Reisen in Indien: Bus oder Bahn Teil 1

Die Gretchenfrage des Indienreisendes: Wer das Land in all seiner Lautstärke erleben möchte, der muss sowohl das Flugzeug als auch das klimatisierte Auto mitsamt Fahrer verlassen und auf Bus oder Bahn umsteigen. Was denn nun? Bus oder Bahn? Die Antwort ist schnell gefunden: beides! Jedes dieser Fortbewegungsmittel ist einzigartig und bietet ungeahnte Möglichkeiten das Leben einzutauchen.

 
Fangen wir mit den Bussen an, die zwei wesentliche Vorteile ihr Eigen nennen: Sie fahren fast überall und es ist vergleichsweise einfach an einen Fahrschein zu gelangen, zumindest für denjenigen, der bereit ist, einen höheren Touristenpreis dafür zu zahlen.  Wer auf dem Normalpreis besteht, kennt am besten einen vertrauenswürdigen Inder oder besitzt die Zeit und das Geschick zu langen Verhandlungen. Wenn allerdings der letzte Bus des Tages laut hupend auf die Abfahrt drängt und aus allen seinen Öffnungen Köpfe und Gepäck ragen, dann ist die Verhandlungsposition schwierig. Also geben wir auf und bezahlen das Doppelte des Üblichen. Es ist immer noch deutlich günstiger als eine Fahrt mit der S-Bahn von Köln nach Düsseldorf und mit dem Fahrscheinautomaten in Deutschland feilsche ich auch nicht um einen Euro.

 
Dem Kauf der Fahrkarte folgt das Einsteigen in den Bus und schlagartig wird mir klar, warum die Inder das Yoga erfinden mussten, sie wollten einfach auf ihren Platz im Bus! Wer nicht stabil auf einem Bein stehen kann, während er kräftig an der Schulter gezogen wird und dabei mindestens ein Bein über den Kopf hinaus zu strecken, wird keinen Sitzplatz ergattern. Wir stehen allerdings noch vor einem zusätzlichen Problem: Im Bus sind keine Plätze frei. Der Schaffner weist uns – wohl ob des von uns bezahlten höheren Preises – zwei Liegeplätze direkt hinter dem Busfahrer zu. Sie befinden sich ungefähr da, wo normalerweise das Gepäcknetz angebracht ist. Die beiden Inder die dort lagen, weichen auf die erste Sitzreihe aus, was wiederum die dort sitzende Familie auf die zweite Reihe verdrängt. Nach irgendeiner unverständlichen Regel verläuft diese Reise nach Jerusalem durch den Bus, mit dem unerklärlichen Ergebnis, das am Ende wieder alle einen Platz besitzen.

 
Währenddessen sind wir bereits losgefahren und bewegen uns auf einer einspurigen Straße Richtung Süden durch die Wüste, außer einem gelegentlichen Kamel ist nur Sand in Sicht. Die Straße ist allerdings durchaus befahren. Sobald ein entgegenkommendes Fahrzeug sichtbar ist, beginnt für unseren Busfahrer der interessante Teil der Arbeit. Zunächst gilt es, auf sich und seinen Bus aufmerksam zu machen. Er legt eine Hand auf die Mitte des Lenkrades und drückt auf die Hupe. Die andere Hand wandert zum Lichthebel neben dem Lenkrad und reißt diesen so schnell er kann vor und zurück.  Die hektische Lichthupe zusammen mit dem Dauerhorn zwingt das entgegenkommende Fahrzeug an den äußersten linken Rand der Asphaltpiste. Da der andere Fahrer genau den gleichen Zauber veranstaltet, bewegen wir uns auch zur linken Fahrbahnkante. Allerdings wird die Fahrbahn dadurch auch nicht geräumiger, so dass die beiden Piloten sich weiterhin auf Kollisionskurs bewegen.

 
Aber es muss einen Plan geben, um den frontalen Crash zu verhindern, denn der Schaffner klappt noch geschwind den Außenspiegel ein. Genau in dem Moment in dem der Zusammenstoß unvermeidlich ist, lassen beide Fahrer die Hupen los, greifen entschlossen wieder das Lenkrad und verlassen in einem kleinen Bogen nach links die Fahrbahn. Der Bus beginnt umzufallen, aufgrund der hohen Geschwindigkeit bleibt ihm dafür aber nicht genügend Zeit. Bevor er sich entschließen kann, finden wir uns auf der Fahrbahn wieder und setzen die Fahrt fort als sei nichts geschehen. So wird einer nach dem anderen der Gegenverkehr umfahren, unter Einsatz aller Steuerungsmittel die dem Fahrer zur Verfügung stehen, mit Ausnahme der Bremse.

 
Nach einigen Stunden habe ich mich an das Schauspiel gewöhnt, zumal mich allmählich ein anderes Problem plagt. Wer in der Wüste leben will, muss viel trinken, an diese Regel habe ich mich gehalten, sehr zu meinem Leidwesen. Gibt es Yogaübungen um die Blase zu erweitern? Irgendeinen Trick müssen die Inder jedenfalls besitzen, denn wir fahren schon seit vier Stunden ungebremst durch die Landschaft. Der Leidensdrang wird zu groß und ich beginne, mich aus dem überdimensionalen Gepäcknetz zu schälen und nach unten zu klettern. Entweder erkennt der Fahrer meine Not im Rückspiegel, oder es ist Zufall: kaum habe ich den Boden berührt bringt er zum ersten Mal die Bremse zum Einsatz und hält an. Ich bin doppelt erleichtert: Weil ich nicht in den Bus pinkeln muss und weil ich jetzt weiß, dass die Bremse funktioniert.

 
Nun springen alle auf und jeder drängelt – mehr oder weniger yogisch – zum Ausgang Mir wird bewusst, dass hier in Indien Drängeln und Rücksicht keineswegs einen Widerspruch darstellen. Gleichzeitig bin ich beruhigt, auch Inder besitzen eine endlich große Blase. Mein vorzeitiges Aufstehen verschafft mir einen veritablen Vorsprung und ich bin als einer der ersten vor dem Bus. Draußen trifft mich die Hitze und… sonst nichts. Weit und breit ist nur Wüste, wer dem Ruf der Natur folgen will muss dafür in die Natur gehen. Es gibt nur eine Regel, Frauen links und Männer rechts. Da wo ich stand werden jedenfalls in den nächsten zweieinhalb Jahren keine wüstentypischen Verhältnisse mehr herrschen.

 

Fünf Stunden später ist die Fahrt beendet als auf wundersame Weise der Bus und unser Gastgeber am Zielort zusammentreffen. Freudig verlassen wir den Bus, froh über das Erlebnis einer Busfahrt in Indien und froh, dass sie glücklich vorüber ist.

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Wie Amerika wieder groß wird: Donald Trump?

Der Wahlkampf von Donald Trump lebt von der schweigenden Mehrheit. Damit genau das nicht funktioniert, werde auch ich mich vom Schweigen trennen und ausnahmsweise in diesem Blog politisch. Warum stammen nahezu alle amerikanischen Präsidenten aus den Familien Kennedy, Bush oder Clinton? Selbstverständlich gibt es auf diese Frage keine vernünftige Antwort. Aber es existiert eine logische Konsequenz und die lautet: Das sollte mal einer ändern, oder es zumindest versuchen. Aber warum in aller Welt ausgerechnet Donald Trump?
Ich verstehe ja, dass eine Bewerbung ein gewisses Eigenkapital erfordert, aber dennoch sollte es unter vierhundert Millionen Amerikanern doch eine andere Wahl geben? Gut, die Randbedingung in den USA geboren zu sein reduziert das Potential. Aber selbst wenn wir Arnold Schwarzenegger und die Immigranten der ersten Generation abziehen, bleiben noch eine Menge Amerikaner übrig. Da aber entgegen aller Wahrscheinlichkeit ein Herr Trump kandidiert und dabei auch noch entgegen aller Logik in den Vorwahlen echte Wählerstimmen erhält, komme auch ich nicht daran vorbei. Ich muss ihn betrachten, oder genauer gesagt die Website seiner Kampagne, auf den Anblick der Person kann ich gut verzichten und dabei bin ich bei Frisuren keineswegs empfindlich.
Nachdem ich bestätige, kein Roboter zu sein, darf ich auch schon rein, in die wundersame Welt des Kandidaten. Im Wesentlichen besteht der Auftritt aus drei Anliegen: Unterstützer zu werben, Spenden zu sammeln und Werbeartikel verkaufen. Alles drei ist bei mir vergebliche Liebesmühe.
Eine einzelner Link auf der Website ist aber auch dem politischen Inhalt, der Mission des Kandidaten, gewidmet und breitet seine Positionen aus. Sonderlich breit ist das Spektrum allerdings nicht, dafür geht es aber auch nicht tief. Ganze fünf Kernaussagen in kleine Kisten verpackt genügen, um die Zukunft der USA so rosarot zu färben, wie sie zuletzt Janis Joplin 1969 auf einer Wiese in Woodstock erschien. Früher in der Schule nannten wir so etwas den „Mut zur Lücke“; das kann funktionieren, muss es aber nicht.
Die größte der Kisten beschäftigt sich mit dem zweiten Anhang zur Verfassung, dem „Grundrecht“ Waffen zu tragen. Ein strategisch durchaus sinnvoller Plan, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Liebe zur Waffe in den USA eine ganz eigene ist. Für uns so unbegreiflich wie dem Japaner die deutsche Vorliebe für Schweinshaxe mit Sauerkraut. Allerdings – bei allem Respekt vor den gesundheitsschädigenden Folgen von Schweinefleisch – eine Liebe, die deutlich gefährlicher ist.
Selbst die Amerikaner, die heute noch gefühlt zwischen Lederstrumpf und rauchenden Colts gen Westen ziehen, finden hier noch die ein oder andere Überraschung. Der Staat möge doch Führerscheine regulieren, aber nicht das verdeckte Tragen von Waffen zum Beispiel.
Die nächste Überraschung erlebe ich in der Kiste zu Gesundheitsreform. Herr Trump schlägt etwas vor, was sich nur als Obama-Care auf Drogen bezeichnen lässt. Kostenlose Krankenversicherung für alle, mit freier Arztwahl und das nicht nur für körperliche, sondern auch für seelische Gebrechen … einziger Schönheitsfehler: Das Ganze soll nur für Kriegsveteranen gelten.
Danach ist dann aber auch Schluss mit Überraschungen, die drei letzten Kisten sind vorhersagbar: Donalds Verhandlungsstärke wird die Chinesen in die Schranken weisen und ihre Fabriken mitsamt Arbeitsplätzen wieder in die Staaten führen. Die Steuerklärungen werden demnächst auf einen Bierdeckel passen, wobei natürlich ein jeder weniger bezahlen muss. Schließlich wird das perfekte Amerika durch eine undurchlässige Mauer entlang der Grenze zu Mexiko abgerundet.
Diese Mauer sollen die Mexikaner übrigens selbst bezahlen, ein Gedanke, der gar nicht so abwegig ist, aus Eigenschutz. Sobald die wohlversorgten Veteranen mit halbautomatischen Waffen in Horden durch Texas ziehen, wird die Mauer für Mexiko quasi unvermeidlich.
Der Teil in dem alle weniger Steuern bezahlen am Ende aber mehr Einnahmen entstehen ist etwas nebulös. Der angegliederte Onlineshop liefert aber einen Hinweis, wie es funktionieren könnte. Dort ist einer der meistverkauften Artikel das „Team Trump“-Paket, eine bunte Sammlung von Ansteckern, T-Shirts und Mützen die es erlauben für Trump zu trompeten. Für zwei Personen kostet der Spaß achtzig Dollar, für sechs Personen dreihundertfünfunddreißig, mehr als viermal so viel. So rechnet ein echter Geschäftsmann.
Also bleibt am Ende nur zu hoffen, dass die Legende doch stimmt, nach der die USA das demokratischste Land der Erde ist. So demokratisch, das selbst ein Donald Trump kandidieren kann. Aber eben auch nur das.
(Dieser Artikel darf von allen Parteien in den USA unentgeltlich zu Wahlkampfzwecken verwendet werden)

Aschermittwoch

Spätestens der Aschermittwoch spült die melancholischen Gedanken in das kölsche Gemüt, umso mehr je weiter das von Köln entfernt ist. Zeigen kann der Kölner das natürlich niemandem, aber es treibt ihn um, tief im Herzen. Sofern er das nicht in den tollen Tagen verschenkt hat, und vergessen es wieder einzusammeln. Der nächste Karneval ist weiter entfernt denn je, der Blick nach vorne verheddert sich in der grauen Fastenzeit und das Jetzt leidet unter Restschminke. So bleibt nur der Blick zurück in die gute alte Zeit, denn dort in seinen Erinnerungen findet er die Rettung. Keiner überlebt in dieser Stadt, ohne eine Sammlung ganz eigener Erinnerungen an den Karneval, eine Kiste voller Erlebnisse, die sich – wie die Kiste mit den Kostümen- von Jahr zu Jahr weiter füllt.

So ergeht es natürlich auch mir, dem Imi. Niemand hegt auch nur den Funken eines Zweifels daran, dass der Zugereiste mit Herz und Seele Karneval feiert. Allerdings geht es dem Karnevalisten wie dem Skifahrer: Nur wer es mit der Muttermilch lernt, wird die perfekte Geschmeidigkeit erreichen. Bei allen jedoch sammelt sich über die Jahre ein persönlicher Vorrat an Karnevalserinnerungen, Wundermittel im Kampf gegen den Aschermittwochsblues:

Mein erster Karneval in Köln. Die Studentenbude bietet den sicheren Hafen für den Karnevalsbesuch aus der provinziellen Heimat. Also lautet des Gastgebers erste Pflicht: Nahrung sicherstellen; fest und flüssig. Und das spätestens an Weiberfastnacht, denn danach werden die Geschäfte geschlossen, zumindest zu den Tageszeiten, an denen sich ein Student im Laden sehen lassen kann. An der kombinierten Fleisch-Käsetheke des Supermarkts beginne ich zu verstehen warum es Weiberfastnacht heißt: ich bin von Frauen umgeben. Vor mir die Verkäuferin – mutig als Huhn verkleidet – hinter mir ein Papagei und ein Lappenclown, die gemeinsam über mehr als hundert Jahre Lebens- und Karnevalserfahrung verfügen.

Käse verlange ich zunächst, und zwar Gouda, ein großes Stück. Andere Käsesorten sind mir in dieser Lebensphase noch fremd, außer Schmierkäse in Dreiecksform und Babybel, aber der darf sich nicht Käse nennen. „Darf es ein Stück von dem alten Gouda sein?“ Wenn es nach der Stimme geht, so hätte sich die Verkäuferin als Hahn verkleiden sollen, ihre Frage ist auch noch im letzten Winkel des Supermarktes zu verstehen. Natürlich lehne ich ihr Ansinnen ab, der Käse muss über das lange Wochenende halten, da kann ich keinen gebrauchen, der jetzt schon alt ist. Papagei und Lappenclown hinter mir amüsieren sich köstlich.

Wenn ich meine Kompetenz in Sachen Käse noch als passabel bezeichnen würde, so musste ich im nächsten Schritt auf wirklich dünnes Eis: Ich will Rindersuppe kochen. Dafür benötige ich Fleisch, besitze jedoch keine Ahnung welches und wieviel. Ich bin nur froh, dass ich mich gegen Hühnersuppe entschieden hatte. In solcher Not hilft nur die Flucht nach vorne unter die hoffentlich warmen Flügel des Metzgereihuhns, dem ich mein Begehren und meine Unwissenheit beichte.

„Da nehmen sie ein Stück hohe Rippe und einen schönen Markknochen und dann passt das“,

so lautet ihre Diagnose und sie beginnt, die entsprechenden Teile abzuwiegen. Ein Fehler, der nicht ungestraft bleiben wird, denn sie ignoriert eine Grundregel der rheinischen Demokratie die da lautet: »Jeder der denkt, er müsste etwas sagen, wird gehört«. Die beiden Damen hinter mir mögen in ihrem Leben zehntausende von Suppen gekocht haben und werden nicht befragt? Es wäre nicht Köln wenn sie ihr Wissen nicht auch ungefragt preisgeben würden. Ohne seine Enttäuschung zu verhehlen, beginnt der Papagei:

„Also du närrisches Huhn, das ist doch Quatsch, Leiterstück braucht der Junge, damit es eine richtige Suppe gibt“.

Einsatz Lappenclown: „Das wird nichts, der ist Anfänger. Beinscheiben muss er nehmen und einen Ochsenschwanz“.

Das Huhn wagt zu widersprechen, immerhin sei es gelerntes Fleischereifachverkaushuhn!

Dieses Argument bringt die beiden Damen keineswegs zur Ruhe. Im Gegenteil, der Papagei wirkt mit den Händen an den Hüften und hochrotem Kopf wie eine mittelalterliche Marktschreierin und der Lappenclown geht dazu über, seine Argumente mit dem Trommelstock zu untermauern.

Im Auge dieses Sturms entsteht ein kleiner Moment der Ruhe, den ich schleunigst ausnutze und einfach von allem etwas ordere, Leiterstück, Beinscheibe, Markknochen, Ochsenschwanz und hohe Rippe landen in meiner Tüte. Die Suppe war nicht günstig, aber hervorragend. Wer sagt denn, dass ein Kompromiss immer auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner enden muss.

Kulturexport

Mein Schreiben soll nicht die Welt verändern! Zumeist ist das eigene Vergnügen daran genügender Antrieb. Heute jedoch kann ich nicht anders, als einen Aufruf zu starten, der hoffentlich weltweite Wirkung zeitigt, trotzdem es – wie immer – um eine kleine Geschichte von kleinen Dingen geht.

Welche kulturelle Leistung der Deutschen wird im Ausland sträflich vernachlässigt? Nein, ich rede nicht vom Oktoberfest, das wird in nahezu jedem Land der Erde häufiger gefeiert als in München. Auch die großen Dichter und Denker sind außerhalb unserer Heimat oft präsenter. Viele Deutsche müssen sich auf dem Theaterplatz in Weimar von einem japanischen Touristen erklären lassen, dass es sich bei den beiden Männern des Denkmals nicht um die Gebrüder Grimm handelt. Auch deutsche Ingenieurskunst ist weltweit bekannt und selbst dunkles Körnerbrot duftet im Siegeszug rund um den Globus. Allein einer Errungenschaft unserer Kultur bleibt die globale Anerkennung bisher verwehrt: dem Eierbecher.

Mancher mag seine besondere Bedeutung noch gar nicht erkannt haben, aber wir wissen Wichtiges ja erst dann zu schätzen, wenn es nicht mehr vorhanden ist: Licht, Freunde, Toilettenpapier. So ergeht es auch dem Eierbecher. Wer ihn nie vermisst hat, der ist noch nicht verreist. In Österreich ist er zuweilen noch zu finden, aber spätestens, wenn in der Schweiz die deutsche Sprache verschwindet, verabschiedet sich auch der Becher; gruß- und ersatzlos. Und auf jeder Reise, in jedem Land falle ich wieder darauf herein. Die Frühstückseier wandern in das kochende Wasser und genau fünf Minuten später bricht Panik aus.

Die Ferienwohnung oder Hostelküche ist mit jeden nur erdenklichen Komfort versehen, allein es fehlen die Eierbecher. Startschuss für die hektische Suche nach einem Ersatz. In Spanien finde ich dann meist ein etwas zu klein geratenes Weinglas und in Italien muss eine Espressotasse herhalten. Die Rettung in Frankreich erschien mir schon in Gestalt eines Schneckentellers, zum Glück sind dort ja auch Wachteleier weit verbreitet. Da in den USA bekanntlich alles größer ist, greife ich zur Muffinform.

Ansonsten ist guter Rat teuer, oft bleibt nur der Griff zur bereits erwähnten deutschen Ingenieurskunst. Aus Hotelservietten lässt sich mit etwas Geschick ein recht stabiles Papierschiffchen falten. Und das Ganze, während ich das abgeschreckte Ei auf einem Löffel balanziere. Eine wacklige Geschichte und ein mehr als dürftiger Ersatz. Obendrein wird die Freude am weichen Ei mit ziemlicher Sicherheit von reichlich Kleckerei begleitet werden.

Warum das Verbreitungsgebiet der Becher so begrenzt ist, habe ich nie verstanden. Aber zum Glück existieren inzwischen die sozialen Netzwerke und präsentieren uns die offensichtliche Lösung. Kein Vermieter und kein Hotelier auf dieser Welt, der ohne hervorragende Bewertungen auf diesen Netzwerken noch mit Gästen rechnen kann.

Wenn wir gemeinsam arbeiten und jeden fehlenden Becher konsequent mit Punktabzug bei booking.com und Tripadvisor abstrafen, dann wird sich die Welt unseren Wünschen nicht lange entziehen können. Zunächst werden Quartiere ohne Eierbecher aus dem Internet verschwinden und wenig später aus unserem Leben, denn dem Hotelier ohne Eierbecher stehen nur zwei Wege offen. Der Weg in die Insolvenz oder der in die Haushaltswarenabteilung. Falls es aber auch dort keine Becher zu kaufen gibt? Dafür wurde der Versandhandel erfunden und die Internetseite http://www.eierbecher.de ist noch verfügbar.

Eifelkloster

Nur übernachten möchte ich in diesem Kloster, bestenfalls noch Frühstücken, falls ich denn früh aufwachen sollte. Keinesfalls jedoch hier zu Abend essen. Direkt nebenan ruft ein Eifeler Landgasthaus mit bester Küche, mein Sinnen steht nach Wildbraten und Rotweinsoße. Das ist aber der Versuch die Rechnung ohne den Wirt zu machen, genauer gesagt ohne Schwester Maria Antonie. Seit fünfzig Jahren begleitet sie die Klostergäste zu ihren Zimmern. Und offensichtlich freut sie sich auch heute über jeden Gast genauso wie in der Zeit, als ich noch nicht einmal in den Träumen meiner Eltern existierte.
Anstatt direkt zur Klosterzelle, führt sie mich in die hinterste Ecke der Klostergebäude, eine enge Steige hinauf und durch eine Tür mit dem Schild „Nur im Brandfall öffnen“. Der Grund: Die Sonne geht unter und von der freischwebenden Feuertreppe lässt sich das Schauspiel in Pastelltönen am besten erspähen. Das Wackeln der Treppe gleicht den wackligen Gang der alten Nonne perfekt aus, nur ich komme beinahe ins Straucheln. Glücklicherweise verlaufen die Sonnenuntergänge in der herbstlichen Eifel recht zügig, denn selbst, solange die Sonne scheint, bleiben die Temperaturen hier einstellig. Ich bin zwar angemessen bekleidet, aber nur für das Beziehen eines Zimmers, nicht für Exkursionen.
Wie das jetzt mit dem Wildbraten zusammenhängt? Schwester Maria Antonia leitet mich auf dem Rückweg am Refektorium vorbei, und vergisst dabei nicht auf das leckere Klosteressen hinzuweisen. Einmal durchgefroren schwindet in mir jegliche Motivation das heimelige Kloster heute noch zu verlassen und ich entscheide für den heimischen Herd. Allerdings missachte ich den dringlichsten Ratschlag meiner Begrüßungsnonne. Eindrücklich hatte sie darauf hingewiesen am Anfang der Essenszeiten aufzutauchen, denn, so ihre Worte, „das Warme ist früh am Leckersten“.

 

Sicher ein weiser Rat, doch was nützt das beste Abendessen, wenn es nicht Abend ist. Also erscheine ich als einer der Letzten im Saal, hohe Stapel benutzter Teller auf dem Geschirrwagen zeigen an, dass hier die sprichwörtliche Ruhe nach dem Sturm herrscht. Und ein solcher ist offensichtlich durch den Speisesaal gezogen. Bestand die achte Plage im alten Ägypten aus Heuschrecken oder Firmungskindern?
Ein wenig nervös, weil ich den eindringlichen Rat der Nonne ignoriere, bewege ich mich in Richtung Büffet. Aber ein Blick auf das Essen zeigt mir an, dass ich heute ungestraft davonkomme; der Junge in mir wird satt und glücklich das Refektorium verlassen. Die Tische biegen sich unter Essensbergen und die warmen Speisen bestehen aus heißen Würstchen, lauwarmen Kartoffelsalat mit Speck und selbst gebratenen Frikadellen. Nichts was durch ein Stündchen warmhalten an Geschmack verliert. Daneben Blutwurst, Schinken und Sülze im schweigenden Wetteifer um den höchsten Stapel. Erkenntnis des Tages: Fleisch ist keinesfalls krebserregend, sonst wäre die Eifel längst entvölkert.
Hinter dem Tresen treffe ich wieder auf Schwester Maria Antonia, welche großzügig die Teller der Gäste auffüllt.  Der Mann vor mir fragt höflich an, ob die Frikadellen denn aus Fleisch bestünden. „Selbstverständlich!“, antwortet die Nonne. „Und auch selbstgemacht, nicht gekauft?“ Diesmal zögert sie eine kleine Sekunde, bevor sie die gleiche Antwort wiederholt: „Selbstverständlich!“. Der Herr zieht mit zufriedenem Ausdruck und beladenem Tablett weiter und ich rücke nach. Schwester Maria Antonia schaut ihm für einen Moment ungläubig hinterher, wobei ich mir unsicher bin, ob eine Ordensfrau ungläubig schauen kann. Dann sammelt sie sich wieder und richtet ihr nachdenkliches Lächeln zu mir. Kaum merklich schüttelt sie den Kopf als sie mich fragt:

„Gibt es Fleischklöpse inzwischen im Supermarkt?“
„Ich denke schon“, antworte ich, „aber ich glaube die kauft keiner“.

Alpines in Nippes – Teil drei der Nippestrilogie

Ein Event inmitten der Großstadt und das Kölsch kostet einen Euro,… gibt es nicht? Doch bei den Alpinvorträgen des Kölner Alpenvereins. Und das nicht nur als Lockangebot, um dann mit dem Essen abzusahnen, denn auch die belegten Brötchen kosten nicht mehr. Hier ist er, der letzte Hort des Mettbrötchens, frische Zwiebeln kleben wie Gipfelkreuze auf dem Metthügel, welcher seinerseits so unbezwingbar wie die Nordwand des Eigers aus der Brötchenhälfte ragt.
Der Saal ist prall gefüllt mit Menschen, die selbst nach dem Verzehr von zweien dieser Eigermettwände noch vor Energie und Fernweh strotzen. Die Frauen tragen kein Make-up, dafür aber Haare unter den Achseln und Blick auf die Männer verleiht mir zum ersten Mal im Leben das Gefühl, modisch ganz vorne zu stehen. Wer hierher kommt, will sehen, und nicht gesehen werden.
Und reden natürlich, reden von vergangenen und bevorstehenden Exkursionen, Kletterwänden, Besteigungen und sonstigen waghalsigen Tätigkeiten. Deutsch dominiert die Gespräche, oder das was man dort wo die Besucher herkommen dafür hält. Der eine sächselt, die andere schwäbelt. Bayrisches Gebrummel trifft auf Berliner Schnauze. Alle, deren Lebensweg in die Berge durch Köln führt, sind hier versammelt. Auch kölsche Töne sind gelegentlich zu vernehmen, aber der süddeutsche Einschlag überwiegt. Auf jeden Fall lauter Menschen deren Heimat nicht unbedingt an ihrem Wohnort liegt und die wissen wie sie mich aus einer Gletscherspalte bergen könnten. Eine sehr beruhigende Erkenntnis, auch wenn Gletscherspalten in Köln bestenfalls in Druckform auftreten.

Der Referent stammt aus Österreich, ein typisches Exemplar, dem das Schneckensammeln nie gelingen wollte, weil die immer so schnell wegrennen. Auch er ist von den Bergen „desinfektsziert“, insbesondere den Bergen des Himalayas. Nachdem die pfeifende Rückkopplung aus dem Lautsprecher alle Aufmerksamkeit auf ihn gezogen hat, beginnt er mit seinem Vortrag. Das erste Bild zeigt eine Räucherschüssel: „Wann I den Geruch aus dem Inzenstopf in dera Nasen hab, da weisst, dass wieder dahoam bist in die schönsten Berg“. Die meisten seiner Zuhörer wissen genau, wovon er redet und lauschen gespannt.
Doch bereits das zweite Bild ruft großes Tuscheln im Publikum hervor. Es zeigt den Referenten, der sich in Outdoorkleidung an einem Herdfeuer wärmt. Aufgenommen wurde es in den achtzigerer Jahren in einem abgelegenen nepalesischen Dorf. Die Reaktion des Publikums wird aber keineswegs durch das Bild hervorgerufen, sondern vielmehr durch den Kommentar des Referenten: „Wie Sie sehen, hat sich die Mode auch beim Bergsteigen in den letzten dreißig Jahren stark verändert!“
Die Verwunderung, insbesondere des männlichen Publikums, hätte nicht größer sein können, wenn er das Matterhorn nach Deutschland verlegt hätte. „Siehst Du, ich habe es doch schon immer gesagt“, so höre ich weibliches Tuscheln, gefolgt von der männlichen Antwort: „dass muss er doch so sagen, wegen seinem Sponsor“. Damit ist der Modeteil abgehakt und die Berge und ihre Bewohner rücken wieder in den Mittelpunkt.
Nach etwa einer Viertelstunde fällt mir auf, dass jedes neue Bild zunächst ein wenig unscharf erscheint, bevor es dann nach etwa einer halben Sekunde den vollen Fokus findet. „Ein toller Retroeffekt“, denke ich. Das ist fast so wie früher als es noch echte Dias gab, die sich in der Wärme des Projektors leicht verziehen und etwas ausbeulen. Doch das leichte Klacken das den Bildwechsel begleitet bringt mich auf die richtige Spur: Das ist nicht Retro, sondern es handelt sich wirklich um analoge Bilder. Und das obwohl wir im Vortrag die achtziger Jahre weit hinter uns gelassen haben.
Die Pause füllen dann wieder belegte Brötchen, Ein-Euro Kölsch und Heldengeschichten, erlebte, vernommene und geplante. Bevor unser Referent wieder im Dunkel des Vortragsraumes verschwinden darf und die Bühne den Bergbildern überlassen, steht er aber noch vor einer Herausforderung. Er soll – selbstverständlich für den guten Zweck- ein Kunstwerk versteigern. Das Gemälde zeigt einen Berg, oder zumindest kann man das was darauf abgebildet ist als Berg bezeichnen. Es könnte aber auch fast jeder andere Gegenstand sein. Ohne die glaubhafte Versicherung der anwesenden Künstlerin, dass es sich um einen Berg handelt, hätte ich noch nicht einmal hier ein Kölsch darauf gewettet. Immerhin: Wenn es ein Berg ist, dann hätte ich jetzt zumindest eine Idee wo bei dem Bild oben und unten sein könnte. Gleiches denkt sich wohl auch der Österreicher auf der Bühne, denn er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Vorzüge der Verpackung. Eine Schutzfolie mit „Plastikblöbbern“, diesen Luftblasen, die heutzutage alles schützen, was es von Ikea zu kaufen gibt. „Wunderschön“, so preist er die kostenlose Dreingabe an, „wenn du in einem Sturm im Hochlager sitzt, und kannst das Zelt für Tage nicht verlassen, dann macht es einen Heidenspaß die alle nacheinander zu zerdrücken“. Das kann ich mir vorstellen, solange ich das Bild nicht mit auf den Berg schleppen muss. Die Werbestrategie geht auf und sowohl Bild als auch Folie finden schnell einen neuen Besitzer.
In der zweiten Hälfte fallen die gewölbten Dias und die anfängliche Unschärfe kaum mehr auf, denn unser Fotograf möchte jetzt zu den meisten Bildern einen erklärenden Satz liefern. Damit bleibt jedes einzelne Bild dann für eine Minute auf der Leinwand stehen. Da es sich um tolle Bilder von noch tolleren Bergen handelt, stört das niemanden. Im Gegenteil, das Kontrastprogramm zum ewig Flackernden unserer Zeit ist so wohltuend wie beruhigend. Am Ende steht neben dem neuerwachten Fernweh die Erkenntnis, dass es durchaus möglich ist, die Zeit zurückzudrehen. Und selbst die Werbeeinheit vom Anfang zeigt ihre Wirkung: „Glaubst Du wirklich ich sollte mir dieses Jahr eine neue Bergsteigerhose kaufen?“, so höre ich ungewollt im Vorbeigehen. Gut, das dieses Jahr noch ganz am Anfang steht.

Hier geht es zur Nippestrilogie Teil 1

Und zum Teil Zwei

Mit Deutschen reden

Die Jüdin in Amerika
„Mit Deutschen reden fällt mir immer schwer …“. Kaum hat meine Tischnachbarin diesen Satz ausgesprochen, bleibt meine Gabel unschlüssig in der Luft hängen und all meine Warnlichter leuchten auf. Sie ist Jüdin und ich ein Deutscher aus der Generation, die niemals unbefangen mit Juden umgehen wird. Unberührt fährt sie fort: „…weil die immer so entschuldigend auftreten“. Treffer und versenkt! Auch wenn ich so lange nach 1945 geboren bin, dass mir keine Beteiligung – und sei es auch nur eine stille – an den Naziverbrechen vorzuwerfen ist, so wird mich doch die historische Schuld nie verlassen. Nicht als eine persönliche, unüberwindliche, aber als ein Teil meines Landes, meiner Heimat. Wenn mich denn mehr mit Deutschland verbindet als nur der Reisepass, dann gehören eben auch die dunklen Seiten dazu.
Das versuche ich ihr, möglichst ohne Entschuldigung, zu erklären. Sie lacht und erklärt mir freundlich: „Genau das meine ich und obendrein seht ihr Deutschen immer die Probleme, dabei lebt ihr in einem wunderschönen Land!“ Gut beobachtet, denke ich. Vielleicht ist es die wichtigste Erkenntnis des Reisens: Der neue Blick auf das Bekannte und die Heimat; nicht zuletzt durch die Augen und Worte der Fremden.

 
Der Tansanier in Deutschland
„Ja, ich war auch schon einmal in Deutschland, alles war wunderbar“, so erklärt mir der junge Afrikaner nach dem Konzert. Auf Konzertreise mit seinem Chor ist er durch Deutschland getourt und alles, was ich ihm entlocken kann, sind Loblieder auf dieses Land. Das Wetter, das Essen, die Menschen, die Züge mit Klimaanlage, die Zentralheizungen in den Zimmern, das Wasser aus der Leitung. Nur Gutes hat er in Deutschland gesehen und das fließt in Strömen, fährt pünktlich und ist immer sauber.
Ich lasse nicht locker und meine deutsche Krämerseele nicht los, es muss doch auch irgendetwas geben das ihn gestört hat? Aber sei es wahr oder der afrikanischen Freundlichkeit geschuldet, er kann sich beim besten Willen an nichts Negatives erinnern. Ich versuche es von der anderen Seite, wenn schon nichts Störendes, dann muss er doch zumindest etwas Überraschendes erlebt haben? Er überlegt eine ganze Weile bevor er mich mit strahlendem Lachen aus seinem dunklen Gesicht anschaut: Doch, zwei Dinge haben ihn wirklich gewundert: Das fast alle Menschen weiße Haut besitzen und die Taxis alle einen Mercedesstern.

 
Der Chinese in Neuseeland
Im Billigflieger nach Hongkong sitze ich auf einem Mittelplatz. Die Asiaten haben die Billigairlines erfunden und zur Perfektion geführt. Der Mittelplatz ist so eng, dass er nur zwei Optionen bietet: sich still mit dem Sitznachbarn um den nicht vorhandenen Platz streiten oder laut für die Dauer der Reise zu befreunden. Wenn ich meinem Nachbarn schon näher auf Pelle rücken muss als meinen besten Freunden, entscheide ich mich für die zweite Variante. Mein Sitznachbar, ein Festlandchinese auf dem Heimweg von seinem Studienjahr in Neuseeland, findet auf meine Fragen allerdings nur lapidare Antworten. Pädagogik hat er dort studiert, anders sei das als in China. Von Neuseeland hat er wenig gesehen, keine Zeit. Auch zuhause würde sich niemand auf ihn freuen, bestenfalls auf die Geschenke die sich in seinem Rucksack befinden. Selbst meine Jokerfrage, ob er sich denn auf das chinesische Essen bei seinen Eltern freue, entlockt ihm nur einen emotionslosen Halbsatz: Der Reis in Neuseeland stamme ebenso aus China, wie das chinesische Milchpulver aus Neuseeland.  Sollte ein Pädagoge nicht für irgendetwas Begeisterung aufbringen können?
Zu meiner Verwunderung findet er etwas, als er hört dass ich in Deutschland lebe. „Das muss ja wirklich ein außergewöhnlich schönes Land sein!“, sagt er und richtet sich in seinem Sitz auf, was unweigerlich dazu führt, dass er seinen Ellenbogen in meine Rippen rammt. Sobald ich wieder atmen kann, versichere ich ihm, dass Deutschland schön ist und will wissen worauf denn seine Erkenntnis beruht. Seine Antwort verwundert mich: „In Neuseeland leben ja Menschen aus allen Ländern dieser Erde.“ Wie recht er hat, so viele dass ich mir schon die Frage gestellt habe, ob denn in Deutschland noch ein Abiturient übrig ist. „Alle müssen irgendwann zurück“, so fährt er fort, „aber nur die Deutschen freuen sich darauf wieder nach Hause zu fliegen. Also muss Deutschland das schönste Land sein“. Der Flieger landet und ich darf das Kompliment an mein Land genießen ohne darauf antworten zu müssen. Direkt hinter dem Ausgang des Flugzeugs trennen sich unsere Wege, ich darf ohne Visum nach Hongkong einreisen, er wird direkt zum chinesischen Festland geleitet.

 
Der Chilene in Australien
So leicht wie der Chinese macht es mir der Südamerikaner nicht, den ich in der australischen Wüste treffe. Er fragt mich aus: Wie sieht es aus Dein Land? Was gibt es dort zu sehen? Lohnt es sich dorthin zu reisen? Ich weiß nicht wo ich anfangen soll, erzähle von den Städten, der langen Geschichte, den Alpen, dem Meer und treffe nur auf höfliche Langeweile. Auch Wälder und Burgen oder Dichter und Denker erzeugen keine Begeisterung in seinen Augen. Ich probiere es mit Rhein und Mosel und erwähne eher beiläufig die steilen Weinberge und das daraus resultierende Getränk. „Wein!“, so ernte ich endlich eine Reaktion, und die ist so intensiv wie die meine auf den Satz der Jüdin. „Vom deutschen Wein habe ich bereits gehört, der soll etwas ganz Besonderes sein,… ich glaube den nennt ihr Glühwein“

Von der Insel 3

Dem Reisenden, der den Flughafen Stansted verlassen möchte – und ehrlich betrachtet gibt es keinen Grund zu bleiben – steht nur eine Straße offen, die Autobahn M111. Und glücklich ist derjenige, der nicht mit einem Pferd oder einer Kutsche ankommt, denn diesen Gefährten wird an der Flughafenausfahrt dieser einzige Ausweg mit eindeutiger Beschilderung versperrt. Wer hoch zu Roße oder auf mit einer Droschke unterwegs ist, darf nicht vom Flugplatz scheiden.
Weit hergeholt? Mit Sicherheit, aber eben auch wahr. Ausgerechnet in England – dem Mutterland der sanften Hinweise – trifft den Pferdenarr ein Verbotsschild mit einer Vehemenz, die selbst die Autobahnbrücke in Leverkusen von fehlgeleiteten Lastwagen befreien würde. Und das in einem Land, welches die direkte Verneinung und das Verbot scheut wie der Teufel das Weihwasser. Bleiben wir bei dem Beispiel der Leverkusener Brücke. Stünde die, was der liebe Gott verhüten möge, in England, dann wäre dort anstelle des Verbotes ein schlichter Hinweis angebracht: „Für Schwerverkehr nicht geeignet“. Und dieser Hinweis würde absolut jeden Lasterfahrer von der Brücke fernhalten.
Warum aber dann die ungewöhnlich eindeutige Beschilderung am Flughafenausgang? Und warum ausgerechnet gegen Pferde und Kutschen gerichtet? Ich sehe ja ein, dass die M111 für Ausritte denkbar ungeeignet ist, aber das gilt für nahezu alle Autobahnen in London und bisher konnte ich an keiner anderen Auffahrt ähnliche Schilder entdecken. Es muss also etwas anderes dahinterstecken.
Es könnte am britischen Rechtssystem liegen, das auf Präzedenzfällen beruht die manchmal seit mehreren Jahrhunderten Gültigkeit besitzen. Vielleicht klagte 1783 ein britischer Bürger darauf, dass ein öffentlicher Hafen jederzeit mit der Kutsche erreichbar sein muss, und bekam damit Recht? Dieses Recht verlor niemals die Gültigkeit und natürlich ist auch ein Flughafen als Hafen zu bewerten. Also darf die Verwaltung keinen Kutschenfahrer daran hindern, zum Flugfeld zu kutschieren. Ein findiger Beamter kommt auf die Idee diesen Gefährten dann die Rückfahrt zu untersagen, davon hatte der Richter im Jahr 1783 nicht gesprochen. Eine elegante Lösung des Dilemmas! Welcher Kutscher möchte sein Gefährt zum Flughafen fahren, wenn er es dann nicht wieder zurückbekommt, von den Preisen für das Parken in Stansted einmal abgesehen.
Zugegeben, meine Erklärung ist reichlich konstruiert, aber das ist in England kein Problem. Sie besitzt aber einen anderen, viel größeren Haken: Ein solches Vorgehen erscheint unfair gegenüber den Reitern und Kutschern. Und unfairen Umgang kann es nicht geben – schon gar nicht für Pferdebesitzer – dafür sind „Fair Play“ und Reiten im Inselstaat ein viel zu hohes kulturelles Gut.
In der Not bitte ich meine Kollegen um Hilfe: Wozu dienen die Schilder, die obendrein noch nagelneu in der Sonne glänzen? Und warum strotzen sie so von deutscher Direktheit? Zunächst bekomme ich nur ausweichende Antworten, was aber meine Neugierde nur steigert. Also entschließe ich mich zum Äußersten und dränge einen der Kollegen so lange in die Ecke, bis er der Antwort nicht mehr ausweichen kann: „You know, at the airport we do have quite some travellers“.
Soweit kann ich ihm folgen, das mit den Reisenden soll an Flughäfen zuzeiten vorkommen. Ich lehne mich zurück und warte auf den Rest der Erklärung, doch sie kommt nicht. Nach einer langen Pause empfindet der Kollege offensichtlich Mitleid mit mir und meinem hilflosen Blick: „I mean THESE travellers, mainly in the winter“. Langsam geht mir ein Licht auf, und die Suche im Onlinewörterbuch bestätigt meine Vermutung: Bei den Reisenden handelt sich um Zigeuner, die gerne rund um den Flughafen ihr Winterquartier aufschlagen.

 

(der dritte und vorerst letzte Teil der Inseltrilogie, so den Teilen eins und zwei geht es hier:

https://koelnerzeilen.wordpress.com/2013/08/19/von-der-insel-teil-2/

https://koelnerzeilen.wordpress.com/2013/07/12/von-der-insel-1/   )

Land und Leben

(Erschienen in der eXperimenta 07/2015)

„Setze dich nie zu fremden Männern an den Tisch“. Die Warnung ihrer Großmutter noch im Ohr, versuchte sie genau das Gegenteil. Jene Großmutter hatte aber auch nie in einer Strandbar auf Fiji gesessen und gelernt, dass auf dieser Insel die Regeln der deutschen Kleinstadt nichts gelten. Hier ist eine unbegleitete Frau eine Einladung, so anziehend wie Kerzenlicht für Motten. Ein Beachboy nach dem anderen würde um sie schwärmen, und ihr Abend damit gefüllt, Hoffnungen zu enttäuschen.

Wenn schon Gesellschaft, dann besser eine Selbstgewählte. Also hatte sie das Mantra der Oma in den Wind geschlagen und ihn gefragt, ob der Platz an seinem Tisch frei sei? Ohne jeden Zweifel eine glückliche Wahl, denn er war offensichtlich beschäftigt, hatte nur kurz sein Einverständnis vage in die Luft genickt und sich prompt wieder abgewandt.

Vor ihm stand eine halbgefüllte Schnapsflasche, daneben ein einfaches Glas, aus dem er in regelmäßigen Abständen trank, in langsamen dafür großzügigen Schlucken. Verschanzt hinter ihrem Buch, vermochte sie nicht zu lesen.
„Mein Sohn heiratet heute hier.“

Sein Blick hatte sie kurz gestreift, während er sprach, aber jetzt waren die blauen Augen wieder auf das Meer gerichtet und nur das Rauschen der Brandung verhinderte völlige Stille zwischen ihnen. Sie war sicher, er hatte mit einmal Hinschauen mehr über sie erfahren, als andere in einer ganzen Nacht.
„Warum feierst Du dann nicht mit ihm?“, fragte sie, als die Wellen pausierten.

Er drehte sich zu ihr, die Augen diesmal eher nachdenklich als forschend. Sie glaubte seinen Gedanken auf seiner Stirn zu lesen: „Wie viel soll ich ihr zumuten?“ so stand dort geschrieben.

„Weshalb sitzt Du hier?“, fragte er zurück, ohne auf ihre Frage zu beachten.
Offensichtlich musste sie sich das Vertrauen für seine Antwort erst erarbeiten. Das ist unfair, dachte sie, genau so wie das Leben. Aber ihre Neugier war geweckt.

Also erzählte sie ihm von dem Leben, das sie verlassen hatte, ihrem Arbeitsplatz am Frankfurter Flughafen. Von der Kiste in der sie ihre Arbeitstage verbracht hatte, hinter kugelsicheren Glasscheiben. Von den Menschen die vor den Glasscheiben standen, ihren Papieren und den Gesichtern voller Hoffnung. Der Hoffnung, dass sie die richtigen Stempel auf ihre Papiere drücken und ihnen die Tür öffnen könnte zu einem Leben, das diesen Namen verdient, einem Leben in Deutschland.

Sie erzählte auch, wie sie die Hoffnung weggewischt hatte aus diesen Gesichtern. Den Stempel verweigert, den Eintritt verwehrt; das getan, wofür ihr Land sie bezahlte: nur diejenigen hereinlassen die hineingehören. Auch dass sie es vielleicht hätte ertragen können, wenn ihr Freund sie verstanden hätte. Der arbeite wie sie für den Zoll und sein Tag bestand auch daraus hoffende Gesichter in verzweifelte Gesichter zu verwandeln. Aber er wollte nicht verstehen, nicht nach Gründen fragen. Zu tun was ihm aufgetragen wurde war ihm genug, gab ihm Sicherheit. „Sie werden es schon wissen, was richtig ist“, so endeten ihre Diskussionen immer öfter. Er war der Spiegel an dem sie erkannt hatte, was sie selbst nicht sein konnte, nicht sein wollte. Sie musste aufhören Hoffnung aus Gesichtern zu wischen. Deswegen sie hier, hatte ihren sicheren Beamtenstatus aufgegeben und den Freund obendrein.

Wieder langes Schweigen, dann lächelte er, zum ersten Mal. Es wirkte etwas ungelenk, so als hätte er fast schon vergessen, welche Muskeln er benutzen musste.
„Dann können wir ja jetzt etwas Vernünftiges trinken!“, stellte er fest.

Sie nickte mit dem Kopf in Richtung Schnapsflasche:
„Das ist nicht vernünftig?“

Sein Lächeln wurde langsam entspannter, wortlos füllte er das Glas und schob es über den Tisch zu ihr. Vorsichtig nippte sie daran:
„Wasser?“.

„Ich trinke nie alleine, immer nur in Gesellschaft. Aber gute Gesellschaft erfordert ein gutes Getränk“.

Damit stand er auf und verschwand zwischen den Palmen.
Als er zurückkam, trug er zwei Gläser in der einen Hand und eine Flasche Rotwein in der anderen. Sie hatte sich in den letzten Wochen an Plastikbecher gewöhnt, das Glas lag schwer und angenehm kühl in ihrer Hand. Und nach dem ersten Schluck wusste sie, auch der Wein war weit entfernt von dem was sie gewohnt war.

„Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein“, sagte er, „schmeckt er Dir?“

Inzwischen hatte sie ebenfalls keine Lust mehr Fragen zu beantworten, zumindest nicht alle. Wenn er sich die Antworten aussuchen konnte, dann konnte sie das auch.

„Also warum feierst Du nicht Hochzeit? Ist er der verlorene Sohn oder hat er sein Herz an die falsche Frau verschenkt?“

Sie wusste, dass Worte wie Messer wirken können, doch so deutlich hatte sie es bisher noch nie gesehen. Sein Oberkörper sackte zusammen, das eben wiedergefundene Lächeln wich einer verletzten Trauer.

„Entschuldigung, ….“, begann sie zu stammeln aber seine Hand wischte den Satz weg, bevor sie ihn zu Ende denken konnte. Wieder Schweigen, dann hob er sein Glas:
„Der stammt von der Hochzeitsfeier“.

Ohne nachzudenken, tat sie es ihm gleich, fand seine Augen und dann ließen sie beide den teuren Wein das tun, was er am besten kann: Wunden betäuben.
Als das Glas leer in seiner Hand lag, sah sie: Er hatte einen Entschluss gefasst, den Entschluss ihr zu vertrauen:

„Dich jagten sie auf die Menschen, für die es in deinem Land keinen Platz gab. Ich habe mich um diejenigen gekümmert, für die sie auf der Welt keinen Platz mehr hatten. Spezialeinheit der Sicherheitspolizei. Im Ausland aktiv und offiziell nicht vorhanden.

Ich war dafür zuständig die Verzweiflung aus ihren Gesichtern zu wischen, endgültig.

Natürlich waren sie alle Schurken, zumindest in den Augen meines Landes, oder sollte ich lieber sagen in den Augen der jeweiligen Regierung. Manchmal hat die ihre Meinung geändert, meistens nach einer Wahl. Wenn die Regierung neue Augen hatte, wurde über Nacht aus dem Terroristen ein Freiheitskämpfer. Aber nicht wenn sie uns vorher losgeschickt hatten, unsere Arbeit war endgültig, bestenfalls die Inschrift auf dem Grabstein war noch zu ändern. Dienst am Vaterland, am Anfang habe ich wirklich daran geglaubt. Danach weitergemacht, weil es das einzige war was ich konnte.“

Er sprach ganz ruhig, allein die feinen Haare auf seinen Armen sträubten sich gegen das was er sagte. Sie füllte sein Glas und blickte auffordernd auf seinen Mund. Er trank einen Schluck, diesmal ohne sie zu beachten. Sein Blick ging über sie hinweg und verlor sich in den Wipfeln der Palmen. Ein warmer Wind strich zwischen ihnen hindurch, einen Moment glaubte sie den Regen zu hören auf den die Einheimischen schon seit Monaten warteten, aber es war nur das Rascheln der trockenen Palmblätter. Der Windstoß schien sein Reden anzufachen, er sprach jetzt schneller, fast als wollte er es hinter sich bringen:

„Ich habe solange weitergemacht bis auch die letzte Chance vorbei war aus eigenem Entschluss aufzuhören. Zumindest so viel Anstand hätte ich zeigen können. Stattdessen war ich irgendwann überflüssig, so wie die Fabrikarbeiter am Band wurden wir von Maschinen abgelöst. Keine Regierung die etwas auf sich hält schickt heute noch Menschen um andere Menschen auszuschalten. Heute fliegen automatische Drohnen auf ein anonymes Kommando in die dunklen Ecken dieser Welt.

Vielleicht nicht billiger, auch nicht besser, aber schnell und emotionslos. Ich war auf einmal überflüssig. Also wurde ich in den Ruhestand geschickt, mit einer neuen Identität und einer Pension die gerade hoch genug ist, um mein Schweigen zu erkaufen. Ich habe es nachgerechnet. Solange ich noch lebe bezahlt mir der Staat in jeden Monat genau sechsundvierzig Euro für jeden der Staatsfeinde die dank meiner Arbeit nicht mehr leben. Vorausgesetzt ich halte den Mund und lösche mein bisheriges Leben.“

Seine Augen fanden den Weg von den Palmen zurück zu ihr und zum ersten Mal klang seine Stimme zynisch: „das Land für dessen Freiheit ich gekämpft habe darf ich auch nicht mehr betreten“. Ganz langsam begann sie den Zusammenhang mit ihrer Frage zu verstehen:

„Die Hochzeit und Dein Sohn gehören beide zu der vergessenen Vergangenheit?“

Jetzt schwang ein wenig Stolz in seiner Stimme:

„Er weiß nicht, dass ich noch lebe, alles, was ihm jemals erklärt wurde, war das ein afrikanischer Virus mich in das Jenseits beförderte, noch vor seiner Geburt. Und sollte er jemals auf die Idee kommen nachzuforschen, dann würde er in den Unterlagen einer kleinen Klinik im Norden Namibias auch die Beweise dafür finden. Bis hin zu einem schönen Stein auf dem örtlichen Friedhof. Ohne die kleinste Ungereimtheit, ich habe mich persönlich vor Ort darum gekümmert.

Aber ich kann ihn nicht vergessen und kenne noch ein paar Leute zuhause die ihn für mich im Auge behalten. Dass er sich entschlossen hat hier zu heiraten war meine Chance. Ich habe einen Kellner dafür bezahlt, dass ich ihn vertreten durfte. Zwei Stunden lang, länger konnte ich es nicht aushalten.“

Die Beichte hatte ihn Überwindung gekostet und dem Chateau Noeuf den Inhalt. Erschöpft schlug er vor einen Strandspaziergang zu machen. Vor einer Stunde hatte sie überlegt, ob es ratsam sei, sich in der Dämmerung zu einem Fremden an den Tisch im Restaurant zu setzen. Inzwischen wusste sie, dass dieser Fremde zahlreiche Menschen umgebracht hatte und die Dämmerung war zur Dunkelheit geworden. Dennoch stimmte sie der Idee sofort zu, auch wenn sie wusste, dass ihre Großmutter diesem Schritt ihren Segen verweigert hätte. Seiner Geschichte aber fehlte noch das Ende und dieses Ende musste sie hören.

Schweigend spazierten sie durch den Sand, hunderte von kleinen Krebsen verschwanden vor ihren Füßen, nur um direkt hinter ihnen wieder aufzutauchen und mit dem fortzufahren, was kleine Krebse nachts am Strand umtreibt. Der Wind hatte aufgefrischt und trocknete den Schweiß auf ihrer Haut, zum ersten Mal seit dem Morgen schien die Luft kühler zu sein als ihr Körper. So viele Fragen drängten sich in ihrem Kopf, dass sie nicht wusste, womit sie anfangen sollte. Aber ihre Fragen waren auch nicht erforderlich. Als wäre ein Damm gebrochen, sprach er von sich aus weiter:

„Sie haben mich auf der Schule gefunden. Gute Noten, gut im Sport und kein Geld für ein Studium. Das waren die Auswahlkriterien. Dann ein Stipendium für die Militärakademie, Sprachen und Logistik. Dazu ein Mentor der dir Aufmerksamkeit schenkt und Anerkennung. Es hat nicht lange gedauert, bis ich ihm alles geglaubt habe, das Töten von ihm lernte, mit der Hingabe und dem Ehrgeiz eines Zwanzigjährigen. Ich wollte gut sein für dieses Land, das gut war zu mir. So bin ich einer der Besten geworden.“

„Sprachen verstehe ich, aber warum Logistik?“
Sie wusste auch nicht, warum sie ausgerechnet diese Frage stellte, wo doch viel größere in ihr brodelten.

„Ein Logistiker ist leicht zu verstecken, er wird überall gebraucht, aber niemand nimmt ihn wahr. Also konnte ich überall sein, Pakete und Päckchen erhalten, ohne dass sich jemand um den Inhalt kümmert und – wenn nötig – jederzeit verschwinden. Es ist die perfekte Tarnung.“

Inzwischen hatten sie das Ende des Strandes erreicht, der weiche Sand war kleinen Kieseln gewichen und vor ihnen reckten sich schwarze Felsnasen in den Nachthimmel. Er setze sich auf einen Baumstamm und atmete tief durch. Kaum hatte sie neben ihm Platz genommen, sprach er hastig weiter, so als rechnete er damit, unterbrochen zu werden. Aber bis auf die Krebse war niemand dort, der sie hätte stören können.

„Ahmed hätte mir die Augen öffnen müssen. Natürlich trug er einen anderen Namen, als sie ihn zu meinem Ziel machten. Ich sah sein Bild und wusste sofort: das ist Ahmed. In diesem Geschäft kannst Du es Dir nicht leisten ein Gesicht zu verwechseln, denn der Fehler lässt sich nicht wieder gutmachen. Ahmed hatte ich vor fünfzehn Jahren zum letzten Mal gesehen, damals ein Junge, inzwischen ein Mann. Ein Gefährlicher obendrein, einer der über Leichen geht.
Bei unserer ersten Begegnung in Bagdad arbeitete er als Teejunge in Hotel. Aufgeweckt und genauso alt wie mein Sohn. Ich hatte Zeit, musste auf die Ankunft des Mannes warten den ich erschießen sollte. Die Wartezeit habe ich mit Ahmed verbracht. Nach zwei Tagen hatte ich mit Ahmed mehr gesprochen, als ich mit meinem eigenen Sohn jemals reden werde, hatte ihm beigebracht zu rechnen und seinen Namen zu schreiben. Dann habe ich meinen Auftrag erledigt und bin abgereist. Jetzt war aus dem wissbegierigen Jungen ein Terrorist geworden. Ich hatte ihm nicht nur das Rechnen beigebracht, sondern auch die Gewalt. Der Mann, den ich damals in Bagdad liquidiert hatte, war ausgerechnet sein Onkel“.

Seine Trauer sickerte in ihren Körper. Sie breitete sich langsam in ihr aus und trotz der immer noch tropischen Temperaturen, begann sie zu frösteln. Sie sah den Wellen zu, die sich unermüdlich gegen den Strand warfen, nur um dort gebrochen zu werden. Eine nach der anderen verloren sie ihre Form und ihre Kraft an das Rauschen der Strandkiesel. Nur der Wind trieb den Wellenschaum noch weiter, wenn das Wasser schon geschlagen den Rückzug in das Meer angetreten hatte. Doch am Ende der Böe blieb auch der Schaum erschöpft liegen und löste sich langsam auf, zurück in Luft und salziges Wasser.

Sie fühlte sich wie dieser Wellenschaum, allein vom Wind nach vorne getragen. Dazu verdammt zu stranden und zu zerfallen, in viel Luft und vielleicht ein paar salzige Tränen auf den wenigen Gesichtern die wichtig waren. Ihr Hals war wie zugeschnürt.

„Es ist so hoffnungslos“ so drang es schließlich kaum hörbar aus ihrem Mund.

Er ließ sich Zeit, bevor er mit fester Stimme antwortete:

„Nein, das ist es nicht. Nicht für Dich! Immerhin hast du es geschafft ein Mensch zu bleiben, deine Freiheit zu behalten. Die Freiheit nicht das zu tun, was sie von Dir wollen. Natürlich wischt jetzt ein anderer im gleichen Glaskasten die gleiche Hoffnung aus den gleichen Gesichtern. Aber dich, dich haben sie nicht bekommen.“

Sie konnte in der Dunkelheit seine Augen auf ihrem Gesicht spüren:
„Ich möchte Dich um einen Gefallen bitten. Kannst Du das in Deutschland für mich zur Post bringen?“ sagte er und schob einen Umschlag in ihre Hände. „Es ist ein Brief an meinen Sohn, er hat ein Recht alles zu erfahren.“

„Bist du dir sicher, dass du das möchtest?“, antwortete sie spontan, der Umschlag lag schwerer in ihrer Hand, als er sollte, „ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, aber vielleicht ist ein Vater, der lange tot ist, der bessere Vater?“

„Das dachte ich auch sehr lange, aber seit heute Abend bin ich mir sicher: Er muss erfahren, wer ich bin. Ich habe ihn gesehen und er ist genauso wie ich in seinem Alter: naiv und leicht zu begeistern. Wenn er nicht gewarnt wird, dann wird irgendjemand ihn benutzen. Das Wissen über mich kann ihm helfen, dass zu erreichen was Du geschafft hast: Nein zu sagen!“

„Er wird versuchen Dich zu finden!“ so versuchte sie ihn mit Logik zu überzeugen, zu deutlich war das Gefühl, Teil eines Testamentes zu sein.
Seine Antwort bestätigte ihre Befürchtungen: „Da wo ich hingehe, brauche ich kein Geld!“.

Er schien zu spüren, wie sie neben ihm zusammenzuckte, und legte sanft seine Hand auf ihren Oberarm. Ihre erste Berührung.

„Ich werde mich nicht selbst umbringen! Im Norden Indiens liegt ein Kloster, das nur wenige Menschen finden. Dort leben Mönche aus Tibet, und zwar nur solche, die den Kampf gegen die Invasion aus China mit Waffen geführt haben. So wie ich kannten sie nur eine Antwort auf die Gewalt in der Welt: noch mehr Gewalt. Es ist Gemeinschaft derer, die nicht den Mut hatten „Nein“ zu sagen. Unsere Aufgabe ist es zu schweigen und ein wenig Raum zu schaffen in dieser Welt. Raum für diejenigen, die genügend Mut haben, „Nein“ zu sagen.“

Der singende Biergarten – Nippestrilogie Teil 2

Jede Stadt besitzt ihre eigenen Lieder, zumindest eines davon. Und wenn nicht, wie die Hansestadt Bremen, dann veranstaltet der Bürgermeister des armen Ortes einen entsprechenden Wettbewerb. Der siegreiche Titel: „Bremen gibt Vollgas“! Das wird auch bitter nötig sein, um die anderen einzuholen.

Denn manche Städte sind über diese bescheidenen Anfänge weit erhaben. Nehmen wir Bochum, da, reicht es, wenn ein mittelmäßig begabter Barde „Tief im Westen …“ in ein Mikrofon schnarrt und die Band kann eine Pause machen, weil alle Zuhörer mitsingen. Und ist das Pausenbier am Ende des Liedes noch nicht leer, dann bleiben die Zuschauer auch davon unberührt und zelebrieren ein vielstimmiges „Glück auf“. Glückliche Bochumer, sie achten ihre Stadt und konzentrieren sich darauf, stehen mithin auf der zweiten Stufe der Erleuchtung.

Wer allerdings in Deutschland musikalisch die siebte und letzte Stufe dieser Erleuchtung – das Ausbreiten tiefer Freude und Glückseligkeit – erreichen möchte, dem bleibt nur der Weg nach Köln. Zum Beispiel in den singenden Biergarten im Agnesviertel, wo Günther seiner Mundharmonika nur ein paar Töne entlockt und schon tönt es aus siebenhundert Kehlen: „Ich bin ene kölsche Jung“. Dabei ist die Hälfte der Kehlen weiblich und weitaus mehr als die Hälfte „Imis“, also gar nicht in Köln geboren.

Dieses wunderbare kölsche Wort „Imi“ wird häufig falsch geschrieben als „Immi“ und auch falsch verstanden als Kurzform von Immigrant. Nichts jedoch läge dem Kölschen ferner, denn er kennt ja seine Lieder und weiß: „Su simmer all he hinjekumme…“, also dass jeder irgendwie ein Immigrant ist. Natürlich muss es „Imi“ heißen und das ist eine Abkürzung für einen „imitierten Kölschen“. Für mich ein Ehrentitel, der von jedem Zugereisten erarbeitet werden muss, den aber auch jeder erhalten kann.

Schwieriger ist da schon die Frage, wann denn dieser Status erreicht ist? Eine allgemeingültige Regel gibt es nicht, wie so oft gilt auch hier „Hey Kölle, do bes e Jeföhl“. Vielleicht hilft ein Beispiel: Wenn meine westfälischen Freunde, am Ende einer Kneipennacht im Karneval, mit den letzten Stimmresten singen: „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hält durch“, dann sind sie eben noch keine Imis. Der kölsche Sultan muss nicht durchhalten, sondern er hat einfach Durst.

Wann genau ich zum Imi geworden bin, kann ich nicht mehr sagen. Vermutlich am Tag der Vordiplomprüfung, die auf Weiberfastnacht fiel. An der altehrwürdigen Universität zu Köln war es üblich, im Anzug zur Prüfung zu erscheinen. Der Kölner ahnt es bereits, kurz hinter dem Unicenter hatte ich jede Menge Küsschen erhalten aber meine einzige Krawatte schrumpfte auf weniger als die Hälfte ihrer ursprünglichen Länge. Der prüfende Professor – wie ich später erfahren sollte, ebenfalls ein Imi – konnte darauf in rheinischer Geschmeidigkeit reagieren. Die unzureichende Antwort auf seine erste Frage kommentierte er gelassen: „Wer nur eine halbe Krawatte besitzt, besteht auch mit der halben Lösung“.

Vielleicht geschah es aber auch, als ich erkannt hatte, welche Rolle das kölsche Liedgut im Alltagsleben besitzt. Egal ob an der Ladentheke oder im Restaurant: Wenn die Rechnung nicht stimmt, muss sich der Kölner weder mit dem Kassierer noch mit dem Köbes streiten. Der sanfte Einwurf: „En d’r Kayjass en d’r Schull?“ wird garantiert zu einem korrekten Ergebnis führen.

Der Kölner singt nicht über seine Stadt, er singt mit ihr und in ihr, weil er eben Köln ist. Überall sonst würde das Lied heißen „Ich bin in Kölle am Rhein zu Hause“, nur in Köln heißt es „Ich ben vun Koelle am Rhing ze Hus“. Ein kleiner aber wichtiger Unterschied, denn während das Wörtchen „in“ einzig den Ort beschreibt, so macht das „von“ den Kölner zum Teil seiner Stadt. Dadurch wird sie lebendig. In aller Welt erbt die Stadt von ihren Bürgern, wenn sich keine Nachfahren finden, nur in Köln erbt der Bürger von seiner Stadt: Gute Laune und mit nichts etwas am Hut zu haben. Damit der Worte genug, denn „Et jitt kei Wood dat sage künnt, …“