Ein besonderer Tag – Teil 2 der Sierra-Trilogie

„War das vielleicht der 21. Juni?“ Manches Rätsel löst sich erst nach langer Zeit.
Wir sitzen in einer der neunhundert Berghütten Neuseelands und philosophieren über das Gepäck, oder vielmehr sein Gewicht, ein unerschöpfliches Thema für alle Wanderer. In der Runde bestimmt das Heimatland die Schwere des Rucksacks. Israel, Deutschland, USA und Neuseeland, so lautet die Gewichtsrangfolge der vertretenen Nationen. Während die Kiwis ultraleicht reisen, tragen die Israelis alles im Rucksack, was der Staat Israel hergibt, inklusive eines Wollpullovers von jedem Schaf aus Abrahams Herde.
Die Amerikaner agieren wie immer hilfsbereit und sparen nicht mit Vorschlägen zur Gewichtsreduktion. Nur das Nötigste einpacken und davon die Hälfte zurücklassen. Die Wolle gegen Fleece eintauschen, die Nahrung dehydrieren und der Zahnbürste den Stiel absägen. Die Kiwis und wir ergänzen die Vorschlagsliste und Gramm für Gramm reduziert sich mit jedem Beitrag die Last der Israelis. Als wir bei gefühlten acht verbliebenen Kilos ankommen, trocknet der Ideenfluss langsam aus. Danach wird es entweder gefährlich, sehr teuer oder abstrus. Doch genau da wird der Dialog spannend, denn der Mangel an guten Ratschläge schafft Raum für das „Wanderlatein“, die unwahrscheinlichen Geschichten die nur in Berghütten wahr sein können.
Ich bin mutig und wähle für meinen Beitrag eine Episode aus der Heimat der Amerikaner, Juni in der Sierra Nevada in Kalifornien und auf dem John Muir Trail ist die Schneeschmelze in vollem Gange. Oben herrscht Sommer, auf dem Boden regiert noch der Winter. Der Vorteil dieser Jahreszeit: Es sind nur wenig Menschen unterwegs, der Nachteil: Die Flüsse sind randvoll und schwer zu furten. Anderen Wanderern sind wir noch nicht begegnet, eiskalten Flüssen dagegen schon sehr hautnah und hüfthoch. Doch jetzt schreitet uns der erste Wanderer entgegen. Ein typischer „Thruhicker“, mit dem Gang eines Menschen der entschlossen ist von Mexiko bis zur kanadischen Grenze zu laufen und von den viertausend Kilometern Strecke schon ein gutes Drittel absolviert hat. Er trägt die übliche Wanderausrüstung: stabile Schuhe mit Wandersocken, Stöcke, Sonnenhut und –brille sowie einen Rucksack mit Hüftgurt. Das ist aber auch alles, ansonsten ist er … nackt! Allein ein dritter Wandersocke baumelt an strategisch bedeutsamer Stelle von seinem Hüftgurt.
Die PCT-Wanderer sind ein ungewöhnliches Völkchen, aber auch die laufen normalerweise nicht im Geburtskostüm durch die Berge. Mir kribbelt es schon bei dem Gedanken, an welchen Stellen ich am Ende eines solchen Wandertags überall Sonnenbrand behandeln müsste. Getreu der amerikanischen Höflichkeit und dem kölschen Grundsatz „Jede Jeck es anders“, erwähnen wir den offensichtlichen Mangel an Bekleidung nicht. Der Mann ist sichtbar gut in Form und in keinerlei Notlage. Wie vermutet, ist er einer der ersten, die in diesem Jahr über die Pässe gekommen ist. Da jetzt ein Weg gespurt ist werden ihm noch einige folgen. Uns ist es recht, denn die Fußspuren werden auch uns zugutekommen.
Nach kurzem Austausch über Wegbedingungen (schwierig) und Wetteraussichten (bestens), folgen wir jeweils unserem Weg. Beim Blick auf den Höhenmesser – 3500 Meter – stellt sich aber dann doch die Frage: Warum läuft einer nackt durchs Hochgebirge? Eine Protestaktion gegen die teure Outdoorbekleidung? Verständlich wäre es, wo doch inzwischen jeder Zweite mit einem Outfit durch die Fußgängerzone läuft, das für die Besteigung des Mount Everest entwickelt wurde. Vielleicht wollen die Wanderer aber einfach nur Gewicht sparen: Leichter als des Kaisers neue Kleider geht nicht.
Jedenfalls ist es ein wundersamer Rollentausch, wo doch wir Deutschen – nach Meinung der Amerikaner – stets nach einem Grund suchen uns die Kleider vom Leib zu reißen. Ich kann mich noch gut an die Sauna in einem amerikanischen Flughafenhotel erinnern. Ich saß alleine auf der mittleren Bank, als vor dem Fenster ein Gesicht auftauchte. Bevor ich freundlich reagieren konnte, verschwand der Besucher aber bereits wieder. Dafür stand keine zwei Minuten später ein Manager des Hotels in der Saunakabine, korrekt gekleidet mit glänzenden Schuhen und dunklem Zweireiher. „You are not naked, aren’t you?“ sprach er mich keineswegs unfreundlich an.
In großer Hitze funktioniert mein Gehirn etwas langsamer und der Sinn der Frage wollte sich mir nicht erschließen. Die nackten Tatsachen waren eindeutig, schließlich saß ich in einer Sauna. Nach einigem Nachdenken wurde mir klar, dass der Mann nicht ernsthaft nach einer Antwort auf seine Frage suchte. Andererseits fand ich es amüsant zu beobachten, wie sich allmählich die Schweißperlen auf seiner Stirn sammelten und von dort gemächlich auf die Hochglanztreter tropften. Ich dachte mir: „Das ist der richtige Moment, um zu vergessen, dass ich Englisch spreche“, und antwortete betont höflich mit einem langen, geschachtelten deutschen Satz. Der Inhalt spielt dabei keine Rolle. „Erdbeermarmelade“ kam darin vor, weil das Wort schön freundlich klingt. Jetzt war das Hirn des Hotelmanagers mit dem Arbeiten an der Reihe: „Verschwitze ich hier weiter meinen Anzug und verstehe nichts, oder trete ich den Rückzug an?“
An seinen Augen konnte ich keine Reaktion ablesen, denn ihr Blick ruhte etwa dreißig Zentimeter über meinem Kopf an der Wand. Dort gab es nichts zu sehen, aber seine Erziehung verbot ihm, auch nur einen Millimeter tiefer zu schauen. Meine Augen dagegen wanderten von seinem Scheitel bis zu den Ledersohlen und genossen es, den Leidensdruck beim Wachsen zu beobachten. Schließlich drehte er sich ab, griff sich eines der Handtücher um Gesicht und Anzug zu trocknen und verschwand brummelnd um die Ecke. Auch ich räumte das Feld, die Hauptattraktion dieses Saunaganges hatte ich genossen.
Umso mehr verwundert mich jetzt der nackte Wanderer in den Bergen und obendrein sollte es nicht der Einzige bleiben. Um die Mittagszeit rasten wir nach einer Flussdurchquerung, als die nächsten Nackten auftauchen, diesmal ein junges Pärchen. Während wir den Fluss auf die europäische Art gefurtet haben – Wanderschuhe aus, Gummischuhe an und halbes Adamskostüm – stürzt sich das Pärchen auf amerikanische Weise in den Fluss – Schuhe an den Füßen, Hüftgurt geöffnet und die Arme gegenseitig auf den Schultern überkreuzt. Gemeinsam schreiten sie dann flussaufwärts durch die Strömung und bieten ein schiefes Bild, denn sie ist deutlich kleiner als er.
Nach der guten Hälfte des Weges, die Hüfte der Frau ist bereits wieder aus dem Wasser aufgetaucht, gerät sie ins Straucheln. Sie kämpft im strudelnden Wasser um das Gleichgewicht, ihr freier Arm sucht dringend einen Halt an der Vorderseite ihres Partners. Viele Möglichkeiten bieten sich nicht, wie gesagt das Wasser ist eiskalt. In ihrer Not greift sie beherzt zu. Wäre sie etwas größer, dann hätte sie vielleicht das Ende seines Hüftgurtes erwischt. So aber schallt der markerschütternde Schrei des Mannes durch das Tal und meine Liste an Gründen gegen das Nacktwandern wird um einen entscheidenden Eintrag länger.
(der 21. Juni ist „Hike Naked Day“, am längsten Tag des Jahres lassen die prüden Amerikaner die Hüllen fallen, allerdings nur fernab jeglicher Zivilisation)

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Reisen in Indien: Bus oder Bahn Teil 1

Die Gretchenfrage des Indienreisendes: Wer das Land in all seiner Lautstärke erleben möchte, der muss sowohl das Flugzeug als auch das klimatisierte Auto mitsamt Fahrer verlassen und auf Bus oder Bahn umsteigen. Was denn nun? Bus oder Bahn? Die Antwort ist schnell gefunden: beides! Jedes dieser Fortbewegungsmittel ist einzigartig und bietet ungeahnte Möglichkeiten das Leben einzutauchen.

 
Fangen wir mit den Bussen an, die zwei wesentliche Vorteile ihr Eigen nennen: Sie fahren fast überall und es ist vergleichsweise einfach an einen Fahrschein zu gelangen, zumindest für denjenigen, der bereit ist, einen höheren Touristenpreis dafür zu zahlen.  Wer auf dem Normalpreis besteht, kennt am besten einen vertrauenswürdigen Inder oder besitzt die Zeit und das Geschick zu langen Verhandlungen. Wenn allerdings der letzte Bus des Tages laut hupend auf die Abfahrt drängt und aus allen seinen Öffnungen Köpfe und Gepäck ragen, dann ist die Verhandlungsposition schwierig. Also geben wir auf und bezahlen das Doppelte des Üblichen. Es ist immer noch deutlich günstiger als eine Fahrt mit der S-Bahn von Köln nach Düsseldorf und mit dem Fahrscheinautomaten in Deutschland feilsche ich auch nicht um einen Euro.

 
Dem Kauf der Fahrkarte folgt das Einsteigen in den Bus und schlagartig wird mir klar, warum die Inder das Yoga erfinden mussten, sie wollten einfach auf ihren Platz im Bus! Wer nicht stabil auf einem Bein stehen kann, während er kräftig an der Schulter gezogen wird und dabei mindestens ein Bein über den Kopf hinaus zu strecken, wird keinen Sitzplatz ergattern. Wir stehen allerdings noch vor einem zusätzlichen Problem: Im Bus sind keine Plätze frei. Der Schaffner weist uns – wohl ob des von uns bezahlten höheren Preises – zwei Liegeplätze direkt hinter dem Busfahrer zu. Sie befinden sich ungefähr da, wo normalerweise das Gepäcknetz angebracht ist. Die beiden Inder die dort lagen, weichen auf die erste Sitzreihe aus, was wiederum die dort sitzende Familie auf die zweite Reihe verdrängt. Nach irgendeiner unverständlichen Regel verläuft diese Reise nach Jerusalem durch den Bus, mit dem unerklärlichen Ergebnis, das am Ende wieder alle einen Platz besitzen.

 
Währenddessen sind wir bereits losgefahren und bewegen uns auf einer einspurigen Straße Richtung Süden durch die Wüste, außer einem gelegentlichen Kamel ist nur Sand in Sicht. Die Straße ist allerdings durchaus befahren. Sobald ein entgegenkommendes Fahrzeug sichtbar ist, beginnt für unseren Busfahrer der interessante Teil der Arbeit. Zunächst gilt es, auf sich und seinen Bus aufmerksam zu machen. Er legt eine Hand auf die Mitte des Lenkrades und drückt auf die Hupe. Die andere Hand wandert zum Lichthebel neben dem Lenkrad und reißt diesen so schnell er kann vor und zurück.  Die hektische Lichthupe zusammen mit dem Dauerhorn zwingt das entgegenkommende Fahrzeug an den äußersten linken Rand der Asphaltpiste. Da der andere Fahrer genau den gleichen Zauber veranstaltet, bewegen wir uns auch zur linken Fahrbahnkante. Allerdings wird die Fahrbahn dadurch auch nicht geräumiger, so dass die beiden Piloten sich weiterhin auf Kollisionskurs bewegen.

 
Aber es muss einen Plan geben, um den frontalen Crash zu verhindern, denn der Schaffner klappt noch geschwind den Außenspiegel ein. Genau in dem Moment in dem der Zusammenstoß unvermeidlich ist, lassen beide Fahrer die Hupen los, greifen entschlossen wieder das Lenkrad und verlassen in einem kleinen Bogen nach links die Fahrbahn. Der Bus beginnt umzufallen, aufgrund der hohen Geschwindigkeit bleibt ihm dafür aber nicht genügend Zeit. Bevor er sich entschließen kann, finden wir uns auf der Fahrbahn wieder und setzen die Fahrt fort als sei nichts geschehen. So wird einer nach dem anderen der Gegenverkehr umfahren, unter Einsatz aller Steuerungsmittel die dem Fahrer zur Verfügung stehen, mit Ausnahme der Bremse.

 
Nach einigen Stunden habe ich mich an das Schauspiel gewöhnt, zumal mich allmählich ein anderes Problem plagt. Wer in der Wüste leben will, muss viel trinken, an diese Regel habe ich mich gehalten, sehr zu meinem Leidwesen. Gibt es Yogaübungen um die Blase zu erweitern? Irgendeinen Trick müssen die Inder jedenfalls besitzen, denn wir fahren schon seit vier Stunden ungebremst durch die Landschaft. Der Leidensdrang wird zu groß und ich beginne, mich aus dem überdimensionalen Gepäcknetz zu schälen und nach unten zu klettern. Entweder erkennt der Fahrer meine Not im Rückspiegel, oder es ist Zufall: kaum habe ich den Boden berührt bringt er zum ersten Mal die Bremse zum Einsatz und hält an. Ich bin doppelt erleichtert: Weil ich nicht in den Bus pinkeln muss und weil ich jetzt weiß, dass die Bremse funktioniert.

 
Nun springen alle auf und jeder drängelt – mehr oder weniger yogisch – zum Ausgang Mir wird bewusst, dass hier in Indien Drängeln und Rücksicht keineswegs einen Widerspruch darstellen. Gleichzeitig bin ich beruhigt, auch Inder besitzen eine endlich große Blase. Mein vorzeitiges Aufstehen verschafft mir einen veritablen Vorsprung und ich bin als einer der ersten vor dem Bus. Draußen trifft mich die Hitze und… sonst nichts. Weit und breit ist nur Wüste, wer dem Ruf der Natur folgen will muss dafür in die Natur gehen. Es gibt nur eine Regel, Frauen links und Männer rechts. Da wo ich stand werden jedenfalls in den nächsten zweieinhalb Jahren keine wüstentypischen Verhältnisse mehr herrschen.

 

Fünf Stunden später ist die Fahrt beendet als auf wundersame Weise der Bus und unser Gastgeber am Zielort zusammentreffen. Freudig verlassen wir den Bus, froh über das Erlebnis einer Busfahrt in Indien und froh, dass sie glücklich vorüber ist.

Mit Deutschen reden

Die Jüdin in Amerika
„Mit Deutschen reden fällt mir immer schwer …“. Kaum hat meine Tischnachbarin diesen Satz ausgesprochen, bleibt meine Gabel unschlüssig in der Luft hängen und all meine Warnlichter leuchten auf. Sie ist Jüdin und ich ein Deutscher aus der Generation, die niemals unbefangen mit Juden umgehen wird. Unberührt fährt sie fort: „…weil die immer so entschuldigend auftreten“. Treffer und versenkt! Auch wenn ich so lange nach 1945 geboren bin, dass mir keine Beteiligung – und sei es auch nur eine stille – an den Naziverbrechen vorzuwerfen ist, so wird mich doch die historische Schuld nie verlassen. Nicht als eine persönliche, unüberwindliche, aber als ein Teil meines Landes, meiner Heimat. Wenn mich denn mehr mit Deutschland verbindet als nur der Reisepass, dann gehören eben auch die dunklen Seiten dazu.
Das versuche ich ihr, möglichst ohne Entschuldigung, zu erklären. Sie lacht und erklärt mir freundlich: „Genau das meine ich und obendrein seht ihr Deutschen immer die Probleme, dabei lebt ihr in einem wunderschönen Land!“ Gut beobachtet, denke ich. Vielleicht ist es die wichtigste Erkenntnis des Reisens: Der neue Blick auf das Bekannte und die Heimat; nicht zuletzt durch die Augen und Worte der Fremden.

 
Der Tansanier in Deutschland
„Ja, ich war auch schon einmal in Deutschland, alles war wunderbar“, so erklärt mir der junge Afrikaner nach dem Konzert. Auf Konzertreise mit seinem Chor ist er durch Deutschland getourt und alles, was ich ihm entlocken kann, sind Loblieder auf dieses Land. Das Wetter, das Essen, die Menschen, die Züge mit Klimaanlage, die Zentralheizungen in den Zimmern, das Wasser aus der Leitung. Nur Gutes hat er in Deutschland gesehen und das fließt in Strömen, fährt pünktlich und ist immer sauber.
Ich lasse nicht locker und meine deutsche Krämerseele nicht los, es muss doch auch irgendetwas geben das ihn gestört hat? Aber sei es wahr oder der afrikanischen Freundlichkeit geschuldet, er kann sich beim besten Willen an nichts Negatives erinnern. Ich versuche es von der anderen Seite, wenn schon nichts Störendes, dann muss er doch zumindest etwas Überraschendes erlebt haben? Er überlegt eine ganze Weile bevor er mich mit strahlendem Lachen aus seinem dunklen Gesicht anschaut: Doch, zwei Dinge haben ihn wirklich gewundert: Das fast alle Menschen weiße Haut besitzen und die Taxis alle einen Mercedesstern.

 
Der Chinese in Neuseeland
Im Billigflieger nach Hongkong sitze ich auf einem Mittelplatz. Die Asiaten haben die Billigairlines erfunden und zur Perfektion geführt. Der Mittelplatz ist so eng, dass er nur zwei Optionen bietet: sich still mit dem Sitznachbarn um den nicht vorhandenen Platz streiten oder laut für die Dauer der Reise zu befreunden. Wenn ich meinem Nachbarn schon näher auf Pelle rücken muss als meinen besten Freunden, entscheide ich mich für die zweite Variante. Mein Sitznachbar, ein Festlandchinese auf dem Heimweg von seinem Studienjahr in Neuseeland, findet auf meine Fragen allerdings nur lapidare Antworten. Pädagogik hat er dort studiert, anders sei das als in China. Von Neuseeland hat er wenig gesehen, keine Zeit. Auch zuhause würde sich niemand auf ihn freuen, bestenfalls auf die Geschenke die sich in seinem Rucksack befinden. Selbst meine Jokerfrage, ob er sich denn auf das chinesische Essen bei seinen Eltern freue, entlockt ihm nur einen emotionslosen Halbsatz: Der Reis in Neuseeland stamme ebenso aus China, wie das chinesische Milchpulver aus Neuseeland.  Sollte ein Pädagoge nicht für irgendetwas Begeisterung aufbringen können?
Zu meiner Verwunderung findet er etwas, als er hört dass ich in Deutschland lebe. „Das muss ja wirklich ein außergewöhnlich schönes Land sein!“, sagt er und richtet sich in seinem Sitz auf, was unweigerlich dazu führt, dass er seinen Ellenbogen in meine Rippen rammt. Sobald ich wieder atmen kann, versichere ich ihm, dass Deutschland schön ist und will wissen worauf denn seine Erkenntnis beruht. Seine Antwort verwundert mich: „In Neuseeland leben ja Menschen aus allen Ländern dieser Erde.“ Wie recht er hat, so viele dass ich mir schon die Frage gestellt habe, ob denn in Deutschland noch ein Abiturient übrig ist. „Alle müssen irgendwann zurück“, so fährt er fort, „aber nur die Deutschen freuen sich darauf wieder nach Hause zu fliegen. Also muss Deutschland das schönste Land sein“. Der Flieger landet und ich darf das Kompliment an mein Land genießen ohne darauf antworten zu müssen. Direkt hinter dem Ausgang des Flugzeugs trennen sich unsere Wege, ich darf ohne Visum nach Hongkong einreisen, er wird direkt zum chinesischen Festland geleitet.

 
Der Chilene in Australien
So leicht wie der Chinese macht es mir der Südamerikaner nicht, den ich in der australischen Wüste treffe. Er fragt mich aus: Wie sieht es aus Dein Land? Was gibt es dort zu sehen? Lohnt es sich dorthin zu reisen? Ich weiß nicht wo ich anfangen soll, erzähle von den Städten, der langen Geschichte, den Alpen, dem Meer und treffe nur auf höfliche Langeweile. Auch Wälder und Burgen oder Dichter und Denker erzeugen keine Begeisterung in seinen Augen. Ich probiere es mit Rhein und Mosel und erwähne eher beiläufig die steilen Weinberge und das daraus resultierende Getränk. „Wein!“, so ernte ich endlich eine Reaktion, und die ist so intensiv wie die meine auf den Satz der Jüdin. „Vom deutschen Wein habe ich bereits gehört, der soll etwas ganz Besonderes sein,… ich glaube den nennt ihr Glühwein“

„Luxuriöse Stille“ oder „die letzte Seite“

Ankunft am Bahnhof einer fremden und exotischen Stadt, die Schlepper der Hotels drängeln sich schon in das Zugabteil. Dort verteilen sie Visitenkarten ihrer Gästehäuser und wenn man diesen Karten Glauben schenkt, dann ist jedes einzelne die Topempfehlung der aktuellen Ausgabe des „Lonely Planet“. Wohl oder übel vertraut man sich einem der Schlepper an, erkundet drei, bestenfalls vier verschiedene Hotels und sucht sich davon das Beste aus. Wer diese Art des Reisens noch kennt, ist alt.

Doch selbst die Alten nutzen heutzutage Smartphone und Internet. Niemand trifft mehr an einem Bahnhof ein, ohne vorher online ein Hotel zu buchen. Und zwar eines das zuvor von anderen Reisenden in den Olymp der ersten Seite eines Vergleichsportals bewertet wurde. Jedes Staubkorn unter dem Bett eines jeden Zimmers ist bekannt, über jeden Ort existiert so viel Information, dass die Reise dorthin fast schon überflüssig wird. Grund genug nach der dunklen Schmuddelecke des Internets zu suchen, die sich auch mit der besten Recherche nicht ausleuchten lässt. Wir haben den Versuch gewagt, uns auf das Abenteuer eingelassen, den Mut aufgebracht die letzte Seite zu betrachten.

Wenige dringen bis dorthin vor, die meisten sehen niemals auch nur Seite Zwei einer Suche auf „Tripadvisor“, „Booking.com“ oder „Agoda“. Die erste Seite ist es die zählt, vielleicht noch die erste Seite in der geeigneten Preisklasse. Aber wirklich spannend wird es erst dort wo keiner hinschaut, am Ende der Liste. Was kommt noch hinter dem „Hotel Germania“, das angestaubt im Industriegebiet mit einer Bewertung von „vierkommasieben“ auf Gäste wartet? Die Vierkommasieben stehen für „Angenehm“, aber jeder weiß: dass Gegenteil ist gemeint. Dahinter kann es eigentlich nichts mehr geben.

Und doch öffnet das grenzenlose Internet auch hinter dem Hotel Germania noch einen Raum, den Raum für alle die noch gar keine Bewertung besitzen. Platz für die Untoten der modernen Hotelbranche. Wer in dieses schwarze Loch gelangt und auf welchem Weg, darüber kann ich nur spekulieren. Neue Hotels, gerade erst eröffnet? Solche die ihren Namen geändert haben? Die entweder bisher nicht von Gästen besucht wurden, oder deren Kunden keine Bewertungen schreiben? Jedenfalls suchen wir uns eines davon aus, mehr oder weniger zufällig, denn eine Bewertung ist ja nicht bekannt. „Su Tine San Palace Hotel“ klingt vielversprechend und der Preis ist auch in Ordnung, also buche ich.

Der erste Eindruck ist gut. Zwar hat der Taxifahrer den Hotelnamen noch nie gehört, aber ein kurzer Telefonanruf führt ihn vor die Lobby. Wir sind richtig, das steht außer Frage, denn in großen Lettern steht unser Name auf der Eingangstafel. Gefühlte vierzig Hotelangestellte stürzen sich auf uns. Unser Gepäck wird vielhändig in das Innere des großen Hotels gehoben und unsere Reisepässe gegen ein Willkommensgetränk eingetauscht. Ohne auch nur an der Rezeption zu stoppen, sind wir schnell in ein komfortables Zimmer verfrachtet. Spätestens als am nächsten Nachmittag immer noch „Welcome Ingmar Ackermann“ von der Tafel leuchtet wird klar: Außer uns ist niemand angereist. Wir sind in der Leere gelandet, dem Platz am Ende des Internets.

Die einzigen Gäste in einem großen Hotel, das kann grausam sein oder angenehm, amüsant ist es allemal. Bis um acht Uhr abends soll der Pool geöffnet sein, doch als wir um sieben in Badekleidung an der Lobby vorbeimarschieren, liegt der Pool wie ein stiller, dunkler See im Innenhof. Aber auch nur solange bis wir kommen, denn hinter uns rennen sieben eifrige Helfer, auf der hektischen Suche nach Hebeln und Schaltern. Nach wenigen Minuten erstrahlen Lampen über und unter der Wasserfläche, die Bäume blinken weihnachtlich bunt und Wasserfontänen entspannen unsere Nackenmuskeln. Damit nicht genug steigt einer auf das Hoteldach um auch von dort für festliche Beleuchtung zu sorgen. Eine Viertelstunde später ist unser Bad beendet und die Prozedur wiederholt sich in umgekehrter Richtung. Das ist auch gut so, denn wir sind müde und unser Zimmer ist zum Pool gerichtet, die dunkle Stille also sehr willkommen. Genau die gleiche Szene wiederholt sich bei allem was wir in diesem Hotel angehen, egal ob wir im Restaurant frühstücken oder Elektrofahrräder für den Tagesausflug leihen. Mit unserem Erscheinen entsteht Leben und Aktivität, hinter uns wird alles wieder weggeräumt.

Als wir nach zwei Tagen abreisen, leuchtet er immer noch, unser persönlicher Willkommensgruß. Wir haben den Aufenthalt genossen. Obendrein steht fest: Es gibt ihn den Silberschein in der dunklen Ecke des Internets. Und wir haben ihn gefunden. Nur was passiert damit wenn ich jetzt eine positive Bewertung schreibe?

Zur zarten Kokosnuss

Können Kokosnüsse auch zäh sein? In Indien offensichtlich schon. Für unsere Augen und Ohren sind sie ungewohnt, die Schilder welche in einem unnachahmlichen Englisch Wahrheiten verkünden. Wahrheiten wie sie die englische Sprache nur in Indien zulässt. Viele fallen auf den ersten Eindruck herein und glauben die Inder – zumindest diejenigen aus der Kaste der Schildermaler – wären des Englischen nicht mächtig. Das ist natürlich weit gefehlt, denn genau das Gegenteil ist richtig: bei genauer Betrachtung offenbart sich wie exakt es diesen Schildern gelingt, genau das auszudrücken was gesagt werden muss.

„We provide Western toilets and clean toilets“, so strahlt es mir an der Raststätte entgegen und jeder der einmal in Indien gereist ist weiß sofort: Hier wird ein wahres Wort gelassen ausgesprochen. Und die Wahl zwischen den beiden Varianten fällt nicht schwer. Entweder mit Sitz oder sauber. Übrigens beides ohne Klopapier, sonst würde das ja auch auf dem Schild stehen.

Häufig liegt der Unterschied im Detail. Überall auf der Welt heißen Geldautomaten ATM, auch in Indien. Aber während die Abkürzung in allen anderen Ländern sehr nüchtern „Automated Teller Machine“ bedeutet, leuchtet über dem indischen Geldautomaten eine viel treffendere Beschreibung der Funktion: hier steht ATM für: „All Time Money“.

Die Bedienung verläuft dann wie gewohnt, bis dann am Ende der Hinweis auftaucht: „Please wait while your money is been printed“. Die Geldscheine die danach zum Vorschein kommen sehen allerdings überhaupt nicht so aus, als ob sie gerade aus der Druckerpresse kommen. Aber auch in Deutschland wird langsam jedem klar, dass unser Wirtschaftssystem davon lebt einfach immer mehr Geld zu drucken, auch wenn es keiner offen ausspricht.

Die abgenutzten Scheine sind vollkommen ausreichend um die Rechnung im Hotel „Zur Zarten Kokosnuss“ zu begleichen. Das gleiche Hotel bietet auch „Quiet and Warm Showers“ und wieder kann ich den Schildermaler nur für seine Aufrichtigkeit loben. Der Duschraum liegt nachmittags in der prallen Sonne; ich würde ihm auch keineswegs Übertreibung vorwerfen können, wenn er von „Hot Showers“ gesprochen hätte. Aber ein gewisses Element des britischen Unterstatements hat sich dann doch in diesem Land eingenistet. Was die Ruhe angeht: Auch hier kein Unterschied zwischen der Ankündigung und der Realität. Als ich die Hähne aufdrehe unterbricht keinerlei Wasserrauschen die Stille im Bad, noch nicht einmal ein Tröpfeln. Ich denke ganz kurz, dass er auch „warme, ruhige und trockene“ Dusche hätte schreiben können, aber er ist ja Inder und kein Deutscher.

Also anstatt der erfrischenden Dusche lieber eine belebende Massage. Mutig entscheide ich mich für eine Ölmassage, mit der Beschreibung: „This massage gives benefits of lightens the body oil not use“. Nicht jede indische Weisheit ist für den Ausländer sofort zugänglich. Meine Hotelrechnung bezahle ich jedenfalls gerne, denn ich verlasse das „Hotel zur zarten Kokosnuss“ mit vielen neuen Erkenntnissen. Ein letzter Gruß des Hauses steht in großer Schrift ganz vorne am Eingang: „Come to us as a friend and leave us a family!“ Das allerdings – da bin ich mir ganz sicher – habe ich nicht getan.

Yogastrand

Wenn auf dieser Welt ein existiert der sich ganz dem Yoga verschrieben hat, dann ist es der von Arambol. Nicht umsonst liegt er am Ende des Hippie Trails, viele der reisenden Hippies hielten ihn schlicht für den Himmel auf Erden und sind bis heute dortgeblieben.

Wo sonst verschreibt der örtliche Arzt bevorzugt Yogapositionen und Pranayamas? Wo verkauft der Tante-Emma Laden Yogamatten anstatt Strandmatten? Wo sonst gibt es Zimmer ohne Dusche, ohne Bad, manchmal sogar ohne Wände, aber niemals ohne Yogaklasse? Arambol ist fest in yogischer Hand. Die Schönheitssalons nennen ihre Massage „empfangendes Yoga“ und der Büchertausch im Strandrestaurant bietet zwischen Sanskritschülern und Tantrikern genügend Erleuchtung um das gesamte dunkle Mittelalter und gleich auch noch den Frankfurter Flughafen zu erhellen.

Ein Morgen am Strand zeigt die yogische Tradition am klarsten: Auf wenigen hundert Metern Sand tummeln sich alle Yogastile von denen jemals berichtet wurde. Hatha, Anusara, Vinyasa, Kundalini, und hundert weitere fließen, halten oder schweben der aufgehenden Sonne entgegen. Ein Flashmop der Sonnengrüße. Die so gegrüßte ist offensichtlich an den vielfachen Gruß bereits gewöhnt, und geht auf wie immer. Tai-Chi Tänzer schneiden die Morgenluft in kleine Scheiben auf denen dann die Acroyogis fliegen können. Selbst die Strandhunde beherrschen mehr Yogapositionen als ich Tiernamen. Zwischen dem bunten Treiben schreiten selbsternannte und fremdbestimmte Gurus durch ihre Gehmeditation, sorgsam darauf bedacht nicht über den eigenen Bart zu stolpern.

Nur eine Gruppe fehlt, die Gemeinde der Bikramyogis. Erst die Mittagshitze wird sie zum Vorschein bringen. Auch Inder sind kaum zu sehen, die müssen wahrscheinlich arbeiten. Einer allerdings hat seinen Arbeitsplatz genau hier am Strand, der Rettungsschwimmer gleitet in einem knallroten Geländewagen den Strand entlang, immer auf der Suche nach Schwimmern in Not und nach Yogis in verbesserungsfähigen Positionen. Richtig gelesen, an diesem Strand ist der Lebensretter auch Yogalehrer. Kaum entdeckt er eine hilfsbedürftige Person, so springt er auch schon aus seinem Gefährt. Eine Hand auf die linke Pobacke des Yogalehrlings, die andere auf das rechte Knie und schon wird aus dem Asana der Krüppelkiefer ein aufrechter Baum.

Genau in diesem Moment allerdings braut sich echte Gefahr zusammen. Ein drahtiger Yogi steht bereits seit mehreren Minuten in einem wunderschön gestreckten Hund. Direkt an der Wasserkante schwebt sein Kopf nur wenige Zentimeter über dem Boden. Was er nicht sehen kann ist die große Welle, die direkt auf ihn zurollt und ihn in wenigen Sekunden wegspülen wird. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für den Rettungsyogi seiner eigentlichen Aufgabe nachzugehen, so denke ich. Der hingegen sieht offensichtlich keinen Anlass seinen gerade ausgerichteten lebendigen Baum loszulassen, sondern schaut nur entspannt in Richtung Welle.

Manche Yogis benötigen angeblich nur Luft und Liebe zum Leben, aber soweit ich weiß müssen auch die Erleuchteten zumindest noch atmen. Also mache ich mich auf dem Weg um dem gefährdeten Yogi das Leben zu retten, aber im Gegensatz zum Rettungsschwimmer bin ich zu weit weg und kann dann auch nur zuschauen wie das Schicksal seinen Lauf nimmt. Sekundenbruchteile bevor die Welle zuschlägt, gleitet der Yogi vom Hund in eine ausgewachsene Kobra, die ihren Kopf über den Fluten hält und sich von der Gewalt des Wassers in einen Lotussitz spülen lässt. Zufrieden sitzt er auf dem Strand, die Beine in einem gordischen Knoten mit seinem Schoß verwickelt. Ich weiß nicht welche anderen Nebenwirkungen das Yoga besitzt, aber wenn jemand behauptet, es würde auch gegen den Tod durch Ertrinken helfen, dann werde ich in Zukunft nicht widersprechen.

Eine kleine Lücke

Jedes Land besitzt seine Visitenkarte, der erste Eindruck gleich nach der Ankunft mit dem es sich vorstellt. „Das wahre Leben ist ein Karneval“, so verkündet das große Plakat am Flughafen von Delhi, und besser lässt es sich nicht zusammenfassen. Die vornehme Zurückhaltung ist die Sache Indiens nicht. „Ich bin bunt, ich bin laut; voller Menschen, voller Leben und froh dass Du jetzt auch noch hier bist“ so schreit es mir entgegen.

Vor allem die Lautstärke ist es, die den Auftakt drastisch macht. Ich frage mich wie denn der Verkehr in Indien vor der Erfindung der Hupe funktioniert haben mag; eine Frage auf die es keine Antwort gibt. Alles im indischen Straßenverkehr ist verzichtbar: Sicherheitsgurte, Scheibenwischer, Fensterscheiben, Türen; selbst Motoren oder Räder. Wer aber keine Hupe besitzt kann bestenfalls stehen, niemals sich aber bewegen.

Das gilt keineswegs nur für Busse oder Autos, sondern das gesamte Gemisch aus Gefährten, welches die Straße bevölkert. Karren mit Holz–, Gummi- oder Metallrädern in jeder erdenklichen Anzahl. Von Menschen geschoben, von Ochsen gezogen, von Kamelen geschaukelt oder von Pferden geführt. Die wenigen Löcher dazwischen gefüllt mit heiligen und weniger heiligen Kühen und Menschen. Mit der Ausnahme von Hundeschlitten bewegt sich jedes jemals erfundene Transportmittel durch die Straßen, oder versucht es zumindest.

Schlagartig wird mir klar warum der Hinduismus über 30000 Gottheiten kennt und verehrt: jeder einzelne davon ist absolut unverzichtbar um die Menschen und Tiere unversehrt durch das Chaos zu geleiten. Die Götter sind in bunten Farben auf die Lastwagen gemalt und in den Autos dient der Rückspiegel vorrangig als Halter für einen weihrauchschwangeren Altar. Damit funktioniert er, der Verkehr. Dank der vielfachen göttlichen Hilfe und natürlich dank der Hupen, Hörner und Fanfaren die jedes Gefährt besitzt und ohne falsche Bescheidenheit auch betätigt. Dabei ist das indische Hupen frei von jeglichem moralischen Unterton oder Vorwurf, der in Deutschland immer mitschwingt. Während der Deutsche hupt um Recht zu behalten, hupt der Inder um vorwärts zu kommen.

Das indische Hupen dient allein dem Zweck einer Mitteilung: „Jetzt bin ich hier und gleich werde ich da sein wo Du gerade bist“. Dem Adressat dieser Nachricht bleibt nichts anderes übrig als dem nächsten Verkehrsteilnehmer mit seiner Hupe die gleiche Nachricht zu schicken. Damit wird eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die schließlich alle gleichzeitig ein Stück vorwärts bringt. Irgendwo am Ende der Kette muss es natürlich jemanden geben der den Platz dafür freiräumt, wahrscheinlich einer der bedauerlicherweise keine Hupe besitzt.

Vielleicht ist das aber auch viel zu kleinlich und westlich gedacht, denn zu sehen ist dieser letzte Schritt nie. Der Trick besteht darin einfach darauf zu vertrauen, dass irgendwo zwischen dem Hupen und dem göttlichen Beistand eine Lücke entstehen muss. Die gilt es dann zu nutzen, noch bevor sie entstanden ist. So bewegt sich alles vorwärts, angetrieben von einer kleinen Lücke irgendwo am Rande des Universums.

Stilles Konzert

Zweihundert Badelatschen vor dem Eingang, Bastmatten auf dem Boden, bunte Tücher zwischen den Bäumen und hundert Rupien Eintrittsgeld: Die Szenerie beleuchtet mit den Ikea-Lampions die inzwischen auf der ganzen Welt für schummrig, stimmungsvolles Licht sorgen und mich immer an die selbstgebastelten Sparschweine aus Pappmaschee erinnern. Eine Konzertnacht in Goa.

Das Plakat verspricht ein „stilles Konzert“ und dieses Versprechen sollte eingehalten werden, mehr noch als ich mir vorstellen kann. Zu Beginn klingt noch eklektische Musik durch die Nachtluft, drei Musiker schaffen Sphärenklänge die sanft durch die Plamen rauschen. Die Besucher teilen sich in zwei Gruppen: Die eine Hälfte liegt auf dem Boden und trainiert für einen Ultramarathon im „Shavasana“; die andere sitzt im Schneidersitz, die Beine wie Holzblöcke vor dem Körper gestapelt. Dabei schwingen ihre Oberkörper und Arme so anmutig als gelte es den Palmblättern das richtige wiegen im Wind zu zeigen. Aus Rücksicht auf meine Muskeln und Respekt vor dem Anmut der Palmen schließe ich mich der Gruppe der Liegenden an.

Als ich nach wenigen Minuten all meine Körperteile mit der Bastmatte in bequemer Lage vereint habe, erstirbt die Musik. Offensichtlich waren die Sphärenklänge nur die Vorgruppe, der Hauptakt des Konzerts sollte noch kommen. Es folgt…Nichts, Stille unter den Palmen, gefolgt von… wieder Nichts! Aufdringlich dröhnt die Stille in meine Ohren, die immer hoffen von Musik erlöst zu werden. „Pause“ denke ich und beginne mich aufzurichten, aber der Rest der Konzertbesucher schaukelt weiter mit dem Oberkörper oder liegt erschlafft auf dem Rücken, also übe ich mich in Geduld. Die wird dann nach einiger Zeit belohnt, denn eine Stimme schmeichelt sich durch die Nachtluft. Sie gehört einer Frau die auf der Bühne sitzt und die Hände in die Luft hält als wollte sie sagen: „Ich könnte jetzt Musik spielen, mache ich aber nicht!“

Was sie wirklich sagt – oder besser gesagt, was sie in die Luft haucht – ist: „Willkommen zum stillen Konzert. Schön dass ihr da seid, wir wollen heute zusammen Nichts machen. Ihr habt jetzt die Freiheit nicht zu denken und nicht zu schlafen. Das einzige worum ich euch bitte ist nicht zu meditieren!“. Wie bitte? Gut, von Meditation verstehe ich nicht viel, aber hatte das nicht was damit zu tun frei von Gedanken zu sein? Nicht schlafen, nicht denken und nicht meditieren? Sie hätte auch sagen können: Spring ins Wasser, aber bitte mach dich dabei nicht nass!

Der einfachste Weg aus dem Dilemma wäre natürlich, das Konzert jetzt mit Musik fortzusetzen, aber das passt offensichtlich nicht in das Konzept des Abends. Es tröstet mich, dass ich nicht der Einzige bin der nicht so genau weiß was er tun soll. Offensichtlich sind auch die Musiker etwas unschlüssig. Jedenfalls beginnen sie in der anhaltenden Stille die Frau auf der Bühne zu umarmen. Das empfindet sie wiederum wohl als unfair gegenüber dem Publikum, und beginnt damit jeden Konzertbesucher zu umarmen. Die ultimative Goa-Variante des Stagediving nach dem Motto „Make Love not Music“.

Ich multipliziere die Anzahl der Besucher mit der Zeit die sie für eine Umarmung benötigt. Dabei habe ich kaum ein schlechtes Gewissen, denn wir sollten ja nicht denken, vom Rechnen hat niemand gesprochen. Eine gute Stunde wird das Ganze wohl noch dauern. Und dann kann ich bei aller Mühe doch nicht anders: Ich denke und zwar dass es an der Zeit ist für mich zu gehen!

Sehenswürdigkeiten

Reefton, Neuseeland

„Durch Kohle aufgestiegen und mit der Kohle abgestürzt“, das ist die Geschichte dieser Bergbaustadt. Während des Kohlebooms erhielt die verschlafene Wildwestansiedlung das erste öffentliche Stromnetz in ganz Neuseeland. Nun ist heutzutage der ständige Zugang zu elektrischer Energie absolut unverzichtbar, zumindest für die Besitzer eines Smartphones. Spätestens nach acht Stunden ohne Nachladen, schreit dies nach Nestwärme und verweigert den Betrieb. Kurze Zeit später treten auch bei dem Besitzer die ersten Entzugserscheinungen auf: unkontrolliertes Zittern in beiden Daumen und die nackte, gesichtsbuchlose Panik in den Augen. Wenn dann noch keine Steckdose in Sichtweite ist, können die Folgen fatal sein. Aber, so wichtig ein Stromnetz auch ist, als Touristenmagnet taugt es nur bedingt.

Andere Attraktionen kann ich der Dame in der Touristeninformation aber beim besten Willen nicht entlocken, also frage ich nach dem was es überall gibt: dem Wetter! Die Meteorologen hatten für das Wochenende Regen gemeldet, ob das denn immer noch so sei? „Nein, Nein, alles anders“, lautet ihre energische Antwort, „es wird überhaupt keinen Starkregen geben, einfach nur Regen!“ Verständlich; an einem Ort mit über zweihundert Tagen Niederschlag im Jahr, kann nicht gleich jeder Landregen zum schlechten Wetter zählen.

Mit dieser optimistischen Vorhersage im Nacken, begebe ich mich zum Zeltplatz, nur um dort festzustellen, dass die Schließung der Kohlegruben auch das kulturelle Leben arg in Mitleidenschaft gezogen hat. Nun mag mancher über Gelsenkirchen oder Bochum ähnliches denken, aber eines bleibt festzuhalten: Im gesamten Ruhrgebiet wird sich nicht ein Ort finden, der seinen Fußballplatz einfach zum Zeltplatz umgewidmet hat und das Sportlerheim zur Gemeinschaftsküche. Allerdings muss ich zugeben: mein Zelt auf der Position eines klassischen Linksaußen steht so weich wie eben und bietet einen guten Überblick.

Einladend dröhnt die Livemusik aus der Kneipe neben dem Sportplatz an mein Ohr und bereitwillig folgte ich ihrem Ruf. Die Coverband besteht aus fünf Musikern und alle sehen so aus als wäre der Rock’nRoll gerade erfunden, obwohl keiner von ihnen mehr als fünfunddreißig Jahre zählt. Offensichtlich haben sie einen Eid geschworen: niemals Lieder spielen die nicht schon zu ihrer Geburt in den Top 100 standen. Nach einer Weile, ich habe gerade mein erstes Bier geleert, springt der Bassist von der Bühne und setzt sich zu mir. Die anderen Vier mühten sich ohne Bass darum irgendwie wie Judas Priest zu klingen, als er mich fragt ob er mir denn ein Bier ausgeben könnte?

„Wo ich herkomme“, erkläre ich ihm verblüfft, „geben die Zuschauer der Band ein Bier aus und nicht umgekehrt!“.

„Das war hier auch mal so, nur … der Wirt lässt uns nur so lange spielen wie Gäste da sind und Du bist der Letzte und Dein Bier ist leer“.

Mein Blick geht von meinem Bierglas (leer) über die Kneipe (ebenfalls leer) zu meiner Armbanduhr. Es ist Freitagabend und noch nicht einmal viertel vor Zehn! Ich bestelle zwei Bier für uns und verspreche dem Bassisten mich möglichst lange daran an meinem festzuhalten. Als es mir schließlich doch ausgeht, sind auch der Band die Oldies ausgegangen.

Derweil ist es halb Elf und die historischen Straßenlampen des Ortes beleuchten eine leere Hauptstraße, so leer dass ich einfach durch die gespenstische Ruhe spazieren muss. Selbstredend sind alle Geschäfte geschlossen, aber das bedeutet nicht, dass sie auch abgeschlossen sind. Ganz im Gegenteil: Im kleinen Supermarkt steht die Tür offen, einzig die Kasse ist mit einem Schloss versehen; vor dem Café nebenan muss ich die Flügelfenster umrunden, die trotzig offen in den Gehweg ragen und vor der Bäckerei der Versuchung widerstehen mir durch das offene Fenster ein Brötchen zu angeln. Anscheinend glaubt hier noch jeder, dass ein elektrisches Licht ausreicht um jede böse Tat im Keim zu ersticken. Und obendrein scheint das sogar zu funktionieren.

Extremsport

Bungeejumping,  Skydiving oder Canyoning: alle diese adrenalinschwangeren Extremsportarten  wurden in Neuseeland erfunden. Kein Wunder, die Insel ist so klein und die Zerstreuung so rar, dass auch die absurdeste Idee irgendwann einmal ausprobiert werden muss. Überlebt der Probant, dann ist eine neue, noch extremere Sportart geboren.

Diesem Trend zum Extremen muss ich natürlich auch folgen und beschließe eine Runde Golf zu spielen. Nun gilt das Golfen nicht allen als ausgesprochener Extremsport, manchen noch nicht einmal als Sport, sondern bestenfalls als langatmiger Zeitvertreib der Wohlhabenden. Wer so denkt, hat allerdings noch nie in Kiwiland gegolft und bestimmt nicht in Takaka, einer Hippiesiedlung am Ufer des tasmanischen Meeres.

Als ich am Sonntagnachmittag auf dem Golfareal erscheine, sammelt eine Gruppe dieser Hippies -würdevoll ergraut – gerade am letzten Loch ihre Bälle ein. Mein Glück, denn so kann ich die fünfzehn Dollar Platzgebühr entrichten, die Leihschläger samt Transportkarre sind inklusive. Paul, der ehrenamtliche Platzwart schreibt meinen Namen in die dicke Vereinskladde: „Nur für den Fall dass Du dieses Jahr nochmal spielen willst, dann wirst du besser Mitglied im Golfclub, das kostet fünfundzwanzig im Jahr.“ Großzügig füllt er Golfbälle in meine Golftasche, „Der Wind und das Meer..“ murmelt er dabei, „Na, Du wirst es schon merken“.

Ich frage ob es denn lokale Regeln zu beachten gilt. „Nicht viele“, brummt Paul, „wenn Du ein Schaf triffst, darfst Du den Schlag wiederholen. Aber das ist eigentlich nur wichtig wenn die Tiere dickes Fell haben, da bleiben die Bälle drin hängen. Im Moment sind sie frisch geschoren, dann prallen sie gut ab. Wenn der Ball im Schafdung landet, darfst Du ihn versetzen, aber das ist nur wichtig wenn Du mit anderen spielst. Wirklich wichtig ist, das Du den Strom am Elektrozaun abschaltest bevor Du mit dem Schläger drankommst“. In der Tat ist jedes Grün rund um das Loch mit einem kleinen Weidezaun versehen, der dazu dient die vierbeinigen Gärtner aus diesem sensiblen Bereich fernzuhalten.

Frohgemut und unter interessierten Blicken ziehe ich zum Abschlag an Loch Eins. Der Druck von zwölf Augenpaaren in meinem Nacken ist offensichtlich hilfreich, denn wider Erwarten gelingt mir ein prächtiger Abschlag und der Ball fliegt in hohem Bogen genau in Richtung Fahne. Allerdings war der Bogen ein klein wenig zu hoch, so dass mein Ball erst hinter dem Ziel in einem Sandbunker zur Ruhe kommt, der geschickt aus den Dünen geformt ist.

Kein Problem, denke ich mir, denn genau für diese Fälle hält mein Leihset einen entsprechenden Spezialschläger bereit. Erneut gelingt es mir den Plan in die Tat umzusetzen: ein sanfter, steiler Lupfer hebt den Golfball über die Düne in Richtung Ziel. Was ich nicht beachtet habe: Die Lage am Meer mit antarktischen Sturmwinden. Eine Böe erfasst meinen Lupfer und zwingt den Ball dorthin zurück wo er herkam. Ich schaffe es gerade noch mich zu ducken und  schaue dann konsterniert auf meinen Golfball der zwei Meter hinter mir unschuldig im Sand liegt. Der zweite Versuch endet noch katastrophaler, diesmal kommt der Windstoß von der Landseite und die kleine weiße Kugel wird aufs Meer geblasen, ohne Tauchausrüstung ist sie nicht mehr zu erreichen. Irgendwann gebe ich auf und spiele flach um die Düne herum. Das erste Loch beende ich schließlich mit vierzehn Schlägen mehr und zwei Bällen weniger als geplant.

Nach vier weiteren Löchern finde ich langsam Gefallen an dem Kurs; der Wind, das Meer, die Schafe und selbst deren Exkremente schaffen einen besonderen Reiz. Auch schaffe ich es vor achtzehn Uhr das achte Loch zu beenden, danach schneidet die Flut diesen Zipfel des Platzes vom Land ab. Am Abschlag zu Loch Neun springen auf einmal die Schafe aufgeregt in alle Richtungen davon, ein buntbemalter VW-Bus hält genau auf mich zu.

Es ist Paul mit zweien seiner Freunde, sie drücken mir ein kaltes Bier in die Hand: „Wer bis hierhin kommt hat sich ein kaltes Bier verdient! Wir fahren jetzt nach Hause, stell die Schläger einfach in den Schuppen und wenn Du noch duschen willst: Das Clubhaus ist offen.“