Die pedantische Packliste

Auch ein guter Kunde ist dem Verkäufer nicht immer gute Kunde. „Das ist doch nicht durchdacht, die Stirnlampe benötigt drei Batterien, kaufen muss ich die im Viererpack und dann bleibt eine übrig!“ Der Verkäufer bleibt erstaunlich gelassen und fährt einfach fort die Vorzüge des Produkts für die Anwendung im Himalaya zu beschreiben: gutes Licht, zuverlässig, geringer Stromverbrauch und auch bei niedrigen Temperaturen und mit Handschuhen leicht zu bedienen. „Aber das Gehäuse ist aus Plastik, wenn es zu nah an die Flamme des Kochers kommt, haben sie nicht etwas aus Metall, das aber genauso leicht ist?“ Der Verkäufer blickt hilfesuchend in die Runde und seine rollenden Pupillen treffen auf meine. Außer einem mitleidigen Blick kann ich ihm aber keine Hilfe schenken.

Wir stehen im größten Outdoorladen Kölns und der Kunde, ein Endvierziger vom Typ notorischer Pedant, ist offenbar gewillt Geld auszugeben. Er sammelt die komplette Ausrüstung für seine Expedition nach Nepal, von der Wandersocke bis zum Eispickel. Die Packliste in seiner Hand verrät mir: er wird sich an das Luxustrekking rund um die Annapurna wagen. Lodgeübernachtung mit Wärmflasche und Rundum-Sorglos Betreuung von Hauser inklusive, quasi Mercedes S-Klasse mit eingebauter Vorfahrt. Für einen kurzen Moment bin ich verwirrt, denn der Papierstapel in seiner Hand ist mindestens zweihundert Seiten dick, doch dann verstehe ich: drei Seiten für die eigentliche Liste und der Rest für Produktbesprechungen aus dem Internet, von seiner Sekretärin fein säuberlich gedruckt und sortiert. Der Mann besitzt mit Abstand mehr Geld als gesunden Menschenverstand.

So verwundert es mich nicht, dass alle Verkäufer vor seinem suchenden Blick hinter dem nächstgelegenen Berg aus Daunenjacken verschwinden und dort ungemein beschäftigt sind. Schlagartig wird mir klar, warum es selten großgewachsene Verkäufer gibt. Allein mein Kopf ragt hinter den Jacken hervor, und so geschieht das Unvermeidliche: „Hier ist gerade keiner! Die haben aber sowieso wenig Ahnung, können sie mir helfen?“ Es macht wenig Sinn ihm zu erklären, warum ihm nicht mehr zu helfen ist.

In seinen Händen baumeln zwei Regenjacken, eine in dezentem Blau, die andere in Baustellengelb; beide mit einem Preisschild das eher zu einem Gebrauchtwagen passt. „Soll ich die mit der dreifachen Membran nehmen oder die mit der den doppelt verdichteten Reisverschlüssen aus Titan, die eine funktioniert nicht, wenn es kalt regnet, die andere versagt in feuchter Wärme?“ Immer positiv denken, schießt mir durch den Kopf, eine Kernkompetenz des Buddhismus. Entsprechend fällt meine Antwort aus: „Ich würde die Gelbe empfehlen, dann findet Dich auch der Rettungshubschrauber.“ Hektisch blättert der angehende Extrembergsteiger durch seine Zettel und findet darin auch die Lösung: „Dafür habe ich Leuchtstäbe, eine reflektierende Kältedecke, ein Satellitentelefon und ultraleichte Nebelkerzen im Gepäck. Die Nebelkerzen waren optional, aber mein Sherpa wird zwanzig Kilo für mich tragen, da ist noch ein gutes Kilo Platz“. Dieser Typ startet auch sein Auto erst, wenn das zulässige Gesamtgewicht erreicht ist. Mögen die Berge und der Buddhismus ihm etwas Gelassenheit schenken und sein Sherpa in der Nähe sein falls ihm doch etwas zustoßen sollte.

An der Kasse treffe ich ihn dann wieder, der Gesamtschaden übersteigt noch den Preis der S-Klasse Reise mit Hauser, aber er verhandelt um jeden Pfennig Rabatt. „Und sie führen wirklich keine Batterien im Dreierpack? Das müssten sie doch anbieten, wenn ihre Lampen drei Batterien brauchen?“ Linda, die Kassiererin kann nicht fliehen, stopft die ganze Ausrüstung schleunigst in gigantische orange Plastiktüten und ignoriert die Frage. „Haben sie noch ein paar Stifte für mich? Sie wissen schon, als Geschenk für die Kinder am Weg, Süßigkeiten sind ja schlecht für die Zähne und wie sagt man so schön: wer schreibt, der bleibt“. Mit einem gequälten Lächeln und letzter Anstrengung schiebt Linda noch eine Handvoll Kugelschreiber in eine der Tüten. „Funktionieren die auch in großer Höhe? Ich gehe doch zum Bergsteigen in das Himalaya.“ Linda ist zu keiner Antwort mehr fähig.

Beladen mit seiner reichen Beute und verfolgt von erleichterten Blicken der Verkäufer marschiert unser Freund in Richtung Ausgang. Dabei stößt er mit Chandra zusammen, einem Verkäufer der in der Tat aus Nepal stammt und der die warnenden Handzeichen seiner Kollegen offensichtlich als Hilferuf gedeutet hat. „Herr Sherpa, gut dass ich sie treffe!“ Immerhin, die erste Begegnung mit einem Nepali führt auch gleich zur ersten positiven Aussage, das scheint auf einem guten Weg. Ob die Freude gegenseitig ist bleibt offen, denn Chandra versteckt seine Emotionen hinter dem asiatischen Pokerface, einem breiten Lächeln und sagt nur „Thik chha“. Das heißt „alles in Ordnung“ und bedeutet es auch, wenn es denn nicht genau das Gegenteil meint.

Der Einkauf fällt zu Boden und unser Pedant breitet seine Beute vor dem immer noch lächelnden Chandra aus. Eispickel, Signalraketen, GPS-Gerät, Schlafsack, Trillerpfeife und die ganze restliche Packliste inkarnieren aus den Tüten. Dann schaut er erwartungsvoll zu Chandra: „Meine Frage an sie als den Experten: Habe ich alles, was nötig ist?“
„Schön, dass sie mein Land besuchen wollen, und danke, dass sie mich um Rat bitten. Aus meiner Sicht: Das sind alles schöne Dinge die sie gekauft haben. Sehr schöne Dinge. Aber wirklich nötig ist nichts davon, … eine Sonnencreme würde ich allerdings empfehlen“

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Reisen in Indien: Bus oder Bahn Teil 1

Die Gretchenfrage des Indienreisendes: Wer das Land in all seiner Lautstärke erleben möchte, der muss sowohl das Flugzeug als auch das klimatisierte Auto mitsamt Fahrer verlassen und auf Bus oder Bahn umsteigen. Was denn nun? Bus oder Bahn? Die Antwort ist schnell gefunden: beides! Jedes dieser Fortbewegungsmittel ist einzigartig und bietet ungeahnte Möglichkeiten das Leben einzutauchen.

 
Fangen wir mit den Bussen an, die zwei wesentliche Vorteile ihr Eigen nennen: Sie fahren fast überall und es ist vergleichsweise einfach an einen Fahrschein zu gelangen, zumindest für denjenigen, der bereit ist, einen höheren Touristenpreis dafür zu zahlen.  Wer auf dem Normalpreis besteht, kennt am besten einen vertrauenswürdigen Inder oder besitzt die Zeit und das Geschick zu langen Verhandlungen. Wenn allerdings der letzte Bus des Tages laut hupend auf die Abfahrt drängt und aus allen seinen Öffnungen Köpfe und Gepäck ragen, dann ist die Verhandlungsposition schwierig. Also geben wir auf und bezahlen das Doppelte des Üblichen. Es ist immer noch deutlich günstiger als eine Fahrt mit der S-Bahn von Köln nach Düsseldorf und mit dem Fahrscheinautomaten in Deutschland feilsche ich auch nicht um einen Euro.

 
Dem Kauf der Fahrkarte folgt das Einsteigen in den Bus und schlagartig wird mir klar, warum die Inder das Yoga erfinden mussten, sie wollten einfach auf ihren Platz im Bus! Wer nicht stabil auf einem Bein stehen kann, während er kräftig an der Schulter gezogen wird und dabei mindestens ein Bein über den Kopf hinaus zu strecken, wird keinen Sitzplatz ergattern. Wir stehen allerdings noch vor einem zusätzlichen Problem: Im Bus sind keine Plätze frei. Der Schaffner weist uns – wohl ob des von uns bezahlten höheren Preises – zwei Liegeplätze direkt hinter dem Busfahrer zu. Sie befinden sich ungefähr da, wo normalerweise das Gepäcknetz angebracht ist. Die beiden Inder die dort lagen, weichen auf die erste Sitzreihe aus, was wiederum die dort sitzende Familie auf die zweite Reihe verdrängt. Nach irgendeiner unverständlichen Regel verläuft diese Reise nach Jerusalem durch den Bus, mit dem unerklärlichen Ergebnis, das am Ende wieder alle einen Platz besitzen.

 
Währenddessen sind wir bereits losgefahren und bewegen uns auf einer einspurigen Straße Richtung Süden durch die Wüste, außer einem gelegentlichen Kamel ist nur Sand in Sicht. Die Straße ist allerdings durchaus befahren. Sobald ein entgegenkommendes Fahrzeug sichtbar ist, beginnt für unseren Busfahrer der interessante Teil der Arbeit. Zunächst gilt es, auf sich und seinen Bus aufmerksam zu machen. Er legt eine Hand auf die Mitte des Lenkrades und drückt auf die Hupe. Die andere Hand wandert zum Lichthebel neben dem Lenkrad und reißt diesen so schnell er kann vor und zurück.  Die hektische Lichthupe zusammen mit dem Dauerhorn zwingt das entgegenkommende Fahrzeug an den äußersten linken Rand der Asphaltpiste. Da der andere Fahrer genau den gleichen Zauber veranstaltet, bewegen wir uns auch zur linken Fahrbahnkante. Allerdings wird die Fahrbahn dadurch auch nicht geräumiger, so dass die beiden Piloten sich weiterhin auf Kollisionskurs bewegen.

 
Aber es muss einen Plan geben, um den frontalen Crash zu verhindern, denn der Schaffner klappt noch geschwind den Außenspiegel ein. Genau in dem Moment in dem der Zusammenstoß unvermeidlich ist, lassen beide Fahrer die Hupen los, greifen entschlossen wieder das Lenkrad und verlassen in einem kleinen Bogen nach links die Fahrbahn. Der Bus beginnt umzufallen, aufgrund der hohen Geschwindigkeit bleibt ihm dafür aber nicht genügend Zeit. Bevor er sich entschließen kann, finden wir uns auf der Fahrbahn wieder und setzen die Fahrt fort als sei nichts geschehen. So wird einer nach dem anderen der Gegenverkehr umfahren, unter Einsatz aller Steuerungsmittel die dem Fahrer zur Verfügung stehen, mit Ausnahme der Bremse.

 
Nach einigen Stunden habe ich mich an das Schauspiel gewöhnt, zumal mich allmählich ein anderes Problem plagt. Wer in der Wüste leben will, muss viel trinken, an diese Regel habe ich mich gehalten, sehr zu meinem Leidwesen. Gibt es Yogaübungen um die Blase zu erweitern? Irgendeinen Trick müssen die Inder jedenfalls besitzen, denn wir fahren schon seit vier Stunden ungebremst durch die Landschaft. Der Leidensdrang wird zu groß und ich beginne, mich aus dem überdimensionalen Gepäcknetz zu schälen und nach unten zu klettern. Entweder erkennt der Fahrer meine Not im Rückspiegel, oder es ist Zufall: kaum habe ich den Boden berührt bringt er zum ersten Mal die Bremse zum Einsatz und hält an. Ich bin doppelt erleichtert: Weil ich nicht in den Bus pinkeln muss und weil ich jetzt weiß, dass die Bremse funktioniert.

 
Nun springen alle auf und jeder drängelt – mehr oder weniger yogisch – zum Ausgang Mir wird bewusst, dass hier in Indien Drängeln und Rücksicht keineswegs einen Widerspruch darstellen. Gleichzeitig bin ich beruhigt, auch Inder besitzen eine endlich große Blase. Mein vorzeitiges Aufstehen verschafft mir einen veritablen Vorsprung und ich bin als einer der ersten vor dem Bus. Draußen trifft mich die Hitze und… sonst nichts. Weit und breit ist nur Wüste, wer dem Ruf der Natur folgen will muss dafür in die Natur gehen. Es gibt nur eine Regel, Frauen links und Männer rechts. Da wo ich stand werden jedenfalls in den nächsten zweieinhalb Jahren keine wüstentypischen Verhältnisse mehr herrschen.

 

Fünf Stunden später ist die Fahrt beendet als auf wundersame Weise der Bus und unser Gastgeber am Zielort zusammentreffen. Freudig verlassen wir den Bus, froh über das Erlebnis einer Busfahrt in Indien und froh, dass sie glücklich vorüber ist.

Kulturexport

Mein Schreiben soll nicht die Welt verändern! Zumeist ist das eigene Vergnügen daran genügender Antrieb. Heute jedoch kann ich nicht anders, als einen Aufruf zu starten, der hoffentlich weltweite Wirkung zeitigt, trotzdem es – wie immer – um eine kleine Geschichte von kleinen Dingen geht.

Welche kulturelle Leistung der Deutschen wird im Ausland sträflich vernachlässigt? Nein, ich rede nicht vom Oktoberfest, das wird in nahezu jedem Land der Erde häufiger gefeiert als in München. Auch die großen Dichter und Denker sind außerhalb unserer Heimat oft präsenter. Viele Deutsche müssen sich auf dem Theaterplatz in Weimar von einem japanischen Touristen erklären lassen, dass es sich bei den beiden Männern des Denkmals nicht um die Gebrüder Grimm handelt. Auch deutsche Ingenieurskunst ist weltweit bekannt und selbst dunkles Körnerbrot duftet im Siegeszug rund um den Globus. Allein einer Errungenschaft unserer Kultur bleibt die globale Anerkennung bisher verwehrt: dem Eierbecher.

Mancher mag seine besondere Bedeutung noch gar nicht erkannt haben, aber wir wissen Wichtiges ja erst dann zu schätzen, wenn es nicht mehr vorhanden ist: Licht, Freunde, Toilettenpapier. So ergeht es auch dem Eierbecher. Wer ihn nie vermisst hat, der ist noch nicht verreist. In Österreich ist er zuweilen noch zu finden, aber spätestens, wenn in der Schweiz die deutsche Sprache verschwindet, verabschiedet sich auch der Becher; gruß- und ersatzlos. Und auf jeder Reise, in jedem Land falle ich wieder darauf herein. Die Frühstückseier wandern in das kochende Wasser und genau fünf Minuten später bricht Panik aus.

Die Ferienwohnung oder Hostelküche ist mit jeden nur erdenklichen Komfort versehen, allein es fehlen die Eierbecher. Startschuss für die hektische Suche nach einem Ersatz. In Spanien finde ich dann meist ein etwas zu klein geratenes Weinglas und in Italien muss eine Espressotasse herhalten. Die Rettung in Frankreich erschien mir schon in Gestalt eines Schneckentellers, zum Glück sind dort ja auch Wachteleier weit verbreitet. Da in den USA bekanntlich alles größer ist, greife ich zur Muffinform.

Ansonsten ist guter Rat teuer, oft bleibt nur der Griff zur bereits erwähnten deutschen Ingenieurskunst. Aus Hotelservietten lässt sich mit etwas Geschick ein recht stabiles Papierschiffchen falten. Und das Ganze, während ich das abgeschreckte Ei auf einem Löffel balanziere. Eine wacklige Geschichte und ein mehr als dürftiger Ersatz. Obendrein wird die Freude am weichen Ei mit ziemlicher Sicherheit von reichlich Kleckerei begleitet werden.

Warum das Verbreitungsgebiet der Becher so begrenzt ist, habe ich nie verstanden. Aber zum Glück existieren inzwischen die sozialen Netzwerke und präsentieren uns die offensichtliche Lösung. Kein Vermieter und kein Hotelier auf dieser Welt, der ohne hervorragende Bewertungen auf diesen Netzwerken noch mit Gästen rechnen kann.

Wenn wir gemeinsam arbeiten und jeden fehlenden Becher konsequent mit Punktabzug bei booking.com und Tripadvisor abstrafen, dann wird sich die Welt unseren Wünschen nicht lange entziehen können. Zunächst werden Quartiere ohne Eierbecher aus dem Internet verschwinden und wenig später aus unserem Leben, denn dem Hotelier ohne Eierbecher stehen nur zwei Wege offen. Der Weg in die Insolvenz oder der in die Haushaltswarenabteilung. Falls es aber auch dort keine Becher zu kaufen gibt? Dafür wurde der Versandhandel erfunden und die Internetseite http://www.eierbecher.de ist noch verfügbar.

Zur zarten Kokosnuss

Können Kokosnüsse auch zäh sein? In Indien offensichtlich schon. Für unsere Augen und Ohren sind sie ungewohnt, die Schilder welche in einem unnachahmlichen Englisch Wahrheiten verkünden. Wahrheiten wie sie die englische Sprache nur in Indien zulässt. Viele fallen auf den ersten Eindruck herein und glauben die Inder – zumindest diejenigen aus der Kaste der Schildermaler – wären des Englischen nicht mächtig. Das ist natürlich weit gefehlt, denn genau das Gegenteil ist richtig: bei genauer Betrachtung offenbart sich wie exakt es diesen Schildern gelingt, genau das auszudrücken was gesagt werden muss.

„We provide Western toilets and clean toilets“, so strahlt es mir an der Raststätte entgegen und jeder der einmal in Indien gereist ist weiß sofort: Hier wird ein wahres Wort gelassen ausgesprochen. Und die Wahl zwischen den beiden Varianten fällt nicht schwer. Entweder mit Sitz oder sauber. Übrigens beides ohne Klopapier, sonst würde das ja auch auf dem Schild stehen.

Häufig liegt der Unterschied im Detail. Überall auf der Welt heißen Geldautomaten ATM, auch in Indien. Aber während die Abkürzung in allen anderen Ländern sehr nüchtern „Automated Teller Machine“ bedeutet, leuchtet über dem indischen Geldautomaten eine viel treffendere Beschreibung der Funktion: hier steht ATM für: „All Time Money“.

Die Bedienung verläuft dann wie gewohnt, bis dann am Ende der Hinweis auftaucht: „Please wait while your money is been printed“. Die Geldscheine die danach zum Vorschein kommen sehen allerdings überhaupt nicht so aus, als ob sie gerade aus der Druckerpresse kommen. Aber auch in Deutschland wird langsam jedem klar, dass unser Wirtschaftssystem davon lebt einfach immer mehr Geld zu drucken, auch wenn es keiner offen ausspricht.

Die abgenutzten Scheine sind vollkommen ausreichend um die Rechnung im Hotel „Zur Zarten Kokosnuss“ zu begleichen. Das gleiche Hotel bietet auch „Quiet and Warm Showers“ und wieder kann ich den Schildermaler nur für seine Aufrichtigkeit loben. Der Duschraum liegt nachmittags in der prallen Sonne; ich würde ihm auch keineswegs Übertreibung vorwerfen können, wenn er von „Hot Showers“ gesprochen hätte. Aber ein gewisses Element des britischen Unterstatements hat sich dann doch in diesem Land eingenistet. Was die Ruhe angeht: Auch hier kein Unterschied zwischen der Ankündigung und der Realität. Als ich die Hähne aufdrehe unterbricht keinerlei Wasserrauschen die Stille im Bad, noch nicht einmal ein Tröpfeln. Ich denke ganz kurz, dass er auch „warme, ruhige und trockene“ Dusche hätte schreiben können, aber er ist ja Inder und kein Deutscher.

Also anstatt der erfrischenden Dusche lieber eine belebende Massage. Mutig entscheide ich mich für eine Ölmassage, mit der Beschreibung: „This massage gives benefits of lightens the body oil not use“. Nicht jede indische Weisheit ist für den Ausländer sofort zugänglich. Meine Hotelrechnung bezahle ich jedenfalls gerne, denn ich verlasse das „Hotel zur zarten Kokosnuss“ mit vielen neuen Erkenntnissen. Ein letzter Gruß des Hauses steht in großer Schrift ganz vorne am Eingang: „Come to us as a friend and leave us a family!“ Das allerdings – da bin ich mir ganz sicher – habe ich nicht getan.

Halbzeit

Immer wieder wird behauptet, es gäbe ihn gar nicht, DEN Deutschen, DEN Amerikaner oder gar DEN Holländer. Der Standpunkt mag ja politisch außerordentlich korrekt sein, aber dennoch ist er vollkommen falsch. Natürlich gibt es ihn, diesen typischen Vertreter einer jeden Nation. Sicher, seitdem Schuhe von Birkenstock in allen Länder dieser Erde verkauft werden, ist es nicht mehr ganz so einfach den Deutschen im Ausland zu erkennen. Aber auch wenn die Zeichen heute etwas subtiler geworden sind, eindeutig sind sie immer noch. Nach wie vor gilt: wer außerhalb seiner eigenen Wohnung Sandalen mit Socken trägt, der spricht auch Deutsch.
Viel spannender ist es allerdings die Nationalität eines Menschen zu bestimmen, wenn solche offensichtlichen Merkmale fehlen und einzig das Verhalten der Menschen eine Unterscheidung möglich macht. Doch wer sich ein wenig Mühe gibt, muss auch daran nicht scheitern. Zur Halbzeit unserer Reise lässt sich das leicht an den Ländern festmachen, die wir bisher besucht haben. So sind DIE Australier allesamt entspannt, freundlich und hilfsbereit; dagegen habe ich DIE Bewohner von Fiji als freundlich, hilfsbereit und entspannt erlebt. In Kanada trafen wir auf stets hilfsbereite Menschen-dabei entspannt und freundlich – und die Freundlichkeit DER US-Amerikaner ist ja bereits sprichwörtlich; entspannt und hilfsbereit waren sie obendrein.
Irgendwie lässt mich das Gefühl nicht los, dass meine Typisierung von Nationen auf unseren nächsten Reisestationen zu ähnlichen Ergebnissen führen wird. Auch die Neuseeländer, Inder und Nepali werden sich durch die gleichen Attribute auszeichnen. Meine Klassifizierung ist also ebenso einfach wie nutzlos. Doch woran scheitert es nun, mein bewährtes Modell?
Vielleicht findet sich die Ursache in der Geschichte, immerhin waren alle diese Länder – in der einen oder anderen Form – einmal Teil des britischen Königshauses. Aber so gerne ich auch anglophil denken möchte: es ergibt keinen Sinn. Würde Tee mit Milch oder Gurkenbrote mit abgeschnittener Rinde solche Eigenschaften hervorbringen, dann müsste sich bereits die ganze Welt davon ernähren.
Was sonst aber ist all diesen Nationen gemeinsam? Die einzige Übereinstimmung die bleibt, bin ich selbst, der Betrachter. Natürlich wird meine Anwesenheit kaum etwas bewirken, was selbst dem britischen Empire nicht gelungen ist. Aber vielleicht ist es ja wahr, das Sprichwort vom Wald aus dem das herauskommt, was man hineinruft. Auch wenn es im wörtlichen Sinn nicht stimmt – ich habe in etliche Urwälder geschrien und dabei höchstens Rehe aufgeweckt – dann doch im übertragenen.
Nach meiner Rückkehr werde ich es ausprobieren, dann müssten auch DIE Deutschen alle hilfsbereit und freundlich sein, zumindest solange ich selbst es schaffe entspannt zu bleiben. Bis dahin werde ich sie an den Sandalen mit Socken erkennen.

Der Schlüssel zum Glück

Eine Frühstückspension in einer abgelegenen Ecke der Schweiz, eingenistet in ein jahrhundertealtes Bauernhaus. Selbstgemachter Käse füllt den Küchentisch in großen Laiben und die Luft mit würzigem Geruch. Das Bier kühlt im Brunnen vor der Haustür, der Weg zur Toilette führt über den Gang und das beständige Muhen der Kühe ersetzt den Ipod.
Aber auch hier hat die Moderne Einzug gehalten: seit neuestem sind die Zimmer im Internet zu buchen. So besuchen dann auch Menschen diesen Ort, die ohne elektronische Hilfe den Weg nicht gefunden hätten. Das bringt gegenseitige kulturelle Befruchtung mit sich, aber auch – wenn Sprache und Gedanken zu verschieden sind – die ein oder andere Hürde.
Das junge Pärchen aus Paris hat offensichtlich ein Problem, aber es kann sich nicht verständlich machen. Der Bauer ruft uns zur Hilfe, denn er will mit den ersten Gästen aus dem Internet keinesfalls etwas falsch machen. Schnell stellt sich heraus: Es ist alles in bester Ordnung. Weder der Weg zur Toilette noch die Kuhbeschallung ist ein Problem, allein einen Zimmerschlüssel vermissen die Gäste aus der Großstadt.
„Zimmerschlüssel?“ staunt der Bauer und kratzt sich nachdenklich mit dem Käsemesser am Kinn, „da kann ich jetzt auch nicht helfen. Das Haus steht seit sechshundert Jahren und bis heute hat noch nicht einmal die Haustür ein Schloss, geschweige denn die Zimmer“. Diese Zeitspanne überzeugt die Franzosen davon, dass ihnen auch ohne Türschloss in den nächsten Stunden keine unmittelbare Gefahr droht und alle können sich wieder ganz entspannt dem Käse widmen.
Mit jedem Tag den das Sabbatjahr näher rückt wird auch mein Schlüsselbund ein wenig schlanker. Zuerst darf der Büroschlüssel weichen, der Autoschlüssel folgt gleich nach und auch die kleineren Exemplare für den Keller und das Fahrrad sind schnell entbehrlich. Bis zum Abreisetag führt nur noch der Wohnungsschlüssel ein einsames Leben in meiner Hosentasche, aber zum guten Schluss muss auch er sich von mir trennen.
Sicher, auch Schlüssel und Schlösser haben ihre Berechtigung, jeder Radfahrer in Köln kann das bezeugen. Aber nach derweil drei Monaten ohne Schlüsselbund steht fest: Das schlüssellose Leben ist wie die Übernachtung auf dem Bauernhof; entspannt und erholsam. Also wünsche ich mir und dem Bauer, dass wir weiterhin das Privileg besitzen dürfen ohne Schlüssel zu leben. Wir werden nichts vermissen, zumindest nicht bis zur nächsten verschlossenen Tür.

Reisehunger Teil 2

Neuseeland 1997

Vor lauter Bäumen gibt es hier keinen Zeltplatz, stundenlang schon steht Baum an Baum, so dicht, dass selbst unser winziges Zelt keinen Raum dazwischen findet. Endlich öffnet sich der Wald zu einer Lichtung, auf der sogar eine Ansammlung von Häusern steht, in der Mitte eine Kirche und – in unserer Lage noch wichtiger – ein Wirtshaus.

Überhaupt kein Problem sei es, hinter der Kirche unser Zelt aufzuschlagen wird uns im Wirtshaus beschieden und auch eine Kleinigkeit zum Essen wird in Aussicht gestellt. Leider keine Auswahl da heute die Weihnachtsfeier des Dorfes ausgerichtet wird, aber wir sind ja froh überhaupt noch etwas zu bekommen und keineswegs wählerisch.

Wie immer wird zuerst das Zelt errichtet. Danach erwarten uns im Wirtshaus nicht nur sämtliche Einwohner des Ortes, sondern auch zwei frisch bereitete Hamburger, wenn auch der Name nur sehr bedingt zutreffend ist. Ein deutscher Statiker hätte diese Gebilde bestenfalls für Gäste genehmigt, die einen Schutzhelm tragen, so hoch stapeln sich die Lagen zwischen den beiden Brothälften. Nachdem ich drei Spiegeleier identifiziert habe, höre ich auf zu zählen und beginne genüsslich zu essen.

Die insgesamt dreiundsechzig Einwohner unterhalten sich prächtig, jedoch erhalten auch wir regelmäßigen Besuch. Jan, der Busfahrer; Simon, der Farmer auf dessen Wiese wir zelten und Joanne, die Kindergärtnerin eröffnen den Reigen. Sie alle erzählen viel und gerne. Wir sind froh, dass unser Beitrag zur Konversation bereits ausreichend ist, wenn er nur aus einem grunzenden Kopfnicken zwischen dem Kampf mit dem Hamburgerturm und dem Schluck aus dem Bierglas besteht.

Kurz bevor es alle Dorfbewohner geschafft haben sich bei uns vorzustellen, wird es schlagartig still im Lokal, der Bürgermeister hebt an zu seiner Weihnachtsansprache. Wortgewandt lässt er Ernte, Schuljahr und alle anderen wichtigen Ereignisse des Jahres Revue passieren und bevor auch nur der Ansatz von Langeweile aufkommt beschließt er seinen Auftritt mit den Worten: „Ich wünsche Euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest, auch unseren beiden Besuchern, aus welchen Erdteil auch immer sie stammen mögen, in dem man einen Hamburger mit Messer und Gabel isst“.

Reisehunger

Reisen macht hungrig, natürlich zunächst auf noch mehr Reisen, aber auch im wörtlichen Sinn. Absolut unmöglich ist es zu reisen ohne zu Essen und viele Orte dieser Welt haben sich durch die Besonderheit – und dieses Wort ist mir Bedacht gewählt – ihrer Speisen in meinem Reisegehirn verewigt. So sehr ich auch darüber nachdenke, will mir doch keinerlei Ort auf dieser Erde einfallen, den ich alleine aufgrund seiner Essensangebote vermeiden möchte. Dagegen gibt es viele Plätze, die schon durch ihr Essensangebot eine Reise wert sind.

Natürlich ist das Essen unterwegs nicht immer gut, aber häufig eben trotzdem herausragend, weil es Brücken schafft zum Leben vor Ort und landestypisches zum Vorschein bringt. Nur in Belgien kann es gebratene Muscheln als Gruß aus der Küche und zu Spaghetti an Kabeljausauce eine Portion Fritten mit Majo geben. Essen kann strengen Traditionen unterworfen oder ein Symbol für Zeitenwandel sein, oder aber beides zugleich; in England ist „Fish & Chips“ derweil von „Tikka Masala“ als Nationalgericht abgelöst. Mal soll alles aufgegessen werden, dann wieder gilt es genau die richtige Menge nicht zu essen. Auch die beste Strategie, zum Beispiel „Ex und Hopp“ für den ranzigen Buttertee im Himalaya, funktioniert nur dann, wenn der Becher nicht sofort nachgefüllt wird.

Mitunter bleibt der Reisende hungrig und wenn er denn satt wird, ist keineswegs sicher, dass er weiß wovon, Pferd in Köln kann genauso strittig sein, wie Hund in Korea. Aber eines ist gewiss, Essen auf Reisen ist eine große Gelegenheit heranzukommen an die Menschen deren Land man gerade erleben darf und eine große Chance, einfach überrascht zu werden. Natürlich aus meiner Sicht, einer deutschen, betrachtet, denn eine andere habe ich nicht. Wie es anders herum gehen kann versteht jeder, der einmal gesehen hat, wie ein kleingewachsener Japaner hinter einer Schweinshaxe im Brauhaus verschwindet oder ein Russe sich in der guten deutschen Weinstube vier Stücke Zucker in sein Glas Bioriesling rührt.

Fortsetzung folgt….