Der singende Biergarten – Nippestrilogie Teil 2

Jede Stadt besitzt ihre eigenen Lieder, zumindest eines davon. Und wenn nicht, wie die Hansestadt Bremen, dann veranstaltet der Bürgermeister des armen Ortes einen entsprechenden Wettbewerb. Der siegreiche Titel: „Bremen gibt Vollgas“! Das wird auch bitter nötig sein, um die anderen einzuholen.

Denn manche Städte sind über diese bescheidenen Anfänge weit erhaben. Nehmen wir Bochum, da, reicht es, wenn ein mittelmäßig begabter Barde „Tief im Westen …“ in ein Mikrofon schnarrt und die Band kann eine Pause machen, weil alle Zuhörer mitsingen. Und ist das Pausenbier am Ende des Liedes noch nicht leer, dann bleiben die Zuschauer auch davon unberührt und zelebrieren ein vielstimmiges „Glück auf“. Glückliche Bochumer, sie achten ihre Stadt und konzentrieren sich darauf, stehen mithin auf der zweiten Stufe der Erleuchtung.

Wer allerdings in Deutschland musikalisch die siebte und letzte Stufe dieser Erleuchtung – das Ausbreiten tiefer Freude und Glückseligkeit – erreichen möchte, dem bleibt nur der Weg nach Köln. Zum Beispiel in den singenden Biergarten im Agnesviertel, wo Günther seiner Mundharmonika nur ein paar Töne entlockt und schon tönt es aus siebenhundert Kehlen: „Ich bin ene kölsche Jung“. Dabei ist die Hälfte der Kehlen weiblich und weitaus mehr als die Hälfte „Imis“, also gar nicht in Köln geboren.

Dieses wunderbare kölsche Wort „Imi“ wird häufig falsch geschrieben als „Immi“ und auch falsch verstanden als Kurzform von Immigrant. Nichts jedoch läge dem Kölschen ferner, denn er kennt ja seine Lieder und weiß: „Su simmer all he hinjekumme…“, also dass jeder irgendwie ein Immigrant ist. Natürlich muss es „Imi“ heißen und das ist eine Abkürzung für einen „imitierten Kölschen“. Für mich ein Ehrentitel, der von jedem Zugereisten erarbeitet werden muss, den aber auch jeder erhalten kann.

Schwieriger ist da schon die Frage, wann denn dieser Status erreicht ist? Eine allgemeingültige Regel gibt es nicht, wie so oft gilt auch hier „Hey Kölle, do bes e Jeföhl“. Vielleicht hilft ein Beispiel: Wenn meine westfälischen Freunde, am Ende einer Kneipennacht im Karneval, mit den letzten Stimmresten singen: „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hält durch“, dann sind sie eben noch keine Imis. Der kölsche Sultan muss nicht durchhalten, sondern er hat einfach Durst.

Wann genau ich zum Imi geworden bin, kann ich nicht mehr sagen. Vermutlich am Tag der Vordiplomprüfung, die auf Weiberfastnacht fiel. An der altehrwürdigen Universität zu Köln war es üblich, im Anzug zur Prüfung zu erscheinen. Der Kölner ahnt es bereits, kurz hinter dem Unicenter hatte ich jede Menge Küsschen erhalten aber meine einzige Krawatte schrumpfte auf weniger als die Hälfte ihrer ursprünglichen Länge. Der prüfende Professor – wie ich später erfahren sollte, ebenfalls ein Imi – konnte darauf in rheinischer Geschmeidigkeit reagieren. Die unzureichende Antwort auf seine erste Frage kommentierte er gelassen: „Wer nur eine halbe Krawatte besitzt, besteht auch mit der halben Lösung“.

Vielleicht geschah es aber auch, als ich erkannt hatte, welche Rolle das kölsche Liedgut im Alltagsleben besitzt. Egal ob an der Ladentheke oder im Restaurant: Wenn die Rechnung nicht stimmt, muss sich der Kölner weder mit dem Kassierer noch mit dem Köbes streiten. Der sanfte Einwurf: „En d’r Kayjass en d’r Schull?“ wird garantiert zu einem korrekten Ergebnis führen.

Der Kölner singt nicht über seine Stadt, er singt mit ihr und in ihr, weil er eben Köln ist. Überall sonst würde das Lied heißen „Ich bin in Kölle am Rhein zu Hause“, nur in Köln heißt es „Ich ben vun Koelle am Rhing ze Hus“. Ein kleiner aber wichtiger Unterschied, denn während das Wörtchen „in“ einzig den Ort beschreibt, so macht das „von“ den Kölner zum Teil seiner Stadt. Dadurch wird sie lebendig. In aller Welt erbt die Stadt von ihren Bürgern, wenn sich keine Nachfahren finden, nur in Köln erbt der Bürger von seiner Stadt: Gute Laune und mit nichts etwas am Hut zu haben. Damit der Worte genug, denn „Et jitt kei Wood dat sage künnt, …“

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