Im Veedel. Nippestrilogie Teil 1

Donnerstagmorgens in Köln-Nippes und ich bin spät dran. Trotzdem halte ich noch an der „Kaffeebud“ in meinem „Veedel“ an, ein Kaffee für den Weg zur Arbeit wird mich aufwecken. Vor dem Büdchen steht das Müllauto und darin dann auch die leuchtend orangefarbene Besatzung: drei Müllmänner, die gerade bestellen. Damit rückt die Beute in weite Ferne. Ausgerechnet der Grund, weshalb ich den Morgenkaffee so gerne in dieser Bude kaufe, wird mir jetzt zum Verhängnis, denn hier wird jede Tasse mit Liebe und frisch zubereitet. Ein resignierter Blick auf die Armbanduhr sagt mir: Das wird nichts mehr.

Doch dann nimmt das Schicksal eine unverhoffte Wendung, die so selbstverständlich nur in Köln gelebt wird. Der kleinste der Müllmänner bemerkt meine Zeitnot und fragt bedächtig die beiden Kollegen: „Solle mer dä Schlipsdräger vürlooße?“. Die Zwei drehen sich zu mir um und betrachten mich aufmerksam. Dem einen ist offensichtlich der Werksausweis an meiner Hose aufgefallen, denn seine Antwort lautet: „Dä arbeid beim Ford, de han sich allemol god benomme“. Damit ist die Sache positiv beschieden und ich stehe schon Sekunden später mit einem heißen Pappbecher vor dem Büdchen. Natürlich: Das Ganze kostet mich vier Kaffee, ein kleiner Preis für das Wissen in einem Viertel zu wohnen in dem „Drenk doch eine met“ nicht nur ein Karnevalslied ist, sondern gelebte Gastfreundschaft bedeutet.

Sicher, gelegentlich übertreibt es der Kölner auch mit seiner Liebe zum „Veedel“. So wie am Abend im „Osters Rudi“, eine dieser Kölner Eckkneipen wo jeder am richtigen Platz ist, der nicht die Einsamkeit sucht. Auch ich werde »direk« angesprochen: „Wo küss do dann her?“ so eröffnet einer der Thekenbrüder die Konversation. „Aus Nippes“, antworte ich wahrheitsgemäß und nach meiner morgendlichen Kaffeebegegnung nicht ohne Stolz. „Dat es ald klor, ävver vun wu?“
Sicher, wer in der schönsten Stadt der Welt lebt, ach was sage ich des Universums, der muss sich über sein Stadtviertel, oder besser Stadtsechzehntel, von den anderen Privilegierten abheben. Also kann es im Osters Rudi natürlich niemals »Neppes« heißen, sondern immer nur »Sechzigveedel«. Die Frage gefällt mir – immerhin wohne auch ich im Sechzigviertel – aber überzeugend ist sie nicht. Denn spätestens durch Herrn Adenauer weiß jeder Kölner: Sibirien beginnt erst hinter Deutz und nie und nimmer bereits an der Neusser Straße.

Manche Menschen behaupten, unsere Stadt sei keineswegs schön anzusehen. Kein echter Kölner wird bestreiten, dass es Städte gibt, die adretter aussehen. Wahre Schönheit kommt jedoch von innen und offenbart sich allein demjenigen, der den Schritt wagt zu leben und nicht nur zu betrachten. Wenn die Bläck Föös ihre Vorgärten gepflegt hätten, anstatt Lebensweisheiten in Liedern zu verpacken, dann könnte diese Stadt vielleicht ansehnlicher sein. Und würden die Müllmänner Straßen kehren, anstatt mich vorzulassen, vielleicht auch ein wenig sauberer. Trotzdem, alle die hier wohnen wissen eines genau: Schöner ist Köln eindeutig so, wie es ist. Und bekanntlich is es da am schönsten, wo es schön ist.

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