Gepäck und Sitten

Ausgerechnet von Düsseldorf in die Weltreise zu starten ist dem Kölner eine Herausforderung. Andererseits geht es ja genau darum neue Herausforderungen zu finden und wenn es denn schon Düsseldorf sein muss, dann doch lieber gleich am Anfang, damit ist der schwerste Teil der Reise schnell geschafft.

Die geplante Reduktion des Gepäcks auf einen Rucksack ist uns fast gelungen, auch dank der Hilfe unseres Flugtickets, welches nur ein Gepäckstück zulässt. Zusätzlich ist aber noch ein Stück Handgepäck erlaubt, und zwar eines von beachtlichen Ausmaßen. Damit wird uns das zweite Gepäckstück praktisch aufgezwungen. Diesen Fehler korrigiert Air Neuseeland dann aber schon kurz nach unserer Ankunft in Los Angeles: Wir sind gut geflogen, unsere Rucksäcke sind aber während des Umsteigens in London aufgehalten worden. Also reisen wir zunächst mit wirklich leichtem Gepäck.

Auch ohne Rucksack können wir recht gut wandern, aber Zelten ohne Zelt ist eher schwierig. Das Problem ist nur: wir haben einen Zeltplatz gebucht. Also heißt es zum ersten Mal flexibel sein und im Hyatt schlafen anstatt zu zelten. Mit etwas gutem Willen geht das, immerhin besitzt das Hotelzimmer einen guten Ausblick auf die Queen Mary, die im Hafen von Long Beach ihr wohlverdientes Gnadenbrot gefunden hat. Die zusätzliche Zeit in Los Angeles ermöglicht noch ein Bad im Pazifik, der sich deutlich lebhafter präsentiert als vorgestern noch der Fühlinger See.

Mit einer Nacht Verspätung kommen wir dann auf unserem Zeltplatz im Montana de Oro Naturpark an und sind wie immer von den Dimensionen überrascht. Für einen Bruchteil des Hotelpreises im Hyatt, haben wir ein Zeltgrundstück gemietet, das ausreichen würde um ein ganzes Hotel darauf zu bauen. Sicher, die Gegend müsste erst noch erschlossen werden, bisher steht nur ein Plumpsklo, die Anreise funktioniert nur zu Fuß und Wasser müssen wir auch selbst mitbringen. Dafür sind aber reichlich Aussicht, Einsamkeit und Meeresrauschen schon vorhanden. Am Ende der Nacht steht fest: Im direkten Duell zwischen Zeltplatz und Sternehotel steht es 1:0 für den Zeltplatz.

Unser Essen nehmen wir aber, solange das noch möglich ist, doch lieber frisch gekocht. „Fish & Chips“ sind bestellt, leider zwei Portionen, denn schon eine allein reicht aus den Cholesterinspiegel von zwei Personen in bedenkliche Höhen zu treiben. Sowohl der Fisch auch die Chips sind gut, nur zu viel ist es eben. Essbares auf dem Teller zu lassen ist uns unmöglich und ein „Doggiepack“ macht keinen Sinn, wir fahren einen Mietwagen ohne Kühlschrank. Also bleibt uns nur eine Wahl: Durchbeißen!

Dabei fällt mir auf: Im prall gefüllten Restaurant sind wir die einzigen Ausländer. Weshalb ich das so genau weiß? Nur wir halten die Gabel in der linken Hand. Die Amerikaner rings um uns herum speisen im amerikanischen Stil: die Gabel mit der rechten Hand fest umklammert, mit einem Griff der an die Rückhand von Boris Becker erinnert. Die linke Hand liegt züchtig unter dem Tisch auf dem Knie und das Messer etwas verlassen am Tellerrand. Nur wenn es absolut unvermeidlich ist wandert die Gabel nach links um dem Messer Platz zu machen. Dann wird auch gleich die gesamte Mahlzeit kleingesäbelt, um das Messer möglichst schnell wieder loszuwerden.

Angeblich ist diese Art des Umgangs mit Besteck das Resultat eines Wettbewerbs welcher nach der Unabhängigkeitserklärung in Boston ausgerufen wurde. Losgelöst von den Briten sollten möglichst viele der britischen Traditionen durch ureigene amerikanische Errungenschaften ersetzt werden. Darunter auch die Tischsitten. Weshalb ausgerechnet dieser Vorschlag gewonnen hat und ob überhaupt andere Vorschläge eingegangen sind ist leider nicht überliefert.

Wichtig ist allein das Symbol der Abnabelung von der ehemaligen Kolonialmacht. Andere ehemalige Mitglieder des britischen Empires haben diesen Schritt nie geschafft und fahren heute noch ihre Autos auf der falschen Straßenseite. Vermutlich sind deswegen auch unsere Rucksäcke in London gestrandet: unser Flugzeug war wohl auf der falschen Seite geparkt.

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