Sehenswürdigkeiten

Reefton, Neuseeland

„Durch Kohle aufgestiegen und mit der Kohle abgestürzt“, das ist die Geschichte dieser Bergbaustadt. Während des Kohlebooms erhielt die verschlafene Wildwestansiedlung das erste öffentliche Stromnetz in ganz Neuseeland. Nun ist heutzutage der ständige Zugang zu elektrischer Energie absolut unverzichtbar, zumindest für die Besitzer eines Smartphones. Spätestens nach acht Stunden ohne Nachladen, schreit dies nach Nestwärme und verweigert den Betrieb. Kurze Zeit später treten auch bei dem Besitzer die ersten Entzugserscheinungen auf: unkontrolliertes Zittern in beiden Daumen und die nackte, gesichtsbuchlose Panik in den Augen. Wenn dann noch keine Steckdose in Sichtweite ist, können die Folgen fatal sein. Aber, so wichtig ein Stromnetz auch ist, als Touristenmagnet taugt es nur bedingt.

Andere Attraktionen kann ich der Dame in der Touristeninformation aber beim besten Willen nicht entlocken, also frage ich nach dem was es überall gibt: dem Wetter! Die Meteorologen hatten für das Wochenende Regen gemeldet, ob das denn immer noch so sei? „Nein, Nein, alles anders“, lautet ihre energische Antwort, „es wird überhaupt keinen Starkregen geben, einfach nur Regen!“ Verständlich; an einem Ort mit über zweihundert Tagen Niederschlag im Jahr, kann nicht gleich jeder Landregen zum schlechten Wetter zählen.

Mit dieser optimistischen Vorhersage im Nacken, begebe ich mich zum Zeltplatz, nur um dort festzustellen, dass die Schließung der Kohlegruben auch das kulturelle Leben arg in Mitleidenschaft gezogen hat. Nun mag mancher über Gelsenkirchen oder Bochum ähnliches denken, aber eines bleibt festzuhalten: Im gesamten Ruhrgebiet wird sich nicht ein Ort finden, der seinen Fußballplatz einfach zum Zeltplatz umgewidmet hat und das Sportlerheim zur Gemeinschaftsküche. Allerdings muss ich zugeben: mein Zelt auf der Position eines klassischen Linksaußen steht so weich wie eben und bietet einen guten Überblick.

Einladend dröhnt die Livemusik aus der Kneipe neben dem Sportplatz an mein Ohr und bereitwillig folgte ich ihrem Ruf. Die Coverband besteht aus fünf Musikern und alle sehen so aus als wäre der Rock’nRoll gerade erfunden, obwohl keiner von ihnen mehr als fünfunddreißig Jahre zählt. Offensichtlich haben sie einen Eid geschworen: niemals Lieder spielen die nicht schon zu ihrer Geburt in den Top 100 standen. Nach einer Weile, ich habe gerade mein erstes Bier geleert, springt der Bassist von der Bühne und setzt sich zu mir. Die anderen Vier mühten sich ohne Bass darum irgendwie wie Judas Priest zu klingen, als er mich fragt ob er mir denn ein Bier ausgeben könnte?

„Wo ich herkomme“, erkläre ich ihm verblüfft, „geben die Zuschauer der Band ein Bier aus und nicht umgekehrt!“.

„Das war hier auch mal so, nur … der Wirt lässt uns nur so lange spielen wie Gäste da sind und Du bist der Letzte und Dein Bier ist leer“.

Mein Blick geht von meinem Bierglas (leer) über die Kneipe (ebenfalls leer) zu meiner Armbanduhr. Es ist Freitagabend und noch nicht einmal viertel vor Zehn! Ich bestelle zwei Bier für uns und verspreche dem Bassisten mich möglichst lange daran an meinem festzuhalten. Als es mir schließlich doch ausgeht, sind auch der Band die Oldies ausgegangen.

Derweil ist es halb Elf und die historischen Straßenlampen des Ortes beleuchten eine leere Hauptstraße, so leer dass ich einfach durch die gespenstische Ruhe spazieren muss. Selbstredend sind alle Geschäfte geschlossen, aber das bedeutet nicht, dass sie auch abgeschlossen sind. Ganz im Gegenteil: Im kleinen Supermarkt steht die Tür offen, einzig die Kasse ist mit einem Schloss versehen; vor dem Café nebenan muss ich die Flügelfenster umrunden, die trotzig offen in den Gehweg ragen und vor der Bäckerei der Versuchung widerstehen mir durch das offene Fenster ein Brötchen zu angeln. Anscheinend glaubt hier noch jeder, dass ein elektrisches Licht ausreicht um jede böse Tat im Keim zu ersticken. Und obendrein scheint das sogar zu funktionieren.

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