Zwischen Heimat und Zuhause

Sonntagabend im Landeanflug nach Köln-Bonn, weder Verspätungen noch Turbulenzen, noch nicht einmal schlechtgelaunte oder schlechtriechende Mitpassagiere mindern das Vergnügen in meiner Stadt anzukommen. Wie jeder echte Kölner, eingeboren oder mitsamt Herz und Gemüt zugereist, gilt der erste Blick dem Dom. Und ebenfalls wie immer steht der noch und seine beiden Türme malen mir ein Willkommenszeichen in den Himmel. Schön wieder zuhause zu sein.

Aber irgendetwas ist heute anders. Nur was? Eine lange Weile muss ich nach dem Ursprung dieses Gefühls fahnden. Mitnichten liegt es, wie zunächst vermutet, an dieser Stadt die ich Heimat nenne. Denn neben dem Dom sind auch alle anderen, mehr oder weniger wichtigen, Gebäude an ihrem gewohntem Platz, der Rhein schmiegt sich an die Altstadt, der FC hat wieder einmal höchst mittelmäßig gespielt und zwei weibliche Teenager laufen puterrot an, als der Bahnfahrer ihre unentschlossene Haltung in der Zugtür über Lautsprecher kommentiert: „ Ihr Mädcher, eren oder erus! Dat es he wie beim poppe, halv schwanger jitt et nit“. Also mit Köln ist alles in schönster Ordnung, oder zumindest alles so wie immer und die Ursache des ungewohnten Gefühls liegt in mir selbst.

Irgendwie fühlt sich das Wochenende so an, als sei ich gar nicht abgereist, als wäre ich die ganze Zeit hier gewesen, und da Gefühle immer recht haben, muss es genauso auch gewesen sein, ich war nicht weg. Natürlich bin ich nach Berlin geflogen und das ist immer noch ziemlich weit, aber ich war trotzdem Zuhause. Das liegt nicht an Berlin – obwohl ich sie sehr mag, habe ich nie in dieser Stadt gelebt- und auch nicht, wie der ein oder andere Einheimische jetzt denken würde, daran, dass Berlin einfach so unwiderstehlich wäre.  Das geht ja allein schon deshalb nicht – jeder Rheinländer wird mich verstehen – weil Berlin ja nicht Köln ist.

Nein, nicht die Stadt macht es möglich zu reisen und sich gleichzeitig zuhause zu fühlen, das können nur die besten Freunde schaffen. Die Sorte Freunde, denen ich den größten Blödsinn erzählen kann, ohne das es jemals peinlich wird und die geheimsten Wahrheiten, ohne dass sie jemals überrascht sind. Die Freunde mit denen ich Doppelkopf spielen kann, ohne die Regeln zu diskutieren und schweigen ohne Worte zu vermissen. Von denen ich mich verabschieden kann, nicht nur in der Gewissheit dass wir uns wiedersehen werden, sondern auch im Wissen, dass der Ort an dem wir uns wiedersehen ein Zuhause sein wird, wo auch immer in der Welt er liegen mag.

Kurz vor dem Aussteigen spricht mich mein Gegenüber in der S-Bahn an, ich merke erst jetzt, dass es der gleiche Typ ist, der im Flugzeug neben mir gesessen hat: „Pendelst Du auch zwischen der alten und der neuen Hauptstadt? „Nein“ antworte ich ohne auch nur nachdenken zu müssen, „ich bin nur von Zuhause nach Hause geflogen.“

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3 Gedanken zu „Zwischen Heimat und Zuhause

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