Amerikanisches Tagebuch Teil 1

Amerika, ausgerechnet jetzt. Dabei wollte ich gemütlich zuhause bleiben und mich lautstark über die siebzehnte Wiederwahl von Angi ärgern. Oder auch unbewusst darüber freuen, wer wählt schon ohne schlechtes Gewissen seine Mutti ab. Nun bekomme ich unverhofft Trump statt Merkel und American Football statt Bundesliga. Dabei braucht mein FC gerade jetzt jede Hilfe und dem Trump ist nicht mehr zu helfen. So gesehen macht meine Reise in die USA keinen Sinn.

Das denken sich wohl auch die Grenzbeamten in Frankfurt und lassen den Sprengstofftest an meinem Handgepäck positiv ausfallen. Der zuständige Bildschirm blinkt in grellem Rot und schlagartig verbreitet sich ein Mangel an Geschmeidigkeit im Raum. Die anderen Passagiere werden von mir und ich von meinem Rucksack getrennt. Um mich herum nur noch Uniformierte mit ernstem Gesicht, ich soll meine Hände nicht bewegen. Als sie auch nach peinlichster Untersuchung keine Fernbedienung an meinem Körper finden, entspannen sich ihre Minen ein wenig.

Der Obersicherheitswächter betritt die Bühne und stellt sich mit Namen vor, Guido Gestrich. Mir schwant: Das kann länger dauern. Guido versucht es mit dem kumpelhaften Ansatz:

„Wenn das Gerät Alarm schlägt, dann kann das viele Gründe haben. In den meisten Fällen stellt sich aber heraus, es handelt sich um Sprengstoff“.

Der sollte dringend ein Training „De-Eskalation“ besuchen. Eine zweite, größere Maschine wird befragt und auch deren Bildschirm verkündet in blinkendem Rot: „Positiv“. Zwei Polizisten mit Schutzwesten und Integralhelmen untersuchen den Inhalt meines Rucksacks; daneben stehen nur der oberste Sicherheitsguido und ich, beide ohne Schutzkleidung. Der Eine ist wohl nach langen Berufsjahren gegen Explosionen immun und um mich schert sich keiner. Immerhin darf ich den beiden Gepanzerten helfen, ihre dicken Handschuhe kommen nicht in alle Ecken. So spuckt der Rucksack seinen widersprüchlichen Inhalt auf die Antisprengstofftheke: Kindle und Bücher, Laptop und Tagebuch, frische Socken und alte Quittungen, alles frei von Sprengstoff, sagt die Maschine.

Der Sicherheitschef wagt einen Blick in meine blauen, sprengstoffschwangeren Augen:

„Wo ist das Zeug, können Sie uns helfen?“, fragt er mit Nachdruck.

Ich antworte spontan:

„Der einzige Sprengstoff den ich besitze steckt in meinem Stift!“

Zugegeben, die Antwort ist weder schlau noch situationsgerecht. Aber manche Sätze sitzen seit Jahren im Kopf und warten auf Ihre Chance. Nach mir die Sintflut, der musste einfach raus. Guido stürzt sich auf meine Schreibwerkzeuge und zerlegt sie in alle Einzelteile. Wir sind hier in der Stadt Goethes, da sollte doch auch ein Beamter eine Metapher erkennen.

Die Maschine versteht es als Einzige, untersucht die Einzelteile der Stifte, die ihr gefüttert werden und bleibt stoisch bei Ihrem Urteil: Schuld ist der Rucksack.

Jetzt steckt Guido in einem Dilemma, denn einerseits ist der Sprengstoff im Rucksack und andererseits ist der Rucksack leer. Er ergreift die Flucht nach vorne:

„Wenn sie uns den Rucksack übereignen, dann könnten wir das Terminal wieder freigeben“.

Schlagartig wird mir klar, dass mein Rucksack und ich nicht zweihundert Passagiere eines vollen Flugzeuges aufhalten, sondern zweihundert volle Flugzeuge. Ich stimme also seinem Vorschlag zu, auch wenn mir durchaus noch ein paar Fragen offen erscheinen.

Zwei Plastiktüten aus dem Duty-free-Shop nehmen meine Habseligkeiten auf und Guido überreicht mir gegen Unterschrift eine Quittung. „Wir werden den Hersteller kontaktieren, das ist ja immerhin ein Markenprodukt“, ruft er noch als ich bereits zum Flugzeug laufe. Dann folgt ein Spießrutenlauf durch die Reihen des Fliegers, explosive Blicke der Wartenden schieben mich auf meinen Sitzplatz.

Schade um den Rucksack, ich mochte ihn. Ich denke rückwärts an die Orte zu denen er mich begleitet hat, bis zu dem Ort an dem ich ihn vor einigen Jahren gekauft habe:  ein dunkles Lädchen in der Altstadt von Kathmandu.  „Ein echter Deuter Rucksack, „Nepali Deuter“, hatte mir der Verkäufer mit breitem Lächeln bescheinigt. Hergestellt in irgendeinem Hinterhof in Taiwan oder Indien. Wenn Guido damit im altehrwürdigen Firmensitz von Deuter in Augsburg auftaucht wäre ich gerne wieder dabei.

Nach der Landung führt der erste Weg zum Outdoorladen, ein neuer Rucksack muss her. Der Verkäufer fragt warum ich denn einen brauche? Ich verstehe schon, dass er wissen möchte für welche Anwendung ich das Teil benötige. Das hätte er aber etwas genauer formulieren sollen, denn so serviere ich ihm brühwarm meine Grenzgeschichte, ob er sie nun hören will oder nicht. Als Antwort bekomme ich seine aufrichtigen Mitleidsbekundungen und dreißig Prozent Rabatt. Willkommen in Amerika.

4 Gedanken zu „Amerikanisches Tagebuch Teil 1

  1. OK, das ist jetzt also die Rucksack Geschichte… wunderbar, nur natürlich nicht wahr und der Rucksack weg:-((((( und noch nicht mal in Nepal gekauft…

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