Schwitzhütte

Es gibt Momente, in denen kann ich nicht anders als „Ja“ zu sagen, auch wenn es sich um Dinge handelt, die eher nicht in mein normales Verhaltensmuster passen. Ein solcher Moment, in dem alle Sterne so standen, dass mir keine andere Wahl blieb, war es auch, der mich in die Schwitzhütte führte.

Es war in Kalifornien, dem Land in dem sowieso alles geht. Der Schamane hatte bei allen noch lebenden indianischen Meistern und obendrein in Harvard studiert. Das Gelände ein heiliger Ort der Hoopa Indianer und die Schwitzhütte schon seit der Zeit in Betrieb, als es in ganz Kalifornien noch keinen VW Bus gab. Selbst an das ökologische Gewissen war gedacht, der Unkostenbeitrag wurde zu 100% zum CO2-Ausgleich für das verwendete Feuerholz eingesetzt.

Viel Zeit blieb mir nicht vom Entschluss bis zum Treffpunkt vor der fellbehängten Schwitzkonstruktion, die auch leicht zu finden war, ich musste nur dem dichten Feuerqualm folgen. Die erste Übung war, für den saunageübten Deutschen, noch wesentlich einfacher als für die Einheimischen – selbst für den liberalsten unter ihnen, und nur solche bewegen sich hier – sich vor allen anderen splitterfasernackt ausziehen. Danach dreimal links im Gänsemarsch um das Feuer und dabei Asche auf die Haut schmieren.

Doch, ohne es zu merken hatte ich bereits hier einen folgenschweren Fehler begangen. Höflich stellte ich mich am Ende der Prozessionsschlange an, mit der Konsequenz dass ich im Zelt dann in der ersten Reihe unterhalb des Feuers zum Sitzen kam. Die erste Reihe war anfangs weniger ein Problem, die Problematik der Hanglage meines Sitzplatzes jedoch war sofort spürbar nachdem ich mich im Schneidersitz niedergelassen hatte.

Dem Novizen der Schneidersitzhaltung wird geraten, den Hintern auf einem Kissen zu platzieren, das macht die Sache sehr viel einfacher und weniger schmerzhaft. Den Hintern – so wie ich gezwungenermaßen in der Schwitzhütte – hangabwärts zu positionieren, hat genau den gleichen
Effekt, nur umgekehrt, insbesondere wenn die Zeremonie sich anschickt länger zu dauern, als sich in meiner Kindheit die Gottesdienste zur Osternacht angefühlt haben.

Nun ist schreiender Muskelschmerz in der Hüfte, den Gelenken und im Rücken die eine Sache, mit etwas Übung lässt sich das noch weg atmen. Doch dazu braucht es Sauerstoff, und der wurde in der ersten Reihe von Minute zu Minute knapper. Jedes Mal, wenn der Feuermeister neue glühende Steine in die Zeltmitte warf, nutzte der Schamane die Glut um Kräuter zu entzünden, die mit Sicherheit aus einer der hintersten Ecken einer lange nicht mehr ausgeräumten Sporttasche stammten, zumindest erzeugten sie genau diesen Geruch. Schnappatmung war die unweigerliche Folge, natürlich genau das Gegenteil von dem, was meine schreienden Muskeln brauchten.

In diese Notlage hinein wurde ich dann aufgefordert, zwischen den schamanistischen Geheimformeln und rituellen Geisterbeschwörungen, der Gruppe ein spirituelles Lied meiner Heimat zu schenken. Zu diesem Zeitpunkt wäre ich bereit gewesen, alles zu verschenken was ich besitze, nur um das Zelt verlassen zu können; aber an Gesang war nicht zu denken. Dennoch habe ich versucht „Die Moorsoldaten“ zu intonieren. Das sauerstoffarme Gestammel, zusammen mit den rhythmischen Zuckungen meines Oberkörpers die sich nun als Folge der Muskelkrämpfe einstellten, hat sicher auch den letzten im Zelt davon überzeugt, dass nun alle Geister der Hoopa in mir wohnten.

Das wiederrum war mein Verderben, denn natürlich wollte der Schamane nun meinem Wunsch das Zelt verlassen zu dürfen erst recht nicht nachgeben, da ja alle Geister unweigerlich mit mir gehen würden. Irgendwann war mir aber auch das egal, sollten die Götter der Hoopa mich doch verfolgen, so groß war das Hoopa Reservat und damit ihr Hoheitsgebiet nun auch wieder nicht. Und auch wenndie Götter, welche im Rest der USA verehrt werden, mir keineswegs sympathischer sind, zumindest hatten sie noch keinen Versuch unternommen, mich in unnatürlicher Körperhaltung zu ersticken.

Auf allen vieren bin ich aus dem Zelt geflüchtet, am Schamanen vorbei, dem ich die gerade geworfenen Knochen sicher so durcheinander gebracht habe, dass der Weltuntergang nun unvermeidlich ist. Der einzige Vorteil an meiner kriechenden Haltung war, dass ich mich, am Wasserschlauch angekommen, nicht bücken musste.

Hinterher sprach mich der Schamane, nun doch wieder ganz höflicher Amerikaner, versöhnendan: „Du, ich habe gesehen und ich finde es ganz, ganz toll, wie Dich die Geister in der Schwitzhütte zu Deinem Ursprung geführt haben, Du warst wieder ganz echt! Der, der Du ursprünglich einmal gewesen bist, als kleines Kind. Erst als Du klares Wasser getrunken hattest konntest Du wieder aufrecht gehen.“

„Stimmt“, antwortete ich, “das war auch für mich eine ganz, ganz besondere Erfahrung, etwas ganz Neues, normalerweise ist es genau umgekehrt,  erst wenn ich richtig viel getrunken habe, verschwindet er, der aufrechte Gang“

Advertisements

Ein Gedanke zu „Schwitzhütte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s