Das Knie Teil 2: Die Schöne und die Schulter

Respekt vor solch durchdachter Planung in einem Krankenhaus! Ich, das Knie, teile das Zimmer mit einer Schulter. Damit besitzen die Bewohner des Zweibettzimmers drei brauchbare Arme und Beine. In anderen Worten, ich schmiere die Stullen und die Schulter schleppt das Material heran, eine perfekte Symbiose. Läuft also bei uns, wenn nur nicht … (Ja, immer gibt es ein „wenn nur nicht“ im Leben und fast immer geht es um das Eine …), also wenn nur der Liebeskummer nicht wäre. Ich weiß nicht, ob er noch betäubt war oder schon wach, aber das erste Wort, das ich von ihm vernahm, lautete „Wiebke“. Da ahnte ich noch nicht einmal, wer das ist. Aber das sollte sich bald ändern, denn das Krankenzimmer von Männern ist ein Ort ohne Geheimnisse.
Aber ich muss vorne beginnen. Die Schulter ist Mitte zwanzig und stammt aus einem Ort im Sauerland, dessen Name nichts zur Sache tut. Solche Orte stehen häufig im Sauerland. Manche behaupten, das Sauerland bestünde daraus. Daran glaube ich allerdings nicht, für mich besteht das Sauerland aus Fichtenwald.
Dort ist er der unbestritten beste Spieler des örtlichen Fußballklubs. Der wiederum spielt in der Kreisliga B mit Ambitionen und einem Mäzen. Dank des finanzkräftigen Sponsors erhält die Schulter vierhundert Euro im Monat für das Kicken, ein fürstliches Gehalt. Obendrein ist der Mäzen Bauunternehmer, spezialisiert auf Parkhäuser und Lagerhallen, und Arbeitgeber der Schulter. Daher ist die Schulter eine lokale Berühmtheit, darf trainieren gehen statt auf Montage und dann ihre Schnelligkeit auf den Platz bringen. Doch genau in seiner Schnelligkeit lag das Verhängnis.
Schnelle Sprinter sind selten in der Kreisliga B, deswegen kann die Schulter viele Tore erzielen. Viel häufiger ist dagegen die Blutgrätsche.

Fatal nur, wenn die Blutgrätsche auf einen solchen Läufer trifft. Die gesamte kinetische Energie verwandelt sich schlagartig in Reibung, Wärme und gebrochene Knochen. Früher auf dem Ascheplatz mehr Reibung, heute auf dem Kunstrasen mehr gebrochene Knochen. Dafür fließt weniger Blut. Solch ein unglückliches Treffen von Sprint und Blutgrätsche machte die Schulter zur Schulter. Und weil der Mäzen langfristig denkt, liegt er jetzt neben mir, in die Großstadt verschifft, damit der »Herr Professor« sich drum kümmert.
„Ich kenne sie vom Bachelor, das sah sie nochmal besser aus“, so lautet der erste ganze Satz, den ich von der Schulter höre. Dann muss er mir erklären, was der Bachelor ist und ich beginne zu verstehen. Wiebke war sein absoluter Favorit und hätte die Show locker gewinnen müssen. Hat sie aber nicht, und das ist das Beste, denn deswegen ist sie noch nicht vergeben. Kein Wunder, dass er etwas wirr redet. Eben noch willst du nur das nächste Tor schießen. Dann wachst du in einer Großstadt aus der Narkose auf und vor dir steht eine Traumfrau, die du bisher nur aus dem Fernsehen kanntest. Denn Wiebke, die Wiebke aus dem Fernseher, ist unsere Krankenschwester.
Die Schulter besitzt noch das ländliche Urvertrauen und wendet sich deshalb hilfesuchend an mich. Ich käme doch aus der Stadt und würde mich mit solchen Dingen sicher besser auskennen. Mir scheint es opportun, ihm diesen Glauben nicht zu nehmen und spiele mit. Nach sechsunddreißig Stunden werden sie uns hier rauswerfen, also sollte er besser Gas geben, so mein pragmatischer Ratschlag.

Die Umsetzung geht aber gründlich schief, als Wiebke das Zimmer betritt. Sie sieht aus, als hätte sie vor dem Frühdienst noch bei RTL in der Maske vorbeigeschaut, die dunklen Augenbrauen frisch gezupft und die Nägel passend zum Schwesternkittel lackiert. „Kaffee oder Tee?“, fragt sie fröhlich, doch die Antwort der Schulter verliert sich in ihren „smoky eyes“. Vor lauter Schnappatmung finden die Worte keinen Weg. »Kaffee für uns beide, gerne«, antworte ich und kaufe ihm damit etwas Zeit.
Wiebke kehrt mit dem Kaffee zurück und begibt sich direkt an ihre Krankenschwesternkunst. Fieber, Befinden und Blutdruck. Meiner liegt bei hundertzwanzig, bei der Schulter zeigt das Gerät hingegen hundertzweiundvierzig. „Etwas hoch bei dir, der Blutdruck“, entfährt es Wiebke und die Schulter versenkt, zu meiner Verwunderung, die Steilvorlage ohne Zögern in den Winkel. Seine Antwort: „Das liegt nur an Dir!“
Ich ziehe meinen nicht vorhandenen Hut und zeige ihm, hinter Wiebkes Rücken, einen hochgestellten Daumen. Krankenhaus ist besser als Kino, denke ich dabei. Egal wie es weitergeht, an einer mangelnden Chancenverwertung scheitert es nicht. Wiebke stoppt mitten in der Bewegung, runzelt für eine Sekunde die geschminkte Stirn und sagt dann einfach: »Danke.«. Könnte schlechter laufen, finde ich. Danach beginnt sie mit dem Erklären der Tabletten: Die kleine ist für den Magen, die lange gegen Schmerzen und die bunte hemmt die Entzündung. „Für den Blutdruck brauchst du ja keine“, schiebt sie noch mit einem kecken Lächeln hinterher. Gut, dass er mich gefragt hat, denke ich, läuft doch!
Doch dann eskaliert die Lage schlagartig, als Wiebke geschäftsmäßig fragt: »Brauchst du Hilfe beim Duschen?« Die Schulter verfällt wieder in Schnappatmung, zum Glück ist das Blutdruckgerät abgeschaltet, sonst wäre der Notarzt schon im Anmarsch. Zehn Sekunden vergehen in Stille, zehn Sekunden, in denen selbst der Wecker auf meinem Nachttisch stehenbleibt. Dann lassen Atmung und Blutdruck der Schulter das Sprechen wieder zu: »Danke! Nein ich komme schon klar«. Wie blöd kann einer alleine sein? Ich schaue entsetzt zu meinem Bettnachbarn, Wiebkes Gesicht kann ich nicht sehen.
Ich hätte es wissen müssen, ein Mann vom Land kommt immer ohne Hilfe klar. Nur keine Schwäche zeigen. Schweiß und Arbeit sind immer gut, die Tränen und der Schmerzen dagegen geheim. Die Schulter sieht mein entgleistes Gesicht und beginnt zu ahnen: Das war suboptimal, Enttäuschung verteilt sich in großen Klecksen über sein Gesicht. Ich zögere kurz, denn ich bin ja Berater und kein Mitspieler. Aber was bleibt mir anderes übrig, ich muss eingreifen, sonst wird das nichts. »Die Schulterbandage kann er aber nicht alleine ausziehen«, so ertönt meine Stimme aus dem Off. Sie klingt nach Besserwisser und fürsorglichem Onkel, also gerade richtig.
»St… st… stimmt«, stottert die Schulter und grinst dabei erleichtert von einem Ohr zum anderen. „Wo er recht hat, hat er recht“, bestätigt Wiebke mit einem kurzen Kopfdrehen zu mir, „Komm ich helfe Dir eben“. Der Bann ist gebrochen und die Schulter beginnt zu schnattern: »Ich würde es ja schaffen, aber der Klettverschluss verheddert sich immer«. »Ich weiß«, entgegnet Wiebke, »das geht am Anfang jedem so, aber du kannst hier nach unten ziehen und dann…«, unter fröhlichem Geplauder verschwinden die beiden im Bad und die Welt ist in Ordnung. Nur der Wecker geht etwas nach.
Kaum eine Minute später taucht Wiebke wieder auf, im Hintergrund rauscht das Wasser der Dusche. Sie durchquert das Zimmer und wirft mir einen warnenden Blick zu, „bloß den Mund halten“ sagt der laut und deutlich. Wäre nicht nötig, denn ich habe schon mehr als genug gesagt. Dann zieht sie einen Stift aus der Tasche, schreibt etwas auf den Einwegwaschlappen in ihrer Hand. Eine Handynummer und darunter einen zwinkernden Smiley kann ich erkennen, bevor sie den Waschlappen auf dem Kopfkissen der Schulter drapiert. Abgang Wiebke, Vorhang zu, ihre Schicht ist erledigt, und mein Auftrag auch. Am Ende stimmt alles wieder, sogar der Wecker.

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Das Knie- Erster Teil

Da hilft kein Argumentieren, mein Knie ist in den Fritten, die Operation so unvermeidlich wie der Ausgang ungewiss. Ich suche Zuflucht im Allheilmittel unserer Zeit: Dem Internet! Tippe die Diagnose ein und frage Herrn Google nach Lösungen. Sofort stürzen die Informationen auf mich ein, so reichlich wie widersprüchlich. Alles verloren oder alles bald wieder im Lot. Durch komplizierte Techniken mit unaussprechlichen Namen oder Handauflegen und bewusste Ernährung. Alles geht, nichts kann, nur eines steht fest: das neue Wissen macht mich nicht schlauer. Das Internet versteht mich nicht. Eines ist aber klar, ich werde für eine Weile einbeinig durch das Leben stolzieren. Also suche ich »barrierefreies Wohnen auf Zeit«. Das Ergebnis sind Angebote für »tabulose Stundenhotels«.
Entnervt streicht mein Blick über den Bildschirm und entdeckt etwas gänzlich Neues: die Werbung! Nicht die Werbung an sich ist neu, sondern ihr Inhalt. Schöne neue Welt. Verschwunden sind die bunten Anzeigen für Abenteuerreisen. Verschwunden auch der jugendliche Typ Mitte vierzig der mit strahlend weißen Zähnen die Vorzüge der privaten Krankenversicherung in mein Blickfeld lächelt. Ersetzt werden sie durch glückliche Senioren mit Treppenlift, die neueste orthopädische Strumpfmode und den Getränkelieferdienst für Heilwasser: »Wir tragen die Gesundheit in ihre Wohnung«. Die Liste ist komplett, es fehlt nur das Sonderangebot für Feuerbestattung. Offensichtlich ist der Tod der letzte analoge Hort auf dieser Welt. Nicht weiter erstaunlich, auch wenn die Werbung alles über einen Toten wüsste, der kauft trotzdem nichts.
Ich gebe auf, im weltweiten Netz gibt es viel, aber nicht dass, was ich suche. Humpelnd schaffe ich es bis zur Bushaltestelle. Beim Anblick meiner Krücken senkt der Fahrer den Boden seines Gefährts, so dass ich eben einsteigen kann. Vielleicht, so keimt die Hoffnung in mir, findet sich die Empathie im wirklichen Leben. Das scheint sich zu bestätigen, denn die junge Frau auf dem Platz gegenüber erkundigt sich mit ehrlichem Mitgefühl nach meinem Befinden. Sie hört zu, lächelt an den richtigen Stellen und schüttelt genau dort mitleidig den Kopf, wo ich das gerne hätte. So hänge ich an ihren Lippen, als sie im Aussteigen zu ihrem Schlussplädoyer ansetzt:
„Sie müssen sich aber auch darüber freuen, welche Möglichkeiten die Medizin heute bietet. Früher mussten Menschen wie sie sterben, weil sie sich kein Essen mehr besorgen konnten“. Ich schau jetzt doch noch mal ins Internet.

Poetry Slam und was danach geschieht

Halbfinale der Poetry Slam Meisterschaft Berlin Brandenburg im SO36, dem vielleicht ältesten Punkclub im Kreuzberger Kiez. Mein letzter Besuch liegt dreißig Jahre zurück, der Laden ist unverändert, nur das Publikum sah damals anders aus. Statt hausbesetzenden Punkern stehen handybesessene Kids in der Schlange.

Aber die junge Frau an der Kartenkontrolle ist der Beweis dafür, dass der Punk noch lebt: Grellbunte Stachelfrisur und mehr Eisen in der Lippe als ThyssenKrupp in ganz Deutschland produziert. Auch ihr Chef hinterm Tresen hält die Tradition aufrecht. Der hat schon mit Pflastersteinen nach Bullen geworfen bevor das erste Pflaster meine zarte Babyhaut berührte. Mit einem Kopfnicken bestelle ich ein Bier. Mehr ist nicht nötig, der Mann sieht, dass ich ein Pils brauche und kein überteuertes Craft-Beer aus einer bunt bedruckten Goa-Dose. Der Preis ist ihm allerdings trotzdem peinlich:

„Macht vier Euro, fünfzig Cent Pfand kriegst du wieder und wenn du nachher sieben Flaschen sammelst ist das quasi ein Freibier. Die Kids haben zwar nix auf der Pfanne, aber das Pfand ist denen trotzdem egal“.

Ich schaue mich um und er hat recht: Hinter dem Tresen ist der Punk zu Ende. Der Rest des Publikums besteht aus Hipstern in Reinkultur, die Frauen mit Schlauchschal um den Hals, die Jungs mit peinlich getrimmtem Vollbart darüber. Sneaker von Nike an den Füßen, das I-phone an den Händen festgewachsen, vor allem aber: Nicht über dreißig.

Mein offener Blick erweist sich aber schnell als Fehler, denn sofort kommt eines der Hipstermädels auf mich zugeschossen. Unter dem langen Pferdeschwanz sieht sie aus wie Zebra das gerade aus der Waldorfschule geflüchtet ist: komplett schwarz-weiß gestreift, die Bluse längs und der Petticoat darunter quer. „Giraffe wäre das bessere Kostüm“, denke ich als sie vor mir steht,  „Beine um aus der Dachrinne zu trinken“. Die Frau ist noch nicht zwanzig, aber fast zwei Meter lang. Bevor ich jedoch die Kostümfrage aufwerfen kann, wirft sie mir Ihr Thema ins Gesicht:

„Hallo, das findest Du jetzt vielleicht krass, also ich bin Dörte und mache hier die Orga. Wir suchen noch ein Mitglied für die Jury, Punkte vergeben, entscheiden welcher Künstler in das Finale kommt und so. Da sollen alle Perspektiven einfließen. Da wollte ich Dich fragen ob du das machen möchtest, weil Du…“

Schlagartig stockt ihr Redefluss. Sie steckt mitten in der „political correctness“ Falle. Ich schaue sie an und überlege: helfen oder hängen lassen? Mein Helfersyndrom gewinnt die Oberhand und ich beende den Satz für sie:

„…weil ich alt genug bin um für Euch den Gandalf zu geben“.

Erleichtertes Lächeln des Zebras zeigt mir, dass ich richtig liege. Mit entschuldigenden Augen überreicht sie mir die Wertungstafel und erklärt mir das Procedere:

„Also, wir haben zwölf Poeten aufgeteilt in vier Dreiergruppen. Der Sieger jeder Dreiergruppe kommt in das Finale. Neben dir gibt es noch sechs andere Schiedsrichter. Alle sieben geben eine Note, die jeweils beste und schlechteste werden gelöscht und aus den verbleibenden fünf Noten errechnet sich der Mittelwert, verstanden?“ Ich will noch fragen ob jetzt geometrisch oder arithmetisch gemittelt wird, aber da ist das Zebra schon in der Menge verschwunden.

Immerhin, mein Einsatz wird gleich belohnt, als Schiedsrichter darf ich auf einen reservierten Sitzplatz und muss nicht bei den anderen auf dem Boden hocken. Kaum sitze ich geht es auch schon los und die erste Gruppe proklamiert sich im Takt von sechs Minuten durch ihre Texte. Alle sind richtig gut, die untere Hälfte der Notenskala werde ich nicht brauchen und die Unterscheidung zwischen großartig und noch großartiger fällt schwer. Nur die Themen nerven nach einer Weile, muss die moderne Poesie sich wirklich in der Aufarbeitung von vertrockneten „Ossi-trifft-Wessi“ Themen und feuchten Pubertätsträumen erschöpfen? Aber trotzdem: ganz großes Kino.

Neben mir sitzt Paul, offensichtlich schwul. Mal mit Charme, dann wieder mit Vehemenz versucht er meine Bewertungen in seinem Sinne zu verändern, jedes Mittel ist recht. Als ein besonders attraktiver männlicher Poet die Bühne verlässt, stößt sein Herz einen tiefen Seufzer aus: „Schade dass man beim Poetry Slam so wenig vom Hintern sieht, aber hast du die Beine gesehen, die musst du einfach mitbewerten“.

„Sorry, aber hier geht es um Worte, für Beine gibt es keine Punkte“, weise ich ihn zurecht, „der Text war nicht schlecht, aber alles andere als großartig“. Paul schmollt ein wenig, gibt sich aber geschlagen. Der nächste Künstler betritt die Bühne, besser gesagt befährt er sie, im Rollstuhl. Mein Blick trifft die Augen des Schwulen neben mir. Wir brauchen keine Worte, denn die Nachricht ist offensichtlich: „Für ohne Beine auch nicht“.

Ein letzter Applaus und der Event ist zu Ende, das muss man den Poetry Slammern lassen: knackig können sie. In wenigen Augenblicken sind auch die meisten der Zuschauer verschwunden, zurück bleiben nur ihre Bierflaschen. Der alte Punk kennt seine Pappenheimer. Ich greife mir sieben Flaschen und hole mir an seinem Tresen ein Lächeln und ein Freibier.

In Deutschland kann ein Mann Jahre an einer Bar verbringen ohne dass ihn irgendjemand anspricht. Das ist auch gut so, für Gequatsche existieren Selbsthilfegruppen. Dagegen auch. Heute aber ist alles anders. Kaum habe ich den ersten Schluck Bier getrunken, stürmt schon die nächste Frau auf mich zu. Nicht so groß wie Zebra und auch nicht so gestreift, aber genauso jung. Sie baut sich vor mir auf:

„Hey, Deine Wertungen sind ja total eskaliert!“

Dabei schaut sie mir aus ihrem  auf „ich bin absolut an allem unschuldig“ geschminkten Gesicht in die Augen. Dem kann ich nicht wiederstehen und versuche deshalb eine Antwort:

„Ich war immer zwischen fünf und zehn, so wie die anderen auch. Konstant würde ich das nennen, nicht eskaliert“.

„Aber deine waren immer irgendwie so …. anders, voll krass, wenn Du verstehst was ich meine?“

Ich verstehe sehr gut was sie meint, in zehn von zwölf Fällen lieferte meine Wertung das Streichergebnis. Wo ich Poesie hörte fehlte den anderen der Esprit und wo sie „witzig“ dachten, sah ich „Comedy“. Das Zebra hatte Recht behalten, ich war die andere Perspektive. Aber wie erkläre ich das jetzt?

Zum Glück werde ich von dieser Aufgabe entbunden, denn jemand schiebt das Mädel zur Seite und vor mir steht einer der Slammer, der Schwarm von Paul mitsamt seinen schönen Beinen.

„Du bist bestimmt Literaturagent oder arbeitest für einen Verlag, oder so? Ich bin nämlich noch frei.“

Immerhin, an Mut und Direktheit mangelt es ihm nicht. Ich muss leise grinsen, denn hinter ihm, am anderen Ende des Tresens steht der schwule Paul und gönnt sich erstmal einen intensiven Blick auf den Hintern des schönen Poeten.

„Nein, ich arbeite für keinen Verlag, ich bin nur hier weil ich Spaß an Poetry habe, ganz privat“, antworte ich ihm.

Allerdings hat das Lächeln in Richtung Paul meiner Antwort wohl einen doppeldeutigen Unterton verliehen, denn der poetische Schönling schaut verschwörerisch nach links und rechts und beugt sich dann ganz dicht an mein Ohr:

„Klar, kannst Du ja auch hier nicht sagen was du machst, sonst würde dich ja jeder anquatschen. Aber vielleicht können wir ja woanders reden?“

Braucht es gar nicht, denke ich, mich quatscht heute auch so schon jeder an. Jetzt muss ich aber erstmal einen Weg finden um dem Slammer zu entrinnen. Ich lege meine Hand auf seine Schulter, ziehe diesmal sein Ohr zu meinem Mund und flüstere hinein:

„Du magst ja recht haben, aber trotzdem wird nichts draus, sorry. Dein Stil ist einfach nichts für mich. Aber hinter dir am Tresen steht mein Kollege Paul, der sucht genau solche Typen wie Dich“.

Der Poet dreht sich um, ich trinke mein Bier aus, winke dem Punk zu, sammle noch ein glückliches Lächeln von Paul ein und überlasse den beiden die Bar, die Nacht und hoffentlich auch die Poesie.

Die Geschichte eines Moralisten: Teil 1 der Eifeltrilogie

»Gestatten, Eduard Pommerich, Oberlehrer im Ruhestand«

Das Schicksal hat mir einen Campervan, ein freies Wochenende und laues Frühlingswetter untergeschoben. Besser könnte ich auch bei der sprichwörtlichen Fee mit den drei Wünschen nicht wegkommen. Die Eifel ruft, und zwar nach einem Stellplatz fernab von jedem Campingplatz, ohne aufblasbaren Jägerzaun darf ich dort nicht nächtigen. An unrechtmäßigen einsamen Plätzen besteht jedoch kein Mangel, schon bald entdecke ich meinen Favoriten. Einzig der Hochsitz auf der anderen Seite des Tales stimmt mich anfangs skeptisch, stehe ich nicht genau in der Schusslinie? Andererseits passt ein Campervan nicht in das Beuteschema des deutschen Waidmanns, Großwildjagd ist was für Afrika. Und das sollte selbst in der Hocheifel bekannt sein.

Also bleibe ich, sitze ich in der Abendsonne vor meinem Camper und erfreue mich an Aussicht, orangefarbenen Linien, die Flugzeuge für mich in den Himmel malen, dem rhythmischen Klopfen eines Buntspechtes und der Lektüre meines Buchs in das ich vollkommen versinke. So lange, bis der Buntspecht schweigt und Herr Pommerich vor mir steht:

»Gestatten, Eduard Pommerich, Oberlehrer im Ruhestand«

Welch ein Satz! Der Mann muss sich direkt aus dem Museum vor mir materialisiert haben! Deswegen konnte er auch lautlos vor mir auftauchen. Jedes Wort ein Anachronismus, und die Erscheinung unterstützt das Bild. Herr Pommerich ist gut einen Meter und sechzig Zentimeter groß, einachtundfünfzig, wenn ich die karierte Schlägermütze auf seinem Kopf nicht mitzähle. Selbst sein Schatten hält sich kerzengerade und jedes Hautfältchen in seinem pensionierten Gesicht ist säuberlich rasiert. Begleitet wird er von einem, ebenfalls ergrauten, Rauhaardackel an einer neongelben Hundeleine.

»Guten Abend!«

Mein Gehirn ist viel zu beschäftigt, um eine intelligentere Antwort zu erdenken. Warum tragen pensionierte Lehrer immer Schlägermützen? Und woran erkennt ein Rauhaardackel, dass die Beute zur Strecke gebracht ist, wenn sein Herrchen nur einen Stock und ein scharfes Mundwerk besitzt? Wie lange wird seine linke Pfote noch auf mich zeigen? Währen ich noch nach Antworten suche, feuert der Oberlehrer bereits die nächste Ladung verbalen Schrotes ab:

»Dieser Wald ist Teil meines Dorfes!«

Das ist, wie ich finde, äußerst großzügig bemessen, denn das nächstgelegene Dorf ist mindestens drei Kilometer entfernt. Luftlinie! Eine göttliche Eingebung befiehlt mir, diesen Gedanken nicht auszusprechen. Stattdessen schaue ich nur dümmlich zwischen dem langsam ermattenden Hund und dem immer vitaler wirkenden Rentner hin und her.

»Eine Nächtigung an dieser Stelle befände sich in misslichem Konflikt mit einer Reihe von Vorschriften, die gleichwohl nützlich wie wichtig ich zu erachten die Pflicht besitze«

Wie bitte? Ich verstehe nur die Hälfte, aber eines verstehe ich: Die Situation wird langsam ungeschmeidig. Pommerich hat sich als Amtsperson etabliert (Oberlehrer!), ein Fehlverhalten postuliert (Wildcampen!), sein persönliches Interesse dokumentiert (»Mein« Dorf) und mich als Täter identifiziert.

Ich mag das Wildcampen ja als lässliche Sünde verstehen, aber der dramatischste Regelverstoß im Leben des Herrn Oberlehrers bestand bestenfalls daraus, am Karfreitag unbewusst eine Schlagermelodie gepfiffen zu haben. Vor fünfunddreißig Jahren, wenn überhaupt. Mir muss eine überzeugende Antwort einfallen, und zwar sofort, sonst eskaliert die Lage. Ich starte einen Versuch, vielleicht geht es mit Lokalpatriotismus:

»Wissen Sie, ich bin Romanautor und möchte die Landschaften authentisch erleben, bevor ich darüber schreibe!«

Weiter daneben hätte ich nicht liegen können, denn Pommerich setzt zu einer Tirade an, die selbst den Dackel dazu bringt die pflichtgemäße Beute (mich!) aus dem Auge zu verlieren und verwundert nach seinem Herrchen zu schauen. Der schwingt seinen Wanderstab durch die Luft, wie sintemals den Rohrstock über dem Hintern des Pennälers:

»Das kennen wir! Diese Möchtegernschriftsteller, kommen aus dem Moloch ihrer Städte, sehen das erste Mal seit Menschengedenken einen Bauernhof und glauben dann der Milchknecht sei ein Original. Am Ende stehen auf dünnem Papier noch viel dünnere Sätze und alle Eifler sind entweder ahnungslose Bezirkstrottel oder bringen sich gegenseitig um. Glauben sie mir: Hier gibt es keine Originale!«

»Mitnichten«, sollte ich antworten, »Thema verfehlt! Setzen! Sechs! Ich sprach von den Landschaften!« Sollte ich, mir gelingt jedoch nur ein beschämtes Grinsen, wie einem Sextaner ohne Hausaufgaben.

»Sie und ihresgleichen, das wird noch ein schlimmes Ende nehmen in diesen …, diesen Städten, aber eines kann ich ihnen sagen: nicht mit uns! Nicht hier! Solange ich noch …!«

Wenn ein altgedienter Dorflehrer nur noch unvollständige Sätze stammelt, dann ist die verbale Kommunikation beendet. Mir bleibt nur noch eine Wahl: die physische Überlegenheit. Selbst wenn ich auf seine einsachtundfünfzig die fünf Zentimeter der Schlägermütze und – sehr wohlmeinende – fünfzehn für den Dackel addiere, bin ich immer noch einen Kopf größer.
Dazu muss ich aber erstmal aufstehen und zuvor mein Buch aus der Hand legen. Zugegeben, gemeinhin packe ich Bücher einfach aufgeschlagen neben mich. Wenn es pressiert, knicke ich sogar mal eine Seitenecke. Meine Jahre auf der Schulbank waren nicht vollends vergebens, denn mir ist klar: Solch Frevel an einem Buch in Gegenwart des Oberlehrers Pommerich würde meinen endgültigen Garaus bedeuten. Also schiebe ich brav das Lesezeichen zwischen die Seiten, klappe mein Buch zu und lege es, gerade wie des Lehrers Rücken, auf den Tisch. Erst dann baue ich mich in ganzer Länge vor ihm auf.

Ich kenne genügend Eifelkrimis, um zu wissen, was jetzt geschieht. Obendrein hat Eduard mir den Plot ja auf dem goldenen Tablett serviert: Der Zeuge muss beseitigt werden, bevor er reden kann. Danach kann ich den Dackel grillen. Während ich meine Hand erhebe, meldet sich die Stimme des Zweifels in meinem Kopf: »Damit reitest du dich nur noch tiefer rein, am Ende kommt eh alles raus«. Recht hat sie, und Grillen im Dorfwald ist mit Sicherheit verboten. Spontan wähle ich die Waffe des Wortes, und da mir selbst nichts einfällt, zitiere ich aus dem gerade zugeschlagenen Buch:

“Ich warte auf den Sieg der Anständigkeit, dann könnte ich mich zur Verfügung stellen.”

Pommerichs Blick wechselt von Ärger zu Erstaunen und fällt auf den Buchrücken, der scheinbar unbeteiligt auf dem Tisch die Seiten umklammert. Der Mann vor mir verwandelt sich wie von Zauberhand: Ein Lächeln strahlt aus seinem Gesicht, die knochige Hand übergibt den Stock der Schwerkraft und selbst der Dackelschwanz beginnt, in treuer Ergebenheit zu wedeln:

»Sie lesen Kästner? Den Fabian? Aus freien Stücken? Das nenne ich große Literatur!«

so ruft er freudig aus und beginnt seinerseits zu deklamieren:

»Die Umstände sind ebenso gewöhnlich wie ungewöhnlich«.

Damit ist mein Regelverstoß ausgeglichen und befinden wir uns an einem Punkt der Einigkeit. Weitere folgen auf dem Fuß. Ein gut temperierter Riesling von der Mosel, den ich schleunigst offeriere, ist einer der nachhaltigsten.

Obendrein spült der Riesling auch die Toleranz des Herrn Pommerich zum Vorschein, großzügig akzeptiert er den Moselwein im Plastikbecher. Allein, nicht ohne den Hinweis, das ein kultivierter Wein – und als solcher sei der Riesling aus guter Mosellage zweifelsohne zu titulieren – bevorzugt in einem unprätentiösen Kelch grüner Farbe zu gustieren sei. Nun denn, irgendwoher muss der Unterschied zwischen Lehrer und Oberlehrer ja kommen.

»In einem aber, junger Freund, …«, so beginnt Pommerich seinen Abschied, als die Flasche zur Neige geht und er leicht schwankend vor mir steht: »In einem muss ich bei aller Freundschaft insistieren: Ihre Originale werden sie hier niemals finden!«
Ja, Nein, ist schon klar!

Die pedantische Packliste

Auch ein guter Kunde ist dem Verkäufer nicht immer gute Kunde. „Das ist doch nicht durchdacht, die Stirnlampe benötigt drei Batterien, kaufen muss ich die im Viererpack und dann bleibt eine übrig!“ Der Verkäufer bleibt erstaunlich gelassen und fährt einfach fort die Vorzüge des Produkts für die Anwendung im Himalaya zu beschreiben: gutes Licht, zuverlässig, geringer Stromverbrauch und auch bei niedrigen Temperaturen und mit Handschuhen leicht zu bedienen. „Aber das Gehäuse ist aus Plastik, wenn es zu nah an die Flamme des Kochers kommt, haben sie nicht etwas aus Metall, das aber genauso leicht ist?“ Der Verkäufer blickt hilfesuchend in die Runde und seine rollenden Pupillen treffen auf meine. Außer einem mitleidigen Blick kann ich ihm aber keine Hilfe schenken.

Wir stehen im größten Outdoorladen Kölns und der Kunde, ein Endvierziger vom Typ notorischer Pedant, ist offenbar gewillt Geld auszugeben. Er sammelt die komplette Ausrüstung für seine Expedition nach Nepal, von der Wandersocke bis zum Eispickel. Die Packliste in seiner Hand verrät mir: er wird sich an das Luxustrekking rund um die Annapurna wagen. Lodgeübernachtung mit Wärmflasche und Rundum-Sorglos Betreuung von Hauser inklusive, quasi Mercedes S-Klasse mit eingebauter Vorfahrt. Für einen kurzen Moment bin ich verwirrt, denn der Papierstapel in seiner Hand ist mindestens zweihundert Seiten dick, doch dann verstehe ich: drei Seiten für die eigentliche Liste und der Rest für Produktbesprechungen aus dem Internet, von seiner Sekretärin fein säuberlich gedruckt und sortiert. Der Mann besitzt mit Abstand mehr Geld als gesunden Menschenverstand.

So verwundert es mich nicht, dass alle Verkäufer vor seinem suchenden Blick hinter dem nächstgelegenen Berg aus Daunenjacken verschwinden und dort ungemein beschäftigt sind. Schlagartig wird mir klar, warum es selten großgewachsene Verkäufer gibt. Allein mein Kopf ragt hinter den Jacken hervor, und so geschieht das Unvermeidliche: „Hier ist gerade keiner! Die haben aber sowieso wenig Ahnung, können sie mir helfen?“ Es macht wenig Sinn ihm zu erklären, warum ihm nicht mehr zu helfen ist.

In seinen Händen baumeln zwei Regenjacken, eine in dezentem Blau, die andere in Baustellengelb; beide mit einem Preisschild das eher zu einem Gebrauchtwagen passt. „Soll ich die mit der dreifachen Membran nehmen oder die mit der den doppelt verdichteten Reisverschlüssen aus Titan, die eine funktioniert nicht, wenn es kalt regnet, die andere versagt in feuchter Wärme?“ Immer positiv denken, schießt mir durch den Kopf, eine Kernkompetenz des Buddhismus. Entsprechend fällt meine Antwort aus: „Ich würde die Gelbe empfehlen, dann findet Dich auch der Rettungshubschrauber.“ Hektisch blättert der angehende Extrembergsteiger durch seine Zettel und findet darin auch die Lösung: „Dafür habe ich Leuchtstäbe, eine reflektierende Kältedecke, ein Satellitentelefon und ultraleichte Nebelkerzen im Gepäck. Die Nebelkerzen waren optional, aber mein Sherpa wird zwanzig Kilo für mich tragen, da ist noch ein gutes Kilo Platz“. Dieser Typ startet auch sein Auto erst, wenn das zulässige Gesamtgewicht erreicht ist. Mögen die Berge und der Buddhismus ihm etwas Gelassenheit schenken und sein Sherpa in der Nähe sein falls ihm doch etwas zustoßen sollte.

An der Kasse treffe ich ihn dann wieder, der Gesamtschaden übersteigt noch den Preis der S-Klasse Reise mit Hauser, aber er verhandelt um jeden Pfennig Rabatt. „Und sie führen wirklich keine Batterien im Dreierpack? Das müssten sie doch anbieten, wenn ihre Lampen drei Batterien brauchen?“ Linda, die Kassiererin kann nicht fliehen, stopft die ganze Ausrüstung schleunigst in gigantische orange Plastiktüten und ignoriert die Frage. „Haben sie noch ein paar Stifte für mich? Sie wissen schon, als Geschenk für die Kinder am Weg, Süßigkeiten sind ja schlecht für die Zähne und wie sagt man so schön: wer schreibt, der bleibt“. Mit einem gequälten Lächeln und letzter Anstrengung schiebt Linda noch eine Handvoll Kugelschreiber in eine der Tüten. „Funktionieren die auch in großer Höhe? Ich gehe doch zum Bergsteigen in das Himalaya.“ Linda ist zu keiner Antwort mehr fähig.

Beladen mit seiner reichen Beute und verfolgt von erleichterten Blicken der Verkäufer marschiert unser Freund in Richtung Ausgang. Dabei stößt er mit Chandra zusammen, einem Verkäufer der in der Tat aus Nepal stammt und der die warnenden Handzeichen seiner Kollegen offensichtlich als Hilferuf gedeutet hat. „Herr Sherpa, gut dass ich sie treffe!“ Immerhin, die erste Begegnung mit einem Nepali führt auch gleich zur ersten positiven Aussage, das scheint auf einem guten Weg. Ob die Freude gegenseitig ist bleibt offen, denn Chandra versteckt seine Emotionen hinter dem asiatischen Pokerface, einem breiten Lächeln und sagt nur „Thik chha“. Das heißt „alles in Ordnung“ und bedeutet es auch, wenn es denn nicht genau das Gegenteil meint.

Der Einkauf fällt zu Boden und unser Pedant breitet seine Beute vor dem immer noch lächelnden Chandra aus. Eispickel, Signalraketen, GPS-Gerät, Schlafsack, Trillerpfeife und die ganze restliche Packliste inkarnieren aus den Tüten. Dann schaut er erwartungsvoll zu Chandra: „Meine Frage an sie als den Experten: Habe ich alles, was nötig ist?“
„Schön, dass sie mein Land besuchen wollen, und danke, dass sie mich um Rat bitten. Aus meiner Sicht: Das sind alles schöne Dinge die sie gekauft haben. Sehr schöne Dinge. Aber wirklich nötig ist nichts davon, … eine Sonnencreme würde ich allerdings empfehlen“

Seppolog Auszeichnung und Keramikphilosophen

Dieser Beitrag ist der Beantwortung der 28 essentiellen Fragen gewidmet die sich mir seit der Nominierung für den Seppolog-Auszeichnung stellen. Warum ich mitmache? Weil es die Gelegenheit ist meine Sammlung an Toilettengraffiti zu publizieren, dem letzten Ort an dem noch analog philosophiert wird.

Was haben Seppo und Du gemeinsam?

„Wo zwei einer Meinung sind, kann mindestens einer von beiden kein Philosoph sein.

Wieso hättest Du die SBA nicht verdient?

„Stell alles in Frage!“ Darunter die Antwort: „Warum?“

Eine Woche lang keine (soziale) Technik: kein Handy, kein Facebook, kein Blog – nichts. Was würde das mit Dir machen?

„Denken ist wie googeln,… nur noch viel krasser“

Was inspiriert Dich für Deine Themen?

„Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“

Wer hat Dir das Hirn so manipuliert, dass Du bei so einem Wettbewerb teilnimmst?

„Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.“ (F Beckenbauer)

Wer sollte Deinen Blog besser nicht lesen?

„Was wohl Katzen hören, wenn Caruso singt?“ 

Auf einer Skala von eins bis zehn: Was isst Du am liebsten?

„Auf diese Frage kennt keine Kachel der Welt eine Antwort“

Welchen Titel hatte Dein erster Blog-Eintrag, welchen wird Dein letzter haben?

Der Erste:

„Bitte keine brennenden Zigaretten ins Becken werfen, denken Sie an den großen Brand von San Francisco.“

 Darunter der letzte:

„Bitte nicht auf den Boden spucken, denken Sie an die große Flutkatastrophe von Hamburg.“

 Was frühstückst Du?

„Wenn ich morgens aufstehe,
hole ich erst die Zeitung und studiere
die Todesanzeigen.
Wenn ich mich darin nicht finde,
mache ich Frühstück!“

Katze oder Hund?

„Bernhardiner ist das letzte, was ich sein möchte. Dauernd die Flasche am Hals, und niemals trinken dürfen!“

Hast Du sonst niemanden, dem Du das alles erzählen könntest?

„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen damit sie aufwachen“

Wer liest Dich überhaupt?

„Wenn ein Autor behauptet, sein Leserkreis habe sich verdoppelt, liegt der Verdacht nahe, dass der Mann geheiratet hat.“

Was müsste geschehen, dass Du mit dem Bloggen aufhörst?

„Wenn der Himmel einstürzt, sind alle Spatzen tot“ 

Welche Eigenschaft an einem Menschen schätzt Du am meisten?

„Freundschaft ist, wenn dich einer für Deinen Schwimmstil lobt, nachdem du beim Segeln gekentert bist.“

Was ist Deine beste Eigenschaft?

„Mit dem Wissen von heute,
hätte ich gestern andere Fehler gemacht.“

Was ist Dein größter Fehler?

„Ich bin nicht feige; ich bin nur stärker als der Held in mir.“

Wie, denkst Du, sehen Dich die anderen Menschen?

„Freunde sind Menschen, die dich mögen obwohl sie dich kennen“

Was würdest Du niemals in einem Blog posten?

„Haikus sind einfach

Manchmal ohne Sinn

Kühlschranktür“

 

Glaubst Du neben Seppos Blog noch an andere Wunder?

“Fighting for peace, is like fucking for virginity.”

 

Wenn Du einen Gegenstand in eine Zeitkapsel tun könntest, welche erst in 100 Jahren geöffnet werden würde, welcher Gegenstand wäre das?

„Zukunftssorgen sind Mäuse, die heute den Käse von morgen fressen.“

 

Was bedeutet Schreiben für Dich, was macht es mit Dir?

„Wenn dir etwas gefällt, analysiere es nicht, sondern tanze dazu“.

 

Wie kriegst Du Seppo ins Bett?

„Was nützt das Parfüm von Boss wenn du doch so aussiehst wie Hugo.“

 

Was macht Mannsein für dich aus, was Frausein?

„Männer, die behaupten, sie seien die Herren im Haus, lügen auch bei anderen Gelegenheiten.“

 

Was bedeutet das Konzept der ewigen Liebe für Dich? Ist es möglich? Wünschenswert?

„Wer braucht schon Liebe wenn man Dinge mit Käse überbacken kann“

Warum sind 28 Fragen zu viel?

„In Wahrheit wird viel mehr gelogen“

Blogger seien Selbstdarsteller, heißt es oft. Warum stimmt das – und ist das schlimm?

„Der Baum hat Äste, das ist das Beste, denn wär‘ er kahl, dann wär’s ein Pfahl.“

Warum machst Du bei dieser Nummer mit?

„Dem Leben ist ein Ponyhof“

Wie löst Du zwischenmenschliche Konflikte? Offensiv, defensiv oder gar nicht?

„Wer A sagt der muss auch einen Kreis drum machen“

 

Quellennachweis: (Herren)-Toiletten in den Kneipen dieses Landes

Wie Amerika wieder groß wird: Donald Trump?

Der Wahlkampf von Donald Trump lebt von der schweigenden Mehrheit. Damit genau das nicht funktioniert, werde auch ich mich vom Schweigen trennen und ausnahmsweise in diesem Blog politisch. Warum stammen nahezu alle amerikanischen Präsidenten aus den Familien Kennedy, Bush oder Clinton? Selbstverständlich gibt es auf diese Frage keine vernünftige Antwort. Aber es existiert eine logische Konsequenz und die lautet: Das sollte mal einer ändern, oder es zumindest versuchen. Aber warum in aller Welt ausgerechnet Donald Trump?
Ich verstehe ja, dass eine Bewerbung ein gewisses Eigenkapital erfordert, aber dennoch sollte es unter vierhundert Millionen Amerikanern doch eine andere Wahl geben? Gut, die Randbedingung in den USA geboren zu sein reduziert das Potential. Aber selbst wenn wir Arnold Schwarzenegger und die Immigranten der ersten Generation abziehen, bleiben noch eine Menge Amerikaner übrig. Da aber entgegen aller Wahrscheinlichkeit ein Herr Trump kandidiert und dabei auch noch entgegen aller Logik in den Vorwahlen echte Wählerstimmen erhält, komme auch ich nicht daran vorbei. Ich muss ihn betrachten, oder genauer gesagt die Website seiner Kampagne, auf den Anblick der Person kann ich gut verzichten und dabei bin ich bei Frisuren keineswegs empfindlich.
Nachdem ich bestätige, kein Roboter zu sein, darf ich auch schon rein, in die wundersame Welt des Kandidaten. Im Wesentlichen besteht der Auftritt aus drei Anliegen: Unterstützer zu werben, Spenden zu sammeln und Werbeartikel verkaufen. Alles drei ist bei mir vergebliche Liebesmühe.
Eine einzelner Link auf der Website ist aber auch dem politischen Inhalt, der Mission des Kandidaten, gewidmet und breitet seine Positionen aus. Sonderlich breit ist das Spektrum allerdings nicht, dafür geht es aber auch nicht tief. Ganze fünf Kernaussagen in kleine Kisten verpackt genügen, um die Zukunft der USA so rosarot zu färben, wie sie zuletzt Janis Joplin 1969 auf einer Wiese in Woodstock erschien. Früher in der Schule nannten wir so etwas den „Mut zur Lücke“; das kann funktionieren, muss es aber nicht.
Die größte der Kisten beschäftigt sich mit dem zweiten Anhang zur Verfassung, dem „Grundrecht“ Waffen zu tragen. Ein strategisch durchaus sinnvoller Plan, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Liebe zur Waffe in den USA eine ganz eigene ist. Für uns so unbegreiflich wie dem Japaner die deutsche Vorliebe für Schweinshaxe mit Sauerkraut. Allerdings – bei allem Respekt vor den gesundheitsschädigenden Folgen von Schweinefleisch – eine Liebe, die deutlich gefährlicher ist.
Selbst die Amerikaner, die heute noch gefühlt zwischen Lederstrumpf und rauchenden Colts gen Westen ziehen, finden hier noch die ein oder andere Überraschung. Der Staat möge doch Führerscheine regulieren, aber nicht das verdeckte Tragen von Waffen zum Beispiel.
Die nächste Überraschung erlebe ich in der Kiste zu Gesundheitsreform. Herr Trump schlägt etwas vor, was sich nur als Obama-Care auf Drogen bezeichnen lässt. Kostenlose Krankenversicherung für alle, mit freier Arztwahl und das nicht nur für körperliche, sondern auch für seelische Gebrechen … einziger Schönheitsfehler: Das Ganze soll nur für Kriegsveteranen gelten.
Danach ist dann aber auch Schluss mit Überraschungen, die drei letzten Kisten sind vorhersagbar: Donalds Verhandlungsstärke wird die Chinesen in die Schranken weisen und ihre Fabriken mitsamt Arbeitsplätzen wieder in die Staaten führen. Die Steuerklärungen werden demnächst auf einen Bierdeckel passen, wobei natürlich ein jeder weniger bezahlen muss. Schließlich wird das perfekte Amerika durch eine undurchlässige Mauer entlang der Grenze zu Mexiko abgerundet.
Diese Mauer sollen die Mexikaner übrigens selbst bezahlen, ein Gedanke, der gar nicht so abwegig ist, aus Eigenschutz. Sobald die wohlversorgten Veteranen mit halbautomatischen Waffen in Horden durch Texas ziehen, wird die Mauer für Mexiko quasi unvermeidlich.
Der Teil in dem alle weniger Steuern bezahlen am Ende aber mehr Einnahmen entstehen ist etwas nebulös. Der angegliederte Onlineshop liefert aber einen Hinweis, wie es funktionieren könnte. Dort ist einer der meistverkauften Artikel das „Team Trump“-Paket, eine bunte Sammlung von Ansteckern, T-Shirts und Mützen die es erlauben für Trump zu trompeten. Für zwei Personen kostet der Spaß achtzig Dollar, für sechs Personen dreihundertfünfunddreißig, mehr als viermal so viel. So rechnet ein echter Geschäftsmann.
Also bleibt am Ende nur zu hoffen, dass die Legende doch stimmt, nach der die USA das demokratischste Land der Erde ist. So demokratisch, das selbst ein Donald Trump kandidieren kann. Aber eben auch nur das.
(Dieser Artikel darf von allen Parteien in den USA unentgeltlich zu Wahlkampfzwecken verwendet werden)

Kulturexport

Mein Schreiben soll nicht die Welt verändern! Zumeist ist das eigene Vergnügen daran genügender Antrieb. Heute jedoch kann ich nicht anders, als einen Aufruf zu starten, der hoffentlich weltweite Wirkung zeitigt, trotzdem es – wie immer – um eine kleine Geschichte von kleinen Dingen geht.

Welche kulturelle Leistung der Deutschen wird im Ausland sträflich vernachlässigt? Nein, ich rede nicht vom Oktoberfest, das wird in nahezu jedem Land der Erde häufiger gefeiert als in München. Auch die großen Dichter und Denker sind außerhalb unserer Heimat oft präsenter. Viele Deutsche müssen sich auf dem Theaterplatz in Weimar von einem japanischen Touristen erklären lassen, dass es sich bei den beiden Männern des Denkmals nicht um die Gebrüder Grimm handelt. Auch deutsche Ingenieurskunst ist weltweit bekannt und selbst dunkles Körnerbrot duftet im Siegeszug rund um den Globus. Allein einer Errungenschaft unserer Kultur bleibt die globale Anerkennung bisher verwehrt: dem Eierbecher.

Mancher mag seine besondere Bedeutung noch gar nicht erkannt haben, aber wir wissen Wichtiges ja erst dann zu schätzen, wenn es nicht mehr vorhanden ist: Licht, Freunde, Toilettenpapier. So ergeht es auch dem Eierbecher. Wer ihn nie vermisst hat, der ist noch nicht verreist. In Österreich ist er zuweilen noch zu finden, aber spätestens, wenn in der Schweiz die deutsche Sprache verschwindet, verabschiedet sich auch der Becher; gruß- und ersatzlos. Und auf jeder Reise, in jedem Land falle ich wieder darauf herein. Die Frühstückseier wandern in das kochende Wasser und genau fünf Minuten später bricht Panik aus.

Die Ferienwohnung oder Hostelküche ist mit jeden nur erdenklichen Komfort versehen, allein es fehlen die Eierbecher. Startschuss für die hektische Suche nach einem Ersatz. In Spanien finde ich dann meist ein etwas zu klein geratenes Weinglas und in Italien muss eine Espressotasse herhalten. Die Rettung in Frankreich erschien mir schon in Gestalt eines Schneckentellers, zum Glück sind dort ja auch Wachteleier weit verbreitet. Da in den USA bekanntlich alles größer ist, greife ich zur Muffinform.

Ansonsten ist guter Rat teuer, oft bleibt nur der Griff zur bereits erwähnten deutschen Ingenieurskunst. Aus Hotelservietten lässt sich mit etwas Geschick ein recht stabiles Papierschiffchen falten. Und das Ganze, während ich das abgeschreckte Ei auf einem Löffel balanziere. Eine wacklige Geschichte und ein mehr als dürftiger Ersatz. Obendrein wird die Freude am weichen Ei mit ziemlicher Sicherheit von reichlich Kleckerei begleitet werden.

Warum das Verbreitungsgebiet der Becher so begrenzt ist, habe ich nie verstanden. Aber zum Glück existieren inzwischen die sozialen Netzwerke und präsentieren uns die offensichtliche Lösung. Kein Vermieter und kein Hotelier auf dieser Welt, der ohne hervorragende Bewertungen auf diesen Netzwerken noch mit Gästen rechnen kann.

Wenn wir gemeinsam arbeiten und jeden fehlenden Becher konsequent mit Punktabzug bei booking.com und Tripadvisor abstrafen, dann wird sich die Welt unseren Wünschen nicht lange entziehen können. Zunächst werden Quartiere ohne Eierbecher aus dem Internet verschwinden und wenig später aus unserem Leben, denn dem Hotelier ohne Eierbecher stehen nur zwei Wege offen. Der Weg in die Insolvenz oder der in die Haushaltswarenabteilung. Falls es aber auch dort keine Becher zu kaufen gibt? Dafür wurde der Versandhandel erfunden und die Internetseite http://www.eierbecher.de ist noch verfügbar.

Eifelkloster

Nur übernachten möchte ich in diesem Kloster, bestenfalls noch Frühstücken, falls ich denn früh aufwachen sollte. Keinesfalls jedoch hier zu Abend essen. Direkt nebenan ruft ein Eifeler Landgasthaus mit bester Küche, mein Sinnen steht nach Wildbraten und Rotweinsoße. Das ist aber der Versuch die Rechnung ohne den Wirt zu machen, genauer gesagt ohne Schwester Maria Antonie. Seit fünfzig Jahren begleitet sie die Klostergäste zu ihren Zimmern. Und offensichtlich freut sie sich auch heute über jeden Gast genauso wie in der Zeit, als ich noch nicht einmal in den Träumen meiner Eltern existierte.
Anstatt direkt zur Klosterzelle, führt sie mich in die hinterste Ecke der Klostergebäude, eine enge Steige hinauf und durch eine Tür mit dem Schild „Nur im Brandfall öffnen“. Der Grund: Die Sonne geht unter und von der freischwebenden Feuertreppe lässt sich das Schauspiel in Pastelltönen am besten erspähen. Das Wackeln der Treppe gleicht den wackligen Gang der alten Nonne perfekt aus, nur ich komme beinahe ins Straucheln. Glücklicherweise verlaufen die Sonnenuntergänge in der herbstlichen Eifel recht zügig, denn selbst, solange die Sonne scheint, bleiben die Temperaturen hier einstellig. Ich bin zwar angemessen bekleidet, aber nur für das Beziehen eines Zimmers, nicht für Exkursionen.
Wie das jetzt mit dem Wildbraten zusammenhängt? Schwester Maria Antonia leitet mich auf dem Rückweg am Refektorium vorbei, und vergisst dabei nicht auf das leckere Klosteressen hinzuweisen. Einmal durchgefroren schwindet in mir jegliche Motivation das heimelige Kloster heute noch zu verlassen und ich entscheide für den heimischen Herd. Allerdings missachte ich den dringlichsten Ratschlag meiner Begrüßungsnonne. Eindrücklich hatte sie darauf hingewiesen am Anfang der Essenszeiten aufzutauchen, denn, so ihre Worte, „das Warme ist früh am Leckersten“.

 

Sicher ein weiser Rat, doch was nützt das beste Abendessen, wenn es nicht Abend ist. Also erscheine ich als einer der Letzten im Saal, hohe Stapel benutzter Teller auf dem Geschirrwagen zeigen an, dass hier die sprichwörtliche Ruhe nach dem Sturm herrscht. Und ein solcher ist offensichtlich durch den Speisesaal gezogen. Bestand die achte Plage im alten Ägypten aus Heuschrecken oder Firmungskindern?
Ein wenig nervös, weil ich den eindringlichen Rat der Nonne ignoriere, bewege ich mich in Richtung Büffet. Aber ein Blick auf das Essen zeigt mir an, dass ich heute ungestraft davonkomme; der Junge in mir wird satt und glücklich das Refektorium verlassen. Die Tische biegen sich unter Essensbergen und die warmen Speisen bestehen aus heißen Würstchen, lauwarmen Kartoffelsalat mit Speck und selbst gebratenen Frikadellen. Nichts was durch ein Stündchen warmhalten an Geschmack verliert. Daneben Blutwurst, Schinken und Sülze im schweigenden Wetteifer um den höchsten Stapel. Erkenntnis des Tages: Fleisch ist keinesfalls krebserregend, sonst wäre die Eifel längst entvölkert.
Hinter dem Tresen treffe ich wieder auf Schwester Maria Antonia, welche großzügig die Teller der Gäste auffüllt.  Der Mann vor mir fragt höflich an, ob die Frikadellen denn aus Fleisch bestünden. „Selbstverständlich!“, antwortet die Nonne. „Und auch selbstgemacht, nicht gekauft?“ Diesmal zögert sie eine kleine Sekunde, bevor sie die gleiche Antwort wiederholt: „Selbstverständlich!“. Der Herr zieht mit zufriedenem Ausdruck und beladenem Tablett weiter und ich rücke nach. Schwester Maria Antonia schaut ihm für einen Moment ungläubig hinterher, wobei ich mir unsicher bin, ob eine Ordensfrau ungläubig schauen kann. Dann sammelt sie sich wieder und richtet ihr nachdenkliches Lächeln zu mir. Kaum merklich schüttelt sie den Kopf als sie mich fragt:

„Gibt es Fleischklöpse inzwischen im Supermarkt?“
„Ich denke schon“, antworte ich, „aber ich glaube die kauft keiner“.

Land und Leben

(Erschienen in der eXperimenta 07/2015)

„Setze dich nie zu fremden Männern an den Tisch“. Die Warnung ihrer Großmutter noch im Ohr, versuchte sie genau das Gegenteil. Jene Großmutter hatte aber auch nie in einer Strandbar auf Fiji gesessen und gelernt, dass auf dieser Insel die Regeln der deutschen Kleinstadt nichts gelten. Hier ist eine unbegleitete Frau eine Einladung, so anziehend wie Kerzenlicht für Motten. Ein Beachboy nach dem anderen würde um sie schwärmen, und ihr Abend damit gefüllt, Hoffnungen zu enttäuschen.

Wenn schon Gesellschaft, dann besser eine Selbstgewählte. Also hatte sie das Mantra der Oma in den Wind geschlagen und ihn gefragt, ob der Platz an seinem Tisch frei sei? Ohne jeden Zweifel eine glückliche Wahl, denn er war offensichtlich beschäftigt, hatte nur kurz sein Einverständnis vage in die Luft genickt und sich prompt wieder abgewandt.

Vor ihm stand eine halbgefüllte Schnapsflasche, daneben ein einfaches Glas, aus dem er in regelmäßigen Abständen trank, in langsamen dafür großzügigen Schlucken. Verschanzt hinter ihrem Buch, vermochte sie nicht zu lesen.
„Mein Sohn heiratet heute hier.“

Sein Blick hatte sie kurz gestreift, während er sprach, aber jetzt waren die blauen Augen wieder auf das Meer gerichtet und nur das Rauschen der Brandung verhinderte völlige Stille zwischen ihnen. Sie war sicher, er hatte mit einmal Hinschauen mehr über sie erfahren, als andere in einer ganzen Nacht.
„Warum feierst Du dann nicht mit ihm?“, fragte sie, als die Wellen pausierten.

Er drehte sich zu ihr, die Augen diesmal eher nachdenklich als forschend. Sie glaubte seinen Gedanken auf seiner Stirn zu lesen: „Wie viel soll ich ihr zumuten?“ so stand dort geschrieben.

„Weshalb sitzt Du hier?“, fragte er zurück, ohne auf ihre Frage zu beachten.
Offensichtlich musste sie sich das Vertrauen für seine Antwort erst erarbeiten. Das ist unfair, dachte sie, genau so wie das Leben. Aber ihre Neugier war geweckt.

Also erzählte sie ihm von dem Leben, das sie verlassen hatte, ihrem Arbeitsplatz am Frankfurter Flughafen. Von der Kiste in der sie ihre Arbeitstage verbracht hatte, hinter kugelsicheren Glasscheiben. Von den Menschen die vor den Glasscheiben standen, ihren Papieren und den Gesichtern voller Hoffnung. Der Hoffnung, dass sie die richtigen Stempel auf ihre Papiere drücken und ihnen die Tür öffnen könnte zu einem Leben, das diesen Namen verdient, einem Leben in Deutschland.

Sie erzählte auch, wie sie die Hoffnung weggewischt hatte aus diesen Gesichtern. Den Stempel verweigert, den Eintritt verwehrt; das getan, wofür ihr Land sie bezahlte: nur diejenigen hereinlassen die hineingehören. Auch dass sie es vielleicht hätte ertragen können, wenn ihr Freund sie verstanden hätte. Der arbeite wie sie für den Zoll und sein Tag bestand auch daraus hoffende Gesichter in verzweifelte Gesichter zu verwandeln. Aber er wollte nicht verstehen, nicht nach Gründen fragen. Zu tun was ihm aufgetragen wurde war ihm genug, gab ihm Sicherheit. „Sie werden es schon wissen, was richtig ist“, so endeten ihre Diskussionen immer öfter. Er war der Spiegel an dem sie erkannt hatte, was sie selbst nicht sein konnte, nicht sein wollte. Sie musste aufhören Hoffnung aus Gesichtern zu wischen. Deswegen sie hier, hatte ihren sicheren Beamtenstatus aufgegeben und den Freund obendrein.

Wieder langes Schweigen, dann lächelte er, zum ersten Mal. Es wirkte etwas ungelenk, so als hätte er fast schon vergessen, welche Muskeln er benutzen musste.
„Dann können wir ja jetzt etwas Vernünftiges trinken!“, stellte er fest.

Sie nickte mit dem Kopf in Richtung Schnapsflasche:
„Das ist nicht vernünftig?“

Sein Lächeln wurde langsam entspannter, wortlos füllte er das Glas und schob es über den Tisch zu ihr. Vorsichtig nippte sie daran:
„Wasser?“.

„Ich trinke nie alleine, immer nur in Gesellschaft. Aber gute Gesellschaft erfordert ein gutes Getränk“.

Damit stand er auf und verschwand zwischen den Palmen.
Als er zurückkam, trug er zwei Gläser in der einen Hand und eine Flasche Rotwein in der anderen. Sie hatte sich in den letzten Wochen an Plastikbecher gewöhnt, das Glas lag schwer und angenehm kühl in ihrer Hand. Und nach dem ersten Schluck wusste sie, auch der Wein war weit entfernt von dem was sie gewohnt war.

„Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein“, sagte er, „schmeckt er Dir?“

Inzwischen hatte sie ebenfalls keine Lust mehr Fragen zu beantworten, zumindest nicht alle. Wenn er sich die Antworten aussuchen konnte, dann konnte sie das auch.

„Also warum feierst Du nicht Hochzeit? Ist er der verlorene Sohn oder hat er sein Herz an die falsche Frau verschenkt?“

Sie wusste, dass Worte wie Messer wirken können, doch so deutlich hatte sie es bisher noch nie gesehen. Sein Oberkörper sackte zusammen, das eben wiedergefundene Lächeln wich einer verletzten Trauer.

„Entschuldigung, ….“, begann sie zu stammeln aber seine Hand wischte den Satz weg, bevor sie ihn zu Ende denken konnte. Wieder Schweigen, dann hob er sein Glas:
„Der stammt von der Hochzeitsfeier“.

Ohne nachzudenken, tat sie es ihm gleich, fand seine Augen und dann ließen sie beide den teuren Wein das tun, was er am besten kann: Wunden betäuben.
Als das Glas leer in seiner Hand lag, sah sie: Er hatte einen Entschluss gefasst, den Entschluss ihr zu vertrauen:

„Dich jagten sie auf die Menschen, für die es in deinem Land keinen Platz gab. Ich habe mich um diejenigen gekümmert, für die sie auf der Welt keinen Platz mehr hatten. Spezialeinheit der Sicherheitspolizei. Im Ausland aktiv und offiziell nicht vorhanden.

Ich war dafür zuständig die Verzweiflung aus ihren Gesichtern zu wischen, endgültig.

Natürlich waren sie alle Schurken, zumindest in den Augen meines Landes, oder sollte ich lieber sagen in den Augen der jeweiligen Regierung. Manchmal hat die ihre Meinung geändert, meistens nach einer Wahl. Wenn die Regierung neue Augen hatte, wurde über Nacht aus dem Terroristen ein Freiheitskämpfer. Aber nicht wenn sie uns vorher losgeschickt hatten, unsere Arbeit war endgültig, bestenfalls die Inschrift auf dem Grabstein war noch zu ändern. Dienst am Vaterland, am Anfang habe ich wirklich daran geglaubt. Danach weitergemacht, weil es das einzige war was ich konnte.“

Er sprach ganz ruhig, allein die feinen Haare auf seinen Armen sträubten sich gegen das was er sagte. Sie füllte sein Glas und blickte auffordernd auf seinen Mund. Er trank einen Schluck, diesmal ohne sie zu beachten. Sein Blick ging über sie hinweg und verlor sich in den Wipfeln der Palmen. Ein warmer Wind strich zwischen ihnen hindurch, einen Moment glaubte sie den Regen zu hören auf den die Einheimischen schon seit Monaten warteten, aber es war nur das Rascheln der trockenen Palmblätter. Der Windstoß schien sein Reden anzufachen, er sprach jetzt schneller, fast als wollte er es hinter sich bringen:

„Ich habe solange weitergemacht bis auch die letzte Chance vorbei war aus eigenem Entschluss aufzuhören. Zumindest so viel Anstand hätte ich zeigen können. Stattdessen war ich irgendwann überflüssig, so wie die Fabrikarbeiter am Band wurden wir von Maschinen abgelöst. Keine Regierung die etwas auf sich hält schickt heute noch Menschen um andere Menschen auszuschalten. Heute fliegen automatische Drohnen auf ein anonymes Kommando in die dunklen Ecken dieser Welt.

Vielleicht nicht billiger, auch nicht besser, aber schnell und emotionslos. Ich war auf einmal überflüssig. Also wurde ich in den Ruhestand geschickt, mit einer neuen Identität und einer Pension die gerade hoch genug ist, um mein Schweigen zu erkaufen. Ich habe es nachgerechnet. Solange ich noch lebe bezahlt mir der Staat in jeden Monat genau sechsundvierzig Euro für jeden der Staatsfeinde die dank meiner Arbeit nicht mehr leben. Vorausgesetzt ich halte den Mund und lösche mein bisheriges Leben.“

Seine Augen fanden den Weg von den Palmen zurück zu ihr und zum ersten Mal klang seine Stimme zynisch: „das Land für dessen Freiheit ich gekämpft habe darf ich auch nicht mehr betreten“. Ganz langsam begann sie den Zusammenhang mit ihrer Frage zu verstehen:

„Die Hochzeit und Dein Sohn gehören beide zu der vergessenen Vergangenheit?“

Jetzt schwang ein wenig Stolz in seiner Stimme:

„Er weiß nicht, dass ich noch lebe, alles, was ihm jemals erklärt wurde, war das ein afrikanischer Virus mich in das Jenseits beförderte, noch vor seiner Geburt. Und sollte er jemals auf die Idee kommen nachzuforschen, dann würde er in den Unterlagen einer kleinen Klinik im Norden Namibias auch die Beweise dafür finden. Bis hin zu einem schönen Stein auf dem örtlichen Friedhof. Ohne die kleinste Ungereimtheit, ich habe mich persönlich vor Ort darum gekümmert.

Aber ich kann ihn nicht vergessen und kenne noch ein paar Leute zuhause die ihn für mich im Auge behalten. Dass er sich entschlossen hat hier zu heiraten war meine Chance. Ich habe einen Kellner dafür bezahlt, dass ich ihn vertreten durfte. Zwei Stunden lang, länger konnte ich es nicht aushalten.“

Die Beichte hatte ihn Überwindung gekostet und dem Chateau Noeuf den Inhalt. Erschöpft schlug er vor einen Strandspaziergang zu machen. Vor einer Stunde hatte sie überlegt, ob es ratsam sei, sich in der Dämmerung zu einem Fremden an den Tisch im Restaurant zu setzen. Inzwischen wusste sie, dass dieser Fremde zahlreiche Menschen umgebracht hatte und die Dämmerung war zur Dunkelheit geworden. Dennoch stimmte sie der Idee sofort zu, auch wenn sie wusste, dass ihre Großmutter diesem Schritt ihren Segen verweigert hätte. Seiner Geschichte aber fehlte noch das Ende und dieses Ende musste sie hören.

Schweigend spazierten sie durch den Sand, hunderte von kleinen Krebsen verschwanden vor ihren Füßen, nur um direkt hinter ihnen wieder aufzutauchen und mit dem fortzufahren, was kleine Krebse nachts am Strand umtreibt. Der Wind hatte aufgefrischt und trocknete den Schweiß auf ihrer Haut, zum ersten Mal seit dem Morgen schien die Luft kühler zu sein als ihr Körper. So viele Fragen drängten sich in ihrem Kopf, dass sie nicht wusste, womit sie anfangen sollte. Aber ihre Fragen waren auch nicht erforderlich. Als wäre ein Damm gebrochen, sprach er von sich aus weiter:

„Sie haben mich auf der Schule gefunden. Gute Noten, gut im Sport und kein Geld für ein Studium. Das waren die Auswahlkriterien. Dann ein Stipendium für die Militärakademie, Sprachen und Logistik. Dazu ein Mentor der dir Aufmerksamkeit schenkt und Anerkennung. Es hat nicht lange gedauert, bis ich ihm alles geglaubt habe, das Töten von ihm lernte, mit der Hingabe und dem Ehrgeiz eines Zwanzigjährigen. Ich wollte gut sein für dieses Land, das gut war zu mir. So bin ich einer der Besten geworden.“

„Sprachen verstehe ich, aber warum Logistik?“
Sie wusste auch nicht, warum sie ausgerechnet diese Frage stellte, wo doch viel größere in ihr brodelten.

„Ein Logistiker ist leicht zu verstecken, er wird überall gebraucht, aber niemand nimmt ihn wahr. Also konnte ich überall sein, Pakete und Päckchen erhalten, ohne dass sich jemand um den Inhalt kümmert und – wenn nötig – jederzeit verschwinden. Es ist die perfekte Tarnung.“

Inzwischen hatten sie das Ende des Strandes erreicht, der weiche Sand war kleinen Kieseln gewichen und vor ihnen reckten sich schwarze Felsnasen in den Nachthimmel. Er setze sich auf einen Baumstamm und atmete tief durch. Kaum hatte sie neben ihm Platz genommen, sprach er hastig weiter, so als rechnete er damit, unterbrochen zu werden. Aber bis auf die Krebse war niemand dort, der sie hätte stören können.

„Ahmed hätte mir die Augen öffnen müssen. Natürlich trug er einen anderen Namen, als sie ihn zu meinem Ziel machten. Ich sah sein Bild und wusste sofort: das ist Ahmed. In diesem Geschäft kannst Du es Dir nicht leisten ein Gesicht zu verwechseln, denn der Fehler lässt sich nicht wieder gutmachen. Ahmed hatte ich vor fünfzehn Jahren zum letzten Mal gesehen, damals ein Junge, inzwischen ein Mann. Ein Gefährlicher obendrein, einer der über Leichen geht.
Bei unserer ersten Begegnung in Bagdad arbeitete er als Teejunge in Hotel. Aufgeweckt und genauso alt wie mein Sohn. Ich hatte Zeit, musste auf die Ankunft des Mannes warten den ich erschießen sollte. Die Wartezeit habe ich mit Ahmed verbracht. Nach zwei Tagen hatte ich mit Ahmed mehr gesprochen, als ich mit meinem eigenen Sohn jemals reden werde, hatte ihm beigebracht zu rechnen und seinen Namen zu schreiben. Dann habe ich meinen Auftrag erledigt und bin abgereist. Jetzt war aus dem wissbegierigen Jungen ein Terrorist geworden. Ich hatte ihm nicht nur das Rechnen beigebracht, sondern auch die Gewalt. Der Mann, den ich damals in Bagdad liquidiert hatte, war ausgerechnet sein Onkel“.

Seine Trauer sickerte in ihren Körper. Sie breitete sich langsam in ihr aus und trotz der immer noch tropischen Temperaturen, begann sie zu frösteln. Sie sah den Wellen zu, die sich unermüdlich gegen den Strand warfen, nur um dort gebrochen zu werden. Eine nach der anderen verloren sie ihre Form und ihre Kraft an das Rauschen der Strandkiesel. Nur der Wind trieb den Wellenschaum noch weiter, wenn das Wasser schon geschlagen den Rückzug in das Meer angetreten hatte. Doch am Ende der Böe blieb auch der Schaum erschöpft liegen und löste sich langsam auf, zurück in Luft und salziges Wasser.

Sie fühlte sich wie dieser Wellenschaum, allein vom Wind nach vorne getragen. Dazu verdammt zu stranden und zu zerfallen, in viel Luft und vielleicht ein paar salzige Tränen auf den wenigen Gesichtern die wichtig waren. Ihr Hals war wie zugeschnürt.

„Es ist so hoffnungslos“ so drang es schließlich kaum hörbar aus ihrem Mund.

Er ließ sich Zeit, bevor er mit fester Stimme antwortete:

„Nein, das ist es nicht. Nicht für Dich! Immerhin hast du es geschafft ein Mensch zu bleiben, deine Freiheit zu behalten. Die Freiheit nicht das zu tun, was sie von Dir wollen. Natürlich wischt jetzt ein anderer im gleichen Glaskasten die gleiche Hoffnung aus den gleichen Gesichtern. Aber dich, dich haben sie nicht bekommen.“

Sie konnte in der Dunkelheit seine Augen auf ihrem Gesicht spüren:
„Ich möchte Dich um einen Gefallen bitten. Kannst Du das in Deutschland für mich zur Post bringen?“ sagte er und schob einen Umschlag in ihre Hände. „Es ist ein Brief an meinen Sohn, er hat ein Recht alles zu erfahren.“

„Bist du dir sicher, dass du das möchtest?“, antwortete sie spontan, der Umschlag lag schwerer in ihrer Hand, als er sollte, „ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, aber vielleicht ist ein Vater, der lange tot ist, der bessere Vater?“

„Das dachte ich auch sehr lange, aber seit heute Abend bin ich mir sicher: Er muss erfahren, wer ich bin. Ich habe ihn gesehen und er ist genauso wie ich in seinem Alter: naiv und leicht zu begeistern. Wenn er nicht gewarnt wird, dann wird irgendjemand ihn benutzen. Das Wissen über mich kann ihm helfen, dass zu erreichen was Du geschafft hast: Nein zu sagen!“

„Er wird versuchen Dich zu finden!“ so versuchte sie ihn mit Logik zu überzeugen, zu deutlich war das Gefühl, Teil eines Testamentes zu sein.
Seine Antwort bestätigte ihre Befürchtungen: „Da wo ich hingehe, brauche ich kein Geld!“.

Er schien zu spüren, wie sie neben ihm zusammenzuckte, und legte sanft seine Hand auf ihren Oberarm. Ihre erste Berührung.

„Ich werde mich nicht selbst umbringen! Im Norden Indiens liegt ein Kloster, das nur wenige Menschen finden. Dort leben Mönche aus Tibet, und zwar nur solche, die den Kampf gegen die Invasion aus China mit Waffen geführt haben. So wie ich kannten sie nur eine Antwort auf die Gewalt in der Welt: noch mehr Gewalt. Es ist Gemeinschaft derer, die nicht den Mut hatten „Nein“ zu sagen. Unsere Aufgabe ist es zu schweigen und ein wenig Raum zu schaffen in dieser Welt. Raum für diejenigen, die genügend Mut haben, „Nein“ zu sagen.“