Das Knie Teil 2: Die Schöne und die Schulter

Respekt vor solch durchdachter Planung in einem Krankenhaus! Ich, das Knie, teile das Zimmer mit einer Schulter. Damit besitzen die Bewohner des Zweibettzimmers drei brauchbare Arme und Beine. In anderen Worten, ich schmiere die Stullen und die Schulter schleppt das Material heran, eine perfekte Symbiose. Läuft also bei uns, wenn nur nicht … (Ja, immer gibt es ein „wenn nur nicht“ im Leben und fast immer geht es um das Eine …), also wenn nur der Liebeskummer nicht wäre. Ich weiß nicht, ob er noch betäubt war oder schon wach, aber das erste Wort, das ich von ihm vernahm, lautete „Wiebke“. Da ahnte ich noch nicht einmal, wer das ist. Aber das sollte sich bald ändern, denn das Krankenzimmer von Männern ist ein Ort ohne Geheimnisse.
Aber ich muss vorne beginnen. Die Schulter ist Mitte zwanzig und stammt aus einem Ort im Sauerland, dessen Name nichts zur Sache tut. Solche Orte stehen häufig im Sauerland. Manche behaupten, das Sauerland bestünde daraus. Daran glaube ich allerdings nicht, für mich besteht das Sauerland aus Fichtenwald.
Dort ist er der unbestritten beste Spieler des örtlichen Fußballklubs. Der wiederum spielt in der Kreisliga B mit Ambitionen und einem Mäzen. Dank des finanzkräftigen Sponsors erhält die Schulter vierhundert Euro im Monat für das Kicken, ein fürstliches Gehalt. Obendrein ist der Mäzen Bauunternehmer, spezialisiert auf Parkhäuser und Lagerhallen, und Arbeitgeber der Schulter. Daher ist die Schulter eine lokale Berühmtheit, darf trainieren gehen statt auf Montage und dann ihre Schnelligkeit auf den Platz bringen. Doch genau in seiner Schnelligkeit lag das Verhängnis.
Schnelle Sprinter sind selten in der Kreisliga B, deswegen kann die Schulter viele Tore erzielen. Viel häufiger ist dagegen die Blutgrätsche.

Fatal nur, wenn die Blutgrätsche auf einen solchen Läufer trifft. Die gesamte kinetische Energie verwandelt sich schlagartig in Reibung, Wärme und gebrochene Knochen. Früher auf dem Ascheplatz mehr Reibung, heute auf dem Kunstrasen mehr gebrochene Knochen. Dafür fließt weniger Blut. Solch ein unglückliches Treffen von Sprint und Blutgrätsche machte die Schulter zur Schulter. Und weil der Mäzen langfristig denkt, liegt er jetzt neben mir, in die Großstadt verschifft, damit der »Herr Professor« sich drum kümmert.
„Ich kenne sie vom Bachelor, das sah sie nochmal besser aus“, so lautet der erste ganze Satz, den ich von der Schulter höre. Dann muss er mir erklären, was der Bachelor ist und ich beginne zu verstehen. Wiebke war sein absoluter Favorit und hätte die Show locker gewinnen müssen. Hat sie aber nicht, und das ist das Beste, denn deswegen ist sie noch nicht vergeben. Kein Wunder, dass er etwas wirr redet. Eben noch willst du nur das nächste Tor schießen. Dann wachst du in einer Großstadt aus der Narkose auf und vor dir steht eine Traumfrau, die du bisher nur aus dem Fernsehen kanntest. Denn Wiebke, die Wiebke aus dem Fernseher, ist unsere Krankenschwester.
Die Schulter besitzt noch das ländliche Urvertrauen und wendet sich deshalb hilfesuchend an mich. Ich käme doch aus der Stadt und würde mich mit solchen Dingen sicher besser auskennen. Mir scheint es opportun, ihm diesen Glauben nicht zu nehmen und spiele mit. Nach sechsunddreißig Stunden werden sie uns hier rauswerfen, also sollte er besser Gas geben, so mein pragmatischer Ratschlag.

Die Umsetzung geht aber gründlich schief, als Wiebke das Zimmer betritt. Sie sieht aus, als hätte sie vor dem Frühdienst noch bei RTL in der Maske vorbeigeschaut, die dunklen Augenbrauen frisch gezupft und die Nägel passend zum Schwesternkittel lackiert. „Kaffee oder Tee?“, fragt sie fröhlich, doch die Antwort der Schulter verliert sich in ihren „smoky eyes“. Vor lauter Schnappatmung finden die Worte keinen Weg. »Kaffee für uns beide, gerne«, antworte ich und kaufe ihm damit etwas Zeit.
Wiebke kehrt mit dem Kaffee zurück und begibt sich direkt an ihre Krankenschwesternkunst. Fieber, Befinden und Blutdruck. Meiner liegt bei hundertzwanzig, bei der Schulter zeigt das Gerät hingegen hundertzweiundvierzig. „Etwas hoch bei dir, der Blutdruck“, entfährt es Wiebke und die Schulter versenkt, zu meiner Verwunderung, die Steilvorlage ohne Zögern in den Winkel. Seine Antwort: „Das liegt nur an Dir!“
Ich ziehe meinen nicht vorhandenen Hut und zeige ihm, hinter Wiebkes Rücken, einen hochgestellten Daumen. Krankenhaus ist besser als Kino, denke ich dabei. Egal wie es weitergeht, an einer mangelnden Chancenverwertung scheitert es nicht. Wiebke stoppt mitten in der Bewegung, runzelt für eine Sekunde die geschminkte Stirn und sagt dann einfach: »Danke.«. Könnte schlechter laufen, finde ich. Danach beginnt sie mit dem Erklären der Tabletten: Die kleine ist für den Magen, die lange gegen Schmerzen und die bunte hemmt die Entzündung. „Für den Blutdruck brauchst du ja keine“, schiebt sie noch mit einem kecken Lächeln hinterher. Gut, dass er mich gefragt hat, denke ich, läuft doch!
Doch dann eskaliert die Lage schlagartig, als Wiebke geschäftsmäßig fragt: »Brauchst du Hilfe beim Duschen?« Die Schulter verfällt wieder in Schnappatmung, zum Glück ist das Blutdruckgerät abgeschaltet, sonst wäre der Notarzt schon im Anmarsch. Zehn Sekunden vergehen in Stille, zehn Sekunden, in denen selbst der Wecker auf meinem Nachttisch stehenbleibt. Dann lassen Atmung und Blutdruck der Schulter das Sprechen wieder zu: »Danke! Nein ich komme schon klar«. Wie blöd kann einer alleine sein? Ich schaue entsetzt zu meinem Bettnachbarn, Wiebkes Gesicht kann ich nicht sehen.
Ich hätte es wissen müssen, ein Mann vom Land kommt immer ohne Hilfe klar. Nur keine Schwäche zeigen. Schweiß und Arbeit sind immer gut, die Tränen und der Schmerzen dagegen geheim. Die Schulter sieht mein entgleistes Gesicht und beginnt zu ahnen: Das war suboptimal, Enttäuschung verteilt sich in großen Klecksen über sein Gesicht. Ich zögere kurz, denn ich bin ja Berater und kein Mitspieler. Aber was bleibt mir anderes übrig, ich muss eingreifen, sonst wird das nichts. »Die Schulterbandage kann er aber nicht alleine ausziehen«, so ertönt meine Stimme aus dem Off. Sie klingt nach Besserwisser und fürsorglichem Onkel, also gerade richtig.
»St… st… stimmt«, stottert die Schulter und grinst dabei erleichtert von einem Ohr zum anderen. „Wo er recht hat, hat er recht“, bestätigt Wiebke mit einem kurzen Kopfdrehen zu mir, „Komm ich helfe Dir eben“. Der Bann ist gebrochen und die Schulter beginnt zu schnattern: »Ich würde es ja schaffen, aber der Klettverschluss verheddert sich immer«. »Ich weiß«, entgegnet Wiebke, »das geht am Anfang jedem so, aber du kannst hier nach unten ziehen und dann…«, unter fröhlichem Geplauder verschwinden die beiden im Bad und die Welt ist in Ordnung. Nur der Wecker geht etwas nach.
Kaum eine Minute später taucht Wiebke wieder auf, im Hintergrund rauscht das Wasser der Dusche. Sie durchquert das Zimmer und wirft mir einen warnenden Blick zu, „bloß den Mund halten“ sagt der laut und deutlich. Wäre nicht nötig, denn ich habe schon mehr als genug gesagt. Dann zieht sie einen Stift aus der Tasche, schreibt etwas auf den Einwegwaschlappen in ihrer Hand. Eine Handynummer und darunter einen zwinkernden Smiley kann ich erkennen, bevor sie den Waschlappen auf dem Kopfkissen der Schulter drapiert. Abgang Wiebke, Vorhang zu, ihre Schicht ist erledigt, und mein Auftrag auch. Am Ende stimmt alles wieder, sogar der Wecker.

Advertisements

„Jetzt ist der Löhr auch weg“

Alles was geschrieben werden kann, ist bereits geschrieben. Nur eben nicht von jedem. Das gilt natürlich auch für die Freuden und Leiden der Anhänger des 1.FC Köln, nur meine Zeugnisse fehlen bislang. Wahrscheinlich ist das Thema einfach zu groß um es in eine kleine Geschichte zu packen.

Fangen wir mit den Fakten an: Was unterscheidet den FC von anderen Vereinen? Keine Mannschaft konnte häufiger einen Meistertitel der Bundesliga feiern als die Kölner. Dabei ist der kleine Unterschied zwischen „feiern“ und „gewinnen“ natürlich bedeutsam. Nur hier in Köln genügen zwei gewonnene Spiele und wir sind quasi Meister. Das kleine Wörtchen „quasi“ schafft diese besondere Verbindung zwischen Raum, Zeit und Realität, die im Rheinland zuhause ist. Die Meisterfeier nach dem zweiten Spieltag der Saison wird somit unvermeidlich. Das ist auch gut so, denn dieses Fest kann uns niemand mehr nehmen.

Die nächste Besonderheit sind die Spieler des FC. Icke Häßler, Lukas Podolski, Bodo Illgner, Toni Woodcock, Wolfgang Overath, Cullmann, Flohe, Allofs und Hannes Löhr,… die Liste könnte endlose fortgesetzt werden: jeder Spieler der die Geißböcke auf der Suche nach vermeintlich höheren Weihen verlies, ist entweder reumütig zurückgekehrt oder gleich auf das Altenteil gezogen. Gehalt hin und internationale Auftritte her, wer bereits ganz oben ist, kann danach nur noch absteigen.

Fußball spielen? Ja, auch das kommt vor beim FC; manchmal! In seltenen Fällen auch schöner Fußball, aber wenn ich ehrlich bin: Davon wird keiner zum Fan. Eher schon durch die halbe Stunde im Stadion bevor das Spiel beginnt. Noch selten wurde ein Gegner bereits vor dem Anpfiff geschlagen, aber die Stimmung im Kölner Stadion vor dem Spiel ist einfach unschlagbar. Singen können wir besser als alle anderen. Das bringt ungefähr so viel, wie der Titel „bester Schwergewichtsboxer im Yogakurs“, nämlich gar nichts. Aber es macht Spaß.

Schließlich ist es wie immer im Fußball: Für das Leben zählt eben nicht was auf dem Platz geschieht, sondern die Weisheit die sich im Umfeld entfaltet. Glück, Stabilität und Zufriedenheit verströmt er dieser Verein und die Stadt ist voller Philosophen die das verstehen.

So wie der unbekannte Platznachbar im Stadion mich jüngst mit den Worten begrüßte: „Jetzt ist der Löhr auch weg!“ Eine komplette Trauerrede in sechs Worten und einem Ausrufezeichen, gefüllt mit Liebe für das Leben und Respekt vor seinem Ende. Mehr Philosophie geht nicht. Oder der Chef vom Büdchen um die Ecke, den ich gerne frage wie es ihm denn geht. Seine Antwort ist ebenso beständig wie politisch unkorrekt: „Hauptsache die Frau hat Arbeit und der FC steigt nicht ab“.

Der FC ist also kein Verein, sondern eine Philosophie. Nur eines steht darin fest: Die nächste Meisterschaft für den FC kommt bestimmt, oder doch vielleicht. Auf jeden Fall aber werden wir einen Grund finden um sie zu feiern. Quasi!