Schlechte Laune

Es muss doch verdammt noch mal einen Grund geben sich zu ärgern? Irgendetwas worüber ich mich aufregen kann? Gute Laune ist ja schön und gut, sicher auch gesund und alles. Blutdruck schön niedrig, Cholesterin noch niedriger und Adrenalin quasi eine Nullnummer! Fein ist das, für ein paar Tage, ein paar Wochen, selbst ein paar Monate. Aber, der liebe Gott weiß schon weshalb er die Glückseligkeit für das Paradies reserviert hat. Hier auf Erden kommt der Zeitpunkt, da ist sie einfach nicht mehr zu ertragen.
Aber was willst Du machen, gegen diese Fröhlichkeit? Wenn der Himmel immer blau ist? Die Luft zum Schwitzen zu frisch und das Wasser zum Frieren zu warm! Der Wind immer wohlwollend, die Sonne mild und die Sterne hell? Alles gesund, gesättigt und gemütlich. Die einzige Entscheidung die mir abverlangt wird: Zuerst Buch lesen in der Hängematte und dann ein Strandspaziergang, oder doch besser umgekehrt? Ich könnte mich natürlich darüber ärgern, dass ich schnorcheln war ohne eine Schildkröte zu sehen. Die ganzen bunten Fische und Korallen haben den Blick verstellt. Aber so sehr ich mich auch bemühe, nichts ergibt einen Grund für schlechte Laune.
Bisher dachte ich, ein Grund wäre gar nicht nötig. Einfach mit dem falschen Bein zuerst aufstehen und wenn das nicht reicht einen Blick in die Zeitung werfen, schon kommst du schlecht drauf. Da besaß ich allerdings noch einen großen Vorrat an Gründen, irgendwann erlebt und für den rechten Moment in der Ecke meines Gehirns abgelegt die für schlechte Laune zuständig ist. Sie war nie überfüllt diese Ecke, aber mit etwas gutem Willen war dort immer etwas zu finden. Doch jetzt herrscht gähnende Leere, sauber aufgekehrt wie eine deutsche Werkstatt am Freitagnachmittag.
Solange die Nabelschnur Internet noch zwischen mir und dem Rest der Welt baumelte, waren die Nachrichten noch eine Hilfe; lieferten guten Nährboden für negative Schwingungen. Aber selbst das wird mit jedem Kilomater und jedem Tag Abstand schwieriger. Obendrein ist unser aktueller Außenposten nicht nur vom Internet abgeschnitten, auch andere Nachrichten oder Menschen finden selten den Weg hierher.
Die Umgebung kann mir auch nicht helfen, denn die Fijianer scheinen immer gut gelaunt. Aus allen Ecken schallt ihr Lachen und in jede Meeresbrise mischt sie ihr Gekicher. Für sie würde ich Gründe finden schlecht gelaunt zu sein, ihr Dorf wird gerade umgesiedelt. Weg vom Sandstrand auf einen nahegelegenen Hügel, eine ganz praktische Folge des Klimawandels. Trotzdem: um mich herum nur fröhliche Gesichter.
Für den Moment bin ich also zu guter Laune verdammt. Damit muss ich mich abfinden. Aber das Sabbatjahr dauert es ja nicht ewig. Die Realität wird mich schon noch rechtzeitig einholen, mitsamt ihrer schlechten Laune. Vielleicht kann sie mir dann aber auch gestohlen bleiben. Die schlechte Laune meine ich, nicht die Welt.

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