Die pedantische Packliste

Auch ein guter Kunde ist dem Verkäufer nicht immer gute Kunde. „Das ist doch nicht durchdacht, die Stirnlampe benötigt drei Batterien, kaufen muss ich die im Viererpack und dann bleibt eine übrig!“ Der Verkäufer bleibt erstaunlich gelassen und fährt einfach fort die Vorzüge des Produkts für die Anwendung im Himalaya zu beschreiben: gutes Licht, zuverlässig, geringer Stromverbrauch und auch bei niedrigen Temperaturen und mit Handschuhen leicht zu bedienen. „Aber das Gehäuse ist aus Plastik, wenn es zu nah an die Flamme des Kochers kommt, haben sie nicht etwas aus Metall, das aber genauso leicht ist?“ Der Verkäufer blickt hilfesuchend in die Runde und seine rollenden Pupillen treffen auf meine. Außer einem mitleidigen Blick kann ich ihm aber keine Hilfe schenken.

Wir stehen im größten Outdoorladen Kölns und der Kunde, ein Endvierziger vom Typ notorischer Pedant, ist offenbar gewillt Geld auszugeben. Er sammelt die komplette Ausrüstung für seine Expedition nach Nepal, von der Wandersocke bis zum Eispickel. Die Packliste in seiner Hand verrät mir: er wird sich an das Luxustrekking rund um die Annapurna wagen. Lodgeübernachtung mit Wärmflasche und Rundum-Sorglos Betreuung von Hauser inklusive, quasi Mercedes S-Klasse mit eingebauter Vorfahrt. Für einen kurzen Moment bin ich verwirrt, denn der Papierstapel in seiner Hand ist mindestens zweihundert Seiten dick, doch dann verstehe ich: drei Seiten für die eigentliche Liste und der Rest für Produktbesprechungen aus dem Internet, von seiner Sekretärin fein säuberlich gedruckt und sortiert. Der Mann besitzt mit Abstand mehr Geld als gesunden Menschenverstand.

So verwundert es mich nicht, dass alle Verkäufer vor seinem suchenden Blick hinter dem nächstgelegenen Berg aus Daunenjacken verschwinden und dort ungemein beschäftigt sind. Schlagartig wird mir klar, warum es selten großgewachsene Verkäufer gibt. Allein mein Kopf ragt hinter den Jacken hervor, und so geschieht das Unvermeidliche: „Hier ist gerade keiner! Die haben aber sowieso wenig Ahnung, können sie mir helfen?“ Es macht wenig Sinn ihm zu erklären, warum ihm nicht mehr zu helfen ist.

In seinen Händen baumeln zwei Regenjacken, eine in dezentem Blau, die andere in Baustellengelb; beide mit einem Preisschild das eher zu einem Gebrauchtwagen passt. „Soll ich die mit der dreifachen Membran nehmen oder die mit der den doppelt verdichteten Reisverschlüssen aus Titan, die eine funktioniert nicht, wenn es kalt regnet, die andere versagt in feuchter Wärme?“ Immer positiv denken, schießt mir durch den Kopf, eine Kernkompetenz des Buddhismus. Entsprechend fällt meine Antwort aus: „Ich würde die Gelbe empfehlen, dann findet Dich auch der Rettungshubschrauber.“ Hektisch blättert der angehende Extrembergsteiger durch seine Zettel und findet darin auch die Lösung: „Dafür habe ich Leuchtstäbe, eine reflektierende Kältedecke, ein Satellitentelefon und ultraleichte Nebelkerzen im Gepäck. Die Nebelkerzen waren optional, aber mein Sherpa wird zwanzig Kilo für mich tragen, da ist noch ein gutes Kilo Platz“. Dieser Typ startet auch sein Auto erst, wenn das zulässige Gesamtgewicht erreicht ist. Mögen die Berge und der Buddhismus ihm etwas Gelassenheit schenken und sein Sherpa in der Nähe sein falls ihm doch etwas zustoßen sollte.

An der Kasse treffe ich ihn dann wieder, der Gesamtschaden übersteigt noch den Preis der S-Klasse Reise mit Hauser, aber er verhandelt um jeden Pfennig Rabatt. „Und sie führen wirklich keine Batterien im Dreierpack? Das müssten sie doch anbieten, wenn ihre Lampen drei Batterien brauchen?“ Linda, die Kassiererin kann nicht fliehen, stopft die ganze Ausrüstung schleunigst in gigantische orange Plastiktüten und ignoriert die Frage. „Haben sie noch ein paar Stifte für mich? Sie wissen schon, als Geschenk für die Kinder am Weg, Süßigkeiten sind ja schlecht für die Zähne und wie sagt man so schön: wer schreibt, der bleibt“. Mit einem gequälten Lächeln und letzter Anstrengung schiebt Linda noch eine Handvoll Kugelschreiber in eine der Tüten. „Funktionieren die auch in großer Höhe? Ich gehe doch zum Bergsteigen in das Himalaya.“ Linda ist zu keiner Antwort mehr fähig.

Beladen mit seiner reichen Beute und verfolgt von erleichterten Blicken der Verkäufer marschiert unser Freund in Richtung Ausgang. Dabei stößt er mit Chandra zusammen, einem Verkäufer der in der Tat aus Nepal stammt und der die warnenden Handzeichen seiner Kollegen offensichtlich als Hilferuf gedeutet hat. „Herr Sherpa, gut dass ich sie treffe!“ Immerhin, die erste Begegnung mit einem Nepali führt auch gleich zur ersten positiven Aussage, das scheint auf einem guten Weg. Ob die Freude gegenseitig ist bleibt offen, denn Chandra versteckt seine Emotionen hinter dem asiatischen Pokerface, einem breiten Lächeln und sagt nur „Thik chha“. Das heißt „alles in Ordnung“ und bedeutet es auch, wenn es denn nicht genau das Gegenteil meint.

Der Einkauf fällt zu Boden und unser Pedant breitet seine Beute vor dem immer noch lächelnden Chandra aus. Eispickel, Signalraketen, GPS-Gerät, Schlafsack, Trillerpfeife und die ganze restliche Packliste inkarnieren aus den Tüten. Dann schaut er erwartungsvoll zu Chandra: „Meine Frage an sie als den Experten: Habe ich alles, was nötig ist?“
„Schön, dass sie mein Land besuchen wollen, und danke, dass sie mich um Rat bitten. Aus meiner Sicht: Das sind alles schöne Dinge die sie gekauft haben. Sehr schöne Dinge. Aber wirklich nötig ist nichts davon, … eine Sonnencreme würde ich allerdings empfehlen“

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Seppolog Auszeichnung und Keramikphilosophen

Dieser Beitrag ist der Beantwortung der 28 essentiellen Fragen gewidmet die sich mir seit der Nominierung für den Seppolog-Auszeichnung stellen. Warum ich mitmache? Weil es die Gelegenheit ist meine Sammlung an Toilettengraffiti zu publizieren, dem letzten Ort an dem noch analog philosophiert wird.

Was haben Seppo und Du gemeinsam?

„Wo zwei einer Meinung sind, kann mindestens einer von beiden kein Philosoph sein.

Wieso hättest Du die SBA nicht verdient?

„Stell alles in Frage!“ Darunter die Antwort: „Warum?“

Eine Woche lang keine (soziale) Technik: kein Handy, kein Facebook, kein Blog – nichts. Was würde das mit Dir machen?

„Denken ist wie googeln,… nur noch viel krasser“

Was inspiriert Dich für Deine Themen?

„Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“

Wer hat Dir das Hirn so manipuliert, dass Du bei so einem Wettbewerb teilnimmst?

„Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.“ (F Beckenbauer)

Wer sollte Deinen Blog besser nicht lesen?

„Was wohl Katzen hören, wenn Caruso singt?“ 

Auf einer Skala von eins bis zehn: Was isst Du am liebsten?

„Auf diese Frage kennt keine Kachel der Welt eine Antwort“

Welchen Titel hatte Dein erster Blog-Eintrag, welchen wird Dein letzter haben?

Der Erste:

„Bitte keine brennenden Zigaretten ins Becken werfen, denken Sie an den großen Brand von San Francisco.“

 Darunter der letzte:

„Bitte nicht auf den Boden spucken, denken Sie an die große Flutkatastrophe von Hamburg.“

 Was frühstückst Du?

„Wenn ich morgens aufstehe,
hole ich erst die Zeitung und studiere
die Todesanzeigen.
Wenn ich mich darin nicht finde,
mache ich Frühstück!“

Katze oder Hund?

„Bernhardiner ist das letzte, was ich sein möchte. Dauernd die Flasche am Hals, und niemals trinken dürfen!“

Hast Du sonst niemanden, dem Du das alles erzählen könntest?

„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen damit sie aufwachen“

Wer liest Dich überhaupt?

„Wenn ein Autor behauptet, sein Leserkreis habe sich verdoppelt, liegt der Verdacht nahe, dass der Mann geheiratet hat.“

Was müsste geschehen, dass Du mit dem Bloggen aufhörst?

„Wenn der Himmel einstürzt, sind alle Spatzen tot“ 

Welche Eigenschaft an einem Menschen schätzt Du am meisten?

„Freundschaft ist, wenn dich einer für Deinen Schwimmstil lobt, nachdem du beim Segeln gekentert bist.“

Was ist Deine beste Eigenschaft?

„Mit dem Wissen von heute,
hätte ich gestern andere Fehler gemacht.“

Was ist Dein größter Fehler?

„Ich bin nicht feige; ich bin nur stärker als der Held in mir.“

Wie, denkst Du, sehen Dich die anderen Menschen?

„Freunde sind Menschen, die dich mögen obwohl sie dich kennen“

Was würdest Du niemals in einem Blog posten?

„Haikus sind einfach

Manchmal ohne Sinn

Kühlschranktür“

 

Glaubst Du neben Seppos Blog noch an andere Wunder?

“Fighting for peace, is like fucking for virginity.”

 

Wenn Du einen Gegenstand in eine Zeitkapsel tun könntest, welche erst in 100 Jahren geöffnet werden würde, welcher Gegenstand wäre das?

„Zukunftssorgen sind Mäuse, die heute den Käse von morgen fressen.“

 

Was bedeutet Schreiben für Dich, was macht es mit Dir?

„Wenn dir etwas gefällt, analysiere es nicht, sondern tanze dazu“.

 

Wie kriegst Du Seppo ins Bett?

„Was nützt das Parfüm von Boss wenn du doch so aussiehst wie Hugo.“

 

Was macht Mannsein für dich aus, was Frausein?

„Männer, die behaupten, sie seien die Herren im Haus, lügen auch bei anderen Gelegenheiten.“

 

Was bedeutet das Konzept der ewigen Liebe für Dich? Ist es möglich? Wünschenswert?

„Wer braucht schon Liebe wenn man Dinge mit Käse überbacken kann“

Warum sind 28 Fragen zu viel?

„In Wahrheit wird viel mehr gelogen“

Blogger seien Selbstdarsteller, heißt es oft. Warum stimmt das – und ist das schlimm?

„Der Baum hat Äste, das ist das Beste, denn wär‘ er kahl, dann wär’s ein Pfahl.“

Warum machst Du bei dieser Nummer mit?

„Dem Leben ist ein Ponyhof“

Wie löst Du zwischenmenschliche Konflikte? Offensiv, defensiv oder gar nicht?

„Wer A sagt der muss auch einen Kreis drum machen“

 

Quellennachweis: (Herren)-Toiletten in den Kneipen dieses Landes

„Jetzt ist der Löhr auch weg“

Alles was geschrieben werden kann, ist bereits geschrieben. Nur eben nicht von jedem. Das gilt natürlich auch für die Freuden und Leiden der Anhänger des 1.FC Köln, nur meine Zeugnisse fehlen bislang. Wahrscheinlich ist das Thema einfach zu groß um es in eine kleine Geschichte zu packen.

Fangen wir mit den Fakten an: Was unterscheidet den FC von anderen Vereinen? Keine Mannschaft konnte häufiger einen Meistertitel der Bundesliga feiern als die Kölner. Dabei ist der kleine Unterschied zwischen „feiern“ und „gewinnen“ natürlich bedeutsam. Nur hier in Köln genügen zwei gewonnene Spiele und wir sind quasi Meister. Das kleine Wörtchen „quasi“ schafft diese besondere Verbindung zwischen Raum, Zeit und Realität, die im Rheinland zuhause ist. Die Meisterfeier nach dem zweiten Spieltag der Saison wird somit unvermeidlich. Das ist auch gut so, denn dieses Fest kann uns niemand mehr nehmen.

Die nächste Besonderheit sind die Spieler des FC. Icke Häßler, Lukas Podolski, Bodo Illgner, Toni Woodcock, Wolfgang Overath, Cullmann, Flohe, Allofs und Hannes Löhr,… die Liste könnte endlose fortgesetzt werden: jeder Spieler der die Geißböcke auf der Suche nach vermeintlich höheren Weihen verlies, ist entweder reumütig zurückgekehrt oder gleich auf das Altenteil gezogen. Gehalt hin und internationale Auftritte her, wer bereits ganz oben ist, kann danach nur noch absteigen.

Fußball spielen? Ja, auch das kommt vor beim FC; manchmal! In seltenen Fällen auch schöner Fußball, aber wenn ich ehrlich bin: Davon wird keiner zum Fan. Eher schon durch die halbe Stunde im Stadion bevor das Spiel beginnt. Noch selten wurde ein Gegner bereits vor dem Anpfiff geschlagen, aber die Stimmung im Kölner Stadion vor dem Spiel ist einfach unschlagbar. Singen können wir besser als alle anderen. Das bringt ungefähr so viel, wie der Titel „bester Schwergewichtsboxer im Yogakurs“, nämlich gar nichts. Aber es macht Spaß.

Schließlich ist es wie immer im Fußball: Für das Leben zählt eben nicht was auf dem Platz geschieht, sondern die Weisheit die sich im Umfeld entfaltet. Glück, Stabilität und Zufriedenheit verströmt er dieser Verein und die Stadt ist voller Philosophen die das verstehen.

So wie der unbekannte Platznachbar im Stadion mich jüngst mit den Worten begrüßte: „Jetzt ist der Löhr auch weg!“ Eine komplette Trauerrede in sechs Worten und einem Ausrufezeichen, gefüllt mit Liebe für das Leben und Respekt vor seinem Ende. Mehr Philosophie geht nicht. Oder der Chef vom Büdchen um die Ecke, den ich gerne frage wie es ihm denn geht. Seine Antwort ist ebenso beständig wie politisch unkorrekt: „Hauptsache die Frau hat Arbeit und der FC steigt nicht ab“.

Der FC ist also kein Verein, sondern eine Philosophie. Nur eines steht darin fest: Die nächste Meisterschaft für den FC kommt bestimmt, oder doch vielleicht. Auf jeden Fall aber werden wir einen Grund finden um sie zu feiern. Quasi!

Reisen in Indien: Bus oder Bahn Teil 1

Die Gretchenfrage des Indienreisendes: Wer das Land in all seiner Lautstärke erleben möchte, der muss sowohl das Flugzeug als auch das klimatisierte Auto mitsamt Fahrer verlassen und auf Bus oder Bahn umsteigen. Was denn nun? Bus oder Bahn? Die Antwort ist schnell gefunden: beides! Jedes dieser Fortbewegungsmittel ist einzigartig und bietet ungeahnte Möglichkeiten das Leben einzutauchen.

 
Fangen wir mit den Bussen an, die zwei wesentliche Vorteile ihr Eigen nennen: Sie fahren fast überall und es ist vergleichsweise einfach an einen Fahrschein zu gelangen, zumindest für denjenigen, der bereit ist, einen höheren Touristenpreis dafür zu zahlen.  Wer auf dem Normalpreis besteht, kennt am besten einen vertrauenswürdigen Inder oder besitzt die Zeit und das Geschick zu langen Verhandlungen. Wenn allerdings der letzte Bus des Tages laut hupend auf die Abfahrt drängt und aus allen seinen Öffnungen Köpfe und Gepäck ragen, dann ist die Verhandlungsposition schwierig. Also geben wir auf und bezahlen das Doppelte des Üblichen. Es ist immer noch deutlich günstiger als eine Fahrt mit der S-Bahn von Köln nach Düsseldorf und mit dem Fahrscheinautomaten in Deutschland feilsche ich auch nicht um einen Euro.

 
Dem Kauf der Fahrkarte folgt das Einsteigen in den Bus und schlagartig wird mir klar, warum die Inder das Yoga erfinden mussten, sie wollten einfach auf ihren Platz im Bus! Wer nicht stabil auf einem Bein stehen kann, während er kräftig an der Schulter gezogen wird und dabei mindestens ein Bein über den Kopf hinaus zu strecken, wird keinen Sitzplatz ergattern. Wir stehen allerdings noch vor einem zusätzlichen Problem: Im Bus sind keine Plätze frei. Der Schaffner weist uns – wohl ob des von uns bezahlten höheren Preises – zwei Liegeplätze direkt hinter dem Busfahrer zu. Sie befinden sich ungefähr da, wo normalerweise das Gepäcknetz angebracht ist. Die beiden Inder die dort lagen, weichen auf die erste Sitzreihe aus, was wiederum die dort sitzende Familie auf die zweite Reihe verdrängt. Nach irgendeiner unverständlichen Regel verläuft diese Reise nach Jerusalem durch den Bus, mit dem unerklärlichen Ergebnis, das am Ende wieder alle einen Platz besitzen.

 
Währenddessen sind wir bereits losgefahren und bewegen uns auf einer einspurigen Straße Richtung Süden durch die Wüste, außer einem gelegentlichen Kamel ist nur Sand in Sicht. Die Straße ist allerdings durchaus befahren. Sobald ein entgegenkommendes Fahrzeug sichtbar ist, beginnt für unseren Busfahrer der interessante Teil der Arbeit. Zunächst gilt es, auf sich und seinen Bus aufmerksam zu machen. Er legt eine Hand auf die Mitte des Lenkrades und drückt auf die Hupe. Die andere Hand wandert zum Lichthebel neben dem Lenkrad und reißt diesen so schnell er kann vor und zurück.  Die hektische Lichthupe zusammen mit dem Dauerhorn zwingt das entgegenkommende Fahrzeug an den äußersten linken Rand der Asphaltpiste. Da der andere Fahrer genau den gleichen Zauber veranstaltet, bewegen wir uns auch zur linken Fahrbahnkante. Allerdings wird die Fahrbahn dadurch auch nicht geräumiger, so dass die beiden Piloten sich weiterhin auf Kollisionskurs bewegen.

 
Aber es muss einen Plan geben, um den frontalen Crash zu verhindern, denn der Schaffner klappt noch geschwind den Außenspiegel ein. Genau in dem Moment in dem der Zusammenstoß unvermeidlich ist, lassen beide Fahrer die Hupen los, greifen entschlossen wieder das Lenkrad und verlassen in einem kleinen Bogen nach links die Fahrbahn. Der Bus beginnt umzufallen, aufgrund der hohen Geschwindigkeit bleibt ihm dafür aber nicht genügend Zeit. Bevor er sich entschließen kann, finden wir uns auf der Fahrbahn wieder und setzen die Fahrt fort als sei nichts geschehen. So wird einer nach dem anderen der Gegenverkehr umfahren, unter Einsatz aller Steuerungsmittel die dem Fahrer zur Verfügung stehen, mit Ausnahme der Bremse.

 
Nach einigen Stunden habe ich mich an das Schauspiel gewöhnt, zumal mich allmählich ein anderes Problem plagt. Wer in der Wüste leben will, muss viel trinken, an diese Regel habe ich mich gehalten, sehr zu meinem Leidwesen. Gibt es Yogaübungen um die Blase zu erweitern? Irgendeinen Trick müssen die Inder jedenfalls besitzen, denn wir fahren schon seit vier Stunden ungebremst durch die Landschaft. Der Leidensdrang wird zu groß und ich beginne, mich aus dem überdimensionalen Gepäcknetz zu schälen und nach unten zu klettern. Entweder erkennt der Fahrer meine Not im Rückspiegel, oder es ist Zufall: kaum habe ich den Boden berührt bringt er zum ersten Mal die Bremse zum Einsatz und hält an. Ich bin doppelt erleichtert: Weil ich nicht in den Bus pinkeln muss und weil ich jetzt weiß, dass die Bremse funktioniert.

 
Nun springen alle auf und jeder drängelt – mehr oder weniger yogisch – zum Ausgang Mir wird bewusst, dass hier in Indien Drängeln und Rücksicht keineswegs einen Widerspruch darstellen. Gleichzeitig bin ich beruhigt, auch Inder besitzen eine endlich große Blase. Mein vorzeitiges Aufstehen verschafft mir einen veritablen Vorsprung und ich bin als einer der ersten vor dem Bus. Draußen trifft mich die Hitze und… sonst nichts. Weit und breit ist nur Wüste, wer dem Ruf der Natur folgen will muss dafür in die Natur gehen. Es gibt nur eine Regel, Frauen links und Männer rechts. Da wo ich stand werden jedenfalls in den nächsten zweieinhalb Jahren keine wüstentypischen Verhältnisse mehr herrschen.

 

Fünf Stunden später ist die Fahrt beendet als auf wundersame Weise der Bus und unser Gastgeber am Zielort zusammentreffen. Freudig verlassen wir den Bus, froh über das Erlebnis einer Busfahrt in Indien und froh, dass sie glücklich vorüber ist.

Wie Amerika wieder groß wird: Donald Trump?

Der Wahlkampf von Donald Trump lebt von der schweigenden Mehrheit. Damit genau das nicht funktioniert, werde auch ich mich vom Schweigen trennen und ausnahmsweise in diesem Blog politisch. Warum stammen nahezu alle amerikanischen Präsidenten aus den Familien Kennedy, Bush oder Clinton? Selbstverständlich gibt es auf diese Frage keine vernünftige Antwort. Aber es existiert eine logische Konsequenz und die lautet: Das sollte mal einer ändern, oder es zumindest versuchen. Aber warum in aller Welt ausgerechnet Donald Trump?
Ich verstehe ja, dass eine Bewerbung ein gewisses Eigenkapital erfordert, aber dennoch sollte es unter vierhundert Millionen Amerikanern doch eine andere Wahl geben? Gut, die Randbedingung in den USA geboren zu sein reduziert das Potential. Aber selbst wenn wir Arnold Schwarzenegger und die Immigranten der ersten Generation abziehen, bleiben noch eine Menge Amerikaner übrig. Da aber entgegen aller Wahrscheinlichkeit ein Herr Trump kandidiert und dabei auch noch entgegen aller Logik in den Vorwahlen echte Wählerstimmen erhält, komme auch ich nicht daran vorbei. Ich muss ihn betrachten, oder genauer gesagt die Website seiner Kampagne, auf den Anblick der Person kann ich gut verzichten und dabei bin ich bei Frisuren keineswegs empfindlich.
Nachdem ich bestätige, kein Roboter zu sein, darf ich auch schon rein, in die wundersame Welt des Kandidaten. Im Wesentlichen besteht der Auftritt aus drei Anliegen: Unterstützer zu werben, Spenden zu sammeln und Werbeartikel verkaufen. Alles drei ist bei mir vergebliche Liebesmühe.
Eine einzelner Link auf der Website ist aber auch dem politischen Inhalt, der Mission des Kandidaten, gewidmet und breitet seine Positionen aus. Sonderlich breit ist das Spektrum allerdings nicht, dafür geht es aber auch nicht tief. Ganze fünf Kernaussagen in kleine Kisten verpackt genügen, um die Zukunft der USA so rosarot zu färben, wie sie zuletzt Janis Joplin 1969 auf einer Wiese in Woodstock erschien. Früher in der Schule nannten wir so etwas den „Mut zur Lücke“; das kann funktionieren, muss es aber nicht.
Die größte der Kisten beschäftigt sich mit dem zweiten Anhang zur Verfassung, dem „Grundrecht“ Waffen zu tragen. Ein strategisch durchaus sinnvoller Plan, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Liebe zur Waffe in den USA eine ganz eigene ist. Für uns so unbegreiflich wie dem Japaner die deutsche Vorliebe für Schweinshaxe mit Sauerkraut. Allerdings – bei allem Respekt vor den gesundheitsschädigenden Folgen von Schweinefleisch – eine Liebe, die deutlich gefährlicher ist.
Selbst die Amerikaner, die heute noch gefühlt zwischen Lederstrumpf und rauchenden Colts gen Westen ziehen, finden hier noch die ein oder andere Überraschung. Der Staat möge doch Führerscheine regulieren, aber nicht das verdeckte Tragen von Waffen zum Beispiel.
Die nächste Überraschung erlebe ich in der Kiste zu Gesundheitsreform. Herr Trump schlägt etwas vor, was sich nur als Obama-Care auf Drogen bezeichnen lässt. Kostenlose Krankenversicherung für alle, mit freier Arztwahl und das nicht nur für körperliche, sondern auch für seelische Gebrechen … einziger Schönheitsfehler: Das Ganze soll nur für Kriegsveteranen gelten.
Danach ist dann aber auch Schluss mit Überraschungen, die drei letzten Kisten sind vorhersagbar: Donalds Verhandlungsstärke wird die Chinesen in die Schranken weisen und ihre Fabriken mitsamt Arbeitsplätzen wieder in die Staaten führen. Die Steuerklärungen werden demnächst auf einen Bierdeckel passen, wobei natürlich ein jeder weniger bezahlen muss. Schließlich wird das perfekte Amerika durch eine undurchlässige Mauer entlang der Grenze zu Mexiko abgerundet.
Diese Mauer sollen die Mexikaner übrigens selbst bezahlen, ein Gedanke, der gar nicht so abwegig ist, aus Eigenschutz. Sobald die wohlversorgten Veteranen mit halbautomatischen Waffen in Horden durch Texas ziehen, wird die Mauer für Mexiko quasi unvermeidlich.
Der Teil in dem alle weniger Steuern bezahlen am Ende aber mehr Einnahmen entstehen ist etwas nebulös. Der angegliederte Onlineshop liefert aber einen Hinweis, wie es funktionieren könnte. Dort ist einer der meistverkauften Artikel das „Team Trump“-Paket, eine bunte Sammlung von Ansteckern, T-Shirts und Mützen die es erlauben für Trump zu trompeten. Für zwei Personen kostet der Spaß achtzig Dollar, für sechs Personen dreihundertfünfunddreißig, mehr als viermal so viel. So rechnet ein echter Geschäftsmann.
Also bleibt am Ende nur zu hoffen, dass die Legende doch stimmt, nach der die USA das demokratischste Land der Erde ist. So demokratisch, das selbst ein Donald Trump kandidieren kann. Aber eben auch nur das.
(Dieser Artikel darf von allen Parteien in den USA unentgeltlich zu Wahlkampfzwecken verwendet werden)

Aschermittwoch

Spätestens der Aschermittwoch spült die melancholischen Gedanken in das kölsche Gemüt, umso mehr je weiter das von Köln entfernt ist. Zeigen kann der Kölner das natürlich niemandem, aber es treibt ihn um, tief im Herzen. Sofern er das nicht in den tollen Tagen verschenkt hat, und vergessen es wieder einzusammeln. Der nächste Karneval ist weiter entfernt denn je, der Blick nach vorne verheddert sich in der grauen Fastenzeit und das Jetzt leidet unter Restschminke. So bleibt nur der Blick zurück in die gute alte Zeit, denn dort in seinen Erinnerungen findet er die Rettung. Keiner überlebt in dieser Stadt, ohne eine Sammlung ganz eigener Erinnerungen an den Karneval, eine Kiste voller Erlebnisse, die sich – wie die Kiste mit den Kostümen- von Jahr zu Jahr weiter füllt.

So ergeht es natürlich auch mir, dem Imi. Niemand hegt auch nur den Funken eines Zweifels daran, dass der Zugereiste mit Herz und Seele Karneval feiert. Allerdings geht es dem Karnevalisten wie dem Skifahrer: Nur wer es mit der Muttermilch lernt, wird die perfekte Geschmeidigkeit erreichen. Bei allen jedoch sammelt sich über die Jahre ein persönlicher Vorrat an Karnevalserinnerungen, Wundermittel im Kampf gegen den Aschermittwochsblues:

Mein erster Karneval in Köln. Die Studentenbude bietet den sicheren Hafen für den Karnevalsbesuch aus der provinziellen Heimat. Also lautet des Gastgebers erste Pflicht: Nahrung sicherstellen; fest und flüssig. Und das spätestens an Weiberfastnacht, denn danach werden die Geschäfte geschlossen, zumindest zu den Tageszeiten, an denen sich ein Student im Laden sehen lassen kann. An der kombinierten Fleisch-Käsetheke des Supermarkts beginne ich zu verstehen warum es Weiberfastnacht heißt: ich bin von Frauen umgeben. Vor mir die Verkäuferin – mutig als Huhn verkleidet – hinter mir ein Papagei und ein Lappenclown, die gemeinsam über mehr als hundert Jahre Lebens- und Karnevalserfahrung verfügen.

Käse verlange ich zunächst, und zwar Gouda, ein großes Stück. Andere Käsesorten sind mir in dieser Lebensphase noch fremd, außer Schmierkäse in Dreiecksform und Babybel, aber der darf sich nicht Käse nennen. „Darf es ein Stück von dem alten Gouda sein?“ Wenn es nach der Stimme geht, so hätte sich die Verkäuferin als Hahn verkleiden sollen, ihre Frage ist auch noch im letzten Winkel des Supermarktes zu verstehen. Natürlich lehne ich ihr Ansinnen ab, der Käse muss über das lange Wochenende halten, da kann ich keinen gebrauchen, der jetzt schon alt ist. Papagei und Lappenclown hinter mir amüsieren sich köstlich.

Wenn ich meine Kompetenz in Sachen Käse noch als passabel bezeichnen würde, so musste ich im nächsten Schritt auf wirklich dünnes Eis: Ich will Rindersuppe kochen. Dafür benötige ich Fleisch, besitze jedoch keine Ahnung welches und wieviel. Ich bin nur froh, dass ich mich gegen Hühnersuppe entschieden hatte. In solcher Not hilft nur die Flucht nach vorne unter die hoffentlich warmen Flügel des Metzgereihuhns, dem ich mein Begehren und meine Unwissenheit beichte.

„Da nehmen sie ein Stück hohe Rippe und einen schönen Markknochen und dann passt das“,

so lautet ihre Diagnose und sie beginnt, die entsprechenden Teile abzuwiegen. Ein Fehler, der nicht ungestraft bleiben wird, denn sie ignoriert eine Grundregel der rheinischen Demokratie die da lautet: »Jeder der denkt, er müsste etwas sagen, wird gehört«. Die beiden Damen hinter mir mögen in ihrem Leben zehntausende von Suppen gekocht haben und werden nicht befragt? Es wäre nicht Köln wenn sie ihr Wissen nicht auch ungefragt preisgeben würden. Ohne seine Enttäuschung zu verhehlen, beginnt der Papagei:

„Also du närrisches Huhn, das ist doch Quatsch, Leiterstück braucht der Junge, damit es eine richtige Suppe gibt“.

Einsatz Lappenclown: „Das wird nichts, der ist Anfänger. Beinscheiben muss er nehmen und einen Ochsenschwanz“.

Das Huhn wagt zu widersprechen, immerhin sei es gelerntes Fleischereifachverkaushuhn!

Dieses Argument bringt die beiden Damen keineswegs zur Ruhe. Im Gegenteil, der Papagei wirkt mit den Händen an den Hüften und hochrotem Kopf wie eine mittelalterliche Marktschreierin und der Lappenclown geht dazu über, seine Argumente mit dem Trommelstock zu untermauern.

Im Auge dieses Sturms entsteht ein kleiner Moment der Ruhe, den ich schleunigst ausnutze und einfach von allem etwas ordere, Leiterstück, Beinscheibe, Markknochen, Ochsenschwanz und hohe Rippe landen in meiner Tüte. Die Suppe war nicht günstig, aber hervorragend. Wer sagt denn, dass ein Kompromiss immer auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner enden muss.

Kulturexport

Mein Schreiben soll nicht die Welt verändern! Zumeist ist das eigene Vergnügen daran genügender Antrieb. Heute jedoch kann ich nicht anders, als einen Aufruf zu starten, der hoffentlich weltweite Wirkung zeitigt, trotzdem es – wie immer – um eine kleine Geschichte von kleinen Dingen geht.

Welche kulturelle Leistung der Deutschen wird im Ausland sträflich vernachlässigt? Nein, ich rede nicht vom Oktoberfest, das wird in nahezu jedem Land der Erde häufiger gefeiert als in München. Auch die großen Dichter und Denker sind außerhalb unserer Heimat oft präsenter. Viele Deutsche müssen sich auf dem Theaterplatz in Weimar von einem japanischen Touristen erklären lassen, dass es sich bei den beiden Männern des Denkmals nicht um die Gebrüder Grimm handelt. Auch deutsche Ingenieurskunst ist weltweit bekannt und selbst dunkles Körnerbrot duftet im Siegeszug rund um den Globus. Allein einer Errungenschaft unserer Kultur bleibt die globale Anerkennung bisher verwehrt: dem Eierbecher.

Mancher mag seine besondere Bedeutung noch gar nicht erkannt haben, aber wir wissen Wichtiges ja erst dann zu schätzen, wenn es nicht mehr vorhanden ist: Licht, Freunde, Toilettenpapier. So ergeht es auch dem Eierbecher. Wer ihn nie vermisst hat, der ist noch nicht verreist. In Österreich ist er zuweilen noch zu finden, aber spätestens, wenn in der Schweiz die deutsche Sprache verschwindet, verabschiedet sich auch der Becher; gruß- und ersatzlos. Und auf jeder Reise, in jedem Land falle ich wieder darauf herein. Die Frühstückseier wandern in das kochende Wasser und genau fünf Minuten später bricht Panik aus.

Die Ferienwohnung oder Hostelküche ist mit jeden nur erdenklichen Komfort versehen, allein es fehlen die Eierbecher. Startschuss für die hektische Suche nach einem Ersatz. In Spanien finde ich dann meist ein etwas zu klein geratenes Weinglas und in Italien muss eine Espressotasse herhalten. Die Rettung in Frankreich erschien mir schon in Gestalt eines Schneckentellers, zum Glück sind dort ja auch Wachteleier weit verbreitet. Da in den USA bekanntlich alles größer ist, greife ich zur Muffinform.

Ansonsten ist guter Rat teuer, oft bleibt nur der Griff zur bereits erwähnten deutschen Ingenieurskunst. Aus Hotelservietten lässt sich mit etwas Geschick ein recht stabiles Papierschiffchen falten. Und das Ganze, während ich das abgeschreckte Ei auf einem Löffel balanziere. Eine wacklige Geschichte und ein mehr als dürftiger Ersatz. Obendrein wird die Freude am weichen Ei mit ziemlicher Sicherheit von reichlich Kleckerei begleitet werden.

Warum das Verbreitungsgebiet der Becher so begrenzt ist, habe ich nie verstanden. Aber zum Glück existieren inzwischen die sozialen Netzwerke und präsentieren uns die offensichtliche Lösung. Kein Vermieter und kein Hotelier auf dieser Welt, der ohne hervorragende Bewertungen auf diesen Netzwerken noch mit Gästen rechnen kann.

Wenn wir gemeinsam arbeiten und jeden fehlenden Becher konsequent mit Punktabzug bei booking.com und Tripadvisor abstrafen, dann wird sich die Welt unseren Wünschen nicht lange entziehen können. Zunächst werden Quartiere ohne Eierbecher aus dem Internet verschwinden und wenig später aus unserem Leben, denn dem Hotelier ohne Eierbecher stehen nur zwei Wege offen. Der Weg in die Insolvenz oder der in die Haushaltswarenabteilung. Falls es aber auch dort keine Becher zu kaufen gibt? Dafür wurde der Versandhandel erfunden und die Internetseite http://www.eierbecher.de ist noch verfügbar.

Eifelkloster

Nur übernachten möchte ich in diesem Kloster, bestenfalls noch Frühstücken, falls ich denn früh aufwachen sollte. Keinesfalls jedoch hier zu Abend essen. Direkt nebenan ruft ein Eifeler Landgasthaus mit bester Küche, mein Sinnen steht nach Wildbraten und Rotweinsoße. Das ist aber der Versuch die Rechnung ohne den Wirt zu machen, genauer gesagt ohne Schwester Maria Antonie. Seit fünfzig Jahren begleitet sie die Klostergäste zu ihren Zimmern. Und offensichtlich freut sie sich auch heute über jeden Gast genauso wie in der Zeit, als ich noch nicht einmal in den Träumen meiner Eltern existierte.
Anstatt direkt zur Klosterzelle, führt sie mich in die hinterste Ecke der Klostergebäude, eine enge Steige hinauf und durch eine Tür mit dem Schild „Nur im Brandfall öffnen“. Der Grund: Die Sonne geht unter und von der freischwebenden Feuertreppe lässt sich das Schauspiel in Pastelltönen am besten erspähen. Das Wackeln der Treppe gleicht den wackligen Gang der alten Nonne perfekt aus, nur ich komme beinahe ins Straucheln. Glücklicherweise verlaufen die Sonnenuntergänge in der herbstlichen Eifel recht zügig, denn selbst, solange die Sonne scheint, bleiben die Temperaturen hier einstellig. Ich bin zwar angemessen bekleidet, aber nur für das Beziehen eines Zimmers, nicht für Exkursionen.
Wie das jetzt mit dem Wildbraten zusammenhängt? Schwester Maria Antonia leitet mich auf dem Rückweg am Refektorium vorbei, und vergisst dabei nicht auf das leckere Klosteressen hinzuweisen. Einmal durchgefroren schwindet in mir jegliche Motivation das heimelige Kloster heute noch zu verlassen und ich entscheide für den heimischen Herd. Allerdings missachte ich den dringlichsten Ratschlag meiner Begrüßungsnonne. Eindrücklich hatte sie darauf hingewiesen am Anfang der Essenszeiten aufzutauchen, denn, so ihre Worte, „das Warme ist früh am Leckersten“.

 

Sicher ein weiser Rat, doch was nützt das beste Abendessen, wenn es nicht Abend ist. Also erscheine ich als einer der Letzten im Saal, hohe Stapel benutzter Teller auf dem Geschirrwagen zeigen an, dass hier die sprichwörtliche Ruhe nach dem Sturm herrscht. Und ein solcher ist offensichtlich durch den Speisesaal gezogen. Bestand die achte Plage im alten Ägypten aus Heuschrecken oder Firmungskindern?
Ein wenig nervös, weil ich den eindringlichen Rat der Nonne ignoriere, bewege ich mich in Richtung Büffet. Aber ein Blick auf das Essen zeigt mir an, dass ich heute ungestraft davonkomme; der Junge in mir wird satt und glücklich das Refektorium verlassen. Die Tische biegen sich unter Essensbergen und die warmen Speisen bestehen aus heißen Würstchen, lauwarmen Kartoffelsalat mit Speck und selbst gebratenen Frikadellen. Nichts was durch ein Stündchen warmhalten an Geschmack verliert. Daneben Blutwurst, Schinken und Sülze im schweigenden Wetteifer um den höchsten Stapel. Erkenntnis des Tages: Fleisch ist keinesfalls krebserregend, sonst wäre die Eifel längst entvölkert.
Hinter dem Tresen treffe ich wieder auf Schwester Maria Antonia, welche großzügig die Teller der Gäste auffüllt.  Der Mann vor mir fragt höflich an, ob die Frikadellen denn aus Fleisch bestünden. „Selbstverständlich!“, antwortet die Nonne. „Und auch selbstgemacht, nicht gekauft?“ Diesmal zögert sie eine kleine Sekunde, bevor sie die gleiche Antwort wiederholt: „Selbstverständlich!“. Der Herr zieht mit zufriedenem Ausdruck und beladenem Tablett weiter und ich rücke nach. Schwester Maria Antonia schaut ihm für einen Moment ungläubig hinterher, wobei ich mir unsicher bin, ob eine Ordensfrau ungläubig schauen kann. Dann sammelt sie sich wieder und richtet ihr nachdenkliches Lächeln zu mir. Kaum merklich schüttelt sie den Kopf als sie mich fragt:

„Gibt es Fleischklöpse inzwischen im Supermarkt?“
„Ich denke schon“, antworte ich, „aber ich glaube die kauft keiner“.

Alpines in Nippes – Teil drei der Nippestrilogie

Ein Event inmitten der Großstadt und das Kölsch kostet einen Euro,… gibt es nicht? Doch bei den Alpinvorträgen des Kölner Alpenvereins. Und das nicht nur als Lockangebot, um dann mit dem Essen abzusahnen, denn auch die belegten Brötchen kosten nicht mehr. Hier ist er, der letzte Hort des Mettbrötchens, frische Zwiebeln kleben wie Gipfelkreuze auf dem Metthügel, welcher seinerseits so unbezwingbar wie die Nordwand des Eigers aus der Brötchenhälfte ragt.
Der Saal ist prall gefüllt mit Menschen, die selbst nach dem Verzehr von zweien dieser Eigermettwände noch vor Energie und Fernweh strotzen. Die Frauen tragen kein Make-up, dafür aber Haare unter den Achseln und Blick auf die Männer verleiht mir zum ersten Mal im Leben das Gefühl, modisch ganz vorne zu stehen. Wer hierher kommt, will sehen, und nicht gesehen werden.
Und reden natürlich, reden von vergangenen und bevorstehenden Exkursionen, Kletterwänden, Besteigungen und sonstigen waghalsigen Tätigkeiten. Deutsch dominiert die Gespräche, oder das was man dort wo die Besucher herkommen dafür hält. Der eine sächselt, die andere schwäbelt. Bayrisches Gebrummel trifft auf Berliner Schnauze. Alle, deren Lebensweg in die Berge durch Köln führt, sind hier versammelt. Auch kölsche Töne sind gelegentlich zu vernehmen, aber der süddeutsche Einschlag überwiegt. Auf jeden Fall lauter Menschen deren Heimat nicht unbedingt an ihrem Wohnort liegt und die wissen wie sie mich aus einer Gletscherspalte bergen könnten. Eine sehr beruhigende Erkenntnis, auch wenn Gletscherspalten in Köln bestenfalls in Druckform auftreten.

Der Referent stammt aus Österreich, ein typisches Exemplar, dem das Schneckensammeln nie gelingen wollte, weil die immer so schnell wegrennen. Auch er ist von den Bergen „desinfektsziert“, insbesondere den Bergen des Himalayas. Nachdem die pfeifende Rückkopplung aus dem Lautsprecher alle Aufmerksamkeit auf ihn gezogen hat, beginnt er mit seinem Vortrag. Das erste Bild zeigt eine Räucherschüssel: „Wann I den Geruch aus dem Inzenstopf in dera Nasen hab, da weisst, dass wieder dahoam bist in die schönsten Berg“. Die meisten seiner Zuhörer wissen genau, wovon er redet und lauschen gespannt.
Doch bereits das zweite Bild ruft großes Tuscheln im Publikum hervor. Es zeigt den Referenten, der sich in Outdoorkleidung an einem Herdfeuer wärmt. Aufgenommen wurde es in den achtzigerer Jahren in einem abgelegenen nepalesischen Dorf. Die Reaktion des Publikums wird aber keineswegs durch das Bild hervorgerufen, sondern vielmehr durch den Kommentar des Referenten: „Wie Sie sehen, hat sich die Mode auch beim Bergsteigen in den letzten dreißig Jahren stark verändert!“
Die Verwunderung, insbesondere des männlichen Publikums, hätte nicht größer sein können, wenn er das Matterhorn nach Deutschland verlegt hätte. „Siehst Du, ich habe es doch schon immer gesagt“, so höre ich weibliches Tuscheln, gefolgt von der männlichen Antwort: „dass muss er doch so sagen, wegen seinem Sponsor“. Damit ist der Modeteil abgehakt und die Berge und ihre Bewohner rücken wieder in den Mittelpunkt.
Nach etwa einer Viertelstunde fällt mir auf, dass jedes neue Bild zunächst ein wenig unscharf erscheint, bevor es dann nach etwa einer halben Sekunde den vollen Fokus findet. „Ein toller Retroeffekt“, denke ich. Das ist fast so wie früher als es noch echte Dias gab, die sich in der Wärme des Projektors leicht verziehen und etwas ausbeulen. Doch das leichte Klacken das den Bildwechsel begleitet bringt mich auf die richtige Spur: Das ist nicht Retro, sondern es handelt sich wirklich um analoge Bilder. Und das obwohl wir im Vortrag die achtziger Jahre weit hinter uns gelassen haben.
Die Pause füllen dann wieder belegte Brötchen, Ein-Euro Kölsch und Heldengeschichten, erlebte, vernommene und geplante. Bevor unser Referent wieder im Dunkel des Vortragsraumes verschwinden darf und die Bühne den Bergbildern überlassen, steht er aber noch vor einer Herausforderung. Er soll – selbstverständlich für den guten Zweck- ein Kunstwerk versteigern. Das Gemälde zeigt einen Berg, oder zumindest kann man das was darauf abgebildet ist als Berg bezeichnen. Es könnte aber auch fast jeder andere Gegenstand sein. Ohne die glaubhafte Versicherung der anwesenden Künstlerin, dass es sich um einen Berg handelt, hätte ich noch nicht einmal hier ein Kölsch darauf gewettet. Immerhin: Wenn es ein Berg ist, dann hätte ich jetzt zumindest eine Idee wo bei dem Bild oben und unten sein könnte. Gleiches denkt sich wohl auch der Österreicher auf der Bühne, denn er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Vorzüge der Verpackung. Eine Schutzfolie mit „Plastikblöbbern“, diesen Luftblasen, die heutzutage alles schützen, was es von Ikea zu kaufen gibt. „Wunderschön“, so preist er die kostenlose Dreingabe an, „wenn du in einem Sturm im Hochlager sitzt, und kannst das Zelt für Tage nicht verlassen, dann macht es einen Heidenspaß die alle nacheinander zu zerdrücken“. Das kann ich mir vorstellen, solange ich das Bild nicht mit auf den Berg schleppen muss. Die Werbestrategie geht auf und sowohl Bild als auch Folie finden schnell einen neuen Besitzer.
In der zweiten Hälfte fallen die gewölbten Dias und die anfängliche Unschärfe kaum mehr auf, denn unser Fotograf möchte jetzt zu den meisten Bildern einen erklärenden Satz liefern. Damit bleibt jedes einzelne Bild dann für eine Minute auf der Leinwand stehen. Da es sich um tolle Bilder von noch tolleren Bergen handelt, stört das niemanden. Im Gegenteil, das Kontrastprogramm zum ewig Flackernden unserer Zeit ist so wohltuend wie beruhigend. Am Ende steht neben dem neuerwachten Fernweh die Erkenntnis, dass es durchaus möglich ist, die Zeit zurückzudrehen. Und selbst die Werbeeinheit vom Anfang zeigt ihre Wirkung: „Glaubst Du wirklich ich sollte mir dieses Jahr eine neue Bergsteigerhose kaufen?“, so höre ich ungewollt im Vorbeigehen. Gut, das dieses Jahr noch ganz am Anfang steht.

Hier geht es zur Nippestrilogie Teil 1

Und zum Teil Zwei

Mit Deutschen reden

Die Jüdin in Amerika
„Mit Deutschen reden fällt mir immer schwer …“. Kaum hat meine Tischnachbarin diesen Satz ausgesprochen, bleibt meine Gabel unschlüssig in der Luft hängen und all meine Warnlichter leuchten auf. Sie ist Jüdin und ich ein Deutscher aus der Generation, die niemals unbefangen mit Juden umgehen wird. Unberührt fährt sie fort: „…weil die immer so entschuldigend auftreten“. Treffer und versenkt! Auch wenn ich so lange nach 1945 geboren bin, dass mir keine Beteiligung – und sei es auch nur eine stille – an den Naziverbrechen vorzuwerfen ist, so wird mich doch die historische Schuld nie verlassen. Nicht als eine persönliche, unüberwindliche, aber als ein Teil meines Landes, meiner Heimat. Wenn mich denn mehr mit Deutschland verbindet als nur der Reisepass, dann gehören eben auch die dunklen Seiten dazu.
Das versuche ich ihr, möglichst ohne Entschuldigung, zu erklären. Sie lacht und erklärt mir freundlich: „Genau das meine ich und obendrein seht ihr Deutschen immer die Probleme, dabei lebt ihr in einem wunderschönen Land!“ Gut beobachtet, denke ich. Vielleicht ist es die wichtigste Erkenntnis des Reisens: Der neue Blick auf das Bekannte und die Heimat; nicht zuletzt durch die Augen und Worte der Fremden.

 
Der Tansanier in Deutschland
„Ja, ich war auch schon einmal in Deutschland, alles war wunderbar“, so erklärt mir der junge Afrikaner nach dem Konzert. Auf Konzertreise mit seinem Chor ist er durch Deutschland getourt und alles, was ich ihm entlocken kann, sind Loblieder auf dieses Land. Das Wetter, das Essen, die Menschen, die Züge mit Klimaanlage, die Zentralheizungen in den Zimmern, das Wasser aus der Leitung. Nur Gutes hat er in Deutschland gesehen und das fließt in Strömen, fährt pünktlich und ist immer sauber.
Ich lasse nicht locker und meine deutsche Krämerseele nicht los, es muss doch auch irgendetwas geben das ihn gestört hat? Aber sei es wahr oder der afrikanischen Freundlichkeit geschuldet, er kann sich beim besten Willen an nichts Negatives erinnern. Ich versuche es von der anderen Seite, wenn schon nichts Störendes, dann muss er doch zumindest etwas Überraschendes erlebt haben? Er überlegt eine ganze Weile bevor er mich mit strahlendem Lachen aus seinem dunklen Gesicht anschaut: Doch, zwei Dinge haben ihn wirklich gewundert: Das fast alle Menschen weiße Haut besitzen und die Taxis alle einen Mercedesstern.

 
Der Chinese in Neuseeland
Im Billigflieger nach Hongkong sitze ich auf einem Mittelplatz. Die Asiaten haben die Billigairlines erfunden und zur Perfektion geführt. Der Mittelplatz ist so eng, dass er nur zwei Optionen bietet: sich still mit dem Sitznachbarn um den nicht vorhandenen Platz streiten oder laut für die Dauer der Reise zu befreunden. Wenn ich meinem Nachbarn schon näher auf Pelle rücken muss als meinen besten Freunden, entscheide ich mich für die zweite Variante. Mein Sitznachbar, ein Festlandchinese auf dem Heimweg von seinem Studienjahr in Neuseeland, findet auf meine Fragen allerdings nur lapidare Antworten. Pädagogik hat er dort studiert, anders sei das als in China. Von Neuseeland hat er wenig gesehen, keine Zeit. Auch zuhause würde sich niemand auf ihn freuen, bestenfalls auf die Geschenke die sich in seinem Rucksack befinden. Selbst meine Jokerfrage, ob er sich denn auf das chinesische Essen bei seinen Eltern freue, entlockt ihm nur einen emotionslosen Halbsatz: Der Reis in Neuseeland stamme ebenso aus China, wie das chinesische Milchpulver aus Neuseeland.  Sollte ein Pädagoge nicht für irgendetwas Begeisterung aufbringen können?
Zu meiner Verwunderung findet er etwas, als er hört dass ich in Deutschland lebe. „Das muss ja wirklich ein außergewöhnlich schönes Land sein!“, sagt er und richtet sich in seinem Sitz auf, was unweigerlich dazu führt, dass er seinen Ellenbogen in meine Rippen rammt. Sobald ich wieder atmen kann, versichere ich ihm, dass Deutschland schön ist und will wissen worauf denn seine Erkenntnis beruht. Seine Antwort verwundert mich: „In Neuseeland leben ja Menschen aus allen Ländern dieser Erde.“ Wie recht er hat, so viele dass ich mir schon die Frage gestellt habe, ob denn in Deutschland noch ein Abiturient übrig ist. „Alle müssen irgendwann zurück“, so fährt er fort, „aber nur die Deutschen freuen sich darauf wieder nach Hause zu fliegen. Also muss Deutschland das schönste Land sein“. Der Flieger landet und ich darf das Kompliment an mein Land genießen ohne darauf antworten zu müssen. Direkt hinter dem Ausgang des Flugzeugs trennen sich unsere Wege, ich darf ohne Visum nach Hongkong einreisen, er wird direkt zum chinesischen Festland geleitet.

 
Der Chilene in Australien
So leicht wie der Chinese macht es mir der Südamerikaner nicht, den ich in der australischen Wüste treffe. Er fragt mich aus: Wie sieht es aus Dein Land? Was gibt es dort zu sehen? Lohnt es sich dorthin zu reisen? Ich weiß nicht wo ich anfangen soll, erzähle von den Städten, der langen Geschichte, den Alpen, dem Meer und treffe nur auf höfliche Langeweile. Auch Wälder und Burgen oder Dichter und Denker erzeugen keine Begeisterung in seinen Augen. Ich probiere es mit Rhein und Mosel und erwähne eher beiläufig die steilen Weinberge und das daraus resultierende Getränk. „Wein!“, so ernte ich endlich eine Reaktion, und die ist so intensiv wie die meine auf den Satz der Jüdin. „Vom deutschen Wein habe ich bereits gehört, der soll etwas ganz Besonderes sein,… ich glaube den nennt ihr Glühwein“