Weil sie eben da sind

Warum steigen Sie denn auf Berge?“. „Ganz einfach, weil sie eben da sind“, so lautet die Antwort nahezu aller Bergsteiger, denen diese unausweichliche Frage gestellt wird. Und diese Antwort, auch wenn sie seit dem berühmten Ausspruch durch George Mallory von 1924 noch so oft wiederholt wird,  ist genau so plakativ wie sie falsch ist. Ein Selbstmörder springt ja auch nicht deshalb vom Dach eines Hochhauses, weil das Hochhaus existiert, sondern weil er – aus welchen Gründe auch immer – beschlossen hat sein Leben zu beenden. Aber natürlich haben die Bergsteiger im Allgemeinen nicht die Intention sich das Leben zu nehmen, bestenfalls nehmen sie diese Möglichkeit billigend in Kauf.

Zugegeben, nicht jeder ganz so billigend, wie die Mitglieder der Seniorenklettergruppe in der kalifornischen Sierra Nevada. Anspruchsvolle Gipfeltouren in der Sierra kann hier jeder mitklettern, der mindestens 75 Jahre alt ist und noch die erforderliche Fitness mitbringt. „Manches wird mit dem Alter auch leichter“, erklärt der Vorsitzende, „zum Beispiel brauchen wir kein Seil mehr mitzuschleppen, unsere Knochen sind so mürbe, wenn einer in das Seil fällt, müssten gleich drei dran glauben.“ Zustimmend nickt der Bergkamerad neben ihm mit verklärtem Blick: „Und was gibt es denn Schöneres als so zu gehen, wie John letztes Jahr am Washington Gletscher, erst an einem perfekten Tag den Gipfel erreicht, danach dann in eine Spalte und fertig. Wir haben alle ein wenig neidisch hinterhergeschaut.“

Diese Gelassenheit habe ich noch nicht erreicht, und halte es da eher mit Hervey Voge, ebenfalls ein Pionier der Sierra: „Die Berge werden immer da sein, der Trick ist dafür zu sorgen, dass auch Du am Ende noch da bist“.

So viele Gründe gibt es auf einen Berg zu steigen, dass jeder seinen eigenen haben kann. Sei es, weil in unserer Welt so selten etwas einen ungewissen Ausgang hat, sei es weil von oben der Überblick einfach besser ist, die Welt dort unten gerade unerträglich oder schlicht und ergreifend die Luft zu dick. Weil Du von oben das Labyrinth überblicken kannst, es nach dem Gipfel nur noch bergab geht oder einfach weil es schön ist und Spass macht.

Alle die einmal auf einem Gipfel standen, haben die Erfahrung gemacht: jeder Grund ist nicht nur recht, sondern auch richtig um die nächste Tour darauf zu gründen. Die Berge lassen dich nicht mehr los. Das allerdings jemandem zu erklären der es nicht selbst erlebt, ist nahezu unmöglich. Daher finde ich „Weil sie eben da sind“ ist zwar eine falsche, aber keine schlechte Antwort. Und, wer umgekehrt die Berge nicht loslässt, der kann auch nicht runterfallen.

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