Bhutan Deutsch

 

Bhutan 1191

Im Oktober 2012 hatte ich die Gelegenheit Karma Tshiteem, den Staatssekretär für Bruttosozialglück in seinem Büro in Thimphu, der Hauptstadt Bhutans, zu treffen und das folgende Gespräch mit ihm zu führen.

(A version in English can be found here)

Koelnerzeilen: Karma, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, mich  für ein Gespräch über Bruttosozialglück zu empfangen. Ich glaube, Sie haben wahrscheinlich die schönste Berufsbezeichnung der Welt, „Glücksminister“ wäre wohl jeder gerne, oder?

Karma: Es freut mich sehr, dass Sie das so sagen. Die meisten Menschen fangen an zu lachen, wenn sie meinen Titel hören. Andererseits ist es ja nichts Schlechtes, Menschen zum Lachen zu bringen.

Koelnerzeilen: Auf meiner Bergtour durch Bhutan habe ich alle Menschen, die ich traf, nach dem Konzept des Bruttosozialglücks befragt und viele gute Erklärungen erhalten. Allerdings waren sich alle einig, dass Sie die allerbeste Person wären, um mir die Philosophie des Bruttosozialglücks zu erläutern!

Karma: Im letzten Jahr hatte ich auch die Gelegenheit in unseren Bergen zu wandern und habe es wirklich genossen. Wir beschreiben Bruttosozialglück gerne als ein Konzept und eine Philosophie, aber eben auch als eine Vision, die beschreibt, wo wir gemeinsam hinwollen.

Unser vierter König hatte diese Vision bereits vor über 35 Jahren definiert, indem er erklärte, dass es der Wunsch der Menschen in Bhutan sei – und damit auch sein Wunsch für die Menschen dort – gut und glücklich zu leben. Daraus resultiert das heutige Ziel der Regierung, alles zu tun, was möglich ist, um dieses gute und glückliche Leben für die Menschen zu ermöglichen, für die sie Verantwortung übernommen hat.

Das führt direkt zu der Frage „Was ist es denn, was Menschen glücklich macht?“Insbesondere nachdem wir uns im Jahr 2006 von einer Monarchie zu einer Demokratie gewandelt hatten, mussten wir dafür Entscheidungsprozesse schaffen. Was auch bedeutete, hilfreiche Messgrößen für das Bruttosozialglück zu finden. So haben wir den Bruttosozialglück-Index entwickelt, eine ganze Reihe von Parametern, die wir systematisch verfolgen.

KoelnerZeilen:  Jetzt muss ich natürlich die Frage stellen, wie genau das Glück denn vermehrt werden kann?

Karma: Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass dabei nicht nur die konkreten und materiellen Dinge eine Rolle spielen. Diese sind sehr wichtig, aber neben dem Körper und seinen Bedürfnissen gilt es auch den Geist zu berücksichtigen. So haben wir insgesamt neun verschiedene Bereiche definiert, die zum Entstehen von Glück wichtig sind.

Die ersten fünf sind relativ naheliegend und selbsterklärend, da sie sich auf eher greifbare Dinge beziehen: Lebensstandard, Gesundheit, Erziehung, Umwelt und eine gute Regierung. Eine angemessene Wohnung und ein Arbeitsplatz gehören zu den Dingen, die als Teil unseres Lebensstandards jedem zugänglich sein sollen. Ebenso natürlich eine Schulausbildung und Gesundheitsfürsorge. Von zentraler Bedeutung ist auch der Erhalt der Umwelt. Ein Baum, den ich anschauen und genießen kann, hat einen Wert für die Gesellschaft, der weit über seinen ökonomischen Wert als reines Nutzholz hinausgeht. Schließlich brauchen wir noch eine gute Regierung, die sich frei von Korruption um die Belange der Menschen kümmert.

KoelnerZeilen:  Das macht bis hierhin sehr viel Sinn, Sie haben aber auch Kriterien erwähnt, die weniger offensichtlich sind?

Karma: Absolut. Zu allererst schauen wir auf das, was wir seelisches Wohlergehen nennen. Sind die Bedürfnisse der Seele erfüllt? Sind Körper und Geist im Gleichgewicht? Es können sehr unterschiedliche Dinge sein, die dieses Gleichgewicht herstellen, das ist sehr individuell. Wir wissen aber zum Beispiel, dass Gebete – zu welchem Gott ist unerheblich – oder Meditation und reflektierende Stille wichtige Hilfsmittel sind, um das seelische Wohlergehen zu fördern. Stressbedingte Krankheiten oder sogar Selbstmorde sind deutliche Anzeichen dafür, dass etwas stark aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Die Erhaltung der kulturellen Identität ist das nächste Thema, das uns am Herzen liegt. Diese kulturelle Identität drückt sich unter anderem in der traditionellen Architektur, der Kleidung und unserer Sprache aus: Wir sind stolz, Bhutanesen zu sein. Auch Sie sind jetzt übrigens ein Teil davon, da Sie unsere Nationaltracht tragen.

Koelnerzeilen:  Die nicht nur außergewöhnlich sondern auch durchaus bequem ist.

Karma: Ganz wichtig sind auch lebendige Gemeinschaften. Wir Menschen sind soziale Lebewesen, wir entwickeln uns in Gemeinschaft am besten, brauchen um uns herum die Familie, Freunde und Nachbarn. Ein und dieselbe Erfahrung wird doch um so vieles wertvoller, wenn wir sie mit anderen teilen oder anderen mitteilen können.

In der Mitte des Ganzen steht die Familie. Man kann Kindern in Schulen sehr viel Wissen vermitteln, aber wenn es um Werte geht, werden sie sich fast immer an ihren Eltern orientieren. Teilen ist ein Prinzip, das wir fördern, seien es Fertigkeiten oder Erfahrungen. Die Bereitschaft, ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen, ist ebenso ein wichtiger Indikator für uns wie das Vertrauen zwischen Nachbarn.

Das letzte, aber nicht weniger wichtige Kriterium schaut darauf, wofür wir unsere Zeit verwenden. In ihrem Land sagen viele „Zeit ist Geld“; wir ziehen es vor, zu sagen „Zeit ist Leben“. Du musst deine Zeit für die Dinge verwenden, die für dich die größte Bedeutung haben. Wenn dir etwas wichtig ist, du deine Zeit aber mit etwas anderem verbringst, wirst Du nicht glücklich werden.

Außerdem sollte man ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit, Freizeit und Erholung finden. Wir denken, dass es ideal ist, den Tag zu gleichen Teilen in diese drei Bereiche aufzuteilen. „Don’t work too hard, but work smart“ (Nicht zu schwer arbeiten, sondern schlau) ist mein Credo. Zeit ist wahrscheinlich die wertvollste von all unseren Ressourcen und muss mit sehr viel Bedacht verwendet werden.

KoelnerZeilen:  Diese Kriterien müssen also alle zusammenspielen, um für mehr Glück zu sorgen?

Karma: Ja, das ist zumindest der Punkt an dem wir auf unserer Reise momentan angekommen sind. Man muss allerdings sicherstellen, dass alle im richtigen Verhältnis stehen. Diese Ausgewogenheit zu finden, ist das zentrale Element.

KoelnerZeilen: Die Mobilität nimmt auch in Bhutan deutlich zu. Befürchten Sie dadurch Auswirkungen auf den Lebensstil?

Karma: In der Tat ist es nicht mehr so, dass wie früher alle Generationen einer Familie zusammen in einem Haus oder auf einem Bauernhof leben. Andererseits bieten wir heute den Kindern eine wirklich gute Schulausbildung an. Das ist eine große Investition, und normalerweise ist eben der Bauernhof der Eltern nicht der richtige Ort, um diese Investition auch sinnvoll zu nutzen. Dementsprechend müssen wir offen für Veränderungen sein.

Gleichzeitig sind unsere familiären Bindungen sehr stark und das wird auch in Zukunft so bleiben. Nehmen sie mich als Beispiel:  Meine Mutter wohnt ein gutes Stück entfernt von Timphu, aber ich bin immer mit ihr in Kontakt und besuche sie sehr regelmäßig. Das macht sie sehr glücklich, was das Wichtigste ist, aber es macht dadurch natürlich auch mich glücklich.

Koelnerzeilen:  Kann das Prinzip des Bruttosozialglücks auch ohne die Verbindung zum Buddhismus funktionieren?

Karma: Das Konzept stammt aus Bhutan und Bhutan ist ein buddhistisches Land, damit ist es selbstverständlich, dass die Prinzipien auf unserer Religion beruhen und die Wurzeln im buddhistischen Gedankengut zu finden sind. Aber wir gehen beim Bruttosozialglück eher den grundlegenden echten Weg: Etwas Zeit zu verwenden, um den Tag zu reflektieren oder über das Dasein nachzudenken, ist für jeden sinnvoll. Daher glaube ich nicht, dass eine bestimmte Religion eine Voraussetzung dafür sein muss, eine Glücksphilosophie umzusetzen.

KoelnerZeilen:  Welches sind denn die größten Herausforderungen, die vor Ihnen liegen?

Karma: Natürlich müssen wir ständig Verbesserungen anstreben und lernen, auch die Ausgewogenheit gilt es immer wieder zu überprüfen. Das ist ein andauernder Prozess. Und wenn wir unseren Indikatoren Glauben schenken dürfen, dann sind wir auf allen Gebieten auf einem wirklich guten Weg – mit einer wichtigen Ausnahme:

Wir haben es geschafft, Bildung und medizinische Versorgung kostenlos anzubieten, wir verbessern kontinuierlich unsere Infrastruktur und vieles mehr. Aber wir sind bisher noch nicht in der Lage, diese Leistungen vollständig aus unseren Einnahmen zu finanzieren und sind von daher noch auf finanzielle Unterstützung aus dem Ausland angewiesen. Das ist der entscheidende nächste Schritt, den wir tun müssen, um Nachhaltigkeit zu erreichen: ökonomische Unabhängigkeit. Dazu ist es wohl auch erforderlich, unsere Wirtschaft breiter aufzustellen.

KoelnerZeilen:  Wenden denn die existierenden Wirtschaftsunternehmen in Bhutan auch die Glücksprinzipien an?

Karma: Unsere Vision vom Bruttosozialglück ist natürlich im politischen und gesellschaftlichen Umfeld entstanden. Aber interessanterweise haben die Firmen in unserem Land auch damit begonnen, die daraus resultierenden Prinzipien in ihre Firmenkultur zu integrieren. Und zwar ohne politische Direktive – aus eigenem Antrieb. So gibt es  z.B. Wochenendarbeit nur dort, wo es unvermeidlich ist, und die Firmen unterstützen ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit zu Freizeit. Sie haben verstanden, dass glückliche Mitarbeiter produktiver sind. Aber natürlich geht es auch hier wieder um Ausgewogenheit, in diesem Fall zwischen den Belangen der Mitarbeiter, der Kunden und der Firmen.

Koelnerzeilen:  Ist das Konzept vom Bruttosozialglück Ihrer Meinung nach denn auch auf größere Staaten, wie z.B. Deutschland, übertragbar?

Karma: Warum nicht? Es ist sicher gut, einen Dialog in Ihrem Land zu entwickeln, darüber zu reden, zu diskutieren. Als erstes müssten Sie sich auf ein gemeinsames Ziel verständigen, eine Vision entwickeln. Entscheiden, was Sie denn gemeinsam erreichen wollen. Wir haben uns für das glückliche Leben entschieden, und ich kann nur sagen, dass dies für uns ein gutes Ziel ist. Es könnte sehr gut sein, dass es auch für Ihr Land ein gutes Ziel ist.

Also, versuchen Sie es einfach und seien Sie gespannt, wo die Reise dann hingeht. Die Wahrscheinlichkeit, an einem besseren Platz als dem Ausgangspunkt anzukommen, ist sehr hoch.

KoelnerZeilen: Versuchen Sie ihren Ideen auch außerhalb von Bhutan Gehör zu verschaffen?

Karma: Ja, diesen Prozess haben wir vor einiger Zeit auf dem Weg über die Vereinten Nationen eingeleitet. Wir halten eben das Bruttosozialglück für wichtiger als das Bruttosozialprodukt. Glück ist eine Vision, ein Ziel, welches – auch für sich selbst genommen – wert ist, erreicht zu werden. Im Gegensatz dazu ist das Bruttosozialprodukt bestenfalls ein Mittel zum Zweck, es hat aber keinen inneren Wert.

Schauen Sie unsere beiden großen Nachbarn, Indien und China, an. Beide haben es sich zum Ziel gesetzt, Lebensbedingungen und Wohlstand zu erreichen, der vergleichbar ist mit den Bedingungen, die wir heute in den USA vorfinden. Und beide machen große Fortschritte auf dem Weg dahin.

Gleichzeitig wissen wir ganz genau, dass die Ressourcen dieser Erde nicht ausreichen, um einen amerikanischen Lebensstil für Indien und China zu ermöglichen. Das bedeutet, dass mit dem Erreichen der Entwicklungsziele zweier großer Staaten die Welt am Ende sein wird. Würden wir auf einem Raumschiff leben, auf dem die Endlichkeit bestimmter Ressourcen sehr offensichtlich ist, würden wir sicher nicht so handeln. Aber letztendlich ist die Erde nichts anderes als ein großes Raumschiff.

Also brauchen wir Veränderung, brauchen wir neue Ziele und auch die entwickelten Länder müssen überlegen, wohin sie sich weiterentwickeln wollen. Wir leben auf dieser Erde zusammen und in Bhutan haben wir einige Ideen entwickelt und angewandt, die anders sind, die vielleicht nachhaltiger sind für uns alle. Wir sind gerne bereit, diese Ideen zu teilen.

Koelnerzeilen: Nochmals vielen Dank, Karma, für Ihre Zeit und dafür, dass Sie ihre Ideen und Erfahrungen mit mir geteilt haben.

Karma: Vielen Dank, dass Sie mich und mein Land besucht haben.

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