Wege aus der Finanzkrise

Von Finanzen verstehe ich nun wirklich nichts. Also, ich weiß schon wie ich den Monat mit dem Geld überlebe welches mir zur Verfügung steht. Ich verstehe es auch durchaus zu sparen, und das obwohl ich als Kind regelmäßig zum Weltspartag auf die Bank geschickt wurde, um dort die Grundregel für den Umgang mit deutschen Banken zu lernen: Wir bekommen dein Geld und du einen Lutscher.

Inzwischen geht es den Banken nicht mehr so gut, deswegen gibt es wahrscheinlich nur noch halbe Lutscher. Aber genau wissen kann ich das nicht, denn dank Internet muss ich seit Jahren keine Bank mehr besuchen.  Ihre Schulden bezahlen muss ich trotzdem, und sehe den freundlichen Sparkassenonkel mit dem Lutscher vor meinem geistigen Auge: „Wenn Du uns Dein Geld gleich gegeben hättest, hättest Du zumindest noch einen Lutscher dafür bekommen“.

Jetzt bekomme ich statt eines Lutschers ein ganzes System von Staaten, denn ich bezahle ja nur für die systemrelevanten Banken, sprich die, deren Konkurs gleichzeitig auch das Ende Europas, der menschlichen Zivilisation oder zumindest aber des christlichen Abendlandes bedeuten würde. Bis auf solche, von denen ich vorher nie gehört habe, scheinen dies aber alle zu sein.

Irgendwann stehe ich dann im Büro des Sparkassenonkels, der Stress ist auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Er springt erschrocken hinter seinem Schreibtisch vor. Sein Anzug, sitzt stramm am Bauch voller Kummerspeck. Spontan packt mich der Instinkt zur Seite zu treten, um nicht den Anzugsknopf ins Gesicht zu bekommen, der unweigerlich bald fliegen muss. Das würde aber nicht zu meiner entspannten Rolle passen, also bleibe ich gelassen in der Flugzone stehen, ohne auch nur ein Wort an den Herrn Direktor zu verschwenden.

Worte sind auch gar nicht nötig, mein Gegenüber weiß das die Stunde der Wahrheit geschlagen hat. Die Angst steht ihm in da Gesicht geschrieben, Schweißperlen rinnen von seiner Stirn. Freiwillig beginnt er von Zinserhöhung zu stottern, bietet mir sogar das rot-gelbe Plastiksparschwein an, für das mein Erspartes früher an keinem der Spartage ausgereicht hat.

Zu wenig und zu spät! Lässig werfe ich ihm einen dünnen Ordner auf den Schreibtisch, ich habe es genau ausgerechnet, diese Filiale gehört jetzt mir, mit meinen Steuergeldern bezahlt, von mir persönlich vor dem Untergang gerettet und jetzt in meiner Verfügung, mit all ihren Mitteln und mit all ihren Mitarbeitern. Und eben auch dem Direktor.

Für den Bruchteil einer Sekunde packt mich das Mitleid. Empfinde ich ihn als das, was er vielleicht sogar ist, nämlich auch nur ein armes Schwein. Die jahrelangen schweren Bonuszahlungen hat seine Frau mit dem Tauchlehrer auf den Malediven durchgebracht, seine Kinder trauen sich seit Jahren nicht irgendjemanden den Beruf Ihres Vaters mitzuteilen, seinen kommenden Herzinfarkt kann der blödeste Kardiologe Deutschlands schon ohne Geräte diagnostizieren und der Jaguar auf dem Direktionsparkplatz ist auch schon zwei Jahre alt. Wir könnten jetzt zusammen ein paar Bierchen trinken gehen, er gelobt Besserung und ich kann mich wieder aus dem schmutzigen Bankgeschäft zurückziehen.

Aber so einfach geht das nicht, das ist der Typ der mir zwei Prozent Zinsen auf mein Erspartes gegeben und gleichzeitig meinen Eltern acht Prozent für den Hauskredit abgenommen hat. Schlimm genug, aber mich dann auch noch für die Pleite bezahlen zu lassen ist schlicht und ergreifend zu viel. Wenn es denn jemals einen Fall gab in dem ein Exempel statuiert werden musste, dann hier und heute.

Also bin ich zum gnadenlosen Ende gezwungen, mit maximaler Härte und schicke ihn an den einzigen Platz an dem er angemessene Sühne leisten kann. Manche mögen es als zu hart empfinden, aber Hand aufs Herz, es gibt eben nur einen Platz auf dieser Erde an dem ich sicher sein kann, dass er nicht noch mehr Schaden anrichtet: Im Inneren des eigenen Tresors, inklusive negativer Verzinsung seiner Körpermasse.

Die beiden einzigen Bankangestellten schicke ich mit dem Jaguar des Direktors und dem Bargeld aus dem Tresor nach Griechenland, mit dem Auftrag dort für mindestens vier Wochen die Konjunktur anzukurbeln. Und um dann ein anderes Wirtschaftssystem einzuläuten, durch Tauschhandel den Weg in eine Zukunft ohne Finanzkrisen zu ebnen, tausche ich den Tresorschlüssel mit einem Jungen den ich auf der Straße treffe. Gegen das zusätzliche Versprechen den Schlüssel im besten möglichen Versteck zu horten, erhalte ich seinen Lutscher und das gerechte Gleichgewicht ist wieder hergestellt.

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2 Gedanken zu „Wege aus der Finanzkrise

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