Stilles Konzert

Zweihundert Badelatschen vor dem Eingang, Bastmatten auf dem Boden, bunte Tücher zwischen den Bäumen und hundert Rupien Eintrittsgeld: Die Szenerie beleuchtet mit den Ikea-Lampions die inzwischen auf der ganzen Welt für schummrig, stimmungsvolles Licht sorgen und mich immer an die selbstgebastelten Sparschweine aus Pappmaschee erinnern. Eine Konzertnacht in Goa.

Das Plakat verspricht ein „stilles Konzert“ und dieses Versprechen sollte eingehalten werden, mehr noch als ich mir vorstellen kann. Zu Beginn klingt noch eklektische Musik durch die Nachtluft, drei Musiker schaffen Sphärenklänge die sanft durch die Plamen rauschen. Die Besucher teilen sich in zwei Gruppen: Die eine Hälfte liegt auf dem Boden und trainiert für einen Ultramarathon im „Shavasana“; die andere sitzt im Schneidersitz, die Beine wie Holzblöcke vor dem Körper gestapelt. Dabei schwingen ihre Oberkörper und Arme so anmutig als gelte es den Palmblättern das richtige wiegen im Wind zu zeigen. Aus Rücksicht auf meine Muskeln und Respekt vor dem Anmut der Palmen schließe ich mich der Gruppe der Liegenden an.

Als ich nach wenigen Minuten all meine Körperteile mit der Bastmatte in bequemer Lage vereint habe, erstirbt die Musik. Offensichtlich waren die Sphärenklänge nur die Vorgruppe, der Hauptakt des Konzerts sollte noch kommen. Es folgt…Nichts, Stille unter den Palmen, gefolgt von… wieder Nichts! Aufdringlich dröhnt die Stille in meine Ohren, die immer hoffen von Musik erlöst zu werden. „Pause“ denke ich und beginne mich aufzurichten, aber der Rest der Konzertbesucher schaukelt weiter mit dem Oberkörper oder liegt erschlafft auf dem Rücken, also übe ich mich in Geduld. Die wird dann nach einiger Zeit belohnt, denn eine Stimme schmeichelt sich durch die Nachtluft. Sie gehört einer Frau die auf der Bühne sitzt und die Hände in die Luft hält als wollte sie sagen: „Ich könnte jetzt Musik spielen, mache ich aber nicht!“

Was sie wirklich sagt – oder besser gesagt, was sie in die Luft haucht – ist: „Willkommen zum stillen Konzert. Schön dass ihr da seid, wir wollen heute zusammen Nichts machen. Ihr habt jetzt die Freiheit nicht zu denken und nicht zu schlafen. Das einzige worum ich euch bitte ist nicht zu meditieren!“. Wie bitte? Gut, von Meditation verstehe ich nicht viel, aber hatte das nicht was damit zu tun frei von Gedanken zu sein? Nicht schlafen, nicht denken und nicht meditieren? Sie hätte auch sagen können: Spring ins Wasser, aber bitte mach dich dabei nicht nass!

Der einfachste Weg aus dem Dilemma wäre natürlich, das Konzert jetzt mit Musik fortzusetzen, aber das passt offensichtlich nicht in das Konzept des Abends. Es tröstet mich, dass ich nicht der Einzige bin der nicht so genau weiß was er tun soll. Offensichtlich sind auch die Musiker etwas unschlüssig. Jedenfalls beginnen sie in der anhaltenden Stille die Frau auf der Bühne zu umarmen. Das empfindet sie wiederum wohl als unfair gegenüber dem Publikum, und beginnt damit jeden Konzertbesucher zu umarmen. Die ultimative Goa-Variante des Stagediving nach dem Motto „Make Love not Music“.

Ich multipliziere die Anzahl der Besucher mit der Zeit die sie für eine Umarmung benötigt. Dabei habe ich kaum ein schlechtes Gewissen, denn wir sollten ja nicht denken, vom Rechnen hat niemand gesprochen. Eine gute Stunde wird das Ganze wohl noch dauern. Und dann kann ich bei aller Mühe doch nicht anders: Ich denke und zwar dass es an der Zeit ist für mich zu gehen!

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