Meier’s Weltreisen

„Sprechen sie Deutsch? Ich habe sie gerade reden hören.“ Das sollte die Frage dann eigentlich beantworten, so denke ich mir, nicke aber trotzdem freundlich zur Bestätigung. Mehr Antwort benötigt die fortgeschrittene Dame auch nicht. Neben dem Alter und ihrem Gewicht, ist sie auch im Verwenden vieler Worte sehr fortgeschritten. Sie trägt ein Safarihemd und Wanderhosen in Dreiviertellänge, dazu einen Deuter-Rucksack und genügend Make-Up um vor Wespenstichen sicher zu sein. Vom Rucksack verkündet ein neonleuchtender Aufkleber: „Meiers Weltreisen“.

„Müssen sie auch rückwärts reisen?“ Der Schreck fährt mir durch alle Gebeine! Wenn diese Frau eine Zeitreisende ist, dann möchte ich die Zukunft nicht erleben. Aber vielleicht meint sie ja auch den Zug, denn ich stehe auf dem Bahnhof des Städchens Pyin oo Lwin im Norden von Myanmar. Manchen Menschen fällt es ja schwer im Zug entgegen der Fahrtrichtung zu sitzen.

„Stellen sie sich vor,…“ stößt sie aufgeregt hervor. Nein, ich möchte mir nichts vorstellen und mich selbst schon gar nicht. Aber das ist auch ebenso unnötig wie zuvor eine Antwort. In der Dame sitzt eine Geschichte und wenn sie die nicht jetzt sofort erzählen kann, dann wird sie platzen. Das wiederum möchte ich mir schon gar nicht vorstellen, denn um uns herum drängt sich eine wuselnde Menschenmenge. Alle warten auf den täglichen Zug, ein Ereignis das ungewöhnliche Begegnungen ermöglicht. Hier treffen Mönche auf Ziegen, burmesische Rentner auf Smartphones in Teenagerhänden und eben auch Pauschal- auf Rucksacktouristen. Und ich wohl auf die Geschichte dieser Frau.

„Wir haben die große Asiendurchquerung gebucht, alle wichtigen Sehenswürdigkeiten zwischen der russischen Grenze und dem Indischen Ozean in einundzwanzig Tagen. Alles hat wunderbar funktioniert, bis vorgestern. Die Grenze zwischen Myanmar und China ist geschlossen, wegen so einer Art Bauernaufstand. Nur deshalb mussten wir umdrehen und das Flugzeug nehmen. Deswegen stehen wir jetzt hier. Dabei ist noch nicht einmal klar wer da gegen wen kämpft und weshalb.“
„Das ginge ja noch!“ Mit diesen Worten mischt sich ihr Mann ein, der sich bisher hinter dem großen Teleobjektiv einer Kamera versteckt hatte. Offensichtlich handelt es sich um den Gatten, denn bis auf das Make-Up präsentieren sich beide in perfektem Partnerlook, nur das sein Anhänger von Meier‘s Weltreisen in einer anderen Neonfarbe strahlt.

„Das kennt man ja in diesen Ländern, dass sie gegenseitig Bomben aufeinander werfen ohne einen triftigen Grund. Aber die hier wissen noch nicht einmal wo sie die Bomben hinwerfen. Die Chinesen behaupten das Reisfeld hätte in China gelegen, die Burmesen sagen es liegt in ihrem Land. Da wissen die noch nicht mal wo ihre Grenze ist, und deswegen dürfen wir nicht durch. Ein Skandal ist das.“

Ja, dem Deutschen sind seine Grenzen heilig. Ich habe von dem Vorfall gelesen. In der Tat ist unklar wer ihn verursacht hat: chinesische Terroristen die von den Burmesen Freiheitskämpfer genannt werden oder burmesische Terroristen die in China Freiheitskämpfer heißen? Oder aber aufständische Bauern welche beiden Regierungen als Terroristen gelten? Die vier getöteten Reisbauern kann auch keiner mehr fragen. Wahrscheinlich hätten sie aber auch vor ihrem unerwarteten Ableben nicht gewusst, ob ihr Feld sich in China oder Burma befindet. Wozu sollte die Unterscheidung auch nützlich sein, mehr Reis wächst davon auch nicht.

„Genau zwei Tage vor unserer Ankunft“, so fährt das wandelnde Teleobjektiv im Partnerlook fort, „da hätten sie doch wenigstens noch eine Woche warten können.“ Oder zwei Tage, denke ich, dann hätte er die Bombe vielleicht aus dem Zug fotografieren können. Aber, auch wenn es immer schwerer fällt, ich folge dem Beispiel der Burmesen: Wenn ich etwas nicht verstehe, immer freundlich lächeln.

„Obendrein hat meine Frau auch noch Durchfall bekommen, wir werden uns mit Sicherheit beschweren. Wir haben ja nun wirklich genug Geld bezahlt.“

„Und ob wir uns beschweren werden, sie wissen gar nicht was ich in diesem Land an Toiletten erleben musste“, so reißt das wandelnde Make-Up den Faden wieder an sich. Immerhin hat sie so etwas von diesem Land gesehen, dass nicht vorher im Prospekt stand, so geht es mir durch den Kopf.

Jetzt war der Moment gekommen an dem ich aktiv in den Dialog eingreifen musste, denn beide schauen mich an wie ein Bernhardiner sein Schnapsfass. Mein Blick hingegen bleibt an den Neonanhängern von Meier’s Weltreisen kleben, gelb hinter dem Teleobjektiv und grün hinter dem Make-Up und mir fällt nur eine Antwort ein:

„Da hätte er sich aber wirklich mal drum kümmern können, der Herr Meier!“

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4 Gedanken zu „Meier’s Weltreisen

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