Twitterroman

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Die Germanwings-Piloten streiken und mein Flug nach Friedrichshafen wird einfach gestrichen. Nun ist Friedrichshafen zwar für Pionierarbeit in der Luftfahrt bekannt, aber der Flughafen beileibe kein internationales Drehkreuz; sprich alternative Flüge sind eine glatte Fehlanzeige. Autofahren ist an einem Freitag mit Flugstreik auch keine richtig gute Idee. Also bleibt die Bahn als entspannte Alternative.

Dort hat inzwischen sogar das Wort „Service“ Einzug gehalten, eine SMS warnt mich vor drei Minuten Verspätung die für meine S-Bahn erwartet werden. Gut so, denn der Anschluss an den ICE ist knapp, also doch besser die S-Bahn eine Viertelstunde früher nehmen. Die wiederrum ist so pünktlich als käme sie anstatt aus Düsseldorf direkt aus der Schweiz, zum Umsteigen bleibt reichlich Zeit.

Den richtigen Bahnsteig in Köln-Deutz zu finden ist kein Problem, deutlich schwieriger gestaltet sich da schon die Suche nach dem richtigen Ort auf diesem Bahnsteig. Der „Wagenstandsanzeiger“ zeigt den ICE 1107 unter der richtigen Abfahrtszeit gleich vierfach auf. Mutig beginne ich mit dem Entziffern der Abkürzungen. Eintrag Nummer vier sagt nur „Sa“ und fällt damit sofort aus dem Rennen. Nummer eins beginnt mit „Mo, Mi, Do“. Eindeutig falsch. Weiter zu Nummer zwei: „Di“. Auch daneben. Bei Nummer drei werde ich fündig: „Mo-Fr“ steht dort unschuldig. Etwas skeptisch bin ich aber schon, denn was sollen dann die beiden anderen Einträge? Also hole ich die Lesebrille raus und begebe mich an das Kleingedruckte unter dem „Mo-Fr“ Eintrag: „ab 07. Apr, auch 07. Mär“. Heute ist der 04. April da bin ich mir sicher, auch wenn es sich inzwischen schon sehr nach dem 01. April anfühlt.

Jemand schaut mir gespannt über die Schulter, ein Pilot der Germanwings mit Streikbutton an der Uniform. Wahrscheinlich ist es derjenige der sonst meinen Flug gesteuert hätte. Klar, denke ich: Der kann ja auch nicht ewig streiken, immerhin muss er heute auch ohne Flugzeug nach Hause. So arbeiten wir gemeinsam an dem Wagenreihenrätsel und probieren es noch einmal ganz von vorne, diesmal mit viel Liebe zum Detail. Der Lohn der Mühe findet sich ganz hinten im Eintrag Nummer 2:

„ICE 1107“           Di                                           (also nicht heute)

11.Mär bis 01. Apr          (erst recht nicht heute)

Auch 10., 14. Mär…        (schon gar nicht heute04. Apr. (TREFFER)

Nur penetrante Logiker werden darauf hinweisen, dass entweder in der zweiten Zeile ein „Auch“ fehlt, oder in der dritten eines zu viel ist. Ich hingegen bin begeistert von diesem hochmodernen „Twitterroman“ mit unerwarteter Wende und einem Happy End in nur sieben Zeichen. Natürlich ist die vierte und letzte Zeile „04. April 20ziger umgekehrt“ eindeutig zu langatmig geraten, aber das ist alleine schon deshalb verzeihbar, weil sie sich bei der überpünktlichen Einfahrt des Zuges als absolut unzutreffend erweist.

Doch offensichtlich traut die Bahn der Logik ihrer eigenen Anschläge nicht so ganz, denn auch dreißig Minuten nach der geplanten Abfahrtszeit steht der ICE 1107 noch auf dem Abfahrgleis, damit auch der Letzte seinen Platz finden kann. Sicherlich auch mein Pilot, aber beschwören kann ich es nicht, denn der fährt in der ersten Klasse.

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