Die letzte Erkenntnis – Eine Utopie

Auf den Tag genau zweihundert Jahre sind heute vergangen, seitdem die Menschheit ihre finale Entdeckung gemacht, zum letzten Mal eine neue Erkenntnis gewonnen hat; ganz einfach deshalb, weil es danach nichts Neues mehr gab, das entdeckt werden konnte. Seit nunmehr zweihundert Jahren wissen wir alles, was es über das Universum zu wissen gibt, und das nicht nur über unser Universum, sondern auch über alle anderen existierenden, oder auch nur vorstellbaren, Universen ist unser Wissen vollständig. So, wie lange Zeit zuvor die Briefmarken der DDR, wurde die Wissenschaft an diesem Tag zu einem Sammelgebiet, dass für immer geschlossen ist.

Dieser letzte Schritt war weder spektakulär, noch kam er überraschend: es war der Beweis, dass alles, was wahr ist, irgendwo in der unendlichen Reihe von Nachkommastellen der Zahl Pi kodiert ist. Um diesen Nachweis zu führen, war es natürlich erforderlich, alles zu wissen, was wahr ist und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass es genau diese Erkenntnis war, die den Platz als Allerletzte in der langen Reihe von wissenschaftlichen Erfolgen für sich in Anspruch genommen hat.

Und mitnichten hat diese letzte wissenschaftliche Neuerung auch zugleich die Wissenschaftler eliminiert, denn obwohl alles zu Ende ge- und erfunden war, und obwohl das auch jeder der Wissenschaftler wusste, hat es noch über vierzig Jahre gedauert, bis auch der letzte dieser Wissenschaftler, sich diese finale Tatsache eingestehen konnte und sein Labor für immer geschlossen hat. Damit hatte die Menschheit auch ihr allerletztes Fehlverhalten hinter sich gelassen.

Schneller waren da schon die Zeitungen, nachdem das letzte, in irgendeiner Form für Kommentare und Editorials geeignete, Objekt letztlich auch auf dem Stapel des endgültig Zweifelsfreien gelandet war, stellten sie ihren, bereits seit langem sehr eingeschränkten, Vertrieb endgültig ein. Neue Nachrichten konnte es keine mehr geben und Kommentare sind in einer Welt, in der alle Tatsachen feststehen, einfach unnötig. Auch die Zeitrechnung wurde schnell umgestellt, seit diesem Zeitpunkt zählen wir unsere Jahre rückwärts, vom Weltuntergang aus, alle zwölf Monate ein Jahr weniger.

Natürlich war es aber dann doch nicht diese letzte Erkenntnis, die unser Leben nachhaltig verändert hat, die meisten einschneidenden Entdeckungen wurden bereits deutlich früher gemacht. Der Beweis, dass Gott wirklich existiert, war einer dieser Meilensteine. In Windeseile waren alle großen Weltreligionen an diesen echten Gott angepasst und nach Jahrtausende altem Streit in gläubiger Einsamkeit vereint.

Einzig die Tatsache, dass ein Gott, der bewiesen ist, nicht mehr geglaubt werden kann, und nur ein geglaubter Gott göttlich sein kann, sorgt noch für geteilte religiöse Lager. Doch, da beide Parteien genau wissen, dass die Meinung der jeweils anderen Seite, genau so richtig ist, wie die eigene, kann weder missionarischer Eifer noch Streit entstehen. In einer Welt, in der ein jeder allwissend ist, ist die Frage nach Gott aber sowieso nicht mehr übermäßig relevant.

Seit nunmehr zweihundert Jahren gibt es weder Streit, noch Probleme unter den Menschen. Auch Fehler und Gewalt, früher so menschentypische Eigenschaften, kommen seit dieser Zeit nicht mehr vor. Das Lachen und das Lieben haben wir allerdings auch verloren. Selbst Geschichten schreibt niemand mehr, denn einem Leser, der bereits alles weiß, kann man keine Geschichte erzählen.

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