Eifelkloster

Nur übernachten möchte ich in diesem Kloster, bestenfalls noch Frühstücken, falls ich denn früh aufwachen sollte. Keinesfalls jedoch hier zu Abend essen. Direkt nebenan ruft ein Eifeler Landgasthaus mit bester Küche, mein Sinnen steht nach Wildbraten und Rotweinsoße. Das ist aber der Versuch die Rechnung ohne den Wirt zu machen, genauer gesagt ohne Schwester Maria Antonie. Seit fünfzig Jahren begleitet sie die Klostergäste zu ihren Zimmern. Und offensichtlich freut sie sich auch heute über jeden Gast genauso wie in der Zeit, als ich noch nicht einmal in den Träumen meiner Eltern existierte.
Anstatt direkt zur Klosterzelle, führt sie mich in die hinterste Ecke der Klostergebäude, eine enge Steige hinauf und durch eine Tür mit dem Schild „Nur im Brandfall öffnen“. Der Grund: Die Sonne geht unter und von der freischwebenden Feuertreppe lässt sich das Schauspiel in Pastelltönen am besten erspähen. Das Wackeln der Treppe gleicht den wackligen Gang der alten Nonne perfekt aus, nur ich komme beinahe ins Straucheln. Glücklicherweise verlaufen die Sonnenuntergänge in der herbstlichen Eifel recht zügig, denn selbst, solange die Sonne scheint, bleiben die Temperaturen hier einstellig. Ich bin zwar angemessen bekleidet, aber nur für das Beziehen eines Zimmers, nicht für Exkursionen.
Wie das jetzt mit dem Wildbraten zusammenhängt? Schwester Maria Antonia leitet mich auf dem Rückweg am Refektorium vorbei, und vergisst dabei nicht auf das leckere Klosteressen hinzuweisen. Einmal durchgefroren schwindet in mir jegliche Motivation das heimelige Kloster heute noch zu verlassen und ich entscheide für den heimischen Herd. Allerdings missachte ich den dringlichsten Ratschlag meiner Begrüßungsnonne. Eindrücklich hatte sie darauf hingewiesen am Anfang der Essenszeiten aufzutauchen, denn, so ihre Worte, „das Warme ist früh am Leckersten“.

 

Sicher ein weiser Rat, doch was nützt das beste Abendessen, wenn es nicht Abend ist. Also erscheine ich als einer der Letzten im Saal, hohe Stapel benutzter Teller auf dem Geschirrwagen zeigen an, dass hier die sprichwörtliche Ruhe nach dem Sturm herrscht. Und ein solcher ist offensichtlich durch den Speisesaal gezogen. Bestand die achte Plage im alten Ägypten aus Heuschrecken oder Firmungskindern?
Ein wenig nervös, weil ich den eindringlichen Rat der Nonne ignoriere, bewege ich mich in Richtung Büffet. Aber ein Blick auf das Essen zeigt mir an, dass ich heute ungestraft davonkomme; der Junge in mir wird satt und glücklich das Refektorium verlassen. Die Tische biegen sich unter Essensbergen und die warmen Speisen bestehen aus heißen Würstchen, lauwarmen Kartoffelsalat mit Speck und selbst gebratenen Frikadellen. Nichts was durch ein Stündchen warmhalten an Geschmack verliert. Daneben Blutwurst, Schinken und Sülze im schweigenden Wetteifer um den höchsten Stapel. Erkenntnis des Tages: Fleisch ist keinesfalls krebserregend, sonst wäre die Eifel längst entvölkert.
Hinter dem Tresen treffe ich wieder auf Schwester Maria Antonia, welche großzügig die Teller der Gäste auffüllt.  Der Mann vor mir fragt höflich an, ob die Frikadellen denn aus Fleisch bestünden. „Selbstverständlich!“, antwortet die Nonne. „Und auch selbstgemacht, nicht gekauft?“ Diesmal zögert sie eine kleine Sekunde, bevor sie die gleiche Antwort wiederholt: „Selbstverständlich!“. Der Herr zieht mit zufriedenem Ausdruck und beladenem Tablett weiter und ich rücke nach. Schwester Maria Antonia schaut ihm für einen Moment ungläubig hinterher, wobei ich mir unsicher bin, ob eine Ordensfrau ungläubig schauen kann. Dann sammelt sie sich wieder und richtet ihr nachdenkliches Lächeln zu mir. Kaum merklich schüttelt sie den Kopf als sie mich fragt:

„Gibt es Fleischklöpse inzwischen im Supermarkt?“
„Ich denke schon“, antworte ich, „aber ich glaube die kauft keiner“.

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2 Gedanken zu „Eifelkloster

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