Tag der deutschen Einheit

09. November 1989

„Ab sofort ist die Ausreise in den Westen auch ohne Vorliegen besonderer Gründe gestattet“

(Günther Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED )

Warum ich an diesem Abend „Heute“ angeschaltet habe? Ich weiß es nicht.  Was ich weiß ist, dass wir diesen Satz hörten, uns einen kurzen Moment sprachlos angeschaut haben in unserer kleinen Studenten WG und uns dann, ohne dass es irgendwelcher Worte bedurft hätte, einig waren: Das geht nicht ohne uns! Das wir ansonsten fürs Vordiplom hätten pauken müssen, hat dem Teilnahmewillen am historischen Moment sicher noch etwas Auftrieb verliehen.

Berlin und die Mauer waren nicht erreichbar, aber der Grenzübergang in Helmstedt, das sollte von Köln aus in vier Stunden machbar sein. Mein alter Golf war zwar gerade geklaut worden, aber mangels Benzins im Tank waren die Diebe nicht weit gekommen und die Polizei hatte das Auto wiedergefunden, noch bevor ich es vermisst hatte. Also getankt und losgefahren; gen Osten.

Jetzt sitzen wir im Auto und sie kommen an die Oberfläche, unsere DDR Erfahrungen. Geschichten von Zwangsumtausch und Grenzschikanen, täglichem Besuch der Polizeiwache, Bratwurst mit Sättigungsbeilagen, den Paketen die wir geschickt haben, voller Dinge die wir gerne behalten hätten und den Paketen die wir bekommen haben, genügend Christstollen und Weihnachtsoratorien für ein ganzes Leben. Irgendwann dann die Frage: Was machen wir denn wenn wir in Helmstedt angekommen sind? Das Radio liefert uns den Plan der bisher fehlte, mit der Nachricht, dass inzwischen Tausende DDR Bürger die Grenze nach Westen überschreiten. Wenn das so ist, dann wollen wir die Grenze nach Osten überqueren und in die DDR einreisen.

Etwa fünf Kilometer vor der Grenze müssen wir das Auto stehen lassen, der Gegendruck der Trabis und Wartburgs wird einfach zu groß. Also weiter zu Fuß, durch eine Nacht, in der alles auf den Beinen ist, was schon oder noch laufen kann. Ein großes Fest, fröhliches Aufeinandertreffen von Fremden die beinahe die gleiche Sprache reden, noch ungestört von Gedanken an Soli, blühende Landschaften oder Stasi IMs. Keiner denkt an die Zukunft, sondern alle freuen sich gemeinsam an dem einzigartigen Augenblick und die Zeit erlaubt sich ausnahmsweise etwas langsamer zu vergehen.  

Unser Ausflug in den Osten verläuft unspektakulär, wir laufen einfach im allgemeinen Gedränge über die Grenze, ein Bild als Beweis und schon drängeln wir auch wieder zurück,  denn unser Mut schwindet doch mit jedem Schritt nach Osten deutlich. Neben mir im Gedränge kommt ein junger Grenzpolizist der Nationalen Volksarmee zu stehen, ungefähr so alt wie ich, die zwei Litzen auf seiner Schulter weisen ihn als Stabsgefreiten aus und der blonde Flaum auf seinem Kinn zeigt, dass bereits ein langer Tag hinter ihm liegt.

Sein Dienst scheint vorüber, aber offensichtlich kann auch er nicht einfach nach Hause gehen. Ich nehme meinen Mut zusammen und spreche ihn an: „Richtig großartig mit so vielen Menschen, da hat sich die Fahrt von Köln voll gelohnt.“, „Dass es so viele sind finde ich auch gut“, antwortet er mit ruhiger und dennoch fester Stimme, „wenn es nur Einer gewesen wäre, hätte ich auf ihn schießen müssen“.

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