor meinem Camper und erfreue mich an Aussicht, orangefarbenen Linien, die Flugzeuge für mich in den Himmel malen, dem rhythmischen Klopfen eines Buntspechtes und der Lektüre meines Buchs in das ich vollkommen versinke. So lange, bis der Buntspecht schweigt und Herr Pommerich vor mir steht:

»Gestatten, Eduard Pommerich, Oberlehrer im Ruhestand«

Welch ein Satz! Der Mann muss sich direkt aus dem Museum vor mir materialisiert haben! Deswegen konnte er auch lautlos vor mir auftauchen. Jedes Wort ein Anachronismus, und die Erscheinung unterstützt das Bild. Herr Pommerich ist gut einen Meter und sechzig Zentimeter groß, einachtundfünfzig, wenn ich die karierte Schlägermütze auf seinem Kopf nicht mitzähle. Selbst sein Schatten hält sich kerzengerade und jedes Hautfältchen in seinem pensionierten Gesicht ist säuberlich rasiert. Begleitet wird er von einem, ebenfalls ergrauten, Rauhaardackel an einer neongelben Hundeleine.

»Guten Abend!«

Mein Gehirn ist viel zu beschäftigt, um eine intelligentere Antwort zu erdenken. Warum tragen pensionierte Lehrer immer Schlägermützen? Und woran erkennt ein Rauhaardackel, dass die Beute zur Strecke gebracht ist, wenn sein Herrchen nur einen Stock und ein scharfes Mundwerk besitzt? Wie lange wird seine linke Pfote noch auf mich zeigen? Währen ich noch nach Antworten suche, feuert der Oberlehrer bereits die nächste Ladung verbalen Schrotes ab:

»Dieser Wald ist Teil meines Dorfes!«

Das ist, wie ich finde, äußerst großzügig bemessen, denn das nächstgelegene Dorf ist mindestens drei Kilometer entfernt. Luftlinie! Eine göttliche Eingebung befiehlt mir, diesen Gedanken nicht auszusprechen. Stattdessen schaue ich nur dümmlich zwischen dem langsam ermattenden Hund und dem immer vitaler wirkenden Rentner hin und her.

»Eine Nächtigung an dieser Stelle befände sich in misslichem Konflikt mit einer Reihe von Vorschriften, die gleichwohl nützlich wie wichtig ich zu erachten die Pflicht besitze«

Wie bitte? Ich verstehe nur die Hälfte, aber eines verstehe ich: Die Situation wird langsam ungeschmeidig. Pommerich hat sich als Amtsperson etabliert (Oberlehrer!), ein Fehlverhalten postuliert (Wildcampen!), sein persönliches Interesse dokumentiert (»Mein« Dorf) und mich als Täter identifiziert.

Ich mag das Wildcampen ja als lässliche Sünde verstehen, aber der dramatischste Regelverstoß im Leben des Herrn Oberlehrers bestand bestenfalls daraus, am Karfreitag unbewusst eine Schlagermelodie gepfiffen zu haben. Vor fünfunddreißig Jahren, wenn überhaupt. Mir muss eine überzeugende Antwort einfallen, und zwar sofort, sonst eskaliert die Lage. Ich starte einen Versuch, vielleicht geht es mit Lokalpatriotismus:

»Wissen Sie, ich bin Romanautor und möchte die Landschaften authentisch erleben, bevor ich darüber schreibe!«

Weiter daneben hätte ich nicht liegen können, denn Pommerich setzt zu einer Tirade an, die selbst den Dackel dazu bringt die pflichtgemäße Beute (mich!) aus dem Auge zu verlieren und verwundert nach seinem Herrchen zu schauen. Der schwingt seinen Wanderstab durch die Luft, wie sintemals den Rohrstock über dem Hintern des Pennälers:

»Das kennen wir! Diese Möchtegernschriftsteller, kommen aus dem Moloch ihrer Städte, sehen das erste Mal seit Menschengedenken einen Bauernhof und glauben dann der Milchknecht sei ein Original. Am Ende stehen auf dünnem Papier noch viel dünnere Sätze und alle Eifler sind entweder ahnungslose Bezirkstrottel oder bringen sich gegenseitig um. Glauben sie mir: Hier gibt es keine Originale!«

»Mitnichten«, sollte ich antworten, »Thema verfehlt! Setzen! Sechs! Ich sprach von den Landschaften!« Sollte ich, mir gelingt jedoch nur ein beschämtes Grinsen, wie einem Sextaner ohne Hausaufgaben.

»Sie und ihresgleichen, das wird noch ein schlimmes Ende nehmen in diesen …, diesen Städten, aber eines kann ich ihnen sagen: nicht mit uns! Nicht hier! Solange ich noch …!«

Wenn ein altgedienter Dorflehrer nur noch unvollständige Sätze stammelt, dann ist die verbale Kommunikation beendet. Mir bleibt nur noch eine Wahl: die physische Überlegenheit. Selbst wenn ich auf seine einsachtundfünfzig die fünf Zentimeter der Schlägermütze und – sehr wohlmeinende – fünfzehn für den Dackel addiere, bin ich immer noch einen Kopf größer.
Dazu muss ich aber erstmal aufstehen und zuvor mein Buch aus der Hand legen. Zugegeben, gemeinhin packe ich Bücher einfach aufgeschlagen neben mich. Wenn es pressiert, knicke ich sogar mal eine Seitenecke. Meine Jahre auf der Schulbank waren nicht vollends vergebens, denn mir ist klar: Solch Frevel an einem Buch in Gegenwart des Oberlehrers Pommerich würde meinen endgültigen Garaus bedeuten. Also schiebe ich brav das Lesezeichen zwischen die Seiten, klappe mein Buch zu und lege es, gerade wie des Lehrers Rücken, auf den Tisch. Erst dann baue ich mich in ganzer Länge vor ihm auf.

Ich kenne genügend Eifelkrimis, um zu wissen, was jetzt geschieht. Obendrein hat Eduard mir den Plot ja auf dem goldenen Tablett serviert: Der Zeuge muss beseitigt werden, bevor er reden kann. Danach kann ich den Dackel grillen. Während ich meine Hand erhebe, meldet sich die Stimme des Zweifels in meinem Kopf: »Damit reitest du dich nur noch tiefer rein, am Ende kommt eh alles raus«. Recht hat sie, und Grillen im Dorfwald ist mit Sicherheit verboten. Spontan wähle ich die Waffe des Wortes, und da mir selbst nichts einfällt, zitiere ich aus dem gerade zugeschlagenen Buch:

“Ich warte auf den Sieg der Anständigkeit, dann könnte ich mich zur Verfügung stellen.”

Pommerichs Blick wechselt von Ärger zu Erstaunen und fällt auf den Buchrücken, der scheinbar unbeteiligt auf dem Tisch die Seiten umklammert. Der Mann vor mir verwandelt sich wie von Zauberhand: Ein Lächeln strahlt aus seinem Gesicht, die knochige Hand übergibt den Stock der Schwerkraft und selbst der Dackelschwanz beginnt, in treuer Ergebenheit zu wedeln:

»Sie lesen Kästner? Den Fabian? Aus freien Stücken? Das nenne ich große Literatur!«

so ruft er freudig aus und beginnt seinerseits zu deklamieren:

»Die Umstände sind ebenso gewöhnlich wie ungewöhnlich«.

Damit ist mein Regelverstoß ausgeglichen und befinden wir uns an einem Punkt der Einigkeit. Weitere folgen auf dem Fuß. Ein gut temperierter Riesling von der Mosel, den ich schleunigst offeriere, ist einer der nachhaltigsten.

Obendrein spült der Riesling auch die Toleranz des Herrn Pommerich zum Vorschein, großzügig akzeptiert er den Moselwein im Plastikbecher. Allein, nicht ohne den Hinweis, das ein kultivierter Wein – und als solcher sei der Riesling aus guter Mosellage zweifelsohne zu titulieren – bevorzugt in einem unprätentiösen Kelch grüner Farbe zu gustieren sei. Nun denn, irgendwoher muss der Unterschied zwischen Lehrer und Oberlehrer ja kommen.

»In einem aber, junger Freund, …«, so beginnt Pommerich seinen Abschied, als die Flasche zur Neige geht und er leicht schwankend vor mir steht: »In einem muss ich bei aller Freundschaft insistieren: Ihre Originale werden sie hier niemals finden!«
Ja, Nein, ist schon klar!

Ein besonderer Tag – Teil 2 der Sierra-Trilogie

„War das vielleicht der 21. Juni?“ Manches Rätsel löst sich erst nach langer Zeit.
Wir sitzen in einer der neunhundert Berghütten Neuseelands und philosophieren über das Gepäck, oder vielmehr sein Gewicht, ein unerschöpfliches Thema für alle Wanderer. In der Runde bestimmt das Heimatland die Schwere des Rucksacks. Israel, Deutschland, USA und Neuseeland, so lautet die Gewichtsrangfolge der vertretenen Nationen. Während die Kiwis ultraleicht reisen, tragen die Israelis alles im Rucksack, was der Staat Israel hergibt, inklusive eines Wollpullovers von jedem Schaf aus Abrahams Herde.
Die Amerikaner agieren wie immer hilfsbereit und sparen nicht mit Vorschlägen zur Gewichtsreduktion. Nur das Nötigste einpacken und davon die Hälfte zurücklassen. Die Wolle gegen Fleece eintauschen, die Nahrung dehydrieren und der Zahnbürste den Stiel absägen. Die Kiwis und wir ergänzen die Vorschlagsliste und Gramm für Gramm reduziert sich mit jedem Beitrag die Last der Israelis. Als wir bei gefühlten acht verbliebenen Kilos ankommen, trocknet der Ideenfluss langsam aus. Danach wird es entweder gefährlich, sehr teuer oder abstrus. Doch genau da wird der Dialog spannend, denn der Mangel an guten Ratschläge schafft Raum für das „Wanderlatein“, die unwahrscheinlichen Geschichten die nur in Berghütten wahr sein können.
Ich bin mutig und wähle für meinen Beitrag eine Episode aus der Heimat der Amerikaner, Juni in der Sierra Nevada in Kalifornien und auf dem John Muir Trail ist die Schneeschmelze in vollem Gange. Oben herrscht Sommer, auf dem Boden regiert noch der Winter. Der Vorteil dieser Jahreszeit: Es sind nur wenig Menschen unterwegs, der Nachteil: Die Flüsse sind randvoll und schwer zu furten. Anderen Wanderern sind wir noch nicht begegnet, eiskalten Flüssen dagegen schon sehr hautnah und hüfthoch. Doch jetzt schreitet uns der erste Wanderer entgegen. Ein typischer „Thruhicker“, mit dem Gang eines Menschen der entschlossen ist von Mexiko bis zur kanadischen Grenze zu laufen und von den viertausend Kilometern Strecke schon ein gutes Drittel absolviert hat. Er trägt die übliche Wanderausrüstung: stabile Schuhe mit Wandersocken, Stöcke, Sonnenhut und –brille sowie einen Rucksack mit Hüftgurt. Das ist aber auch alles, ansonsten ist er … nackt! Allein ein dritter Wandersocke baumelt an strategisch bedeutsamer Stelle von seinem Hüftgurt.
Die PCT-Wanderer sind ein ungewöhnliches Völkchen, aber auch die laufen normalerweise nicht im Geburtskostüm durch die Berge. Mir kribbelt es schon bei dem Gedanken, an welchen Stellen ich am Ende eines solchen Wandertags überall Sonnenbrand behandeln müsste. Getreu der amerikanischen Höflichkeit und dem kölschen Grundsatz „Jede Jeck es anders“, erwähnen wir den offensichtlichen Mangel an Bekleidung nicht. Der Mann ist sichtbar gut in Form und in keinerlei Notlage. Wie vermutet, ist er einer der ersten, die in diesem Jahr über die Pässe gekommen ist. Da jetzt ein Weg gespurt ist werden ihm noch einige folgen. Uns ist es recht, denn die Fußspuren werden auch uns zugutekommen.
Nach kurzem Austausch über Wegbedingungen (schwierig) und Wetteraussichten (bestens), folgen wir jeweils unserem Weg. Beim Blick auf den Höhenmesser – 3500 Meter – stellt sich aber dann doch die Frage: Warum läuft einer nackt durchs Hochgebirge? Eine Protestaktion gegen die teure Outdoorbekleidung? Verständlich wäre es, wo doch inzwischen jeder Zweite mit einem Outfit durch die Fußgängerzone läuft, das für die Besteigung des Mount Everest entwickelt wurde. Vielleicht wollen die Wanderer aber einfach nur Gewicht sparen: Leichter als des Kaisers neue Kleider geht nicht.
Jedenfalls ist es ein wundersamer Rollentausch, wo doch wir Deutschen – nach Meinung der Amerikaner – stets nach einem Grund suchen uns die Kleider vom Leib zu reißen. Ich kann mich noch gut an die Sauna in einem amerikanischen Flughafenhotel erinnern. Ich saß alleine auf der mittleren Bank, als vor dem Fenster ein Gesicht auftauchte. Bevor ich freundlich reagieren konnte, verschwand der Besucher aber bereits wieder. Dafür stand keine zwei Minuten später ein Manager des Hotels in der Saunakabine, korrekt gekleidet mit glänzenden Schuhen und dunklem Zweireiher. „You are not naked, aren’t you?“ sprach er mich keineswegs unfreundlich an.
In großer Hitze funktioniert mein Gehirn etwas langsamer und der Sinn der Frage wollte sich mir nicht erschließen. Die nackten Tatsachen waren eindeutig, schließlich saß ich in einer Sauna. Nach einigem Nachdenken wurde mir klar, dass der Mann nicht ernsthaft nach einer Antwort auf seine Frage suchte. Andererseits fand ich es amüsant zu beobachten, wie sich allmählich die Schweißperlen auf seiner Stirn sammelten und von dort gemächlich auf die Hochglanztreter tropften. Ich dachte mir: „Das ist der richtige Moment, um zu vergessen, dass ich Englisch spreche“, und antwortete betont höflich mit einem langen, geschachtelten deutschen Satz. Der Inhalt spielt dabei keine Rolle. „Erdbeermarmelade“ kam darin vor, weil das Wort schön freundlich klingt. Jetzt war das Hirn des Hotelmanagers mit dem Arbeiten an der Reihe: „Verschwitze ich hier weiter meinen Anzug und verstehe nichts, oder trete ich den Rückzug an?“
An seinen Augen konnte ich keine Reaktion ablesen, denn ihr Blick ruhte etwa dreißig Zentimeter über meinem Kopf an der Wand. Dort gab es nichts zu sehen, aber seine Erziehung verbot ihm, auch nur einen Millimeter tiefer zu schauen. Meine Augen dagegen wanderten von seinem Scheitel bis zu den Ledersohlen und genossen es, den Leidensdruck beim Wachsen zu beobachten. Schließlich drehte er sich ab, griff sich eines der Handtücher um Gesicht und Anzug zu trocknen und verschwand brummelnd um die Ecke. Auch ich räumte das Feld, die Hauptattraktion dieses Saunaganges hatte ich genossen.
Umso mehr verwundert mich jetzt der nackte Wanderer in den Bergen und obendrein sollte es nicht der Einzige bleiben. Um die Mittagszeit rasten wir nach einer Flussdurchquerung, als die nächsten Nackten auftauchen, diesmal ein junges Pärchen. Während wir den Fluss auf die europäische Art gefurtet haben – Wanderschuhe aus, Gummischuhe an und halbes Adamskostüm – stürzt sich das Pärchen auf amerikanische Weise in den Fluss – Schuhe an den Füßen, Hüftgurt geöffnet und die Arme gegenseitig auf den Schultern überkreuzt. Gemeinsam schreiten sie dann flussaufwärts durch die Strömung und bieten ein schiefes Bild, denn sie ist deutlich kleiner als er.
Nach der guten Hälfte des Weges, die Hüfte der Frau ist bereits wieder aus dem Wasser aufgetaucht, gerät sie ins Straucheln. Sie kämpft im strudelnden Wasser um das Gleichgewicht, ihr freier Arm sucht dringend einen Halt an der Vorderseite ihres Partners. Viele Möglichkeiten bieten sich nicht, wie gesagt das Wasser ist eiskalt. In ihrer Not greift sie beherzt zu. Wäre sie etwas größer, dann hätte sie vielleicht das Ende seines Hüftgurtes erwischt. So aber schallt der markerschütternde Schrei des Mannes durch das Tal und meine Liste an Gründen gegen das Nacktwandern wird um einen entscheidenden Eintrag länger.
(der 21. Juni ist „Hike Naked Day“, am längsten Tag des Jahres lassen die prüden Amerikaner die Hüllen fallen, allerdings nur fernab jeglicher Zivilisation)

Volles Haus

Beschämt zur Seite blicken ist die Sache der Nepalesen nicht, hier ist das Zuschauen erlaubt, in jeder Situation. Und wer will es ihnen verdenken, in einem Ort, der keinen Fernseher kennt und der höchstens einmal im Jahr Touristen erblickt. Wenn der Tourist dann auch noch blond ist und fast doppelt so lang wie der größte Einheimische, dann begleiten ihn braune Augen auf allen Schritten.

Das ist nicht weiter schlimm, denn es gilt natürlich gleiches Recht für alle und auch ich schaue mir gerne die Menschen an. Obendrein ist auf einer Trekkingtour im Himalaya nicht viel zu verbergen. Jeder Tag folgt demselben Muster aus Laufen, Essen und Schlafen! Und danach das Gleiche wieder von vorne. Wer diese Entspannung noch nicht erlebt hat, dem erscheint die Regelmäßigkeit vielleicht monoton.

Allerdings gibt es dann doch den einen oder anderen Moment, den ich lieber ungestört verbringen möchte. So führen das regelmäßige Essen und die regelmäßige Bewegung auch zu einer sehr regelmäßigen Verdauung. Gleich am Morgen nach den unvermeidlichen Frühstückseiern fordert die Natur ihr Recht, so auch heute in einem kleinen Bergdorf.

Die aufmerksamen Nepali verstehen mein Bedürfnis sofort und leiten mich gemeinsam und nicht ohne etwas Stolz zum Toilettenhaus. Schlagartig verstehe ich, wie sich Gandalf auf Besuch bei den Hobbits fühlt. Das Bauwerk ist aus massivem Stein errichtet aber nur einen Meter fünfzig hoch. Ich bücke den Oberkörper durch die Tür und scheitere beim Versuch mich drinnen wieder aufzurichten am Dachbalken. Ein Nachteil der dicken Steinwände: der Innenraum ist noch viel kleiner als die Außenmaße vermuten ließen.

Immerhin kann ich derart gebückt bereits einen guten Blick auf die Sanitäreinrichtung werfen: sauber und eindeutig gehobener Standard. Eine Keramikkachel auf dem Boden umrahmt das obligatorische Loch und ein Wassereimer zur Linken mit einer Schöpfkelle aus Plastik vervollständigen das Inventar. Das Highlight der Ausstattung ist fließendes Wasser. Die Hütte steht strategisch klug neben einem Gebirgsbach und über ein kleines Rohr sprudelt das Wasser munter in eine Tonne. Die deutsche Industrienorm gilt hier nicht, sonst müsste die Wassertonne für jeden Zufluss auch einen Abfluss besitzen. So läuft der Eimer einfach über, und fungiert – da die Hütte leicht geneigt am Hang steht – als Spülkasten im Dauerbetrieb.

Das Problem: Bei meiner Körperbreite spült der Eimer nicht nur den Boden, sondern auch mich, sobald ich zwischen ihm und der Wand hocke. Heute Morgen jedoch habe ich Glück, der letzte Besucher hat ausgiebig Gebrauch von der Schöpfkelle gemacht und daher steht das Wasser noch deutlich unter dem Tonnenrand. Für geschätzte fünf Minuten wird der von mir angestrebte Platz über der Kachel noch trocken bleiben. Ein weiterer Grund mich schnell an das unvermeidliche Werk zu begeben.

Dazu müsste ich allerdings mein Hinterteil zur Kachel ausrichten, der Versuch scheitert jedoch ebenso wie zuvor das Aufrichten. Für eine Körperdrehung ist die Hütte schlicht und ergreifend zu eng. Ich brauche einen Neustart, verlasse die Hütte und versuche es aufs Neue, diesmal rückwärts. Dabei kann ich dann auch gleich einen Blick auf die inzwischen deutlich gewachsene Zahl an Zuschauern werfen. Sie sehen sehr zufrieden aus mit dem, was ihnen bisher geboten wird. Diesmal komme ich deutlich näher an das Ziel, auch wenn das Rückwärtsgehen in der tiefen Hocke nicht meine beste Disziplin ist.
In der angestrebten Position angekommen, stehe – oder besser gesagt hocke – ich allerdings vor dem nächsten Problem: meiner Hose. Die muss naturgemäß nach unten, doch zwischen dem engen Gemäuer, der dicken Daunenjacke und den angewinkelten Knien existiert für sie kein Weg. Ich muss wieder raus und einen dritten Anlauf versuchen, sehr zur Freude meiner Zuschauer.

Langsam wird die Zeit knapp und das nicht nur wegen des steigenden Wasserpegels in der Tonne. Um etwas Raum zu gewinnen, hänge ich die Daunenjacke außen an die Hütte und mache mich wieder daran rückwärts einzuparken. Diesmal im synchronen Rhythmus: Der Körper muss rückwärts in die Hütte gefaltet werden und die Hose gleichzeitig nach unten geschoben, Zentimeter für Zentimeter. Die Strategie ist erfolgreich und ich kann mich den Dingen widmen, für die ich gekommen bin.

Natürlich würde ich gerne vorher noch die Tür schließen, die aber geht nach innen auf, also muss sie offenbleiben. Man kann im Leben nicht alles haben und sollte auch nicht nur an sich selbst denken: Meine Zuschauer sehen der Fortsetzung des Programms gespannt entgegen. Ich würde deutlich mehr als einen Groschen für ihre Gedanken geben. Und auch ich kann am Ende von der offenen Tür profitieren, denn das Toilettenpapier befindet sich in der Tasche meiner Daunenjacke. Gut, das mein Kopf aus der Tür hinausschaut, so können meine Augen um Hilfe bitten. Ein mutiger Junge läuft vor und reicht mir die Jacke, so eben noch rechtzeitig, bevor die Wassertonne überläuft.

Das obere Paradies – Teil 1 der Sierratrilogie

Wir residieren im oberen Paradies. Das untere Paradies ist zugeschneit und das mittlere fest in den Händen der Maultierhirsche. Abgesehen davon: Paradies hin oder her, wer stellt schon sein Zelt in das Souterrain, wenn das Penthouse frei ist.
Die Sierra Nevada in Kalifornien ist in diesem Frühsommer zweigeteilt, die Luft sommerlich heiß und der Boden noch von tiefem Schnee bedeckt. Entsprechend anstrengend ist das Wandern, „potholing“, also Höhlensuchen nennen es die Amerikaner. Der weiche Schnee trägt nicht mehr, und selbst wenn der Wanderer keine Höhle findet, sinkt er bei jedem zweiten Schritt plötzlich bis zur Hüfte in den Schnee.

Dann beginnt der Befreiungsversuch, mit Trekkingstöcken in der Hand und schwerem Gepäck auf dem Rücken, entscheidend ist die Wahl der Technik. In der Manier eines Ninjakämpfers, seitwärts abrollen und dann versuchen die Füße aus dem Loch zu ziehen? Nach der Kuhmethode – das Gesicht in den Schnee und mit dem Kopf als Gegenwicht den Hintern hochschieben? Oder aber wie ein Maikäfer auf dem Rücken. Darin bestehen im Wesentlichen die Optionen und in zwei Dingen unterscheiden sie sich nicht: Alle treiben reichlich Schweiß und definieren das Gegenteil von elegant.

Also beenden wir die Wanderung beizeiten, unsere Ausrüstung und wir selbst sollen noch in der Abendsonne trocknen. Der Zeltplatz mit dem paradiesischen Namen ist auch zu schön, um daran vorbeizugehen. Sogar trockenes Feuerholz liegt in einer hohlen Baumwurzel bereit und schnell hilft ein Lagerfeuer der Sonne bei der Arbeit. Andere Menschen leben nicht in diesem Paradies, vielleicht existiert ja für jeden ein eigenes.

Bisher dachte ich immer, Kolibris seien Vegetarier, die freundlich an Blumen nuckeln. Aber weit gefehlt, im Blütennektar ist zwar reichlich Zucker, aber wenig Eiweiß. Deshalb kommen Mücken auf den Speisezettel und daran mangelt es im Paradies nicht. Harry Potter kommt mir in den Sinn: Wie der goldene Schnatz im Quidditch zischt der Kolibri über mir durch den Abendhimmel. Ich wünsche ihm viel Erfolg, denn jede gefressene Mücke bedeutet einen Stich weniger für mich.

Plötzlich verschwindet der Kolibri, während sich etwas Großes in mein Blickfeld schiebt. Ein Schwarzbär hat unser Lager entdeckt und eilt quer durch den Steilhang auf uns zu. Warum tauchen die Bären immer dann auf, wenn ich keine Schuhe trage? Stehen Bären auf Schweißgeruch? Mir bleibt aber keine Zeit den Gedanken zu vertiefen, denn das Tier steht bereits groß und hungrig vor uns. Auch für die Schuhe fehlt die Muße, barfuß eile ich zum Feuer, werfe reichlich Brennholz nach und greife mir einen brennenden Ast.

So stehen wir uns gegenüber, ich mit einem qualmenden Stock in der Hand und der Bär auf seinen Hinterbeinen. Damit ist dann auch die Anrede geklärt, es handelt sich eindeutig um ein männliches Exemplar. Zum Glück hängt unser Proviant bereits meterhoch an einem Baum in sicherer Entfernung und Menschen stehen nicht auf dem Speisezettel von Schwarzbären. Andererseits: Das dachte ich bis vor wenigen Minuten auch von Mücken und Kolibris.

Kurz treffen sich unsere Augen, dann erinnere ich mich an die Regeln, löse den Augenkontakt und senke den Blick. Was ist das? Das imposante Tier wird plötzlich kleiner. Immer noch regt sich keiner von uns, aber Zentimeter um Zentimeter schrumpft mein Gegenüber. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen, die Gesetze der Physik machen vor niemandem Halt. Dem Bären geht es genauso wie mir zuvor, er steht auf dem Schnee und mit seinem gesamten Gewicht auf zwei Beinen. Die unvermeidliche Konsequenz: Auch er wird von der Schwerkraft auf „Höhlensuche“ geschickt.

Das scheint ihm dann doch unter seiner Würde und – ganz im Gegensatz zu mir – springt er elegant aus dem Loch. Er trollt sich einige Meter abwärts zum Gebirgsbach und beginnt mit der Pfote im Wasser zu rühren. Hoffentlich ist der Bär katholisch, denn heute ist Freitag und der Bach voller kleiner Forellen. Die springen dann auch sofort in heller Aufregung in die Luft, doch auch ihr Stündchen hat noch nicht geschlagen. Meister Petz beschließt, dass diese Forellen erst noch etwas wachsen müssen, bevor sie zum Freitagsmahl taugen. Er verschwindet so schnell, wie er aufgetaucht ist und es herrscht wieder Ruhe im oberen Paradies.

Die pedantische Packliste

Auch ein guter Kunde ist dem Verkäufer nicht immer gute Kunde. „Das ist doch nicht durchdacht, die Stirnlampe benötigt drei Batterien, kaufen muss ich die im Viererpack und dann bleibt eine übrig!“ Der Verkäufer bleibt erstaunlich gelassen und fährt einfach fort die Vorzüge des Produkts für die Anwendung im Himalaya zu beschreiben: gutes Licht, zuverlässig, geringer Stromverbrauch und auch bei niedrigen Temperaturen und mit Handschuhen leicht zu bedienen. „Aber das Gehäuse ist aus Plastik, wenn es zu nah an die Flamme des Kochers kommt, haben sie nicht etwas aus Metall, das aber genauso leicht ist?“ Der Verkäufer blickt hilfesuchend in die Runde und seine rollenden Pupillen treffen auf meine. Außer einem mitleidigen Blick kann ich ihm aber keine Hilfe schenken.

Wir stehen im größten Outdoorladen Kölns und der Kunde, ein Endvierziger vom Typ notorischer Pedant, ist offenbar gewillt Geld auszugeben. Er sammelt die komplette Ausrüstung für seine Expedition nach Nepal, von der Wandersocke bis zum Eispickel. Die Packliste in seiner Hand verrät mir: er wird sich an das Luxustrekking rund um die Annapurna wagen. Lodgeübernachtung mit Wärmflasche und Rundum-Sorglos Betreuung von Hauser inklusive, quasi Mercedes S-Klasse mit eingebauter Vorfahrt. Für einen kurzen Moment bin ich verwirrt, denn der Papierstapel in seiner Hand ist mindestens zweihundert Seiten dick, doch dann verstehe ich: drei Seiten für die eigentliche Liste und der Rest für Produktbesprechungen aus dem Internet, von seiner Sekretärin fein säuberlich gedruckt und sortiert. Der Mann besitzt mit Abstand mehr Geld als gesunden Menschenverstand.

So verwundert es mich nicht, dass alle Verkäufer vor seinem suchenden Blick hinter dem nächstgelegenen Berg aus Daunenjacken verschwinden und dort ungemein beschäftigt sind. Schlagartig wird mir klar, warum es selten großgewachsene Verkäufer gibt. Allein mein Kopf ragt hinter den Jacken hervor, und so geschieht das Unvermeidliche: „Hier ist gerade keiner! Die haben aber sowieso wenig Ahnung, können sie mir helfen?“ Es macht wenig Sinn ihm zu erklären, warum ihm nicht mehr zu helfen ist.

In seinen Händen baumeln zwei Regenjacken, eine in dezentem Blau, die andere in Baustellengelb; beide mit einem Preisschild das eher zu einem Gebrauchtwagen passt. „Soll ich die mit der dreifachen Membran nehmen oder die mit der den doppelt verdichteten Reisverschlüssen aus Titan, die eine funktioniert nicht, wenn es kalt regnet, die andere versagt in feuchter Wärme?“ Immer positiv denken, schießt mir durch den Kopf, eine Kernkompetenz des Buddhismus. Entsprechend fällt meine Antwort aus: „Ich würde die Gelbe empfehlen, dann findet Dich auch der Rettungshubschrauber.“ Hektisch blättert der angehende Extrembergsteiger durch seine Zettel und findet darin auch die Lösung: „Dafür habe ich Leuchtstäbe, eine reflektierende Kältedecke, ein Satellitentelefon und ultraleichte Nebelkerzen im Gepäck. Die Nebelkerzen waren optional, aber mein Sherpa wird zwanzig Kilo für mich tragen, da ist noch ein gutes Kilo Platz“. Dieser Typ startet auch sein Auto erst, wenn das zulässige Gesamtgewicht erreicht ist. Mögen die Berge und der Buddhismus ihm etwas Gelassenheit schenken und sein Sherpa in der Nähe sein falls ihm doch etwas zustoßen sollte.

An der Kasse treffe ich ihn dann wieder, der Gesamtschaden übersteigt noch den Preis der S-Klasse Reise mit Hauser, aber er verhandelt um jeden Pfennig Rabatt. „Und sie führen wirklich keine Batterien im Dreierpack? Das müssten sie doch anbieten, wenn ihre Lampen drei Batterien brauchen?“ Linda, die Kassiererin kann nicht fliehen, stopft die ganze Ausrüstung schleunigst in gigantische orange Plastiktüten und ignoriert die Frage. „Haben sie noch ein paar Stifte für mich? Sie wissen schon, als Geschenk für die Kinder am Weg, Süßigkeiten sind ja schlecht für die Zähne und wie sagt man so schön: wer schreibt, der bleibt“. Mit einem gequälten Lächeln und letzter Anstrengung schiebt Linda noch eine Handvoll Kugelschreiber in eine der Tüten. „Funktionieren die auch in großer Höhe? Ich gehe doch zum Bergsteigen in das Himalaya.“ Linda ist zu keiner Antwort mehr fähig.

Beladen mit seiner reichen Beute und verfolgt von erleichterten Blicken der Verkäufer marschiert unser Freund in Richtung Ausgang. Dabei stößt er mit Chandra zusammen, einem Verkäufer der in der Tat aus Nepal stammt und der die warnenden Handzeichen seiner Kollegen offensichtlich als Hilferuf gedeutet hat. „Herr Sherpa, gut dass ich sie treffe!“ Immerhin, die erste Begegnung mit einem Nepali führt auch gleich zur ersten positiven Aussage, das scheint auf einem guten Weg. Ob die Freude gegenseitig ist bleibt offen, denn Chandra versteckt seine Emotionen hinter dem asiatischen Pokerface, einem breiten Lächeln und sagt nur „Thik chha“. Das heißt „alles in Ordnung“ und bedeutet es auch, wenn es denn nicht genau das Gegenteil meint.

Der Einkauf fällt zu Boden und unser Pedant breitet seine Beute vor dem immer noch lächelnden Chandra aus. Eispickel, Signalraketen, GPS-Gerät, Schlafsack, Trillerpfeife und die ganze restliche Packliste inkarnieren aus den Tüten. Dann schaut er erwartungsvoll zu Chandra: „Meine Frage an sie als den Experten: Habe ich alles, was nötig ist?“
„Schön, dass sie mein Land besuchen wollen, und danke, dass sie mich um Rat bitten. Aus meiner Sicht: Das sind alles schöne Dinge die sie gekauft haben. Sehr schöne Dinge. Aber wirklich nötig ist nichts davon, … eine Sonnencreme würde ich allerdings empfehlen“

Seppolog Auszeichnung und Keramikphilosophen

Dieser Beitrag ist der Beantwortung der 28 essentiellen Fragen gewidmet die sich mir seit der Nominierung für den Seppolog-Auszeichnung stellen. Warum ich mitmache? Weil es die Gelegenheit ist meine Sammlung an Toilettengraffiti zu publizieren, dem letzten Ort an dem noch analog philosophiert wird.

Was haben Seppo und Du gemeinsam?

„Wo zwei einer Meinung sind, kann mindestens einer von beiden kein Philosoph sein.

Wieso hättest Du die SBA nicht verdient?

„Stell alles in Frage!“ Darunter die Antwort: „Warum?“

Eine Woche lang keine (soziale) Technik: kein Handy, kein Facebook, kein Blog – nichts. Was würde das mit Dir machen?

„Denken ist wie googeln,… nur noch viel krasser“

Was inspiriert Dich für Deine Themen?

„Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“

Wer hat Dir das Hirn so manipuliert, dass Du bei so einem Wettbewerb teilnimmst?

„Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.“ (F Beckenbauer)

Wer sollte Deinen Blog besser nicht lesen?

„Was wohl Katzen hören, wenn Caruso singt?“ 

Auf einer Skala von eins bis zehn: Was isst Du am liebsten?

„Auf diese Frage kennt keine Kachel der Welt eine Antwort“

Welchen Titel hatte Dein erster Blog-Eintrag, welchen wird Dein letzter haben?

Der Erste:

„Bitte keine brennenden Zigaretten ins Becken werfen, denken Sie an den großen Brand von San Francisco.“

 Darunter der letzte:

„Bitte nicht auf den Boden spucken, denken Sie an die große Flutkatastrophe von Hamburg.“

 Was frühstückst Du?

„Wenn ich morgens aufstehe,
hole ich erst die Zeitung und studiere
die Todesanzeigen.
Wenn ich mich darin nicht finde,
mache ich Frühstück!“

Katze oder Hund?

„Bernhardiner ist das letzte, was ich sein möchte. Dauernd die Flasche am Hals, und niemals trinken dürfen!“

Hast Du sonst niemanden, dem Du das alles erzählen könntest?

„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen damit sie aufwachen“

Wer liest Dich überhaupt?

„Wenn ein Autor behauptet, sein Leserkreis habe sich verdoppelt, liegt der Verdacht nahe, dass der Mann geheiratet hat.“

Was müsste geschehen, dass Du mit dem Bloggen aufhörst?

„Wenn der Himmel einstürzt, sind alle Spatzen tot“ 

Welche Eigenschaft an einem Menschen schätzt Du am meisten?

„Freundschaft ist, wenn dich einer für Deinen Schwimmstil lobt, nachdem du beim Segeln gekentert bist.“

Was ist Deine beste Eigenschaft?

„Mit dem Wissen von heute,
hätte ich gestern andere Fehler gemacht.“

Was ist Dein größter Fehler?

„Ich bin nicht feige; ich bin nur stärker als der Held in mir.“

Wie, denkst Du, sehen Dich die anderen Menschen?

„Freunde sind Menschen, die dich mögen obwohl sie dich kennen“

Was würdest Du niemals in einem Blog posten?

„Haikus sind einfach

Manchmal ohne Sinn

Kühlschranktür“

 

Glaubst Du neben Seppos Blog noch an andere Wunder?

“Fighting for peace, is like fucking for virginity.”

 

Wenn Du einen Gegenstand in eine Zeitkapsel tun könntest, welche erst in 100 Jahren geöffnet werden würde, welcher Gegenstand wäre das?

„Zukunftssorgen sind Mäuse, die heute den Käse von morgen fressen.“

 

Was bedeutet Schreiben für Dich, was macht es mit Dir?

„Wenn dir etwas gefällt, analysiere es nicht, sondern tanze dazu“.

 

Wie kriegst Du Seppo ins Bett?

„Was nützt das Parfüm von Boss wenn du doch so aussiehst wie Hugo.“

 

Was macht Mannsein für dich aus, was Frausein?

„Männer, die behaupten, sie seien die Herren im Haus, lügen auch bei anderen Gelegenheiten.“

 

Was bedeutet das Konzept der ewigen Liebe für Dich? Ist es möglich? Wünschenswert?

„Wer braucht schon Liebe wenn man Dinge mit Käse überbacken kann“

Warum sind 28 Fragen zu viel?

„In Wahrheit wird viel mehr gelogen“

Blogger seien Selbstdarsteller, heißt es oft. Warum stimmt das – und ist das schlimm?

„Der Baum hat Äste, das ist das Beste, denn wär‘ er kahl, dann wär’s ein Pfahl.“

Warum machst Du bei dieser Nummer mit?

„Dem Leben ist ein Ponyhof“

Wie löst Du zwischenmenschliche Konflikte? Offensiv, defensiv oder gar nicht?

„Wer A sagt der muss auch einen Kreis drum machen“

 

Quellennachweis: (Herren)-Toiletten in den Kneipen dieses Landes

„Jetzt ist der Löhr auch weg“

Alles was geschrieben werden kann, ist bereits geschrieben. Nur eben nicht von jedem. Das gilt natürlich auch für die Freuden und Leiden der Anhänger des 1.FC Köln, nur meine Zeugnisse fehlen bislang. Wahrscheinlich ist das Thema einfach zu groß um es in eine kleine Geschichte zu packen.

Fangen wir mit den Fakten an: Was unterscheidet den FC von anderen Vereinen? Keine Mannschaft konnte häufiger einen Meistertitel der Bundesliga feiern als die Kölner. Dabei ist der kleine Unterschied zwischen „feiern“ und „gewinnen“ natürlich bedeutsam. Nur hier in Köln genügen zwei gewonnene Spiele und wir sind quasi Meister. Das kleine Wörtchen „quasi“ schafft diese besondere Verbindung zwischen Raum, Zeit und Realität, die im Rheinland zuhause ist. Die Meisterfeier nach dem zweiten Spieltag der Saison wird somit unvermeidlich. Das ist auch gut so, denn dieses Fest kann uns niemand mehr nehmen.

Die nächste Besonderheit sind die Spieler des FC. Icke Häßler, Lukas Podolski, Bodo Illgner, Toni Woodcock, Wolfgang Overath, Cullmann, Flohe, Allofs und Hannes Löhr,… die Liste könnte endlose fortgesetzt werden: jeder Spieler der die Geißböcke auf der Suche nach vermeintlich höheren Weihen verlies, ist entweder reumütig zurückgekehrt oder gleich auf das Altenteil gezogen. Gehalt hin und internationale Auftritte her, wer bereits ganz oben ist, kann danach nur noch absteigen.

Fußball spielen? Ja, auch das kommt vor beim FC; manchmal! In seltenen Fällen auch schöner Fußball, aber wenn ich ehrlich bin: Davon wird keiner zum Fan. Eher schon durch die halbe Stunde im Stadion bevor das Spiel beginnt. Noch selten wurde ein Gegner bereits vor dem Anpfiff geschlagen, aber die Stimmung im Kölner Stadion vor dem Spiel ist einfach unschlagbar. Singen können wir besser als alle anderen. Das bringt ungefähr so viel, wie der Titel „bester Schwergewichtsboxer im Yogakurs“, nämlich gar nichts. Aber es macht Spaß.

Schließlich ist es wie immer im Fußball: Für das Leben zählt eben nicht was auf dem Platz geschieht, sondern die Weisheit die sich im Umfeld entfaltet. Glück, Stabilität und Zufriedenheit verströmt er dieser Verein und die Stadt ist voller Philosophen die das verstehen.

So wie der unbekannte Platznachbar im Stadion mich jüngst mit den Worten begrüßte: „Jetzt ist der Löhr auch weg!“ Eine komplette Trauerrede in sechs Worten und einem Ausrufezeichen, gefüllt mit Liebe für das Leben und Respekt vor seinem Ende. Mehr Philosophie geht nicht. Oder der Chef vom Büdchen um die Ecke, den ich gerne frage wie es ihm denn geht. Seine Antwort ist ebenso beständig wie politisch unkorrekt: „Hauptsache die Frau hat Arbeit und der FC steigt nicht ab“.

Der FC ist also kein Verein, sondern eine Philosophie. Nur eines steht darin fest: Die nächste Meisterschaft für den FC kommt bestimmt, oder doch vielleicht. Auf jeden Fall aber werden wir einen Grund finden um sie zu feiern. Quasi!