Der Schlüssel zum Glück

Eine Frühstückspension in einer abgelegenen Ecke der Schweiz, eingenistet in ein jahrhundertealtes Bauernhaus. Selbstgemachter Käse füllt den Küchentisch in großen Laiben und die Luft mit würzigem Geruch. Das Bier kühlt im Brunnen vor der Haustür, der Weg zur Toilette führt über den Gang und das beständige Muhen der Kühe ersetzt den Ipod.
Aber auch hier hat die Moderne Einzug gehalten: seit neuestem sind die Zimmer im Internet zu buchen. So besuchen dann auch Menschen diesen Ort, die ohne elektronische Hilfe den Weg nicht gefunden hätten. Das bringt gegenseitige kulturelle Befruchtung mit sich, aber auch – wenn Sprache und Gedanken zu verschieden sind – die ein oder andere Hürde.
Das junge Pärchen aus Paris hat offensichtlich ein Problem, aber es kann sich nicht verständlich machen. Der Bauer ruft uns zur Hilfe, denn er will mit den ersten Gästen aus dem Internet keinesfalls etwas falsch machen. Schnell stellt sich heraus: Es ist alles in bester Ordnung. Weder der Weg zur Toilette noch die Kuhbeschallung ist ein Problem, allein einen Zimmerschlüssel vermissen die Gäste aus der Großstadt.
„Zimmerschlüssel?“ staunt der Bauer und kratzt sich nachdenklich mit dem Käsemesser am Kinn, „da kann ich jetzt auch nicht helfen. Das Haus steht seit sechshundert Jahren und bis heute hat noch nicht einmal die Haustür ein Schloss, geschweige denn die Zimmer“. Diese Zeitspanne überzeugt die Franzosen davon, dass ihnen auch ohne Türschloss in den nächsten Stunden keine unmittelbare Gefahr droht und alle können sich wieder ganz entspannt dem Käse widmen.
Mit jedem Tag den das Sabbatjahr näher rückt wird auch mein Schlüsselbund ein wenig schlanker. Zuerst darf der Büroschlüssel weichen, der Autoschlüssel folgt gleich nach und auch die kleineren Exemplare für den Keller und das Fahrrad sind schnell entbehrlich. Bis zum Abreisetag führt nur noch der Wohnungsschlüssel ein einsames Leben in meiner Hosentasche, aber zum guten Schluss muss auch er sich von mir trennen.
Sicher, auch Schlüssel und Schlösser haben ihre Berechtigung, jeder Radfahrer in Köln kann das bezeugen. Aber nach derweil drei Monaten ohne Schlüsselbund steht fest: Das schlüssellose Leben ist wie die Übernachtung auf dem Bauernhof; entspannt und erholsam. Also wünsche ich mir und dem Bauer, dass wir weiterhin das Privileg besitzen dürfen ohne Schlüssel zu leben. Wir werden nichts vermissen, zumindest nicht bis zur nächsten verschlossenen Tür.

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