Kulturexport

Mein Schreiben soll nicht die Welt verändern! Zumeist ist das eigene Vergnügen daran genügender Antrieb. Heute jedoch kann ich nicht anders, als einen Aufruf zu starten, der hoffentlich weltweite Wirkung zeitigt, trotzdem es – wie immer – um eine kleine Geschichte von kleinen Dingen geht.

Welche kulturelle Leistung der Deutschen wird im Ausland sträflich vernachlässigt? Nein, ich rede nicht vom Oktoberfest, das wird in nahezu jedem Land der Erde häufiger gefeiert als in München. Auch die großen Dichter und Denker sind außerhalb unserer Heimat oft präsenter. Viele Deutsche müssen sich auf dem Theaterplatz in Weimar von einem japanischen Touristen erklären lassen, dass es sich bei den beiden Männern des Denkmals nicht um die Gebrüder Grimm handelt. Auch deutsche Ingenieurskunst ist weltweit bekannt und selbst dunkles Körnerbrot duftet im Siegeszug rund um den Globus. Allein einer Errungenschaft unserer Kultur bleibt die globale Anerkennung bisher verwehrt: dem Eierbecher.

Mancher mag seine besondere Bedeutung noch gar nicht erkannt haben, aber wir wissen Wichtiges ja erst dann zu schätzen, wenn es nicht mehr vorhanden ist: Licht, Freunde, Toilettenpapier. So ergeht es auch dem Eierbecher. Wer ihn nie vermisst hat, der ist noch nicht verreist. In Österreich ist er zuweilen noch zu finden, aber spätestens, wenn in der Schweiz die deutsche Sprache verschwindet, verabschiedet sich auch der Becher; gruß- und ersatzlos. Und auf jeder Reise, in jedem Land falle ich wieder darauf herein. Die Frühstückseier wandern in das kochende Wasser und genau fünf Minuten später bricht Panik aus.

Die Ferienwohnung oder Hostelküche ist mit jeden nur erdenklichen Komfort versehen, allein es fehlen die Eierbecher. Startschuss für die hektische Suche nach einem Ersatz. In Spanien finde ich dann meist ein etwas zu klein geratenes Weinglas und in Italien muss eine Espressotasse herhalten. Die Rettung in Frankreich erschien mir schon in Gestalt eines Schneckentellers, zum Glück sind dort ja auch Wachteleier weit verbreitet. Da in den USA bekanntlich alles größer ist, greife ich zur Muffinform.

Ansonsten ist guter Rat teuer, oft bleibt nur der Griff zur bereits erwähnten deutschen Ingenieurskunst. Aus Hotelservietten lässt sich mit etwas Geschick ein recht stabiles Papierschiffchen falten. Und das Ganze, während ich das abgeschreckte Ei auf einem Löffel balanziere. Eine wacklige Geschichte und ein mehr als dürftiger Ersatz. Obendrein wird die Freude am weichen Ei mit ziemlicher Sicherheit von reichlich Kleckerei begleitet werden.

Warum das Verbreitungsgebiet der Becher so begrenzt ist, habe ich nie verstanden. Aber zum Glück existieren inzwischen die sozialen Netzwerke und präsentieren uns die offensichtliche Lösung. Kein Vermieter und kein Hotelier auf dieser Welt, der ohne hervorragende Bewertungen auf diesen Netzwerken noch mit Gästen rechnen kann.

Wenn wir gemeinsam arbeiten und jeden fehlenden Becher konsequent mit Punktabzug bei booking.com und Tripadvisor abstrafen, dann wird sich die Welt unseren Wünschen nicht lange entziehen können. Zunächst werden Quartiere ohne Eierbecher aus dem Internet verschwinden und wenig später aus unserem Leben, denn dem Hotelier ohne Eierbecher stehen nur zwei Wege offen. Der Weg in die Insolvenz oder der in die Haushaltswarenabteilung. Falls es aber auch dort keine Becher zu kaufen gibt? Dafür wurde der Versandhandel erfunden und die Internetseite http://www.eierbecher.de ist noch verfügbar.

Eifelkloster

Nur übernachten möchte ich in diesem Kloster, bestenfalls noch Frühstücken, falls ich denn früh aufwachen sollte. Keinesfalls jedoch hier zu Abend essen. Direkt nebenan ruft ein Eifeler Landgasthaus mit bester Küche, mein Sinnen steht nach Wildbraten und Rotweinsoße. Das ist aber der Versuch die Rechnung ohne den Wirt zu machen, genauer gesagt ohne Schwester Maria Antonie. Seit fünfzig Jahren begleitet sie die Klostergäste zu ihren Zimmern. Und offensichtlich freut sie sich auch heute über jeden Gast genauso wie in der Zeit, als ich noch nicht einmal in den Träumen meiner Eltern existierte.
Anstatt direkt zur Klosterzelle, führt sie mich in die hinterste Ecke der Klostergebäude, eine enge Steige hinauf und durch eine Tür mit dem Schild „Nur im Brandfall öffnen“. Der Grund: Die Sonne geht unter und von der freischwebenden Feuertreppe lässt sich das Schauspiel in Pastelltönen am besten erspähen. Das Wackeln der Treppe gleicht den wackligen Gang der alten Nonne perfekt aus, nur ich komme beinahe ins Straucheln. Glücklicherweise verlaufen die Sonnenuntergänge in der herbstlichen Eifel recht zügig, denn selbst, solange die Sonne scheint, bleiben die Temperaturen hier einstellig. Ich bin zwar angemessen bekleidet, aber nur für das Beziehen eines Zimmers, nicht für Exkursionen.
Wie das jetzt mit dem Wildbraten zusammenhängt? Schwester Maria Antonia leitet mich auf dem Rückweg am Refektorium vorbei, und vergisst dabei nicht auf das leckere Klosteressen hinzuweisen. Einmal durchgefroren schwindet in mir jegliche Motivation das heimelige Kloster heute noch zu verlassen und ich entscheide für den heimischen Herd. Allerdings missachte ich den dringlichsten Ratschlag meiner Begrüßungsnonne. Eindrücklich hatte sie darauf hingewiesen am Anfang der Essenszeiten aufzutauchen, denn, so ihre Worte, „das Warme ist früh am Leckersten“.

 

Sicher ein weiser Rat, doch was nützt das beste Abendessen, wenn es nicht Abend ist. Also erscheine ich als einer der Letzten im Saal, hohe Stapel benutzter Teller auf dem Geschirrwagen zeigen an, dass hier die sprichwörtliche Ruhe nach dem Sturm herrscht. Und ein solcher ist offensichtlich durch den Speisesaal gezogen. Bestand die achte Plage im alten Ägypten aus Heuschrecken oder Firmungskindern?
Ein wenig nervös, weil ich den eindringlichen Rat der Nonne ignoriere, bewege ich mich in Richtung Büffet. Aber ein Blick auf das Essen zeigt mir an, dass ich heute ungestraft davonkomme; der Junge in mir wird satt und glücklich das Refektorium verlassen. Die Tische biegen sich unter Essensbergen und die warmen Speisen bestehen aus heißen Würstchen, lauwarmen Kartoffelsalat mit Speck und selbst gebratenen Frikadellen. Nichts was durch ein Stündchen warmhalten an Geschmack verliert. Daneben Blutwurst, Schinken und Sülze im schweigenden Wetteifer um den höchsten Stapel. Erkenntnis des Tages: Fleisch ist keinesfalls krebserregend, sonst wäre die Eifel längst entvölkert.
Hinter dem Tresen treffe ich wieder auf Schwester Maria Antonia, welche großzügig die Teller der Gäste auffüllt.  Der Mann vor mir fragt höflich an, ob die Frikadellen denn aus Fleisch bestünden. „Selbstverständlich!“, antwortet die Nonne. „Und auch selbstgemacht, nicht gekauft?“ Diesmal zögert sie eine kleine Sekunde, bevor sie die gleiche Antwort wiederholt: „Selbstverständlich!“. Der Herr zieht mit zufriedenem Ausdruck und beladenem Tablett weiter und ich rücke nach. Schwester Maria Antonia schaut ihm für einen Moment ungläubig hinterher, wobei ich mir unsicher bin, ob eine Ordensfrau ungläubig schauen kann. Dann sammelt sie sich wieder und richtet ihr nachdenkliches Lächeln zu mir. Kaum merklich schüttelt sie den Kopf als sie mich fragt:

„Gibt es Fleischklöpse inzwischen im Supermarkt?“
„Ich denke schon“, antworte ich, „aber ich glaube die kauft keiner“.

Alpines in Nippes – Teil drei der Nippestrilogie

Ein Event inmitten der Großstadt und das Kölsch kostet einen Euro,… gibt es nicht? Doch bei den Alpinvorträgen des Kölner Alpenvereins. Und das nicht nur als Lockangebot, um dann mit dem Essen abzusahnen, denn auch die belegten Brötchen kosten nicht mehr. Hier ist er, der letzte Hort des Mettbrötchens, frische Zwiebeln kleben wie Gipfelkreuze auf dem Metthügel, welcher seinerseits so unbezwingbar wie die Nordwand des Eigers aus der Brötchenhälfte ragt.
Der Saal ist prall gefüllt mit Menschen, die selbst nach dem Verzehr von zweien dieser Eigermettwände noch vor Energie und Fernweh strotzen. Die Frauen tragen kein Make-up, dafür aber Haare unter den Achseln und Blick auf die Männer verleiht mir zum ersten Mal im Leben das Gefühl, modisch ganz vorne zu stehen. Wer hierher kommt, will sehen, und nicht gesehen werden.
Und reden natürlich, reden von vergangenen und bevorstehenden Exkursionen, Kletterwänden, Besteigungen und sonstigen waghalsigen Tätigkeiten. Deutsch dominiert die Gespräche, oder das was man dort wo die Besucher herkommen dafür hält. Der eine sächselt, die andere schwäbelt. Bayrisches Gebrummel trifft auf Berliner Schnauze. Alle, deren Lebensweg in die Berge durch Köln führt, sind hier versammelt. Auch kölsche Töne sind gelegentlich zu vernehmen, aber der süddeutsche Einschlag überwiegt. Auf jeden Fall lauter Menschen deren Heimat nicht unbedingt an ihrem Wohnort liegt und die wissen wie sie mich aus einer Gletscherspalte bergen könnten. Eine sehr beruhigende Erkenntnis, auch wenn Gletscherspalten in Köln bestenfalls in Druckform auftreten.

Der Referent stammt aus Österreich, ein typisches Exemplar, dem das Schneckensammeln nie gelingen wollte, weil die immer so schnell wegrennen. Auch er ist von den Bergen „desinfektsziert“, insbesondere den Bergen des Himalayas. Nachdem die pfeifende Rückkopplung aus dem Lautsprecher alle Aufmerksamkeit auf ihn gezogen hat, beginnt er mit seinem Vortrag. Das erste Bild zeigt eine Räucherschüssel: „Wann I den Geruch aus dem Inzenstopf in dera Nasen hab, da weisst, dass wieder dahoam bist in die schönsten Berg“. Die meisten seiner Zuhörer wissen genau, wovon er redet und lauschen gespannt.
Doch bereits das zweite Bild ruft großes Tuscheln im Publikum hervor. Es zeigt den Referenten, der sich in Outdoorkleidung an einem Herdfeuer wärmt. Aufgenommen wurde es in den achtzigerer Jahren in einem abgelegenen nepalesischen Dorf. Die Reaktion des Publikums wird aber keineswegs durch das Bild hervorgerufen, sondern vielmehr durch den Kommentar des Referenten: „Wie Sie sehen, hat sich die Mode auch beim Bergsteigen in den letzten dreißig Jahren stark verändert!“
Die Verwunderung, insbesondere des männlichen Publikums, hätte nicht größer sein können, wenn er das Matterhorn nach Deutschland verlegt hätte. „Siehst Du, ich habe es doch schon immer gesagt“, so höre ich weibliches Tuscheln, gefolgt von der männlichen Antwort: „dass muss er doch so sagen, wegen seinem Sponsor“. Damit ist der Modeteil abgehakt und die Berge und ihre Bewohner rücken wieder in den Mittelpunkt.
Nach etwa einer Viertelstunde fällt mir auf, dass jedes neue Bild zunächst ein wenig unscharf erscheint, bevor es dann nach etwa einer halben Sekunde den vollen Fokus findet. „Ein toller Retroeffekt“, denke ich. Das ist fast so wie früher als es noch echte Dias gab, die sich in der Wärme des Projektors leicht verziehen und etwas ausbeulen. Doch das leichte Klacken das den Bildwechsel begleitet bringt mich auf die richtige Spur: Das ist nicht Retro, sondern es handelt sich wirklich um analoge Bilder. Und das obwohl wir im Vortrag die achtziger Jahre weit hinter uns gelassen haben.
Die Pause füllen dann wieder belegte Brötchen, Ein-Euro Kölsch und Heldengeschichten, erlebte, vernommene und geplante. Bevor unser Referent wieder im Dunkel des Vortragsraumes verschwinden darf und die Bühne den Bergbildern überlassen, steht er aber noch vor einer Herausforderung. Er soll – selbstverständlich für den guten Zweck- ein Kunstwerk versteigern. Das Gemälde zeigt einen Berg, oder zumindest kann man das was darauf abgebildet ist als Berg bezeichnen. Es könnte aber auch fast jeder andere Gegenstand sein. Ohne die glaubhafte Versicherung der anwesenden Künstlerin, dass es sich um einen Berg handelt, hätte ich noch nicht einmal hier ein Kölsch darauf gewettet. Immerhin: Wenn es ein Berg ist, dann hätte ich jetzt zumindest eine Idee wo bei dem Bild oben und unten sein könnte. Gleiches denkt sich wohl auch der Österreicher auf der Bühne, denn er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Vorzüge der Verpackung. Eine Schutzfolie mit „Plastikblöbbern“, diesen Luftblasen, die heutzutage alles schützen, was es von Ikea zu kaufen gibt. „Wunderschön“, so preist er die kostenlose Dreingabe an, „wenn du in einem Sturm im Hochlager sitzt, und kannst das Zelt für Tage nicht verlassen, dann macht es einen Heidenspaß die alle nacheinander zu zerdrücken“. Das kann ich mir vorstellen, solange ich das Bild nicht mit auf den Berg schleppen muss. Die Werbestrategie geht auf und sowohl Bild als auch Folie finden schnell einen neuen Besitzer.
In der zweiten Hälfte fallen die gewölbten Dias und die anfängliche Unschärfe kaum mehr auf, denn unser Fotograf möchte jetzt zu den meisten Bildern einen erklärenden Satz liefern. Damit bleibt jedes einzelne Bild dann für eine Minute auf der Leinwand stehen. Da es sich um tolle Bilder von noch tolleren Bergen handelt, stört das niemanden. Im Gegenteil, das Kontrastprogramm zum ewig Flackernden unserer Zeit ist so wohltuend wie beruhigend. Am Ende steht neben dem neuerwachten Fernweh die Erkenntnis, dass es durchaus möglich ist, die Zeit zurückzudrehen. Und selbst die Werbeeinheit vom Anfang zeigt ihre Wirkung: „Glaubst Du wirklich ich sollte mir dieses Jahr eine neue Bergsteigerhose kaufen?“, so höre ich ungewollt im Vorbeigehen. Gut, das dieses Jahr noch ganz am Anfang steht.

Hier geht es zur Nippestrilogie Teil 1

Und zum Teil Zwei

Mit Deutschen reden

Die Jüdin in Amerika
„Mit Deutschen reden fällt mir immer schwer …“. Kaum hat meine Tischnachbarin diesen Satz ausgesprochen, bleibt meine Gabel unschlüssig in der Luft hängen und all meine Warnlichter leuchten auf. Sie ist Jüdin und ich ein Deutscher aus der Generation, die niemals unbefangen mit Juden umgehen wird. Unberührt fährt sie fort: „…weil die immer so entschuldigend auftreten“. Treffer und versenkt! Auch wenn ich so lange nach 1945 geboren bin, dass mir keine Beteiligung – und sei es auch nur eine stille – an den Naziverbrechen vorzuwerfen ist, so wird mich doch die historische Schuld nie verlassen. Nicht als eine persönliche, unüberwindliche, aber als ein Teil meines Landes, meiner Heimat. Wenn mich denn mehr mit Deutschland verbindet als nur der Reisepass, dann gehören eben auch die dunklen Seiten dazu.
Das versuche ich ihr, möglichst ohne Entschuldigung, zu erklären. Sie lacht und erklärt mir freundlich: „Genau das meine ich und obendrein seht ihr Deutschen immer die Probleme, dabei lebt ihr in einem wunderschönen Land!“ Gut beobachtet, denke ich. Vielleicht ist es die wichtigste Erkenntnis des Reisens: Der neue Blick auf das Bekannte und die Heimat; nicht zuletzt durch die Augen und Worte der Fremden.

 
Der Tansanier in Deutschland
„Ja, ich war auch schon einmal in Deutschland, alles war wunderbar“, so erklärt mir der junge Afrikaner nach dem Konzert. Auf Konzertreise mit seinem Chor ist er durch Deutschland getourt und alles, was ich ihm entlocken kann, sind Loblieder auf dieses Land. Das Wetter, das Essen, die Menschen, die Züge mit Klimaanlage, die Zentralheizungen in den Zimmern, das Wasser aus der Leitung. Nur Gutes hat er in Deutschland gesehen und das fließt in Strömen, fährt pünktlich und ist immer sauber.
Ich lasse nicht locker und meine deutsche Krämerseele nicht los, es muss doch auch irgendetwas geben das ihn gestört hat? Aber sei es wahr oder der afrikanischen Freundlichkeit geschuldet, er kann sich beim besten Willen an nichts Negatives erinnern. Ich versuche es von der anderen Seite, wenn schon nichts Störendes, dann muss er doch zumindest etwas Überraschendes erlebt haben? Er überlegt eine ganze Weile bevor er mich mit strahlendem Lachen aus seinem dunklen Gesicht anschaut: Doch, zwei Dinge haben ihn wirklich gewundert: Das fast alle Menschen weiße Haut besitzen und die Taxis alle einen Mercedesstern.

 
Der Chinese in Neuseeland
Im Billigflieger nach Hongkong sitze ich auf einem Mittelplatz. Die Asiaten haben die Billigairlines erfunden und zur Perfektion geführt. Der Mittelplatz ist so eng, dass er nur zwei Optionen bietet: sich still mit dem Sitznachbarn um den nicht vorhandenen Platz streiten oder laut für die Dauer der Reise zu befreunden. Wenn ich meinem Nachbarn schon näher auf Pelle rücken muss als meinen besten Freunden, entscheide ich mich für die zweite Variante. Mein Sitznachbar, ein Festlandchinese auf dem Heimweg von seinem Studienjahr in Neuseeland, findet auf meine Fragen allerdings nur lapidare Antworten. Pädagogik hat er dort studiert, anders sei das als in China. Von Neuseeland hat er wenig gesehen, keine Zeit. Auch zuhause würde sich niemand auf ihn freuen, bestenfalls auf die Geschenke die sich in seinem Rucksack befinden. Selbst meine Jokerfrage, ob er sich denn auf das chinesische Essen bei seinen Eltern freue, entlockt ihm nur einen emotionslosen Halbsatz: Der Reis in Neuseeland stamme ebenso aus China, wie das chinesische Milchpulver aus Neuseeland.  Sollte ein Pädagoge nicht für irgendetwas Begeisterung aufbringen können?
Zu meiner Verwunderung findet er etwas, als er hört dass ich in Deutschland lebe. „Das muss ja wirklich ein außergewöhnlich schönes Land sein!“, sagt er und richtet sich in seinem Sitz auf, was unweigerlich dazu führt, dass er seinen Ellenbogen in meine Rippen rammt. Sobald ich wieder atmen kann, versichere ich ihm, dass Deutschland schön ist und will wissen worauf denn seine Erkenntnis beruht. Seine Antwort verwundert mich: „In Neuseeland leben ja Menschen aus allen Ländern dieser Erde.“ Wie recht er hat, so viele dass ich mir schon die Frage gestellt habe, ob denn in Deutschland noch ein Abiturient übrig ist. „Alle müssen irgendwann zurück“, so fährt er fort, „aber nur die Deutschen freuen sich darauf wieder nach Hause zu fliegen. Also muss Deutschland das schönste Land sein“. Der Flieger landet und ich darf das Kompliment an mein Land genießen ohne darauf antworten zu müssen. Direkt hinter dem Ausgang des Flugzeugs trennen sich unsere Wege, ich darf ohne Visum nach Hongkong einreisen, er wird direkt zum chinesischen Festland geleitet.

 
Der Chilene in Australien
So leicht wie der Chinese macht es mir der Südamerikaner nicht, den ich in der australischen Wüste treffe. Er fragt mich aus: Wie sieht es aus Dein Land? Was gibt es dort zu sehen? Lohnt es sich dorthin zu reisen? Ich weiß nicht wo ich anfangen soll, erzähle von den Städten, der langen Geschichte, den Alpen, dem Meer und treffe nur auf höfliche Langeweile. Auch Wälder und Burgen oder Dichter und Denker erzeugen keine Begeisterung in seinen Augen. Ich probiere es mit Rhein und Mosel und erwähne eher beiläufig die steilen Weinberge und das daraus resultierende Getränk. „Wein!“, so ernte ich endlich eine Reaktion, und die ist so intensiv wie die meine auf den Satz der Jüdin. „Vom deutschen Wein habe ich bereits gehört, der soll etwas ganz Besonderes sein,… ich glaube den nennt ihr Glühwein“

Von der Insel 3

Dem Reisenden, der den Flughafen Stansted verlassen möchte – und ehrlich betrachtet gibt es keinen Grund zu bleiben – steht nur eine Straße offen, die Autobahn M111. Und glücklich ist derjenige, der nicht mit einem Pferd oder einer Kutsche ankommt, denn diesen Gefährten wird an der Flughafenausfahrt dieser einzige Ausweg mit eindeutiger Beschilderung versperrt. Wer hoch zu Roße oder auf mit einer Droschke unterwegs ist, darf nicht vom Flugplatz scheiden.
Weit hergeholt? Mit Sicherheit, aber eben auch wahr. Ausgerechnet in England – dem Mutterland der sanften Hinweise – trifft den Pferdenarr ein Verbotsschild mit einer Vehemenz, die selbst die Autobahnbrücke in Leverkusen von fehlgeleiteten Lastwagen befreien würde. Und das in einem Land, welches die direkte Verneinung und das Verbot scheut wie der Teufel das Weihwasser. Bleiben wir bei dem Beispiel der Leverkusener Brücke. Stünde die, was der liebe Gott verhüten möge, in England, dann wäre dort anstelle des Verbotes ein schlichter Hinweis angebracht: „Für Schwerverkehr nicht geeignet“. Und dieser Hinweis würde absolut jeden Lasterfahrer von der Brücke fernhalten.
Warum aber dann die ungewöhnlich eindeutige Beschilderung am Flughafenausgang? Und warum ausgerechnet gegen Pferde und Kutschen gerichtet? Ich sehe ja ein, dass die M111 für Ausritte denkbar ungeeignet ist, aber das gilt für nahezu alle Autobahnen in London und bisher konnte ich an keiner anderen Auffahrt ähnliche Schilder entdecken. Es muss also etwas anderes dahinterstecken.
Es könnte am britischen Rechtssystem liegen, das auf Präzedenzfällen beruht die manchmal seit mehreren Jahrhunderten Gültigkeit besitzen. Vielleicht klagte 1783 ein britischer Bürger darauf, dass ein öffentlicher Hafen jederzeit mit der Kutsche erreichbar sein muss, und bekam damit Recht? Dieses Recht verlor niemals die Gültigkeit und natürlich ist auch ein Flughafen als Hafen zu bewerten. Also darf die Verwaltung keinen Kutschenfahrer daran hindern, zum Flugfeld zu kutschieren. Ein findiger Beamter kommt auf die Idee diesen Gefährten dann die Rückfahrt zu untersagen, davon hatte der Richter im Jahr 1783 nicht gesprochen. Eine elegante Lösung des Dilemmas! Welcher Kutscher möchte sein Gefährt zum Flughafen fahren, wenn er es dann nicht wieder zurückbekommt, von den Preisen für das Parken in Stansted einmal abgesehen.
Zugegeben, meine Erklärung ist reichlich konstruiert, aber das ist in England kein Problem. Sie besitzt aber einen anderen, viel größeren Haken: Ein solches Vorgehen erscheint unfair gegenüber den Reitern und Kutschern. Und unfairen Umgang kann es nicht geben – schon gar nicht für Pferdebesitzer – dafür sind „Fair Play“ und Reiten im Inselstaat ein viel zu hohes kulturelles Gut.
In der Not bitte ich meine Kollegen um Hilfe: Wozu dienen die Schilder, die obendrein noch nagelneu in der Sonne glänzen? Und warum strotzen sie so von deutscher Direktheit? Zunächst bekomme ich nur ausweichende Antworten, was aber meine Neugierde nur steigert. Also entschließe ich mich zum Äußersten und dränge einen der Kollegen so lange in die Ecke, bis er der Antwort nicht mehr ausweichen kann: „You know, at the airport we do have quite some travellers“.
Soweit kann ich ihm folgen, das mit den Reisenden soll an Flughäfen zuzeiten vorkommen. Ich lehne mich zurück und warte auf den Rest der Erklärung, doch sie kommt nicht. Nach einer langen Pause empfindet der Kollege offensichtlich Mitleid mit mir und meinem hilflosen Blick: „I mean THESE travellers, mainly in the winter“. Langsam geht mir ein Licht auf, und die Suche im Onlinewörterbuch bestätigt meine Vermutung: Bei den Reisenden handelt sich um Zigeuner, die gerne rund um den Flughafen ihr Winterquartier aufschlagen.

 

(der dritte und vorerst letzte Teil der Inseltrilogie, so den Teilen eins und zwei geht es hier:

https://koelnerzeilen.wordpress.com/2013/08/19/von-der-insel-teil-2/

https://koelnerzeilen.wordpress.com/2013/07/12/von-der-insel-1/   )

Land und Leben

(Erschienen in der eXperimenta 07/2015)

„Setze dich nie zu fremden Männern an den Tisch“. Die Warnung ihrer Großmutter noch im Ohr, versuchte sie genau das Gegenteil. Jene Großmutter hatte aber auch nie in einer Strandbar auf Fiji gesessen und gelernt, dass auf dieser Insel die Regeln der deutschen Kleinstadt nichts gelten. Hier ist eine unbegleitete Frau eine Einladung, so anziehend wie Kerzenlicht für Motten. Ein Beachboy nach dem anderen würde um sie schwärmen, und ihr Abend damit gefüllt, Hoffnungen zu enttäuschen.

Wenn schon Gesellschaft, dann besser eine Selbstgewählte. Also hatte sie das Mantra der Oma in den Wind geschlagen und ihn gefragt, ob der Platz an seinem Tisch frei sei? Ohne jeden Zweifel eine glückliche Wahl, denn er war offensichtlich beschäftigt, hatte nur kurz sein Einverständnis vage in die Luft genickt und sich prompt wieder abgewandt.

Vor ihm stand eine halbgefüllte Schnapsflasche, daneben ein einfaches Glas, aus dem er in regelmäßigen Abständen trank, in langsamen dafür großzügigen Schlucken. Verschanzt hinter ihrem Buch, vermochte sie nicht zu lesen.
„Mein Sohn heiratet heute hier.“

Sein Blick hatte sie kurz gestreift, während er sprach, aber jetzt waren die blauen Augen wieder auf das Meer gerichtet und nur das Rauschen der Brandung verhinderte völlige Stille zwischen ihnen. Sie war sicher, er hatte mit einmal Hinschauen mehr über sie erfahren, als andere in einer ganzen Nacht.
„Warum feierst Du dann nicht mit ihm?“, fragte sie, als die Wellen pausierten.

Er drehte sich zu ihr, die Augen diesmal eher nachdenklich als forschend. Sie glaubte seinen Gedanken auf seiner Stirn zu lesen: „Wie viel soll ich ihr zumuten?“ so stand dort geschrieben.

„Weshalb sitzt Du hier?“, fragte er zurück, ohne auf ihre Frage zu beachten.
Offensichtlich musste sie sich das Vertrauen für seine Antwort erst erarbeiten. Das ist unfair, dachte sie, genau so wie das Leben. Aber ihre Neugier war geweckt.

Also erzählte sie ihm von dem Leben, das sie verlassen hatte, ihrem Arbeitsplatz am Frankfurter Flughafen. Von der Kiste in der sie ihre Arbeitstage verbracht hatte, hinter kugelsicheren Glasscheiben. Von den Menschen die vor den Glasscheiben standen, ihren Papieren und den Gesichtern voller Hoffnung. Der Hoffnung, dass sie die richtigen Stempel auf ihre Papiere drücken und ihnen die Tür öffnen könnte zu einem Leben, das diesen Namen verdient, einem Leben in Deutschland.

Sie erzählte auch, wie sie die Hoffnung weggewischt hatte aus diesen Gesichtern. Den Stempel verweigert, den Eintritt verwehrt; das getan, wofür ihr Land sie bezahlte: nur diejenigen hereinlassen die hineingehören. Auch dass sie es vielleicht hätte ertragen können, wenn ihr Freund sie verstanden hätte. Der arbeite wie sie für den Zoll und sein Tag bestand auch daraus hoffende Gesichter in verzweifelte Gesichter zu verwandeln. Aber er wollte nicht verstehen, nicht nach Gründen fragen. Zu tun was ihm aufgetragen wurde war ihm genug, gab ihm Sicherheit. „Sie werden es schon wissen, was richtig ist“, so endeten ihre Diskussionen immer öfter. Er war der Spiegel an dem sie erkannt hatte, was sie selbst nicht sein konnte, nicht sein wollte. Sie musste aufhören Hoffnung aus Gesichtern zu wischen. Deswegen sie hier, hatte ihren sicheren Beamtenstatus aufgegeben und den Freund obendrein.

Wieder langes Schweigen, dann lächelte er, zum ersten Mal. Es wirkte etwas ungelenk, so als hätte er fast schon vergessen, welche Muskeln er benutzen musste.
„Dann können wir ja jetzt etwas Vernünftiges trinken!“, stellte er fest.

Sie nickte mit dem Kopf in Richtung Schnapsflasche:
„Das ist nicht vernünftig?“

Sein Lächeln wurde langsam entspannter, wortlos füllte er das Glas und schob es über den Tisch zu ihr. Vorsichtig nippte sie daran:
„Wasser?“.

„Ich trinke nie alleine, immer nur in Gesellschaft. Aber gute Gesellschaft erfordert ein gutes Getränk“.

Damit stand er auf und verschwand zwischen den Palmen.
Als er zurückkam, trug er zwei Gläser in der einen Hand und eine Flasche Rotwein in der anderen. Sie hatte sich in den letzten Wochen an Plastikbecher gewöhnt, das Glas lag schwer und angenehm kühl in ihrer Hand. Und nach dem ersten Schluck wusste sie, auch der Wein war weit entfernt von dem was sie gewohnt war.

„Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein“, sagte er, „schmeckt er Dir?“

Inzwischen hatte sie ebenfalls keine Lust mehr Fragen zu beantworten, zumindest nicht alle. Wenn er sich die Antworten aussuchen konnte, dann konnte sie das auch.

„Also warum feierst Du nicht Hochzeit? Ist er der verlorene Sohn oder hat er sein Herz an die falsche Frau verschenkt?“

Sie wusste, dass Worte wie Messer wirken können, doch so deutlich hatte sie es bisher noch nie gesehen. Sein Oberkörper sackte zusammen, das eben wiedergefundene Lächeln wich einer verletzten Trauer.

„Entschuldigung, ….“, begann sie zu stammeln aber seine Hand wischte den Satz weg, bevor sie ihn zu Ende denken konnte. Wieder Schweigen, dann hob er sein Glas:
„Der stammt von der Hochzeitsfeier“.

Ohne nachzudenken, tat sie es ihm gleich, fand seine Augen und dann ließen sie beide den teuren Wein das tun, was er am besten kann: Wunden betäuben.
Als das Glas leer in seiner Hand lag, sah sie: Er hatte einen Entschluss gefasst, den Entschluss ihr zu vertrauen:

„Dich jagten sie auf die Menschen, für die es in deinem Land keinen Platz gab. Ich habe mich um diejenigen gekümmert, für die sie auf der Welt keinen Platz mehr hatten. Spezialeinheit der Sicherheitspolizei. Im Ausland aktiv und offiziell nicht vorhanden.

Ich war dafür zuständig die Verzweiflung aus ihren Gesichtern zu wischen, endgültig.

Natürlich waren sie alle Schurken, zumindest in den Augen meines Landes, oder sollte ich lieber sagen in den Augen der jeweiligen Regierung. Manchmal hat die ihre Meinung geändert, meistens nach einer Wahl. Wenn die Regierung neue Augen hatte, wurde über Nacht aus dem Terroristen ein Freiheitskämpfer. Aber nicht wenn sie uns vorher losgeschickt hatten, unsere Arbeit war endgültig, bestenfalls die Inschrift auf dem Grabstein war noch zu ändern. Dienst am Vaterland, am Anfang habe ich wirklich daran geglaubt. Danach weitergemacht, weil es das einzige war was ich konnte.“

Er sprach ganz ruhig, allein die feinen Haare auf seinen Armen sträubten sich gegen das was er sagte. Sie füllte sein Glas und blickte auffordernd auf seinen Mund. Er trank einen Schluck, diesmal ohne sie zu beachten. Sein Blick ging über sie hinweg und verlor sich in den Wipfeln der Palmen. Ein warmer Wind strich zwischen ihnen hindurch, einen Moment glaubte sie den Regen zu hören auf den die Einheimischen schon seit Monaten warteten, aber es war nur das Rascheln der trockenen Palmblätter. Der Windstoß schien sein Reden anzufachen, er sprach jetzt schneller, fast als wollte er es hinter sich bringen:

„Ich habe solange weitergemacht bis auch die letzte Chance vorbei war aus eigenem Entschluss aufzuhören. Zumindest so viel Anstand hätte ich zeigen können. Stattdessen war ich irgendwann überflüssig, so wie die Fabrikarbeiter am Band wurden wir von Maschinen abgelöst. Keine Regierung die etwas auf sich hält schickt heute noch Menschen um andere Menschen auszuschalten. Heute fliegen automatische Drohnen auf ein anonymes Kommando in die dunklen Ecken dieser Welt.

Vielleicht nicht billiger, auch nicht besser, aber schnell und emotionslos. Ich war auf einmal überflüssig. Also wurde ich in den Ruhestand geschickt, mit einer neuen Identität und einer Pension die gerade hoch genug ist, um mein Schweigen zu erkaufen. Ich habe es nachgerechnet. Solange ich noch lebe bezahlt mir der Staat in jeden Monat genau sechsundvierzig Euro für jeden der Staatsfeinde die dank meiner Arbeit nicht mehr leben. Vorausgesetzt ich halte den Mund und lösche mein bisheriges Leben.“

Seine Augen fanden den Weg von den Palmen zurück zu ihr und zum ersten Mal klang seine Stimme zynisch: „das Land für dessen Freiheit ich gekämpft habe darf ich auch nicht mehr betreten“. Ganz langsam begann sie den Zusammenhang mit ihrer Frage zu verstehen:

„Die Hochzeit und Dein Sohn gehören beide zu der vergessenen Vergangenheit?“

Jetzt schwang ein wenig Stolz in seiner Stimme:

„Er weiß nicht, dass ich noch lebe, alles, was ihm jemals erklärt wurde, war das ein afrikanischer Virus mich in das Jenseits beförderte, noch vor seiner Geburt. Und sollte er jemals auf die Idee kommen nachzuforschen, dann würde er in den Unterlagen einer kleinen Klinik im Norden Namibias auch die Beweise dafür finden. Bis hin zu einem schönen Stein auf dem örtlichen Friedhof. Ohne die kleinste Ungereimtheit, ich habe mich persönlich vor Ort darum gekümmert.

Aber ich kann ihn nicht vergessen und kenne noch ein paar Leute zuhause die ihn für mich im Auge behalten. Dass er sich entschlossen hat hier zu heiraten war meine Chance. Ich habe einen Kellner dafür bezahlt, dass ich ihn vertreten durfte. Zwei Stunden lang, länger konnte ich es nicht aushalten.“

Die Beichte hatte ihn Überwindung gekostet und dem Chateau Noeuf den Inhalt. Erschöpft schlug er vor einen Strandspaziergang zu machen. Vor einer Stunde hatte sie überlegt, ob es ratsam sei, sich in der Dämmerung zu einem Fremden an den Tisch im Restaurant zu setzen. Inzwischen wusste sie, dass dieser Fremde zahlreiche Menschen umgebracht hatte und die Dämmerung war zur Dunkelheit geworden. Dennoch stimmte sie der Idee sofort zu, auch wenn sie wusste, dass ihre Großmutter diesem Schritt ihren Segen verweigert hätte. Seiner Geschichte aber fehlte noch das Ende und dieses Ende musste sie hören.

Schweigend spazierten sie durch den Sand, hunderte von kleinen Krebsen verschwanden vor ihren Füßen, nur um direkt hinter ihnen wieder aufzutauchen und mit dem fortzufahren, was kleine Krebse nachts am Strand umtreibt. Der Wind hatte aufgefrischt und trocknete den Schweiß auf ihrer Haut, zum ersten Mal seit dem Morgen schien die Luft kühler zu sein als ihr Körper. So viele Fragen drängten sich in ihrem Kopf, dass sie nicht wusste, womit sie anfangen sollte. Aber ihre Fragen waren auch nicht erforderlich. Als wäre ein Damm gebrochen, sprach er von sich aus weiter:

„Sie haben mich auf der Schule gefunden. Gute Noten, gut im Sport und kein Geld für ein Studium. Das waren die Auswahlkriterien. Dann ein Stipendium für die Militärakademie, Sprachen und Logistik. Dazu ein Mentor der dir Aufmerksamkeit schenkt und Anerkennung. Es hat nicht lange gedauert, bis ich ihm alles geglaubt habe, das Töten von ihm lernte, mit der Hingabe und dem Ehrgeiz eines Zwanzigjährigen. Ich wollte gut sein für dieses Land, das gut war zu mir. So bin ich einer der Besten geworden.“

„Sprachen verstehe ich, aber warum Logistik?“
Sie wusste auch nicht, warum sie ausgerechnet diese Frage stellte, wo doch viel größere in ihr brodelten.

„Ein Logistiker ist leicht zu verstecken, er wird überall gebraucht, aber niemand nimmt ihn wahr. Also konnte ich überall sein, Pakete und Päckchen erhalten, ohne dass sich jemand um den Inhalt kümmert und – wenn nötig – jederzeit verschwinden. Es ist die perfekte Tarnung.“

Inzwischen hatten sie das Ende des Strandes erreicht, der weiche Sand war kleinen Kieseln gewichen und vor ihnen reckten sich schwarze Felsnasen in den Nachthimmel. Er setze sich auf einen Baumstamm und atmete tief durch. Kaum hatte sie neben ihm Platz genommen, sprach er hastig weiter, so als rechnete er damit, unterbrochen zu werden. Aber bis auf die Krebse war niemand dort, der sie hätte stören können.

„Ahmed hätte mir die Augen öffnen müssen. Natürlich trug er einen anderen Namen, als sie ihn zu meinem Ziel machten. Ich sah sein Bild und wusste sofort: das ist Ahmed. In diesem Geschäft kannst Du es Dir nicht leisten ein Gesicht zu verwechseln, denn der Fehler lässt sich nicht wieder gutmachen. Ahmed hatte ich vor fünfzehn Jahren zum letzten Mal gesehen, damals ein Junge, inzwischen ein Mann. Ein Gefährlicher obendrein, einer der über Leichen geht.
Bei unserer ersten Begegnung in Bagdad arbeitete er als Teejunge in Hotel. Aufgeweckt und genauso alt wie mein Sohn. Ich hatte Zeit, musste auf die Ankunft des Mannes warten den ich erschießen sollte. Die Wartezeit habe ich mit Ahmed verbracht. Nach zwei Tagen hatte ich mit Ahmed mehr gesprochen, als ich mit meinem eigenen Sohn jemals reden werde, hatte ihm beigebracht zu rechnen und seinen Namen zu schreiben. Dann habe ich meinen Auftrag erledigt und bin abgereist. Jetzt war aus dem wissbegierigen Jungen ein Terrorist geworden. Ich hatte ihm nicht nur das Rechnen beigebracht, sondern auch die Gewalt. Der Mann, den ich damals in Bagdad liquidiert hatte, war ausgerechnet sein Onkel“.

Seine Trauer sickerte in ihren Körper. Sie breitete sich langsam in ihr aus und trotz der immer noch tropischen Temperaturen, begann sie zu frösteln. Sie sah den Wellen zu, die sich unermüdlich gegen den Strand warfen, nur um dort gebrochen zu werden. Eine nach der anderen verloren sie ihre Form und ihre Kraft an das Rauschen der Strandkiesel. Nur der Wind trieb den Wellenschaum noch weiter, wenn das Wasser schon geschlagen den Rückzug in das Meer angetreten hatte. Doch am Ende der Böe blieb auch der Schaum erschöpft liegen und löste sich langsam auf, zurück in Luft und salziges Wasser.

Sie fühlte sich wie dieser Wellenschaum, allein vom Wind nach vorne getragen. Dazu verdammt zu stranden und zu zerfallen, in viel Luft und vielleicht ein paar salzige Tränen auf den wenigen Gesichtern die wichtig waren. Ihr Hals war wie zugeschnürt.

„Es ist so hoffnungslos“ so drang es schließlich kaum hörbar aus ihrem Mund.

Er ließ sich Zeit, bevor er mit fester Stimme antwortete:

„Nein, das ist es nicht. Nicht für Dich! Immerhin hast du es geschafft ein Mensch zu bleiben, deine Freiheit zu behalten. Die Freiheit nicht das zu tun, was sie von Dir wollen. Natürlich wischt jetzt ein anderer im gleichen Glaskasten die gleiche Hoffnung aus den gleichen Gesichtern. Aber dich, dich haben sie nicht bekommen.“

Sie konnte in der Dunkelheit seine Augen auf ihrem Gesicht spüren:
„Ich möchte Dich um einen Gefallen bitten. Kannst Du das in Deutschland für mich zur Post bringen?“ sagte er und schob einen Umschlag in ihre Hände. „Es ist ein Brief an meinen Sohn, er hat ein Recht alles zu erfahren.“

„Bist du dir sicher, dass du das möchtest?“, antwortete sie spontan, der Umschlag lag schwerer in ihrer Hand, als er sollte, „ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, aber vielleicht ist ein Vater, der lange tot ist, der bessere Vater?“

„Das dachte ich auch sehr lange, aber seit heute Abend bin ich mir sicher: Er muss erfahren, wer ich bin. Ich habe ihn gesehen und er ist genauso wie ich in seinem Alter: naiv und leicht zu begeistern. Wenn er nicht gewarnt wird, dann wird irgendjemand ihn benutzen. Das Wissen über mich kann ihm helfen, dass zu erreichen was Du geschafft hast: Nein zu sagen!“

„Er wird versuchen Dich zu finden!“ so versuchte sie ihn mit Logik zu überzeugen, zu deutlich war das Gefühl, Teil eines Testamentes zu sein.
Seine Antwort bestätigte ihre Befürchtungen: „Da wo ich hingehe, brauche ich kein Geld!“.

Er schien zu spüren, wie sie neben ihm zusammenzuckte, und legte sanft seine Hand auf ihren Oberarm. Ihre erste Berührung.

„Ich werde mich nicht selbst umbringen! Im Norden Indiens liegt ein Kloster, das nur wenige Menschen finden. Dort leben Mönche aus Tibet, und zwar nur solche, die den Kampf gegen die Invasion aus China mit Waffen geführt haben. So wie ich kannten sie nur eine Antwort auf die Gewalt in der Welt: noch mehr Gewalt. Es ist Gemeinschaft derer, die nicht den Mut hatten „Nein“ zu sagen. Unsere Aufgabe ist es zu schweigen und ein wenig Raum zu schaffen in dieser Welt. Raum für diejenigen, die genügend Mut haben, „Nein“ zu sagen.“

Der singende Biergarten – Nippestrilogie Teil 2

Jede Stadt besitzt ihre eigenen Lieder, zumindest eines davon. Und wenn nicht, wie die Hansestadt Bremen, dann veranstaltet der Bürgermeister des armen Ortes einen entsprechenden Wettbewerb. Der siegreiche Titel: „Bremen gibt Vollgas“! Das wird auch bitter nötig sein, um die anderen einzuholen.

Denn manche Städte sind über diese bescheidenen Anfänge weit erhaben. Nehmen wir Bochum, da, reicht es, wenn ein mittelmäßig begabter Barde „Tief im Westen …“ in ein Mikrofon schnarrt und die Band kann eine Pause machen, weil alle Zuhörer mitsingen. Und ist das Pausenbier am Ende des Liedes noch nicht leer, dann bleiben die Zuschauer auch davon unberührt und zelebrieren ein vielstimmiges „Glück auf“. Glückliche Bochumer, sie achten ihre Stadt und konzentrieren sich darauf, stehen mithin auf der zweiten Stufe der Erleuchtung.

Wer allerdings in Deutschland musikalisch die siebte und letzte Stufe dieser Erleuchtung – das Ausbreiten tiefer Freude und Glückseligkeit – erreichen möchte, dem bleibt nur der Weg nach Köln. Zum Beispiel in den singenden Biergarten im Agnesviertel, wo Günther seiner Mundharmonika nur ein paar Töne entlockt und schon tönt es aus siebenhundert Kehlen: „Ich bin ene kölsche Jung“. Dabei ist die Hälfte der Kehlen weiblich und weitaus mehr als die Hälfte „Imis“, also gar nicht in Köln geboren.

Dieses wunderbare kölsche Wort „Imi“ wird häufig falsch geschrieben als „Immi“ und auch falsch verstanden als Kurzform von Immigrant. Nichts jedoch läge dem Kölschen ferner, denn er kennt ja seine Lieder und weiß: „Su simmer all he hinjekumme…“, also dass jeder irgendwie ein Immigrant ist. Natürlich muss es „Imi“ heißen und das ist eine Abkürzung für einen „imitierten Kölschen“. Für mich ein Ehrentitel, der von jedem Zugereisten erarbeitet werden muss, den aber auch jeder erhalten kann.

Schwieriger ist da schon die Frage, wann denn dieser Status erreicht ist? Eine allgemeingültige Regel gibt es nicht, wie so oft gilt auch hier „Hey Kölle, do bes e Jeföhl“. Vielleicht hilft ein Beispiel: Wenn meine westfälischen Freunde, am Ende einer Kneipennacht im Karneval, mit den letzten Stimmresten singen: „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hält durch“, dann sind sie eben noch keine Imis. Der kölsche Sultan muss nicht durchhalten, sondern er hat einfach Durst.

Wann genau ich zum Imi geworden bin, kann ich nicht mehr sagen. Vermutlich am Tag der Vordiplomprüfung, die auf Weiberfastnacht fiel. An der altehrwürdigen Universität zu Köln war es üblich, im Anzug zur Prüfung zu erscheinen. Der Kölner ahnt es bereits, kurz hinter dem Unicenter hatte ich jede Menge Küsschen erhalten aber meine einzige Krawatte schrumpfte auf weniger als die Hälfte ihrer ursprünglichen Länge. Der prüfende Professor – wie ich später erfahren sollte, ebenfalls ein Imi – konnte darauf in rheinischer Geschmeidigkeit reagieren. Die unzureichende Antwort auf seine erste Frage kommentierte er gelassen: „Wer nur eine halbe Krawatte besitzt, besteht auch mit der halben Lösung“.

Vielleicht geschah es aber auch, als ich erkannt hatte, welche Rolle das kölsche Liedgut im Alltagsleben besitzt. Egal ob an der Ladentheke oder im Restaurant: Wenn die Rechnung nicht stimmt, muss sich der Kölner weder mit dem Kassierer noch mit dem Köbes streiten. Der sanfte Einwurf: „En d’r Kayjass en d’r Schull?“ wird garantiert zu einem korrekten Ergebnis führen.

Der Kölner singt nicht über seine Stadt, er singt mit ihr und in ihr, weil er eben Köln ist. Überall sonst würde das Lied heißen „Ich bin in Kölle am Rhein zu Hause“, nur in Köln heißt es „Ich ben vun Koelle am Rhing ze Hus“. Ein kleiner aber wichtiger Unterschied, denn während das Wörtchen „in“ einzig den Ort beschreibt, so macht das „von“ den Kölner zum Teil seiner Stadt. Dadurch wird sie lebendig. In aller Welt erbt die Stadt von ihren Bürgern, wenn sich keine Nachfahren finden, nur in Köln erbt der Bürger von seiner Stadt: Gute Laune und mit nichts etwas am Hut zu haben. Damit der Worte genug, denn „Et jitt kei Wood dat sage künnt, …“

Im Veedel. Nippestrilogie Teil 1

Donnerstagmorgens in Köln-Nippes und ich bin spät dran. Trotzdem halte ich noch an der „Kaffeebud“ in meinem „Veedel“ an, ein Kaffee für den Weg zur Arbeit wird mich aufwecken. Vor dem Büdchen steht das Müllauto und darin dann auch die leuchtend orangefarbene Besatzung: drei Müllmänner, die gerade bestellen. Damit rückt die Beute in weite Ferne. Ausgerechnet der Grund, weshalb ich den Morgenkaffee so gerne in dieser Bude kaufe, wird mir jetzt zum Verhängnis, denn hier wird jede Tasse mit Liebe und frisch zubereitet. Ein resignierter Blick auf die Armbanduhr sagt mir: Das wird nichts mehr.

Doch dann nimmt das Schicksal eine unverhoffte Wendung, die so selbstverständlich nur in Köln gelebt wird. Der kleinste der Müllmänner bemerkt meine Zeitnot und fragt bedächtig die beiden Kollegen: „Solle mer dä Schlipsdräger vürlooße?“. Die Zwei drehen sich zu mir um und betrachten mich aufmerksam. Dem einen ist offensichtlich der Werksausweis an meiner Hose aufgefallen, denn seine Antwort lautet: „Dä arbeid beim Ford, de han sich allemol god benomme“. Damit ist die Sache positiv beschieden und ich stehe schon Sekunden später mit einem heißen Pappbecher vor dem Büdchen. Natürlich: Das Ganze kostet mich vier Kaffee, ein kleiner Preis für das Wissen in einem Viertel zu wohnen in dem „Drenk doch eine met“ nicht nur ein Karnevalslied ist, sondern gelebte Gastfreundschaft bedeutet.

Sicher, gelegentlich übertreibt es der Kölner auch mit seiner Liebe zum „Veedel“. So wie am Abend im „Osters Rudi“, eine dieser Kölner Eckkneipen wo jeder am richtigen Platz ist, der nicht die Einsamkeit sucht. Auch ich werde »direk« angesprochen: „Wo küss do dann her?“ so eröffnet einer der Thekenbrüder die Konversation. „Aus Nippes“, antworte ich wahrheitsgemäß und nach meiner morgendlichen Kaffeebegegnung nicht ohne Stolz. „Dat es ald klor, ävver vun wu?“
Sicher, wer in der schönsten Stadt der Welt lebt, ach was sage ich des Universums, der muss sich über sein Stadtviertel, oder besser Stadtsechzehntel, von den anderen Privilegierten abheben. Also kann es im Osters Rudi natürlich niemals »Neppes« heißen, sondern immer nur »Sechzigveedel«. Die Frage gefällt mir – immerhin wohne auch ich im Sechzigviertel – aber überzeugend ist sie nicht. Denn spätestens durch Herrn Adenauer weiß jeder Kölner: Sibirien beginnt erst hinter Deutz und nie und nimmer bereits an der Neusser Straße.

Manche Menschen behaupten, unsere Stadt sei keineswegs schön anzusehen. Kein echter Kölner wird bestreiten, dass es Städte gibt, die adretter aussehen. Wahre Schönheit kommt jedoch von innen und offenbart sich allein demjenigen, der den Schritt wagt zu leben und nicht nur zu betrachten. Wenn die Bläck Föös ihre Vorgärten gepflegt hätten, anstatt Lebensweisheiten in Liedern zu verpacken, dann könnte diese Stadt vielleicht ansehnlicher sein. Und würden die Müllmänner Straßen kehren, anstatt mich vorzulassen, vielleicht auch ein wenig sauberer. Trotzdem, alle die hier wohnen wissen eines genau: Schöner ist Köln eindeutig so, wie es ist. Und bekanntlich is es da am schönsten, wo es schön ist.

Meier’s Weltreisen

„Sprechen sie Deutsch? Ich habe sie gerade reden hören.“ Das sollte die Frage dann eigentlich beantworten, so denke ich mir, nicke aber trotzdem freundlich zur Bestätigung. Mehr Antwort benötigt die fortgeschrittene Dame auch nicht. Neben dem Alter und ihrem Gewicht, ist sie auch im Verwenden vieler Worte sehr fortgeschritten. Sie trägt ein Safarihemd und Wanderhosen in Dreiviertellänge, dazu einen Deuter-Rucksack und genügend Make-Up um vor Wespenstichen sicher zu sein. Vom Rucksack verkündet ein neonleuchtender Aufkleber: „Meiers Weltreisen“.

„Müssen sie auch rückwärts reisen?“ Der Schreck fährt mir durch alle Gebeine! Wenn diese Frau eine Zeitreisende ist, dann möchte ich die Zukunft nicht erleben. Aber vielleicht meint sie ja auch den Zug, denn ich stehe auf dem Bahnhof des Städchens Pyin oo Lwin im Norden von Myanmar. Manchen Menschen fällt es ja schwer im Zug entgegen der Fahrtrichtung zu sitzen.

„Stellen sie sich vor,…“ stößt sie aufgeregt hervor. Nein, ich möchte mir nichts vorstellen und mich selbst schon gar nicht. Aber das ist auch ebenso unnötig wie zuvor eine Antwort. In der Dame sitzt eine Geschichte und wenn sie die nicht jetzt sofort erzählen kann, dann wird sie platzen. Das wiederum möchte ich mir schon gar nicht vorstellen, denn um uns herum drängt sich eine wuselnde Menschenmenge. Alle warten auf den täglichen Zug, ein Ereignis das ungewöhnliche Begegnungen ermöglicht. Hier treffen Mönche auf Ziegen, burmesische Rentner auf Smartphones in Teenagerhänden und eben auch Pauschal- auf Rucksacktouristen. Und ich wohl auf die Geschichte dieser Frau.

„Wir haben die große Asiendurchquerung gebucht, alle wichtigen Sehenswürdigkeiten zwischen der russischen Grenze und dem Indischen Ozean in einundzwanzig Tagen. Alles hat wunderbar funktioniert, bis vorgestern. Die Grenze zwischen Myanmar und China ist geschlossen, wegen so einer Art Bauernaufstand. Nur deshalb mussten wir umdrehen und das Flugzeug nehmen. Deswegen stehen wir jetzt hier. Dabei ist noch nicht einmal klar wer da gegen wen kämpft und weshalb.“
„Das ginge ja noch!“ Mit diesen Worten mischt sich ihr Mann ein, der sich bisher hinter dem großen Teleobjektiv einer Kamera versteckt hatte. Offensichtlich handelt es sich um den Gatten, denn bis auf das Make-Up präsentieren sich beide in perfektem Partnerlook, nur das sein Anhänger von Meier‘s Weltreisen in einer anderen Neonfarbe strahlt.

„Das kennt man ja in diesen Ländern, dass sie gegenseitig Bomben aufeinander werfen ohne einen triftigen Grund. Aber die hier wissen noch nicht einmal wo sie die Bomben hinwerfen. Die Chinesen behaupten das Reisfeld hätte in China gelegen, die Burmesen sagen es liegt in ihrem Land. Da wissen die noch nicht mal wo ihre Grenze ist, und deswegen dürfen wir nicht durch. Ein Skandal ist das.“

Ja, dem Deutschen sind seine Grenzen heilig. Ich habe von dem Vorfall gelesen. In der Tat ist unklar wer ihn verursacht hat: chinesische Terroristen die von den Burmesen Freiheitskämpfer genannt werden oder burmesische Terroristen die in China Freiheitskämpfer heißen? Oder aber aufständische Bauern welche beiden Regierungen als Terroristen gelten? Die vier getöteten Reisbauern kann auch keiner mehr fragen. Wahrscheinlich hätten sie aber auch vor ihrem unerwarteten Ableben nicht gewusst, ob ihr Feld sich in China oder Burma befindet. Wozu sollte die Unterscheidung auch nützlich sein, mehr Reis wächst davon auch nicht.

„Genau zwei Tage vor unserer Ankunft“, so fährt das wandelnde Teleobjektiv im Partnerlook fort, „da hätten sie doch wenigstens noch eine Woche warten können.“ Oder zwei Tage, denke ich, dann hätte er die Bombe vielleicht aus dem Zug fotografieren können. Aber, auch wenn es immer schwerer fällt, ich folge dem Beispiel der Burmesen: Wenn ich etwas nicht verstehe, immer freundlich lächeln.

„Obendrein hat meine Frau auch noch Durchfall bekommen, wir werden uns mit Sicherheit beschweren. Wir haben ja nun wirklich genug Geld bezahlt.“

„Und ob wir uns beschweren werden, sie wissen gar nicht was ich in diesem Land an Toiletten erleben musste“, so reißt das wandelnde Make-Up den Faden wieder an sich. Immerhin hat sie so etwas von diesem Land gesehen, dass nicht vorher im Prospekt stand, so geht es mir durch den Kopf.

Jetzt war der Moment gekommen an dem ich aktiv in den Dialog eingreifen musste, denn beide schauen mich an wie ein Bernhardiner sein Schnapsfass. Mein Blick hingegen bleibt an den Neonanhängern von Meier’s Weltreisen kleben, gelb hinter dem Teleobjektiv und grün hinter dem Make-Up und mir fällt nur eine Antwort ein:

„Da hätte er sich aber wirklich mal drum kümmern können, der Herr Meier!“

Liebster Award

Das ist sie also, die Strafe für drei Monate Abstinenz vom Bloggen, und kein anderes als das höchste Strafmaß scheint angemessen: https://wortwabe.wordpress.com/ hat mich für den „Liebster Award“ nominiert. Wer wissen möchte was das ist: der Herr Google kennt die Antwort, aber eine Folge ist, dass ich elf Fragen beantworten darf, digitale Version des mittelalterlichen Peitschenhiebes. Aber das Bloggen auch heute noch echte Peitschenhiebe bereithält (Raif Badawi aus Saudi Arabien wurde gerade aufgrund seines Blogs in letzter Instanz zu 1000 Peitschenhieben verurteilt), kann ich meine virtuellen mit Humor tragen. Und ab sofort gelobe ich wieder regelmäßige Beiträge.

1. Was war deine Motivation für deinen blog?
Ich dachte der Blog sei das einzige Medium welches mich zwingt einen Text fertig zu stellen und ihn dann zu veröffentlichen, ohne dass ihn jemand lesen muss. Ersteres hat geklappt, Letzteres nur teilweise.

2. Kannst du dir heute ein Leben ohne die Möglichkeiten des Internets noch vorstellen?
Ja, die spannende Frage ist aber, ob es in der Zukunft trotz Internet noch möglich sein wird zu leben.

3.Glaubst du an Seelenwanderung?
Wer einmal an einem Volkswandertag teilgenommen hat, der kann das nicht vermeiden.

4. Welchen Traum willst du unbedingt verwirklichen?
Ich muss leider zugeben, dass meine Top-Ten Liste ziemlich abgehakt ist. Aktuelle Träume alle verwirklicht. Falls aber ein Leser unter Traumstau leidet und mit dem Verwirklichen guter Träume nicht so richtig nachkommt, bin ich gerne bereit einzuspringen.

5. Lebst du in der Stadt oder auf dem Land?
Beides. Ich lebe in der nördlichsten Stadt Italiens, deren Bewohner demnächst zum Weltkulturerbe ernannt werden, und gleichzeitig auf dem Land, weil Köln das einzige Dorf mit Dom ist.

6. Wie stellst du dir dein Leben mit 70 vor?
Hommage an Udo Jürgens: Vier Jahre nach dem Anfang werde ich langsam reif genug sein für den Kindergarten. Und nie mehr in die Schule müssen.

7. Wenn du auf Reisen gehst: lieber ins Hotel oder zum Camping oder Ferienwohnung/Haus?
Ist das eine Fangfrage? Ohne mein Hilleberg Allak sage ich dazu nix!

8. Was ist dein Lieblingsbuch?
Oh je, jetzt wird es wirklich persönlich. Und obendrein noch schwierig. Da ich zur Beantwortung der nächsten Frage statt drei Worten nur ein einziges benötige, nehme ich mir hier drei Bücher:
TC Boyle, Grün ist die Hoffnung
C Zuckmayer, Als wär‘s ein Stück von mir
H Lee, Wer die Nachtigall stört

9. Wenn du dich mit drei Worten beschreiben müsstest, welche wären das?
Unbeschreiblich.

10. Wovon würdest du dich ungern trennen (bezogen auf Sachen)?
Das kommt darauf an. In der Oper sehr ungerne von meiner Kleidung; in der Badewanne dagegen ungern vom warmen Wasser. Im Zug nicht vom Billet, auf rasanter Talfahrt nicht vom Fahrrad und in Transsilvanien nicht vom Knoblauch.
Ach, die Frage hätte ich falsch verstanden. Es geht um dauerhafte Trennung, Sachen die nie mehr wiederkommen? Dann, ohne spezifische Reihenfolge: Riesling, Spargel, Apfelblüte.

11. Hast du eine schräge Angewohnheit?
Wer weiß welches Kloster in Deutschland eine Haiku-Treppe besitzt? Fünf Treppenstufen, Absatz, sieben Treppenstufen, Absatz, fünf Treppenstufen. Haiku eben. Kein Treppenwitz, sondern ein Treppengedicht. Ich habe davon gehört, dass es Menschen gibt, die Treppen steigen ohne dabei die Stufen zu zählen. Unvorstellbar für mich, aber auch dafür existieren inzwischen gute Selbsthilfegruppen.