Von der Insel 2

„Bye Bye, my Darling“, „This is for you, Sweetheart“, “Thanks, My Lovely“. Formulierungen, die ich von Menschen aus meinem engsten Umfeld gelegentlich höre, zumindest aber von Menschen die ich bereits etwas länger kenne als dreißig Sekunden, nicht so in England. „My Lovely“ nennt mich die Grenzbeamtin, „Sweetheart“ die Bedienung und für die Taxifahrerin bin ich „Darling“. Soviel zum Mythos der britischen Zurückhaltung. Aber vielleicht hat ja die Geburt eines neuen potentiellen Thronfolgers auch die Gemüter etwas verwirrt, das Ereignis ist anscheinend höchst bedeutsam und in aller Munde.

Das Telefon klingelt und aus purer Gewohnheit nehme ich den Hörer ab, obwohl es sich mit Sicherheit um einen Anruf für den britischen Kollegen handelt, dessen Büro ich freundlicherweise nutzen darf.  Der Lohn für die Mühe ist eine Einladung zu einem Dinner mit Prinz Charles. Aufgrund meiner herausragenden Leistungen für Großbritannien und die königliche Familie, entstehen für mich keinerlei Kosten, alleine der Besucherausweis zum Buckingham Palace macht eine Gebühr von zweihundert Pfund erforderlich, vorab zu entrichten.

In einem Land, welches für das Betreten von Kirchen Eintrittsgelder verlangt, ist auch eine solche Gebühr nicht undenkbar. Aber eine kurze schonungslose Selbstanalyse meiner persönlichen Beiträge zum britischen Wohlergehen, bringt mich doch ins Zweifeln. Irgendwie erinnert der Anrufer an den netten Herren aus Nigeria der mir gelegentlich eine Mail schickt; der mit dem Millionenvermögen das er gegen eine kleine Gebühr teilen will. Die Rolle der nigerianischen Millionen, scheint hier jedoch Prinz Charles zugefallen zu sein.

Der Scam-Profi am Telefon nimmt meine skeptische Haltung gelassen hin, zumindest bis zu dem Moment als ich erkläre, dass ich keinerlei Interesse an einem Dinner mit dem Prinzen hätte. Sehr unmissverständlich macht er mir klar, dass er schon alle Antworten gehört hat, aber noch nie eine solche Unverfrorenheit. Es dauert eine Weile bis ich erkenne, welchen Kardinalsfehler ich gerade begangen habe.

In einer abgelegenen Gegend Afrikas wurde ich von einem Einheimischen vor vielen Jahren gebeten ihm ein Moped zu kaufen. Meine Antwort, dass ich das nicht könnte, wollte er beim besten Willen nicht akzeptieren. Erst als ich ihm erregt erklärte: „Ich will nicht!“, schlug er mir freundlich und verstehend auf die Schulter und das Thema war beendet. Er hatte natürlich Recht, als –vergleichsweise – reicher Europäer hätte ich ihm sehr wohl ein Moped kaufen können, aber wenn ich das nicht wollte, dann war das in Ordnung.

Wenn es nun wie im vorliegenden Fall um Engländer und ihr Königshaus geht, gilt das Prinzip auch, nur mit umgekehrtem Ergebnis. Natürlich ist es vollkommen akzeptabel nicht zu können, aber bei diesem Angebot eines Dinners mit Prinz Charles nicht zu wollen, ist gänzlich unvorstellbar. Also ändere ich meine Strategie und behaupte mir momentan die Vorabgebühr schlicht nicht leisten zu können, womit das Gespräch auch gleich wieder in ruhigere Fahrwasser gelangt.

„Sir, if you can’t afford it right now, I sure can call you back in a few months“. Hier ist sie meine Chance vollkommen unangebracht und dennoch echt britisch zu agieren, mein honigsüßes „Bye Bye my Darling“ beendet das Telefonat.

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