Yogastrand

Wenn auf dieser Welt ein existiert der sich ganz dem Yoga verschrieben hat, dann ist es der von Arambol. Nicht umsonst liegt er am Ende des Hippie Trails, viele der reisenden Hippies hielten ihn schlicht für den Himmel auf Erden und sind bis heute dortgeblieben.

Wo sonst verschreibt der örtliche Arzt bevorzugt Yogapositionen und Pranayamas? Wo verkauft der Tante-Emma Laden Yogamatten anstatt Strandmatten? Wo sonst gibt es Zimmer ohne Dusche, ohne Bad, manchmal sogar ohne Wände, aber niemals ohne Yogaklasse? Arambol ist fest in yogischer Hand. Die Schönheitssalons nennen ihre Massage „empfangendes Yoga“ und der Büchertausch im Strandrestaurant bietet zwischen Sanskritschülern und Tantrikern genügend Erleuchtung um das gesamte dunkle Mittelalter und gleich auch noch den Frankfurter Flughafen zu erhellen.

Ein Morgen am Strand zeigt die yogische Tradition am klarsten: Auf wenigen hundert Metern Sand tummeln sich alle Yogastile von denen jemals berichtet wurde. Hatha, Anusara, Vinyasa, Kundalini, und hundert weitere fließen, halten oder schweben der aufgehenden Sonne entgegen. Ein Flashmop der Sonnengrüße. Die so gegrüßte ist offensichtlich an den vielfachen Gruß bereits gewöhnt, und geht auf wie immer. Tai-Chi Tänzer schneiden die Morgenluft in kleine Scheiben auf denen dann die Acroyogis fliegen können. Selbst die Strandhunde beherrschen mehr Yogapositionen als ich Tiernamen. Zwischen dem bunten Treiben schreiten selbsternannte und fremdbestimmte Gurus durch ihre Gehmeditation, sorgsam darauf bedacht nicht über den eigenen Bart zu stolpern.

Nur eine Gruppe fehlt, die Gemeinde der Bikramyogis. Erst die Mittagshitze wird sie zum Vorschein bringen. Auch Inder sind kaum zu sehen, die müssen wahrscheinlich arbeiten. Einer allerdings hat seinen Arbeitsplatz genau hier am Strand, der Rettungsschwimmer gleitet in einem knallroten Geländewagen den Strand entlang, immer auf der Suche nach Schwimmern in Not und nach Yogis in verbesserungsfähigen Positionen. Richtig gelesen, an diesem Strand ist der Lebensretter auch Yogalehrer. Kaum entdeckt er eine hilfsbedürftige Person, so springt er auch schon aus seinem Gefährt. Eine Hand auf die linke Pobacke des Yogalehrlings, die andere auf das rechte Knie und schon wird aus dem Asana der Krüppelkiefer ein aufrechter Baum.

Genau in diesem Moment allerdings braut sich echte Gefahr zusammen. Ein drahtiger Yogi steht bereits seit mehreren Minuten in einem wunderschön gestreckten Hund. Direkt an der Wasserkante schwebt sein Kopf nur wenige Zentimeter über dem Boden. Was er nicht sehen kann ist die große Welle, die direkt auf ihn zurollt und ihn in wenigen Sekunden wegspülen wird. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für den Rettungsyogi seiner eigentlichen Aufgabe nachzugehen, so denke ich. Der hingegen sieht offensichtlich keinen Anlass seinen gerade ausgerichteten lebendigen Baum loszulassen, sondern schaut nur entspannt in Richtung Welle.

Manche Yogis benötigen angeblich nur Luft und Liebe zum Leben, aber soweit ich weiß müssen auch die Erleuchteten zumindest noch atmen. Also mache ich mich auf dem Weg um dem gefährdeten Yogi das Leben zu retten, aber im Gegensatz zum Rettungsschwimmer bin ich zu weit weg und kann dann auch nur zuschauen wie das Schicksal seinen Lauf nimmt. Sekundenbruchteile bevor die Welle zuschlägt, gleitet der Yogi vom Hund in eine ausgewachsene Kobra, die ihren Kopf über den Fluten hält und sich von der Gewalt des Wassers in einen Lotussitz spülen lässt. Zufrieden sitzt er auf dem Strand, die Beine in einem gordischen Knoten mit seinem Schoß verwickelt. Ich weiß nicht welche anderen Nebenwirkungen das Yoga besitzt, aber wenn jemand behauptet, es würde auch gegen den Tod durch Ertrinken helfen, dann werde ich in Zukunft nicht widersprechen.

Schlechte Laune

Es muss doch verdammt noch mal einen Grund geben sich zu ärgern? Irgendetwas worüber ich mich aufregen kann? Gute Laune ist ja schön und gut, sicher auch gesund und alles. Blutdruck schön niedrig, Cholesterin noch niedriger und Adrenalin quasi eine Nullnummer! Fein ist das, für ein paar Tage, ein paar Wochen, selbst ein paar Monate. Aber, der liebe Gott weiß schon weshalb er die Glückseligkeit für das Paradies reserviert hat. Hier auf Erden kommt der Zeitpunkt, da ist sie einfach nicht mehr zu ertragen.
Aber was willst Du machen, gegen diese Fröhlichkeit? Wenn der Himmel immer blau ist? Die Luft zum Schwitzen zu frisch und das Wasser zum Frieren zu warm! Der Wind immer wohlwollend, die Sonne mild und die Sterne hell? Alles gesund, gesättigt und gemütlich. Die einzige Entscheidung die mir abverlangt wird: Zuerst Buch lesen in der Hängematte und dann ein Strandspaziergang, oder doch besser umgekehrt? Ich könnte mich natürlich darüber ärgern, dass ich schnorcheln war ohne eine Schildkröte zu sehen. Die ganzen bunten Fische und Korallen haben den Blick verstellt. Aber so sehr ich mich auch bemühe, nichts ergibt einen Grund für schlechte Laune.
Bisher dachte ich, ein Grund wäre gar nicht nötig. Einfach mit dem falschen Bein zuerst aufstehen und wenn das nicht reicht einen Blick in die Zeitung werfen, schon kommst du schlecht drauf. Da besaß ich allerdings noch einen großen Vorrat an Gründen, irgendwann erlebt und für den rechten Moment in der Ecke meines Gehirns abgelegt die für schlechte Laune zuständig ist. Sie war nie überfüllt diese Ecke, aber mit etwas gutem Willen war dort immer etwas zu finden. Doch jetzt herrscht gähnende Leere, sauber aufgekehrt wie eine deutsche Werkstatt am Freitagnachmittag.
Solange die Nabelschnur Internet noch zwischen mir und dem Rest der Welt baumelte, waren die Nachrichten noch eine Hilfe; lieferten guten Nährboden für negative Schwingungen. Aber selbst das wird mit jedem Kilomater und jedem Tag Abstand schwieriger. Obendrein ist unser aktueller Außenposten nicht nur vom Internet abgeschnitten, auch andere Nachrichten oder Menschen finden selten den Weg hierher.
Die Umgebung kann mir auch nicht helfen, denn die Fijianer scheinen immer gut gelaunt. Aus allen Ecken schallt ihr Lachen und in jede Meeresbrise mischt sie ihr Gekicher. Für sie würde ich Gründe finden schlecht gelaunt zu sein, ihr Dorf wird gerade umgesiedelt. Weg vom Sandstrand auf einen nahegelegenen Hügel, eine ganz praktische Folge des Klimawandels. Trotzdem: um mich herum nur fröhliche Gesichter.
Für den Moment bin ich also zu guter Laune verdammt. Damit muss ich mich abfinden. Aber das Sabbatjahr dauert es ja nicht ewig. Die Realität wird mich schon noch rechtzeitig einholen, mitsamt ihrer schlechten Laune. Vielleicht kann sie mir dann aber auch gestohlen bleiben. Die schlechte Laune meine ich, nicht die Welt.