Der Tell, die Schweiz und der Putin

Ihr lieben Schweizer*innen im Geist und im Land,


Ihr seid mir Nachbarn, Freunde und Vorbild, und manchmal einfach unverständlich. Gelegentlich braucht es den einen, der neutral bleibt und am Ende vermittelt und die Neutralität liegt euch im Blut. Aber, Hand aufs Herz, wie oft wird diese Rolle in der Weltgeschichte wirklich besetzt? Und warum sollte ein russischer Despot eiskalt die Welt belügen und dann dem Schweizer Schlichter folgen? Vorher bleiben alle Schweizer Uhren gleichzeitig stehen.
Vielleicht wollt ihr aus Prinzip neutral bleiben. Einfach so, weil es einfach ist. Ich bin unendlich dankbar, dass ihr beim letzten Knall dem Carl Zuckmayer und dem Erich Maria Remargue eine Heimat gabt. Lest ihre Texte. Dann wird keiner mehr „neutral“ und „prinzipiell“ in einen Satz packen.
Bleibt das ewig gleiche Motiv: Geld, Wirtschaft und Wohlergehen. Glencore, Vigol und Trafigura sind die umsatzstärksten Unternehmen eures Landes. Und das ist nur der Anfang der Liste, sieben der zehn größten Schweizer Firmen fallen in diese Gattung. Das Geschäft sind Rohstoffe, solche die aus Russland kommen und solche, deren Preise durch den Krieg kräftig steigen. Wer die für neutral hält, dem fehlen die Neuronen, sagen die Skeptiker. Ich frage mich: Wo bleibt die Verbindung zwischen Besitz und Verpflichtung?
Geschäftssinn hin oder her, in der Schweiz, die ich liebe, da lebt er noch: Der gesunde Menschenverstand! Der Tell war für eine Zeit Adolf Hitlers Lieblingswerk, bis er 1941 verstand, dass mancher Leser auch ihn für den Landvogt halten könnte. Dann landete Schillers Werk auf dem Index. Gegen die Liebe Hitlers für Nationalepen hilft nichts mehr, gegen Putins Liebe zum Füllen der Kriegskasse lässt sich etwas tun.
Ich freue mich über eine neutrale Schweiz, ein Land mit Stolz und Selbstbewusstsein, ein Land das der EU-Grenzen aufzeigt, eines das anders ist und eigene Wege geht. Aber Neutralität gegenüber Angriffskriegern gibt es nicht. Demokratie ist wichtiger als Geld und Haltung wichtiger als Deckung.
Macht morgen eine Volksabstimmung, wenn es sein muss, friert die russischen Gelder ein und taut sie erst wieder auf, wenn Frieden und ein wenig Freiheit zurückgekehrt sind. Das ist Neutralität, da einen sich die Demokraten und da trifft sich auch Europa wieder, ohne einander zu übertreffen.
Putin hat den Apfel auf den Kinderkopf gelegt, trefft ihn in der hohlen Gasse. Welch ein Zeichen, welche Wirkung, wenn die kleine Schweiz die große Fahne der Menschlichkeit hisste. Es ist eure Chance, bitte nehmt sie wahr!

Mittwochnachmittag

Der erste Tag des zweiten Corona „Shutdowns“ und ich stehe allein auf weiter Flur. Oder auch nicht, denn ich stehe mitten in der Großstadt, nur fühlt sich die so an wie weite Flur. Alles geschlossen und kaum eine Menschenseele zu sehen. Ich krame tief in meinem Gedächtnis, das Gefühl, das sich in mir breitmacht, kenne ich irgendwoher? Sicherlich vom Frühsommer dieses Jahres, von dem ich mich nicht entscheiden kann, ob es ein merkwürdiges oder denkwürdiges ist.

Im ersten Shutdown sah es hier ähnlich aus, aber meine Erinnerung stammt nicht dorther, sie ist viel älter und tiefer vergraben. Ich wühle in den alten Gedanken aber immer, wenn ich eine kleine Ecke der Erinnerung erwische, huscht sie weg und wirbelt dabei so viel Staub auf, dass mein Gehirn niesen müsste, wenn es das denn könnte. Niesen ist sowieso schlecht heutzutage, wenn überhaupt dann in die Armbeuge und das kann ein Gehirn schon gar nicht. Also benutze ich den ältesten Trick, um einen verlorenen Gedanken einzufangen: An etwas anderes denken. Wenn er sich unbeobachtet und sicher fühlt, dann kommt er von selbst wieder. Gedanken sind, so folgere ich, neugierige Gesellen, sonst würden sie das nicht tun. Also ist Neugier und Denken das Gleiche?

Ich merke, dass meine eigenen Gedanken abgeschweift sind, „das war der Plan“ denke ich und drehe mich (natürlich nur im Kopf) ganz schnell um: „Woher kam nochmal das Gefühl, das mich an die leere Großstadt erinnert?“, frage ich die Ecke meines Gehirns, die für interne Altertumsforschung zuständig ist. Immer noch kommt als Antwort nur ein Behördenbrief zurück, viele Andeutungen, keine Lösung und am Ende der Satz: „Wir glauben fest daran die Antwort zu kennen und werden die Suche danach mit großer Vehemenz vorantreiben!“ Langsam werde ich sauer, vielleicht ordne ich demnächst einen Shutdown für Gehirne an, was würde passieren? Wahrscheinlich nur, dass der Bundesgerichtshof die Maßnahme als unverhältnismäßig einstuft, weil sie großen Teilen der Bevölkerung keinen nennenswerten Effekt bewirkt.

Zu meiner Erinnerung würde mich das auch nicht führen, also verwerfe ich die Idee, wende mich mental wieder ab und versuche mehr Abstand zu gewinnen. Zu viel Abstand darf es aber auch nicht sein, sonst kommt die Erinnerung aus ihrem Versteck, du siehst sie gerade nicht und sie verschwindet in ein neues Loch. Dann geht das Spiel von vorne los, nur dass jetzt eine Schicht mehr darüber liegt. Es ist wie bei den russischen Matrjoschka-Puppen, beim nächsten Mal ist eine Puppe mehr darüber gestülpt. Das Erinnern erfordert Muße, sonst entstehen große Holzpuppen mit wenig Inhalt.

Meine Rettung erscheint in Form einer Fußgängerampel. So ausgestorben wie die Neusser Straße auch ist, Autos fahren darauf so viele wie sonst auch. Ich habe zwar keine Ahnung wo die Menschen in den Autos herkommen und erst recht keine Ahnung davon wo sie hinwollen, aber wenn alle systemrelevant sind, dann kann es an Krankenschwestern und -pflegern nicht mangeln. Jedenfalls erfordert das Überqueren der Straße meine volle Aufmerksamkeit. Ich bin voll darauf konzentriert, ob das grüne Männchen welches die Blechhorde im Zaum hält auch wirklich solange grün bleibt, bis ich ihr Revier auf der anderen Seite der Straße wieder verlassen kann.

Die volle Konzentration auf das grüne Männchen ist der Köder, dem die Erinnerung nicht widerstehen kann. Genau in der Straßenmitte kommt sie heraus, meine Falle schnappt zu und ich bleibe vom Geistesblitz getroffen stehen. Die Matrjoschka-Puppen! Sie waren früher jedes Jahr in dem Paket, das uns die Verwandtschaft aus der Zone so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk kurz vor Weihnachten schickte. Zusammen mit dem Christstollen und der Schallplatte vom Weihnachtsoratorium mit dem Dresdner Kreuzchor. Der Stollen war spätestens im März aufgegessen, die Platten und die Puppen sammelten sich im Schrank.

Die russisch anmutenden Holzpuppen führen meine Gedanken zurück in das kleine Dorf meiner Kindheit, in dem Moment wo das Dorf besonders still war. Sicherlich, solche Dörfer sind immer still, das ist ihr Wesen. Aber in manchen Augenblicken sind sie besonders still und verlassen, oder waren es zumindest in den Siebzigern. Damals besaß ein solches Dorf noch Läden und Geschäfte und genau diese waren mit großer Zuverlässigkeit an jedem Mittwochnachmittag geschlossen. Das war sie, die Stimmung, die mich aus der Vergangenheit eingeholt hatte: alles dicht, keine Menschen weit und breit und nichts zu tun.

Es ist eine wunderbare Erinnerung, genau die richtige Mischung aus bitter und süß. Bitter, weil ich immer genau am Mittwochnachmittag etwas brauchte: Eis, Sammelbilder oder ein neues Buch aus der Bücherei. Doch egal wie viel Taschengeld in meiner Hosentasche brannte, es war zu nichts nütze. Aber auch süß, weil der wiederkehrende Shutdown am Mittwochnachmittag auch Freiheit gab. Freiheit für neue Ideen: Baumhäuser, Frösche, Wasser und Wald; alles geöffnet. Sicherlich kamen wir auch auf schlechte Ideen, wenn ich ganz ehrlich nachzähle, waren das vermutlich die meisten, manche davon wirklich schlecht. Aber immerhin waren die Ideen neu und es waren auch gute darunter.

Was ich mir merke: Ein Shutdown kann mir nichts anhaben, das habe ich früh genug trainiert. Und weniger Möglichkeiten fördern das Neue. Ich lege die entstaubte Erinnerung vorsichtig wieder zurück und wende mich wieder der Gegenwart zu. Immer noch stehe ich mitten auf der Neusser Straße, das Ampelmännchen strahlt allerdings derweil in leuchtendem Rot und mein Schienbein steht direkt vor der Stoßstange eines Autos. Dessen Fahrer hat offensichtlich geduldig darauf gewartet, dass ich mich zu Ende erinnere. Stimmt, einfach mal etwas langsamer sein schadet auch nicht. Wir lächeln uns kurz zu und ich räume für ihn die Straße. Heute ist übrigens Mittwoch.

Auf dem Wochenmarkt in Coronia

Heute ist alles anders. Fast alles. Der Fischhändler ist gut gelaunt wie immer, aber die berühmte Schlange vor seinem Stand ist nicht mehr zu erkennen. An normalen Tagen steht sie immer vor seinem Stand, diese Schlange in Form einer Traube. Aber Menschentrauben, das hat inzwischen auch fast jeder Kölner verstanden, sind gerade nicht angesagt. Der Fischhändler hat vorgesorgt und vor seinem Wagen Herzen aus Kreide aufgemalt, im Abstand von zwei Metern. Damit hat er den üblichen Pulk in eine Reihe seziert, die von Lücken dominiert ist. Mein Herz schlägt vor Freude einmal zusätzlich, so lassen sich die Menschen viel leichter zählen.
Die Neuankommenden sondieren die Lage, ihr Blick fällt vom Fischstand zu den stehenden Menschen, erkennen die Kreideherzen und langsam auch das Prinzip. Sorgsam auf Abstand bedacht bewegen sich die Kunden in Richtung des Schlangenendes, über die Straße hinweg und bis in die dahinterliegende Allee. Zwischendurch steckt auch der Fischverkäufer den Kopf heraus und lobt die Wartenden: „Immer Abstand halten, ihr macht das prima“. Dabei fällt ihm auf, dass er zu wenig Herzen gemalt hat und er ermuntert zwei Kinder ihm neue zu malen. Einen Sahnehering als Belohnung lehnen die beiden ab, nicht alles ändert sich. Ob sie denn ein Stück Käse nehmen würden? Passt für die Kleinen, er schreit die Bestellung zur Käsehändlerin hinüber, die bestätigt, gibt es. Aber erst gleich, wenn der Stand frei ist und verpackt; wegen der Hygiene.
Der größte Vorteil der Schlangen mit zwei Metern Mindestabstand: Man verpasst keine Unterhaltung mehr. Etwa in der Mitte der Fischschlange steht eine junge Frau mit einer großen Packung Toilettenpapier, eifrig darum bemüht das was völlig normal ist auch jetzt normal aussehen zu lassen. Sie macht das recht gut, es kann aber hier im Rheinland nicht funktionieren. Von hinten kommen die ersten Kommentare: „Lasst die Frau mit dem Klopapier vor, die hat Not“. Ihre Reaktion dann prächtig offensiv: „Ihr könnt vor, ICH habe das Wichtigste schon!“.
Dann wird es ernst, als ein älterer Mann – knapp sechzig – sie fragt, wo denn das Papier her sei und ob es da noch was gäbe? Nein lautet die Antwort, erst am Nachmittag rechne der Aldi mit Nachschub. Die glückliche Papierbesitzerin ist aber gerne bereit zu teilen. Das wiederum hält der Alte nicht für nötig, er hätte noch sechs Rollen zu Hause, nächste Woche vielleicht. Daraus ergibt sich die Frage an die Schlange: „Wer braucht noch was?“. Vor meinem geistigen Auge fliegen schon die Rollen durch die Luft, zwei Meter Abstand sind oberstes Gebot, auch und gerade beim Klopapier. Aber alle winken ab und geben kurz den Bestand durch: „vier Pakete für zwei Personen“, „acht Pakete, aber nur zweilagig“, „genug solange keiner Dünnschiss hat“, „was soll der Quatsch, ich will Fisch“. Anscheinend ist der Bedarf gedeckt.
Derweil stehe ich in der Käseschlange. Die Käsehändlerin hat keine Kreideherzen, dafür – wie immer – eine deutliche Ansprache und ein hartes Regiment. Funktioniert auch, ihre Schlange ist nicht so lustig aber ebenso abständig. Jeder nach seinen Fähigkeiten. Als ich drankomme, liegen die Käsestücke in der Auslage fast so weit auseinander wie die Menschen stehen. Die Händler können sich keine große Vorratshaltung leisten. Trotzdem gibt es noch fast alles, selbst Handkäs mit Musik – in schwierigen Zeiten denkt jeder an die Heimat – gibt es noch. Gerade noch, die Käsehüterin packt mir die beiden letzten Stücke ein. Bereits im Weggehen höre ich die nächste Kundin dann ebenfalls nach Handkäse fragen. Negative Antwort von der Käsefrau, der junge Mann – sie meinte mich- hätte die letzten Stücke gekauft. Ich halte ein, wenn andere Toilettenpapier abgeben, kann ich ja wohl auch Handkäse teilen. Insbesondere weil die Kundin jetzt erklärt, dass sie den Handkäse für den Josef kaufen sollte, der dürfte ja jetzt nicht raus wegen seines Asthmas. Das ändert aber die Lage, denn der Handkäse für Josef liegt bereits abgepackt unter dem Tresen, wie jeden Freitag. Alles wird gut.
Meine Wochenendeinkäufe sind getätigt. Auch ich habe mehr gekauft als sonst, zehn anstatt sechs Eier, ein ganzes statt einem halben Brot. Schwer beladen laufe ich zu meinem Fahrrad, doch zwischen mir und dem geparkten Drahtesel liegt ein Problem: Die Fischschlange. Genau vor dem Rad haben die Kinder ein Draufstehherz gemalt. Mein Blick wandert zwischen dem Wartenden und dem Fahrrad hin und her. Der Mann auf dem Kreideherz erkennt meine Not – irgendwie nehmen wir uns als Menschen besser wahr, seitdem wir Abstand wahren. Aber das ist nur einer der vielen Widersprüche, die ich im Moment mit Überraschung lerne.
Jedenfalls erkennt er meine Not und bewegt sich ganz langsam nach hinten, und alle Nachstehenden tun das Gleiche. Polonaise rückwärts, ohne Anfassen, etwas ganz Neues, aber das Grundmuster kennt hier in Köln ein jeder. Für mich entsteht ein mindestens zwei Meter breiter Korridor zum Fahrrad, alles prima, ich kann ausparken. Für einen Moment überlege ich, die Schlange noch etwas tanzen zu lassen, indem ich noch einige Male ein- und dann wieder ausparke. Aber wirklich nur für einen Moment und nur für mich. Kopfkino ist das Gebot der Stunde und immer schön.

 

Anmerkung (bevor jemand Fake News generiert): Dies ist ein literarischer Blog, sprich nicht alles was beschrieben wird hat sich auch genau so, an diesem Ort und zu dieser Zeit abgespielt. Fest steht aber: Kunden und Betreiber haben sich auf diesem Markt vorbildlich verhalten, weiter so!)  

Cowboy und Indianer

„Können sie dafür Sorge tragen, dass ihr Kind sich nicht als Indianer oder Scheich verkleidet, wir wollen Kostüme die keine Stereotype wie Geschlecht, Hautfarbe und Kultur bedienen“, so bat eine Kita in Hamburg ihre Eltern. Da könnte der Rheinländer natürlich sofort in die Falle der Vorurteile tappen, indem er antwortet: Hamburger und Karneval, das ist wie Heringe und Bergsteigen! Alleine schon den Karneval in einem Atemzug mit Sorgen zu nennen. Aber kultursensibel und weltoffen wie es unsere Art ist, denken wir in Ruhe darüber nach.
Natürlich gibt es Kostüme, die einfach nicht gehen. Manche – wie der „Neppesser Negerkopp“ – wurden schlicht von den Zeiten überholt. Andere – wie Donald Trump – haben sich selbst überholt. Und selbst bei diesen Kostümen hängt es noch von der persönlichen Inszenierung ab, das „Eichhörnchen vom White House“ funktionieren gut. Obwohl das natürlich den Teufel diskriminieren könnte.
Was bleibt dann noch als Kostüm, wenn es denn – so der Anspruch – diskriminierungsfrei und vorurteilsbewusst gestaltet wird? Der Cowboy muss mit dem Indianer vermottet werden, denn der gewaltfreie Umgang mit Minderheiten ist keineswegs garantiert. Und so ergeht es auch fast allen anderen. Verkleidest du dich als „Sonnenschein“ dann geht das nur auf Kosten des Regens. Umgekehrt ist „Nieselregen“ als Kostüm nicht nur unpraktisch, sondern marginalisiert alle anderen Formen von Niederschlag. Wie fühlt sich denn ein Hagelschauer, wenn er die ganze Session von lauter „Nieselregen“ umgeben ist?
Auch die Klassiker müssen auf die schwarze Liste. Der gute alte „Lappeclown“ diskriminiert gleich dreifach: Die wahren Clowns dieser Welt, das nordische Volk der Samen und die ehrwürdige Kölner Schneiderinnung. Gerade am Schneider ist der fatale Effekt dieser Diskriminierung deutlich sichtbar: Mailand, Paris und New York stehen für die „Haute Couture“, und nicht etwa Köln, denn bis heute denkt jeder, Kölner Schneider könnten nur Lappen aufnähen.
Probieren wir was anderes. „Appelsinefunke“ klingt erstmal unverfänglich, obwohl natürlich jedes Kind weiß wie schnell bereits ein einzelner Funke ein formidables Feuer entfachen kann. Und im Allgemeinen tritt der Funke nicht alleine auf. Dann noch die Apfelsine davor, eindeutig weiblich und damit sexistisch (Ja, es gibt auch Namen die auf wahre Eigenschaften deuten). Aber das Schlimmste kommt noch, denn das Wort „Apfelsine“ leitet sich vom „Apfel aus China“ her, und das diskriminiert beide, die Chinesen und den deutschen Apfel. Also ist zumindest eine Umbenennung vonnöten, der „Appelsinefunk“ muss „südfruchtfarbiger Kölner Stadtsoldat (Männlich, Schrägstrich, Weiblich, Schrägstrich, Diverse)“ genannt werden.
Allerdings ist die Kostümfrage nicht hoffnungslos. Die eine oder andere Möglichkeit steht den Karnevalisten auch dann noch offen, wenn jedes Vorurteil und auch das letzte Stereotyp ausgeräumt ist. Diese kleine Lücke entsteht an den Rändern des Lebens, dort wo wir Menschen noch alle gleich sind. Als Baby zum Beispiel, alle werden geboren, da kannst Du keinem mit auf die Füße treten, allein weil du noch nicht laufen kannst. Nur eines gilt es zu bedenken: Die Farben blau und rosa müssen unbedingt vermieden werden. Am anderen Ende gibt es dann noch den Sargträger, denn der tut ebenfalls keinem mehr weh. Das schafft auch Möglichkeiten zum Umweltschutz, das Kostüm eines Sargträgers lässt sich kinderleicht aus dem Vampirkostüm basteln, einfach das Blut und die spitzen Zähne weglassen.
Wer das beides nicht mag, dem bleibt nur das rot-weiße Kostüm als Fan des 1.FC Köln. Wenn die singen „Nie mehr zweite Liga“, dann könnte man in Bielefeld oder Sandhausen eine Diskriminierung reklamieren. Könnte man! Es wird aber kein Sandhäuser oder Bielefelder Fan jemals auf die Idee kommen, denn sie alle wissen genau: Der FC kommt wieder, denn nach dem Aufstieg ist vor dem Abstieg. Obendrein würden die Fans des FC diese Zeile auch dann noch schmettern, wenn sie gerade in die dritte Liga abgestiegen sind.
Doch damit erschöpft sich auch die Welt der diskriminierungsfreien Kostüme. Also müssen wir das Dilemma anders lösen, mit Mitteln, die dem kölschen Karneval seit Anbeginn zu Eigen sind: Das Problem wird liebevoll umarmt und dann einfach mundtot gebützt.
Daher verkleide ich mich im nächsten Jahr als „barrierearmer Kitaleiter“. Auch das funktioniert sicher nicht ohne Ausgrenzung. Die aber mache ich transparent und verteile statt Kamelle mein Manifest. Ein engbedrucktes Pamphlet in dem auf achtzig Seiten alle denkbaren und undenkbaren Missverständnisse erläutert, diskutiert und nachhaltig ausgeräumt werden. Irgendwo im Kleingedruckten auf Seite achtundsiebzig verstecke ich ein Preisausschreiben. Der Hauptgewinn ist eine Packung Schaumwaffeln und alle dürfen daran teilnehmen, auch die indigenen Völker Nordamerikas.

Das Knie Teil 2: Die Schöne und die Schulter

Respekt vor solch durchdachter Planung in einem Krankenhaus! Ich, das Knie, teile das Zimmer mit einer Schulter. Damit besitzen die Bewohner des Zweibettzimmers drei brauchbare Arme und Beine. In anderen Worten, ich schmiere die Stullen und die Schulter schleppt das Material heran, eine perfekte Symbiose. Läuft also bei uns, wenn nur nicht … (Ja, immer gibt es ein „wenn nur nicht“ im Leben und fast immer geht es um das Eine …), also wenn nur der Liebeskummer nicht wäre. Ich weiß nicht, ob er noch betäubt war oder schon wach, aber das erste Wort, das ich von ihm vernahm, lautete „Wiebke“. Da ahnte ich noch nicht einmal, wer das ist. Aber das sollte sich bald ändern, denn das Krankenzimmer von Männern ist ein Ort ohne Geheimnisse.
Aber ich muss vorne beginnen. Die Schulter ist Mitte zwanzig und stammt aus einem Ort im Sauerland, dessen Name nichts zur Sache tut. Solche Orte stehen häufig im Sauerland. Manche behaupten, das Sauerland bestünde daraus. Daran glaube ich allerdings nicht, für mich besteht das Sauerland aus Fichtenwald.
Dort ist er der unbestritten beste Spieler des örtlichen Fußballklubs. Der wiederum spielt in der Kreisliga B mit Ambitionen und einem Mäzen. Dank des finanzkräftigen Sponsors erhält die Schulter vierhundert Euro im Monat für das Kicken, ein fürstliches Gehalt. Obendrein ist der Mäzen Bauunternehmer, spezialisiert auf Parkhäuser und Lagerhallen, und Arbeitgeber der Schulter. Daher ist die Schulter eine lokale Berühmtheit, darf trainieren gehen statt auf Montage und dann ihre Schnelligkeit auf den Platz bringen. Doch genau in seiner Schnelligkeit lag das Verhängnis.
Schnelle Sprinter sind selten in der Kreisliga B, deswegen kann die Schulter viele Tore erzielen. Viel häufiger ist dagegen die Blutgrätsche.

Fatal nur, wenn die Blutgrätsche auf einen solchen Läufer trifft. Die gesamte kinetische Energie verwandelt sich schlagartig in Reibung, Wärme und gebrochene Knochen. Früher auf dem Ascheplatz mehr Reibung, heute auf dem Kunstrasen mehr gebrochene Knochen. Dafür fließt weniger Blut. Solch ein unglückliches Treffen von Sprint und Blutgrätsche machte die Schulter zur Schulter. Und weil der Mäzen langfristig denkt, liegt er jetzt neben mir, in die Großstadt verschifft, damit der »Herr Professor« sich drum kümmert.
„Ich kenne sie vom Bachelor, das sah sie nochmal besser aus“, so lautet der erste ganze Satz, den ich von der Schulter höre. Dann muss er mir erklären, was der Bachelor ist und ich beginne zu verstehen. Wiebke war sein absoluter Favorit und hätte die Show locker gewinnen müssen. Hat sie aber nicht, und das ist das Beste, denn deswegen ist sie noch nicht vergeben. Kein Wunder, dass er etwas wirr redet. Eben noch willst du nur das nächste Tor schießen. Dann wachst du in einer Großstadt aus der Narkose auf und vor dir steht eine Traumfrau, die du bisher nur aus dem Fernsehen kanntest. Denn Wiebke, die Wiebke aus dem Fernseher, ist unsere Krankenschwester.
Die Schulter besitzt noch das ländliche Urvertrauen und wendet sich deshalb hilfesuchend an mich. Ich käme doch aus der Stadt und würde mich mit solchen Dingen sicher besser auskennen. Mir scheint es opportun, ihm diesen Glauben nicht zu nehmen und spiele mit. Nach sechsunddreißig Stunden werden sie uns hier rauswerfen, also sollte er besser Gas geben, so mein pragmatischer Ratschlag.

Die Umsetzung geht aber gründlich schief, als Wiebke das Zimmer betritt. Sie sieht aus, als hätte sie vor dem Frühdienst noch bei RTL in der Maske vorbeigeschaut, die dunklen Augenbrauen frisch gezupft und die Nägel passend zum Schwesternkittel lackiert. „Kaffee oder Tee?“, fragt sie fröhlich, doch die Antwort der Schulter verliert sich in ihren „smoky eyes“. Vor lauter Schnappatmung finden die Worte keinen Weg. »Kaffee für uns beide, gerne«, antworte ich und kaufe ihm damit etwas Zeit.
Wiebke kehrt mit dem Kaffee zurück und begibt sich direkt an ihre Krankenschwesternkunst. Fieber, Befinden und Blutdruck. Meiner liegt bei hundertzwanzig, bei der Schulter zeigt das Gerät hingegen hundertzweiundvierzig. „Etwas hoch bei dir, der Blutdruck“, entfährt es Wiebke und die Schulter versenkt, zu meiner Verwunderung, die Steilvorlage ohne Zögern in den Winkel. Seine Antwort: „Das liegt nur an Dir!“
Ich ziehe meinen nicht vorhandenen Hut und zeige ihm, hinter Wiebkes Rücken, einen hochgestellten Daumen. Krankenhaus ist besser als Kino, denke ich dabei. Egal wie es weitergeht, an einer mangelnden Chancenverwertung scheitert es nicht. Wiebke stoppt mitten in der Bewegung, runzelt für eine Sekunde die geschminkte Stirn und sagt dann einfach: »Danke.«. Könnte schlechter laufen, finde ich. Danach beginnt sie mit dem Erklären der Tabletten: Die kleine ist für den Magen, die lange gegen Schmerzen und die bunte hemmt die Entzündung. „Für den Blutdruck brauchst du ja keine“, schiebt sie noch mit einem kecken Lächeln hinterher. Gut, dass er mich gefragt hat, denke ich, läuft doch!
Doch dann eskaliert die Lage schlagartig, als Wiebke geschäftsmäßig fragt: »Brauchst du Hilfe beim Duschen?« Die Schulter verfällt wieder in Schnappatmung, zum Glück ist das Blutdruckgerät abgeschaltet, sonst wäre der Notarzt schon im Anmarsch. Zehn Sekunden vergehen in Stille, zehn Sekunden, in denen selbst der Wecker auf meinem Nachttisch stehenbleibt. Dann lassen Atmung und Blutdruck der Schulter das Sprechen wieder zu: »Danke! Nein ich komme schon klar«. Wie blöd kann einer alleine sein? Ich schaue entsetzt zu meinem Bettnachbarn, Wiebkes Gesicht kann ich nicht sehen.
Ich hätte es wissen müssen, ein Mann vom Land kommt immer ohne Hilfe klar. Nur keine Schwäche zeigen. Schweiß und Arbeit sind immer gut, die Tränen und der Schmerzen dagegen geheim. Die Schulter sieht mein entgleistes Gesicht und beginnt zu ahnen: Das war suboptimal, Enttäuschung verteilt sich in großen Klecksen über sein Gesicht. Ich zögere kurz, denn ich bin ja Berater und kein Mitspieler. Aber was bleibt mir anderes übrig, ich muss eingreifen, sonst wird das nichts. »Die Schulterbandage kann er aber nicht alleine ausziehen«, so ertönt meine Stimme aus dem Off. Sie klingt nach Besserwisser und fürsorglichem Onkel, also gerade richtig.
»St… st… stimmt«, stottert die Schulter und grinst dabei erleichtert von einem Ohr zum anderen. „Wo er recht hat, hat er recht“, bestätigt Wiebke mit einem kurzen Kopfdrehen zu mir, „Komm ich helfe Dir eben“. Der Bann ist gebrochen und die Schulter beginnt zu schnattern: »Ich würde es ja schaffen, aber der Klettverschluss verheddert sich immer«. »Ich weiß«, entgegnet Wiebke, »das geht am Anfang jedem so, aber du kannst hier nach unten ziehen und dann…«, unter fröhlichem Geplauder verschwinden die beiden im Bad und die Welt ist in Ordnung. Nur der Wecker geht etwas nach.
Kaum eine Minute später taucht Wiebke wieder auf, im Hintergrund rauscht das Wasser der Dusche. Sie durchquert das Zimmer und wirft mir einen warnenden Blick zu, „bloß den Mund halten“ sagt der laut und deutlich. Wäre nicht nötig, denn ich habe schon mehr als genug gesagt. Dann zieht sie einen Stift aus der Tasche, schreibt etwas auf den Einwegwaschlappen in ihrer Hand. Eine Handynummer und darunter einen zwinkernden Smiley kann ich erkennen, bevor sie den Waschlappen auf dem Kopfkissen der Schulter drapiert. Abgang Wiebke, Vorhang zu, ihre Schicht ist erledigt, und mein Auftrag auch. Am Ende stimmt alles wieder, sogar der Wecker.

Das Knie- Erster Teil

Da hilft kein Argumentieren, mein Knie ist in den Fritten, die Operation so unvermeidlich wie der Ausgang ungewiss. Ich suche Zuflucht im Allheilmittel unserer Zeit: Dem Internet! Tippe die Diagnose ein und frage Herrn Google nach Lösungen. Sofort stürzen die Informationen auf mich ein, so reichlich wie widersprüchlich. Alles verloren oder alles bald wieder im Lot. Durch komplizierte Techniken mit unaussprechlichen Namen oder Handauflegen und bewusste Ernährung. Alles geht, nichts kann, nur eines steht fest: das neue Wissen macht mich nicht schlauer. Das Internet versteht mich nicht. Eines ist aber klar, ich werde für eine Weile einbeinig durch das Leben stolzieren. Also suche ich »barrierefreies Wohnen auf Zeit«. Das Ergebnis sind Angebote für »tabulose Stundenhotels«.
Entnervt streicht mein Blick über den Bildschirm und entdeckt etwas gänzlich Neues: die Werbung! Nicht die Werbung an sich ist neu, sondern ihr Inhalt. Schöne neue Welt. Verschwunden sind die bunten Anzeigen für Abenteuerreisen. Verschwunden auch der jugendliche Typ Mitte vierzig der mit strahlend weißen Zähnen die Vorzüge der privaten Krankenversicherung in mein Blickfeld lächelt. Ersetzt werden sie durch glückliche Senioren mit Treppenlift, die neueste orthopädische Strumpfmode und den Getränkelieferdienst für Heilwasser: »Wir tragen die Gesundheit in ihre Wohnung«. Die Liste ist komplett, es fehlt nur das Sonderangebot für Feuerbestattung. Offensichtlich ist der Tod der letzte analoge Hort auf dieser Welt. Nicht weiter erstaunlich, auch wenn die Werbung alles über einen Toten wüsste, der kauft trotzdem nichts.
Ich gebe auf, im weltweiten Netz gibt es viel, aber nicht dass, was ich suche. Humpelnd schaffe ich es bis zur Bushaltestelle. Beim Anblick meiner Krücken senkt der Fahrer den Boden seines Gefährts, so dass ich eben einsteigen kann. Vielleicht, so keimt die Hoffnung in mir, findet sich die Empathie im wirklichen Leben. Das scheint sich zu bestätigen, denn die junge Frau auf dem Platz gegenüber erkundigt sich mit ehrlichem Mitgefühl nach meinem Befinden. Sie hört zu, lächelt an den richtigen Stellen und schüttelt genau dort mitleidig den Kopf, wo ich das gerne hätte. So hänge ich an ihren Lippen, als sie im Aussteigen zu ihrem Schlussplädoyer ansetzt:
„Sie müssen sich aber auch darüber freuen, welche Möglichkeiten die Medizin heute bietet. Früher mussten Menschen wie sie sterben, weil sie sich kein Essen mehr besorgen konnten“. Ich schau jetzt doch noch mal ins Internet.

Poetry Slam und was danach geschieht

Halbfinale der Poetry Slam Meisterschaft Berlin Brandenburg im SO36, dem vielleicht ältesten Punkclub im Kreuzberger Kiez. Mein letzter Besuch liegt dreißig Jahre zurück, der Laden ist unverändert, nur das Publikum sah damals anders aus. Statt hausbesetzenden Punkern stehen handybesessene Kids in der Schlange.

Aber die junge Frau an der Kartenkontrolle ist der Beweis dafür, dass der Punk noch lebt: Grellbunte Stachelfrisur und mehr Eisen in der Lippe als ThyssenKrupp in ganz Deutschland produziert. Auch ihr Chef hinterm Tresen hält die Tradition aufrecht. Der hat schon mit Pflastersteinen nach Bullen geworfen bevor das erste Pflaster meine zarte Babyhaut berührte. Mit einem Kopfnicken bestelle ich ein Bier. Mehr ist nicht nötig, der Mann sieht, dass ich ein Pils brauche und kein überteuertes Craft-Beer aus einer bunt bedruckten Goa-Dose. Der Preis ist ihm allerdings trotzdem peinlich:

„Macht vier Euro, fünfzig Cent Pfand kriegst du wieder und wenn du nachher sieben Flaschen sammelst ist das quasi ein Freibier. Die Kids haben zwar nix auf der Pfanne, aber das Pfand ist denen trotzdem egal“.

Ich schaue mich um und er hat recht: Hinter dem Tresen ist der Punk zu Ende. Der Rest des Publikums besteht aus Hipstern in Reinkultur, die Frauen mit Schlauchschal um den Hals, die Jungs mit peinlich getrimmtem Vollbart darüber. Sneaker von Nike an den Füßen, das I-phone an den Händen festgewachsen, vor allem aber: Nicht über dreißig.

Mein offener Blick erweist sich aber schnell als Fehler, denn sofort kommt eines der Hipstermädels auf mich zugeschossen. Unter dem langen Pferdeschwanz sieht sie aus wie Zebra das gerade aus der Waldorfschule geflüchtet ist: komplett schwarz-weiß gestreift, die Bluse längs und der Petticoat darunter quer. „Giraffe wäre das bessere Kostüm“, denke ich als sie vor mir steht,  „Beine um aus der Dachrinne zu trinken“. Die Frau ist noch nicht zwanzig, aber fast zwei Meter lang. Bevor ich jedoch die Kostümfrage aufwerfen kann, wirft sie mir Ihr Thema ins Gesicht:

„Hallo, das findest Du jetzt vielleicht krass, also ich bin Dörte und mache hier die Orga. Wir suchen noch ein Mitglied für die Jury, Punkte vergeben, entscheiden welcher Künstler in das Finale kommt und so. Da sollen alle Perspektiven einfließen. Da wollte ich Dich fragen ob du das machen möchtest, weil Du…“

Schlagartig stockt ihr Redefluss. Sie steckt mitten in der „political correctness“ Falle. Ich schaue sie an und überlege: helfen oder hängen lassen? Mein Helfersyndrom gewinnt die Oberhand und ich beende den Satz für sie:

„…weil ich alt genug bin um für Euch den Gandalf zu geben“.

Erleichtertes Lächeln des Zebras zeigt mir, dass ich richtig liege. Mit entschuldigenden Augen überreicht sie mir die Wertungstafel und erklärt mir das Procedere:

„Also, wir haben zwölf Poeten aufgeteilt in vier Dreiergruppen. Der Sieger jeder Dreiergruppe kommt in das Finale. Neben dir gibt es noch sechs andere Schiedsrichter. Alle sieben geben eine Note, die jeweils beste und schlechteste werden gelöscht und aus den verbleibenden fünf Noten errechnet sich der Mittelwert, verstanden?“ Ich will noch fragen ob jetzt geometrisch oder arithmetisch gemittelt wird, aber da ist das Zebra schon in der Menge verschwunden.

Immerhin, mein Einsatz wird gleich belohnt, als Schiedsrichter darf ich auf einen reservierten Sitzplatz und muss nicht bei den anderen auf dem Boden hocken. Kaum sitze ich geht es auch schon los und die erste Gruppe proklamiert sich im Takt von sechs Minuten durch ihre Texte. Alle sind richtig gut, die untere Hälfte der Notenskala werde ich nicht brauchen und die Unterscheidung zwischen großartig und noch großartiger fällt schwer. Nur die Themen nerven nach einer Weile, muss die moderne Poesie sich wirklich in der Aufarbeitung von vertrockneten „Ossi-trifft-Wessi“ Themen und feuchten Pubertätsträumen erschöpfen? Aber trotzdem: ganz großes Kino.

Neben mir sitzt Paul, offensichtlich schwul. Mal mit Charme, dann wieder mit Vehemenz versucht er meine Bewertungen in seinem Sinne zu verändern, jedes Mittel ist recht. Als ein besonders attraktiver männlicher Poet die Bühne verlässt, stößt sein Herz einen tiefen Seufzer aus: „Schade dass man beim Poetry Slam so wenig vom Hintern sieht, aber hast du die Beine gesehen, die musst du einfach mitbewerten“.

„Sorry, aber hier geht es um Worte, für Beine gibt es keine Punkte“, weise ich ihn zurecht, „der Text war nicht schlecht, aber alles andere als großartig“. Paul schmollt ein wenig, gibt sich aber geschlagen. Der nächste Künstler betritt die Bühne, besser gesagt befährt er sie, im Rollstuhl. Mein Blick trifft die Augen des Schwulen neben mir. Wir brauchen keine Worte, denn die Nachricht ist offensichtlich: „Für ohne Beine auch nicht“.

Ein letzter Applaus und der Event ist zu Ende, das muss man den Poetry Slammern lassen: knackig können sie. In wenigen Augenblicken sind auch die meisten der Zuschauer verschwunden, zurück bleiben nur ihre Bierflaschen. Der alte Punk kennt seine Pappenheimer. Ich greife mir sieben Flaschen und hole mir an seinem Tresen ein Lächeln und ein Freibier.

In Deutschland kann ein Mann Jahre an einer Bar verbringen ohne dass ihn irgendjemand anspricht. Das ist auch gut so, für Gequatsche existieren Selbsthilfegruppen. Dagegen auch. Heute aber ist alles anders. Kaum habe ich den ersten Schluck Bier getrunken, stürmt schon die nächste Frau auf mich zu. Nicht so groß wie Zebra und auch nicht so gestreift, aber genauso jung. Sie baut sich vor mir auf:

„Hey, Deine Wertungen sind ja total eskaliert!“

Dabei schaut sie mir aus ihrem  auf „ich bin absolut an allem unschuldig“ geschminkten Gesicht in die Augen. Dem kann ich nicht wiederstehen und versuche deshalb eine Antwort:

„Ich war immer zwischen fünf und zehn, so wie die anderen auch. Konstant würde ich das nennen, nicht eskaliert“.

„Aber deine waren immer irgendwie so …. anders, voll krass, wenn Du verstehst was ich meine?“

Ich verstehe sehr gut was sie meint, in zehn von zwölf Fällen lieferte meine Wertung das Streichergebnis. Wo ich Poesie hörte fehlte den anderen der Esprit und wo sie „witzig“ dachten, sah ich „Comedy“. Das Zebra hatte Recht behalten, ich war die andere Perspektive. Aber wie erkläre ich das jetzt?

Zum Glück werde ich von dieser Aufgabe entbunden, denn jemand schiebt das Mädel zur Seite und vor mir steht einer der Slammer, der Schwarm von Paul mitsamt seinen schönen Beinen.

„Du bist bestimmt Literaturagent oder arbeitest für einen Verlag, oder so? Ich bin nämlich noch frei.“

Immerhin, an Mut und Direktheit mangelt es ihm nicht. Ich muss leise grinsen, denn hinter ihm, am anderen Ende des Tresens steht der schwule Paul und gönnt sich erstmal einen intensiven Blick auf den Hintern des schönen Poeten.

„Nein, ich arbeite für keinen Verlag, ich bin nur hier weil ich Spaß an Poetry habe, ganz privat“, antworte ich ihm.

Allerdings hat das Lächeln in Richtung Paul meiner Antwort wohl einen doppeldeutigen Unterton verliehen, denn der poetische Schönling schaut verschwörerisch nach links und rechts und beugt sich dann ganz dicht an mein Ohr:

„Klar, kannst Du ja auch hier nicht sagen was du machst, sonst würde dich ja jeder anquatschen. Aber vielleicht können wir ja woanders reden?“

Braucht es gar nicht, denke ich, mich quatscht heute auch so schon jeder an. Jetzt muss ich aber erstmal einen Weg finden um dem Slammer zu entrinnen. Ich lege meine Hand auf seine Schulter, ziehe diesmal sein Ohr zu meinem Mund und flüstere hinein:

„Du magst ja recht haben, aber trotzdem wird nichts draus, sorry. Dein Stil ist einfach nichts für mich. Aber hinter dir am Tresen steht mein Kollege Paul, der sucht genau solche Typen wie Dich“.

Der Poet dreht sich um, ich trinke mein Bier aus, winke dem Punk zu, sammle noch ein glückliches Lächeln von Paul ein und überlasse den beiden die Bar, die Nacht und hoffentlich auch die Poesie.

Politische Korrektheit

Ich hasse sie, die „political correctness“, denn sie ist ein Wolf im Schafspelz. Was uns als korrekt verkauft wird ist eben nur politisch korrekt. Wie leider allzu oft die echten Politiker, will sie nichts ausdrücken, sondern nur nirgends anecken. Der Indianer wird zum „native American“, worunter nur der größte Idealist den „wahren“ Amerikaner versteht, die dramatische Mehrheit hingegen eine Randgruppe. Dem Kind, das heute nicht mehr sitzenbleibt, dafür „in der Klasse verweilt“, ist mit der Begriffsänderung wenig geholfen. Ob jetzt auf dem Schulhof „Du Sitzenbleiber“ oder „Du Verweiler“ Rufe erklingen, den Schmerz des angesprochenen Schülers wird es nicht mindern. Auch unsere „ausländischen Mitbürgern“ sind eben keine echten Mitbürger, sondern Ausländer. Zumeist verwandelt die schöne Idee bestenfalls Ausgrenzung in salonfähige Ausgrenzung. Dann doch lieber ehrlich mit Methusalix: „Ich habe nichts gegen Fremde, aber diese Fremden sind ja noch nicht einmal von hier!“

Aber selbst hier in den USA, dem selbsternannten Heimatland der politischen Korrektheit, kann in seltenen Fällen etwas Schönes aus ihr entspringen. Das Schicksal führte mich an diesem Wochenende zur Teilnahme am alljährlichen Zaman-Run, dem Spendenlauf einer arabischen Hilfsorganisation. Nichts Ungewöhnliches, denn ein großer Teil der Bewohner von Dearborn besitzt arabische Wurzeln.

Zwischen den mehrspurigen Highways ist nur ein einziger Pfad übrig geblieben der sich als Laufstrecke anbietet, eine alte Bahntrasse durch die Sumpfgebiete des Rouge-Rivers. Auf dem treffen sich dann alle Jogger, und an diesem Samstag eben auch die Teilnehmer des Laufs der Zamangesellschaft. An der Anmeldestelle kann ich quasi nicht vorbei, das Zelt steht mitten in meinem Weg. Die Volontäre sind überaus freundlich auch dass ich kein Geld bei mir trage ist kein Problem, kann ich ja später vorbeibringen, nur jetzt soll ich schnell das offizielle T-Shirt überstreifen, samt Startnummer mit aufgedrucktem Chip für die Zeitmessung, denn in drei Minuten fällt der Startschuss. Besser als alleine laufen, denke ich, und füge mich in mein Los. Mit dreihundert anderen Läufern aller Gewichts- und Geschwindigkeitsklassen sind die fünfzehn Kilometer schnell bewältigt, obwohl ich ein durchaus gemütliches Tempo anschlage.

Am Ende gibt es Zielverpflegung:  enthusiastischen Beifall, das Lob so dick wie der Kaffee dünn und Komplimente mit einer noch dickeren Zuckerschicht als auf den Donuts. Alle sind großartig und die schnellsten Großartigsten erhalten obendrein noch Preise. Zunächst in der offenen Wertung, artiger Applaus für die besten drei Frauen und Männer. Dann kommen die Gewinner im „Meisterrennen“ und ich traue meinen Ohren kaum als der Organisator bei der Verkündigung des zweiten Platzes meinen Namen ausruft. Völlig falsche Aussprache, aber dennoch unverkennbar. Ich werde auf die Bühne geschoben, Medaille um den Hals, kein Küsschen von den kopftuchtragenden Damen, dafür aber ein dicker Umschlag. Echtes Preisgeld, immerhin mehr als die Startgebühr, die ich immer noch schuldig bin und obendrein zwei werthaltige Gutscheine.

Erst als ich wieder vor der Bühne in der Menge stehe wird mir klar was gerade geschehen ist. Das „Meisterrennen“ ist ein Ausdruck aus dem Arsenal der „political correctness“. Zuhause in Deutschland nennen wir das „Alte Herren“. Hier hingegen bin ich über fünfzig und nicht etwa alt, sondern ein Meister. Geht doch!

Amerikanisches Tagebuch – Teil 2

77 Grad Fahrenheit sind die optimale Temperatur. Im Physikbuch das Gleiche wie 25 Grad Celsius, aber eben nur dort, nicht im wirklichen Leben. Erklären kann ich das nicht, aber fühlen. In Deutschland ist eine Lufttemperatur von 25 Grad Celsius weder zu kalt noch zu warm und der Inbegriff eines schönen Tages. In Michigan sorgen 77 Grad Fahrenheit dagegen für den perfekten Tag. Warmes Spätsommerlicht, die ersten Blätter an den Ahornbäumen beginnen ihr rotes Glühen und die allgegenwärtigen Eichhörnchen sammeln alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist.

Ein Samstagnachmittag für große Taten, oder zumindest einer, um mit einem Buch auf der Terrasse Perfektion einzuatmen. Allein, mein Hotelzimmer besitzt keine Terrasse und auch die meisten Cafés bieten nur Sofalandschaften in fensterlosen Räumen auf Kühlschranktemperatur. Das Problem ist schnell gelöst, denn die Sommersaison geht dem Ende entgegen, ergo Schlussverkauf in der Campingabteilung. Mit 77 Prozent Rabatt erwerbe ich einen BigBoy Klappstuhl aus der Linie Superkomfort und das eiskalte Bierchen gleich dazu. Damit vor die kleine Hütte im Garten des Hotels gesetzt – ein Nachbau der Heimstatt von Edgar Allen Poe – die Füße hochgelegt und die Entspannung kann beginnen.

Womit ich nicht gerechnet habe: Der Sitzplatz bietet auch ein außergewöhnliches Unterhaltungsprogramm. Ein wunderschöner Hotelgarten und gleichzeitig das einzige nicht asphaltierte Fleckchen in der näheren Umgebung. Dazu ein vorzüglicher Service und ein rühriger Eventmanager, ergeben den idealen Platz für jede Trauung. Im Stundentakt rollen die Hochzeitsgesellschaften aller denkbaren Konfessionen an mir vorbei. Jüdisch, Römisch-Katholisch, Orthodox und ohne Gott. Vereint sind sie einzig durch weißgekleidete Bräute und ein „Ja, ich will“ irgendwo in den, ansonsten sehr verschiedenen, Zeremonien. Immer gefolgt von einer Art Kuss, der auch sehr unterschiedlich ausfällt. Ich mittendrin, mit dem Big Boy, einer Bierdose und barfuß.

Die russisch-orthodoxen Brauteltern – in der amerikanischen Inkarnation – kommen aufgeregt schnatternd auf mich zu. Sofort biete ich den Rückzug an für den Fall, dass sie sich von mir gestört fühlen sollten. Weit gefehlt, ich bin sogar herzlich willkommen, woher ich denn wohl kommen möge? Aus Europa, ganz gar großartig, solch ein Flair und solche Ungezwungenheit könne es ja nur in Italien geben. Gut, dann gebe ich hier eben den Italiener, groß, blond, blauäugig: Die Rolle ist mir auf den Leib geschrieben. Die Brautmama klaubt eine Kamera aus den Falten ihres Gewandes und fragt nach einem Schnappschuss: „Solch ein originelles Bild, da bekomme ich ja ganz Europa und muss nicht den ganzen Weg dorthin reisen!“ Da hätten wir noch den Kölner Dom, die Alhambra, den Louvre, …., denke ich mir und schweige weise und lächelnd.

Wie in jeder guten Choreographie steigert sich die Handlung zum Höhepunkt in der letzten Hochzeit des Tages, ein konservativ evangelikaler Mann will eine griechisch-orthodoxe Frau ehelichen. Und der Mann ist nicht umsonst zuerst genannt. Offensichtlich sind sich die beiden Familien vorher noch nicht begegnet. Die Kulturen prallen gleich vor meiner Nase jungfräulich aufeinander. Ouzo trifft auf Erleuchtung und Sirtaki auf Selbstverzicht als sich – genau vor meiner Nase – die Eltern von Braut und Bräutigam begegnen.

„Welch wunderbarer Tag eine Hochzeit zu feiern“, so eröffnet die griechische Seite. „Wir müssen jede Möglichkeit nutzen am Haus unseres ewigen Gottes zu bauen“ lautet die Antwort. Passt wie Arsch auf Eimer. Instinktiv schaue ich mich nach einer weißen Fahne um, kann aber außer dem Brautkleid nichts entdecken. Das Hotel ist offensichtlich nicht nur wegen seiner Schönheit, sondern auch wegen seiner Neutralität ausgewählt. Auf jeden Fall eine spannende Ausgangslage für mich als Zuschauer.

Alle setzen sich auf ihre Plätze und lauschen der Zeremonie. Liturgie und Prediger stammen aus dem Lager des Bräutigams, eine ungewohnte Mischung aus erzkonservativ und abgehoben. Dabei dominiert das alte Testament, die Frau sei dem Manne untertan, gebärfreudig und nur um Himmels Willen nicht aufmüpfig.

Nun sind Liturgien naturgemäß nicht dem Zeitgeist verpflichtet, was die ein oder andere Merkwürdigkeit verzeiht. Der verkniffene Prediger räumt aber bereits mit seinen ersten Worten alle Interpretationszweifel beiseite: Heutzutage komme es ja durchaus vor, dass auch die Frauen einem Beruf nachgehen. Das klingt aus seinem Mund wie eine ansteckende Krankheit. Im Fall der heutigen Hochzeit sei es sogar so, dass die Frau beruflich erfolgreicher ist als der Herr des Hauses. Solches Dilemma wird durch die Abkehr der Gesellschaft vom rechten Pfad des Herrn erzeugt. Unvermeidbar in dieser Welt, aber doch wolle er besonders die Braut ermahnen, das verdiente Geld doch in aller Ordnung dem Mann zu bringen und nicht etwa der Versuchung anheim zu fallen und eigene Entscheidungen zu treffen.

Zum Glück trage ich keine Schuhe, denn so kann ich meinen Fußnägeln zuschauen wie sich langsam hochrollen. Wie lange, frage ich mich, macht die junge Frau noch gute Miene zum bösen Spiel?  Aber sie bleibt erstaunlich gelassen. Der griechische Block wird allmählich etwas unruhig, ob das allerdings am Inhalt der Predigt oder an ihrer Länge liegt kann ich nicht beurteilen. Wieder mein Erwarten geht die Melange aus Ermahnungen und Erbaulichkeit ohne dramatische Störungen über die Bühne oder genauer gesagt den Rasen. Gesang, Ringe, Küsse, fertig!

Zu guter Letzt erhebt sich dann doch die Braut und richtet das Wort direkt an ihren frischgebackenen Ehemann. Alles lauscht gebannt auf ihre klare Stimme:

„Lieber John, Ich brauche Dich nicht“.

Eine dramatische Pause, in der selbst die Eichhörnchen ihr Geraschel einstellen.

„Ich werde dich auch niemals im Leben brauchen“.

Jetzt halten selbst die kleinen weißen Wölkchen am Himmel inne, in Erwartung eines gewaltigen Gewitters von unten.

„Denn ich habe Jesus gefunden“

Das nenne ich jemanden mit den eigenen Waffen schlagen.

„Aber ich nehme Dich trotzdem gerne.“

Spontanes Lachen und Applaus auf der griechischen Seite und leichtes Stirnrunzeln auf der Evangelikalen. Die Wolken ziehen weiter, die Eichhörnchen rascheln wieder und ich wünsche den beiden alles Gute, mit einem Glas Ouzo aus der leicht zitternden Hand des Brautvaters. Ich an seiner Stelle bräuchte etwas Stärkeres.

Amerikanisches Tagebuch Teil 1

Amerika, ausgerechnet jetzt. Dabei wollte ich gemütlich zuhause bleiben und mich lautstark über die siebzehnte Wiederwahl von Angi ärgern. Oder auch unbewusst darüber freuen, wer wählt schon ohne schlechtes Gewissen seine Mutti ab. Nun bekomme ich unverhofft Trump statt Merkel und American Football statt Bundesliga. Dabei braucht mein FC gerade jetzt jede Hilfe und dem Trump ist nicht mehr zu helfen. So gesehen macht meine Reise in die USA keinen Sinn.

Das denken sich wohl auch die Grenzbeamten in Frankfurt und lassen den Sprengstofftest an meinem Handgepäck positiv ausfallen. Der zuständige Bildschirm blinkt in grellem Rot und schlagartig verbreitet sich ein Mangel an Geschmeidigkeit im Raum. Die anderen Passagiere werden von mir und ich von meinem Rucksack getrennt. Um mich herum nur noch Uniformierte mit ernstem Gesicht, ich soll meine Hände nicht bewegen. Als sie auch nach peinlichster Untersuchung keine Fernbedienung an meinem Körper finden, entspannen sich ihre Minen ein wenig.

Der Obersicherheitswächter betritt die Bühne und stellt sich mit Namen vor, Guido Gestrich. Mir schwant: Das kann länger dauern. Guido versucht es mit dem kumpelhaften Ansatz:

„Wenn das Gerät Alarm schlägt, dann kann das viele Gründe haben. In den meisten Fällen stellt sich aber heraus, es handelt sich um Sprengstoff“.

Der sollte dringend ein Training „De-Eskalation“ besuchen. Eine zweite, größere Maschine wird befragt und auch deren Bildschirm verkündet in blinkendem Rot: „Positiv“. Zwei Polizisten mit Schutzwesten und Integralhelmen untersuchen den Inhalt meines Rucksacks; daneben stehen nur der oberste Sicherheitsguido und ich, beide ohne Schutzkleidung. Der Eine ist wohl nach langen Berufsjahren gegen Explosionen immun und um mich schert sich keiner. Immerhin darf ich den beiden Gepanzerten helfen, ihre dicken Handschuhe kommen nicht in alle Ecken. So spuckt der Rucksack seinen widersprüchlichen Inhalt auf die Antisprengstofftheke: Kindle und Bücher, Laptop und Tagebuch, frische Socken und alte Quittungen, alles frei von Sprengstoff, sagt die Maschine.

Der Sicherheitschef wagt einen Blick in meine blauen, sprengstoffschwangeren Augen:

„Wo ist das Zeug, können Sie uns helfen?“, fragt er mit Nachdruck.

Ich antworte spontan:

„Der einzige Sprengstoff den ich besitze steckt in meinem Stift!“

Zugegeben, die Antwort ist weder schlau noch situationsgerecht. Aber manche Sätze sitzen seit Jahren im Kopf und warten auf Ihre Chance. Nach mir die Sintflut, der musste einfach raus. Guido stürzt sich auf meine Schreibwerkzeuge und zerlegt sie in alle Einzelteile. Wir sind hier in der Stadt Goethes, da sollte doch auch ein Beamter eine Metapher erkennen.

Die Maschine versteht es als Einzige, untersucht die Einzelteile der Stifte, die ihr gefüttert werden und bleibt stoisch bei Ihrem Urteil: Schuld ist der Rucksack.

Jetzt steckt Guido in einem Dilemma, denn einerseits ist der Sprengstoff im Rucksack und andererseits ist der Rucksack leer. Er ergreift die Flucht nach vorne:

„Wenn sie uns den Rucksack übereignen, dann könnten wir das Terminal wieder freigeben“.

Schlagartig wird mir klar, dass mein Rucksack und ich nicht zweihundert Passagiere eines vollen Flugzeuges aufhalten, sondern zweihundert volle Flugzeuge. Ich stimme also seinem Vorschlag zu, auch wenn mir durchaus noch ein paar Fragen offen erscheinen.

Zwei Plastiktüten aus dem Duty-free-Shop nehmen meine Habseligkeiten auf und Guido überreicht mir gegen Unterschrift eine Quittung. „Wir werden den Hersteller kontaktieren, das ist ja immerhin ein Markenprodukt“, ruft er noch als ich bereits zum Flugzeug laufe. Dann folgt ein Spießrutenlauf durch die Reihen des Fliegers, explosive Blicke der Wartenden schieben mich auf meinen Sitzplatz.

Schade um den Rucksack, ich mochte ihn. Ich denke rückwärts an die Orte zu denen er mich begleitet hat, bis zu dem Ort an dem ich ihn vor einigen Jahren gekauft habe:  ein dunkles Lädchen in der Altstadt von Kathmandu.  „Ein echter Deuter Rucksack, „Nepali Deuter“, hatte mir der Verkäufer mit breitem Lächeln bescheinigt. Hergestellt in irgendeinem Hinterhof in Taiwan oder Indien. Wenn Guido damit im altehrwürdigen Firmensitz von Deuter in Augsburg auftaucht wäre ich gerne wieder dabei.

Nach der Landung führt der erste Weg zum Outdoorladen, ein neuer Rucksack muss her. Der Verkäufer fragt warum ich denn einen brauche? Ich verstehe schon, dass er wissen möchte für welche Anwendung ich das Teil benötige. Das hätte er aber etwas genauer formulieren sollen, denn so serviere ich ihm brühwarm meine Grenzgeschichte, ob er sie nun hören will oder nicht. Als Antwort bekomme ich seine aufrichtigen Mitleidsbekundungen und dreißig Prozent Rabatt. Willkommen in Amerika.