Nur Fliegen ist schöner

Zugegeben, der nationale Flughafen von Nadi ist nicht sonderlich groß, vergleichbar vielleicht mit dem Wartezimmer einer mittelgroßen deutschen Arztpraxis. Dennoch bin ich erstaunt am Check-In als „Herr Ackermann“ begrüßt zu werden, noch bevor ich meinen Ausweis aus der Tasche gekramt habe. Woher kennt der meinen Namen?
Danach verläuft der Check-In wie gewohnt: Ausweis vorzeigen, Gepäck auf die Waage, ein Aufkleber wandert auf den Rucksack und die Bordkarte in meine Hand. Während wir uns schon vom Schalter abwenden, werden wir freundlich aufgefordert noch persönlich auf die Gepäckwaage zu steigen auf der eben noch unsere Rucksäcke lagen. „Bitte mit dem Handgepäck, Sir. Wir wollen berechnen wieviel wir tanken müssen!“ Ganz ungalant wird mein persönliches Bruttogewicht auf der Bordkarte vermerkt und es bleibt nur zu hoffen, dass der einfache Dreisatz Standardwissen in Fiji’s Schulen ist.
Das Rätsel des bekannten Namens löst sich dann während wir in den Flieger einsteigen: die anderen beiden Passagiere hatten bereits vor uns eingecheckt!
Die kanadische Twin-Otter von Fiji Airways hat sechs Notausgänge, so erklärt uns der Kapitän. Das klingt sehr sicher, immerhin anderthalb Fluchtwege pro Passagier. Wenn ich mir allerdings die Dimensionen dieser Ausgänge und die des Passagiers in der Reihe hinter mir betrachte, dann wird klar, dass es während einer Evakuierung auch die eine oder andere Verstopfung geben könnte. Dafür macht dann ein alternativer Notausgang durchaus Sinn. Die Notausgänge müssen wir aber gar nicht strapazieren, dafür umso mehr unsere Augen und die Fenster, denn eine blaue Lagune erscheint nach der anderen, bevor wir keine Stunde später auf dem Flughafen in Kadavu landen.
Der Flughafen besteht aus einer Landebahn, welche für unser kleines Flugzeug mehr als ausreichend ist, einer kleinen Hütte an der wir zum Stehen kommen und einem Schild mit der Aufschrift „Airport Road“. Was ich nicht sehe ist eine Straße, geschweige denn ein Auto welches darauf wartet uns abzuholen. Doch bald kommt fröhlich grinsend Jobi auf uns zu, unser Chauffeur. Sein Gefährt liegt zwanzig Schritte von der Flughafenhütte entfernt am Strand, ein kleine Jolle mit Außenbordmotor.
Jedes große Ereignis wirft bekanntlich seine Warnungen voraus, ich hätte bereits stutzig werden sollen als Jobi unser Gepäck sehr ordentlich in eine wasserdichte Folie gewickelt hat. Sicher gibt es auch außerhalb Deutschlands Menschen die einfach nur der Ordnung halber ordentlich sind, die meisten jedoch handeln aus gutem Grund. Spätestens aber als Jobi ein zweites Brett unter unseren Hintern schob, hätte ich es erahnen müssen.
Vielleicht war ich zu sehr mit unserer neuen Mitreisenden beschäftigt, eine Deutsche die sich auch auf Weltreise begeben hat, aber nach einem Jahr nicht über Bali, ihre erste Station, hinausgekommen ist. Ausgerechnet der Salsa hat sie dort festgenagelt, inzwischen steht sie kurz davor die erste indonesische Salsa Schule zu eröffnen. Bis zum Dorf wird sie uns begleiten, auf dem Weg zu einer Hochzeit. Derart plaudernd habe ich sie einfach nicht erkannt, die offensichtlichen Zeichen.
Der Weg beginnt auch sehr bequem, das Boot durchquert eine blaue Lagune und ich gönne mir eine Handvoll Nüsse während die grünen Buchten an uns vorüberziehen, manche mit einzelnen Hütten gespickt aber alle voller Kokospalmen. Die zweite Handvoll Nüsse wird dann aber schon zum Fischfutter als meine Hand plötzlich in die Luft gerissen wird. Wir haben die erste Lagune verlassen und schaukeln mit unserer Nussschale in meterhohen Wellen. Das Land ist zwar zum Greifen nahe, aber nur dann zu erkennen wenn wir oben auf der Welle reiten. Reiten ist die passende Beschreibung und zwar eine dieser Rodeomaschinen im Westernsaloon. Kaum habe ich mich an eine bestimmte Wellenbewegung gewöhnt, dreht jemand das Meer um eine Stufe hoch.
Ich klammere mich an den Sitz, bis ich merke dass dieser nicht mit dem Boot verbunden ist. Sobald ein Wellenkamm überschritten ist, fällt das Boot nach unten, der Sitz und ich bleiben aber noch ein wenig auf dem höchsten Punkt, bevor wir dem Boot nach unten folgen nur um es im Wellental dann mit lautem Knall wieder zu treffen. Der Knall fällt allerdings kaum ins Gewicht, denn es quietscht und knarrt aus allen Richtungen, so wie Dinge quietschen und knarren kurz bevor sie zerbrechen. Der Außenbordmotor beschwert sich lautstark über die Behandlung und Jobi unser Bootsführer tippt eine SMS in sein Handy. Immerhin, so denke ich, hat er die Möglichkeit sich von seiner Familie zu verabschieden. Bali wird auch wohl ohne Salsaschule auskommen müssen, aber das Land wird es sicher überstehen. Unter solchen Gedanken versuche ich meinen Sitz, das Boot und mein Leben nicht kampflos abzugeben.
Vor uns signalisiert ein anderes Boot dass es Hilfe benötigt. Klarer Fall von „Mann über Bord“, ich strecke meinen Rücken gerade und versuche in der weißen Gischt nach der verlorenen Seele, oder besser noch ihrer irdischen Hülle. Wir legen an Steuerbord quer an und auch mir wird schnell klar, dass die fröhlich lachenden Fijianer keineswegs einen der Ihren an die Wellen verloren haben. Kein Passagier ist es der fehlt, sondern nur Benzin für den Motor. Wir helfen aus und reiten dann noch eine Bonusrunde Rodeo.
Ganz allmählich wird mir klar, warum es auf dieser Insel so wenig Tourismus gibt. Erst als wir unser Ziel zu meiner großen Überraschung doch wohlbehalten erreichen, kann ich langsam die positiven Seiten der Fahrt wahrnehmen: Sie hat mich an einige Dinge erinnert die in diesem Leben noch erledigt werden müssen, ich brauche keine Bücher über Nahtoderfahrungen mehr zu lesen und habe obendrein den Eintritt in das Phantasialand gespart.

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Ein Gedanke zu „Nur Fliegen ist schöner

  1. Ähnliche Erfahrung habe ich in Schweden mit angeblich harmlosen Stromschnellen gemacht.
    Bin aber froh, dass Ihr es auch überlebt habt.
    Weiterhin noch viele tolle Abenteuer.
    Gruß Rüdiger

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